Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie mit 16 Jahren das Leben! Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von Rosa Mittereder und Tochter Erna Wilhelmine – Klartext von Drehbuch/Autor Peter Probst

Sie sank dahin, ein Hauch von Gold, violetten hingemäht, gedenkt in einem Gedicht die Auschwitz Überlebende und Künstlerin Rachel Knobler ihrer mit sieben Jahren von den Nazis ermordeten Schwester … Ein solcher Hauch goldenen Gedenkens legte sich am 27. Juni 2017 über eine (weitere) Reihe Münchner Hauseingänge, aus denen man einst Mitbürger_Innen auf eine Reise – meist ohne Wiederkehr – in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt hatte.  Nun aber fanden wieder zwei Namen zurück in ihre Heimatstadt …

Rosi und Erna Mittermeyer: Auf individuellen Gedenksteinen im Geiste zurückgekehrt in die Münchner Römerstraße, unter großer Anteilnahme von Freund_Innen der Nachkommen und Anwohner_Innen:  Li. im Vordergrund: Regisseurin Doris Dörrie (Foto: Peter Probst/Amelie Fried)

„Gedenken auf den Spuren der Ermordeten“ titelte dazu die Süddeutsche Zeitung und zitierte den umtriebigen Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine für München„, Terry Schwarzberg:„(…). „Ein Tag der Trauer, weil es um das Gedenken an unschuldig ermordeten Menschen geht, aber auch ein Tag der Freude.“ Diese hat Gunter Demnig ausgelöst, auf dessen Idee diese Art der Erinnerungskultur beruht. Da die Stadt München keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund duldet, können sie nur auf privatem Gelände verlegt werden. Vor dem Hauseingang in der Ickstattstraße zum Beispiel, oder bei den Anwesen Herzog-Heinrich-Straße 5 und Römerstraße 7, wo Demnig am Dienstag weitere acht Stolpersteine zum Gedenken an die einstigen Bewohner in den Boden einließ.“ (Ende Zitat SZ)

Die beiden letzten Steine wurden diesmal in der Schwabinger Römerstraße verlegt, womit sich ein Traum für Peter Probst erfüllte. Er postete: Ich bin sehr glücklich, dass die Steine endlich fast da liegen, wo sie hingehören. 10 Zentimeter vom öffentlichen Raum entfernt. Und traurig für die Angehörigen, die die Verlegung gestern nicht (mehr) miterleben konnten. 

„Stolperstein-Schöpfer“ Gunter Demnig waltet einmal mehr seines Amtes und schafft Platz für die Stolpersteine von Rosi und Erna

Die Zeremonie begann gewohnt archaisch, mit dem ohrenbetäubenden Lärm des Preßlufthammers, mit dem der Schöpfer und Vater aller Stolpersteine, Bildhauer Gunter Demnig, Raum für seine goldenen Gedenk-Miniaturen schaffte. Die wenigen, aber umso präziser eingesetzten Handgriffe verrieten, wie viel Gewandtheit sich Demnig inzwischen bei seinen Verlegungen angeeignet hat. Geräuschkulisse und Staub, gepaart mit kleinen Menschenansammlungen, die das Geschehen gebannt verfolgen, unterbrechen zumindest für einen Moment auch den Alltag unbeteiligter Passanten. Nicht wenige bleiben stehen, erkundigen sich und erhalten von den Mitgliedern des Münchner Vereins „Stolpersteine für München“ Auskunft sowie Info-Material. Wessen Schicksal jeweils gedacht wird, erschließt sich allen Anwesenden aus den kurzen Ansprachen, die jede Stolperstein-Verlegung begleiten.

Für eine eben solche übergebe ich an dieser Stelle das – virtuelle – Wort an Peter Probst, um dessen Angehörige es bei der Verlegung in der Schwabinger Römerstraße 7 es diesmal ging.

Drehbuch/Autor Peter Probst hielt eine bewegende Ansprache, die aber auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Rechts neben ihm der PR-Fachmann, Netzwerker und Vorstand von „Stolpersteine auch in München“, Terry Schwartzberg

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Familienangehörige, ich möchte mich zuallererst ganz herzlich bedanken. Bei Gunther Demnig, dem Schöpfer des weltweit größten dezentralen, mittlerweile in zwanzieuropäischen Ländern verwirklichten Kunstwerks „Stolpersteine“. Die Bedeutung seines Beitrags zur Erinnerungskultur für die Nachkommen von NS-Opfern, aber auch für die junge Generation ist kaum zu ermessen. Ich danke weiter der unermüdlichen Münchner Stolpersteine-Initiative, die sich von schwer nachvollziehbaren Entscheidungen der Politik und Kultusgemeinde, aber auch persönlichen Angriffen nicht entmutigen lässt und sich weiter für ein würdiges und allen Bürgern zugängliches Gedenken einsetzt. Mit ganz herzlicher Dank aber gilt heute den Eigentümern des Anwesens Römerstraße 7, im Besonderen Frau Billon dank deren Initiative der heutige Tag erst möglich wurde.

Am 16.7.1923 heiratet die aus Mittelfranken stammende Jüdin Rosa Loewi den katholischen Münchner Rechtsanwalt Franz Mittereder. Vor allem für Franz’ Vater, den Oberpostrat Alois Mittereder, ist die Heirat ein Skandal. Seine Tochter Josephine – meine Großmutter – hat ihn als so bigott wie brutal beschrieben, als Mann, der tagsüber ganz vorne in der Fronleichnamsprozession mitmarschierte und nachts seine Frau verprügelte.

Dass Alois nur einen Monat nach der Eheschließung seines Sohnes stirbt, ist wohl eher eine Erleichterung für das frischvermählte Paar. Übrigens auch für meinen Vater, der als uneheliches Kind – als „Kind der Schande“ – vom Großvater aus dem Familienverbund ausgeschlossen wird.

Sie unterbrechen mit ihrem leuchtenden Gold den Alltagslauf der Passanten. Dazu sind sie konzipiert und werden auch regelmäßig seitens Anwohnern und Mitgliedern des „Stolperstein“-Vereins gereinigt.

Am 20.4.1925 bekommen die Mittereders ein Kind, sie nennen es Erna Wilhelmine. Schon ein Jahr später (am 19.4.1926) stirbt Franz gerade einmal 41jährig, und das Mädchen ist Halbwaise. Rosa Mittereder und ihre Tochter leben bis zum November 1941 in der Maxvorstadt und in Schwabing, ab dem 10.7.1930 in der Römerstraße 7. Ab Mitte 1940 ist Erna offiziell in der Bauerstraße 20 gemeldet. Sie hat im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe (dem sogenannten Antonienheim) einen Kurs in Hauswirtschaft absolviert und hilft der 75jährigen Jüdin Flora Böhm im Haushalt. Als diese im Frühjahr 1941 ins Altenheim der Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße zieht, kehrt Erna zu ihrer Mutter zurück.

Am 20.11.1941 müssen Rosa und Erna Mittereder die Römerstraße 7 unter Zwang verlassen. Offiziell geht es zum „Arbeitseinsatz im Osten“ nach Riga. Da das Ghetto Riga jedoch völlig überfüllt ist, wird der Zug mit etwa 1000 Münchner Juden unterwegs nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Im nahe der Stadt gelegenen Fort IX kommt es auf Befehl des Chefs des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A, Karl Jäger, zu einer Massenexekution. Nach fünf Tagen lebt kein einziger der tausend Münchner Juden mehr, auch nicht Rosa und Erna Mittereder.

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Die Kennkarte von Erna Mittereder, ausgestellt im März 1939. Wie bei allen Bürgerinnen jüdischer Abstammung findet sich der Name „Sara“ beigefügt. Das Dokument wäre bis 1944 gültig gewesen, lange nach Ernas Tod … Quelle: Peter Probst

Über das Schicksal von Rosa und Erna wurde in unserer Familie fast nie gesprochen. Mein Vater handelte das Thema Krieg, trotz seiner mutigen, antifaschistischen Biographie, möglichst mit einigen, wenig aussagekräftigen, Anekdoten ab. So hielt ich Rosa und Erna lange für entfernte Verwandte und begann viel zu spät nachzufragen. Mein Vater hätte mir allerdings auch wenig erzählen können. Er erfuhr erst mit über 80 Jahren durch meine Recherche, dass seine Tante und Kusine nicht, wie von ihm vermutet, nach Auschwitz deportiert worden waren.

Eine für unser Bild der beiden zentrale Geschichte allerdings hat er mir hinterlassen. Danach hatte im November 1941 nur Rosa Mittereder den Befehl erhalten, sich mit 50 Kilo Gepäck zur Verschickung in den Osten bereit zu machen. Ihre Tochter war nach der Rassenlehre der Nazis nur „Halbjüdin“ und sollte vorerst verschont bleiben. In der Wohnung in der Römerstraße kam es dann zu einer dramatischen Szene. Die Gestapo traf ein, um Rosa abzuholen. Erna sollte der Obhut Kreszentia Gnams, einer Kusine meiner Großmutter übergeben werden. Doch plötzlich weigerte sich das 16jährige Mädchen, seine Mutter alleine gehen zu lassen. Es klammerte sich so lange an ihr fest, bis die Polizisten die Geduld verloren. „Dann kommst du halt auch mit, du Judenfratz“, diesen Satz hat mein Vater mehrfach wörtlich zitiert.

Die Mittereders schickten noch ein Familienmitglied, das eine etwas höhere Parteifunktion innehatte, zum Deportationsbahnhof Milbertshofen, um den Irrtum aufzuklären – vergeblich. Inzwischen stand auch Ernas Name auf der Liste und wurde nicht mehr gelöscht – die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben …

Ich stelle mir vor, dass vor den Stolpersteinen Schüler stehenbleiben und sagen: „Schau mal, diese Erna war genauso alt wie ich, als die Nazis sie abgeholt haben“, und dass das bei dem einen oder anderen der Auslöser dafür ist, sich näher mit der Geschichte der beiden und der Juden in unserer Stadt zu beschäftigen. Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. Die Verlegung der Stolpersteine für Rosa und Erna Mittereder auf dem privaten Grund des Anwesens Römerstraße 7 ist für uns Nachkommen ein großes Glück und ein gewisser Trost. Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann …“

Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen, seitens der zuständigen Hausgemeinschaft am Färbergraben wie auch der Landeshauptstadt München verwehrt. Links Aktivist, Autor und Journalist Johann Türk (Foto: Edith Grube)

Seine Rede beendete Peter Probst mit Worten, die meiner Meinung nach berechtigter nicht hätten sein können: „Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen.

Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. Und glauben Sie uns, jüdische Familien und auch solche mitjüdischen Verwandten blicken auch in der Bundesrepublik Deutschland auf eine lange Folge von Demütigungen zurück.“

Amelie Frieds Mutter schilderte, dass in Ulm die Stadt selbst, anhand von PR-Maßnahmen und Shuttle-Bussen alles unternehme, um Stolpersteinverlegungen  zu unterstützen. Ihren Ausführungen folgen u.a: im Hintergrund Politikerin Claudia Stamm (mut-bayern.de), im roten Kleid Aktivistin Edith Grube, re. mit Strohhut, Aktivist Dr. Thomas (Tom) Nowottny, Er hatte für das individuelle Recht auf die Verlegung von Stolpersteinen gegen die Landeshauptstadt geklagt. Verdeckt: Bestseller-Autor/Biograf Christian Sepp („Sophie Charlotte“)

Peter Probst fügt seiner Rede hinzu: Helfen Sie uns auch deswegen dabei, die Aufhebung des Verlegungsverbots in München durchzusetzen. Was heute in der Römerstraße 7 dank der Offenheit und des historischen Bewusstseins der Eigentümer und Bewohner gelungen ist, muss Schule machen. Denn München ist eine in vieler Hinsicht reiche Stadt – definitiv arm, ja armselig aber ist sie beim Thema Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund. Ich danke Ihnen!

(Ende der Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst)

Der Tod gehört zum Leben und das Gedenken an die Verstorbenen also mitten unter uns, gerade wenn es darum geht, deren mahnendes Schicksal sichtbar in Erinnerung zu halten, jedes einzelne, kostbare und doch vorzeitig ausgelöschte Menschenleben für sich …

Zuletzt wurde, wie immer ein Kaddish, ein jüdisches Totengebet zu Ehren der Ermordeten gesprochen. Ein lebensbejahendes, von vielen Anwesenden, u.a. Janne Weinzierl, Reiner und Judith Bernstein, Riva Neust u.v.m. mitgesungenes „Shalom“-Lied auf Hebräisch schloss sich dem kontemplativen Moment an und erinnerte einmal mehr daran, dass der Tod zum Leben gehört und somit unbedingt mitten unter uns, entlang der Straßen unseres Alltags!

Zur demokratisch unschön ausgetragenen Stolperstein-Debatte in München habe ich bereits in der Vergangenheit zwei jourfixe-Blogbeiträge veröffentlicht >>>

Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“ (Nov. 2015)

Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Nicht immmer Simpl: Toni Netzle – zum bevorstehenden 85. Geburtstag

Mag sein, dass es in der Künstlerszene mitunter zugeht, wie im Haifischbecken. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – verwandelt sich selbiges mitunter in einen Koi-Karpfenteich, es bedarf nur des richtigen Anlasses. Und ein solcher ist mit der Hommage-Veranstaltung zu Toni Netzles bevorstehendem 85. Geburtstag gegeben:

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Montage einiger Simpl-Gäste: Von links: Gunther Sachs, Brigitte Bardot, Dagobert Lindlau, Amelie Fried, Paul Breitner, Barbara Dickmann, Marie Waldburg, Hans R. Beierlein  – im Vordergrund Playboy Ralf Eden sind in der Retrospektive in Bild und/oder O-Ton vertreten u. v. m.

Einige ehemalige Simpl-Gäste reisen zur Matinee am Donnerstag, 19. März, um 11 Uhr im PresseClub München sogar extra an. Andere haben Fotoalben gewälzt, um mir noch Bildmaterial für die Multimedia-Retrospektive zu überlassen, die unter dem Titel: „Nicht immer Simpl: Toni Netzle“ im PresseClub gezeigt werden wird. Ganz zu schweigen von den vielen O-Tönen, die ich seit 2012 für diese Dokumentation zusammengetragen habe. Nie wurde mir ein Interview verweigert, ob hoch beschäftigte Musikproduzenten wie Ralf Siegel oder Politiker wie Peter Gauweiler oder Horst Ehmke, ob die Schauspieler Michaela May und Christian Wolff oder „Traumschiff“-Schöpfer Wolfgang Rademann. Und alle hatten sie mir viel zu erzählen, über drei wechselvolle Jahrzehnte am wohl berühmtesten historischen Tresen Münchens, den Toni Netzle zu ihrem Wohnzimmer erklärt und so auch geführt hatte, wie Paul Breitner in einem seiner O-Ton Beiträge anmerkt:

 

Horst_Ehmke_Alter_Simpl_SPD_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog„Eigentlich war der Simpl ziemlich spießig“, so Toni Netzle. Gemeint sind jene ungeschriebenen Wertvorstellungen, mit denen sie in ihrem legendären Lokal drei Jahrzehnte lang jedem neuen Zeitgeist auf ihre Art begegnete. Marianne Strauss ließ daher ihre Kinder im Schutz des Simpls die ersten Erfahrungen mit dem Nachtleben sammeln, die Schwabinger Krawalle fanden hier eine Plattform und Politiker unterschiedlichster Couleur „hinterchambrierten“ Partei übergreifend in Tonis Büro.

Dieter_Olaf_Klama_Alter_Simpl_Toni_Netzle_Gaby_dos_Santos_jourfixe-BlogIn der drangvollen Enge tummelten sich Studenten, Paradiesvögel, Adabeis und viele Medienvertreter, wobei der journalistische Instinkt vor der Tür zu bleiben hatte. Im Simpl war jedermann privat zu Gast. Auch dies ein ungeschriebenes Gesetz der Dame des Hauses, das so mancher Weltstar zu schätzen wusste, in der Zeit zwischen 1960 und 1992, als München noch als heimliche Hauptstadt galt.


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In ihren Memoiren schildert Toni detailliert den Hype, den die Fimpremiere von „Shalocko“ in ihrem Lokal verursachte und listet auf, wie diskriminierend die Filmgesellschaft die Verpflegung der Stars und Gäste organisierte: Erstklassiger Sekt nur für BB, Mittelklasse für Co-Star Peter van Eyck, während der andere Co-Star, weil nur „der Indianer“ sich mit Bier zu begnügen hatte. Sean Connery kam gar nicht erst, weil dies eine Veranstaltung der BB war.

 

Mit der Wende verlagerte sich der internationale Fokus nach Berlin und Tonis Streben wieder auf die Schauspielerei, ihrem erlernten Beruf. Nach einer emotionalen Abschiedsfeier mit Stars wie Rudi Carell „… bin ich mit meinem Lebensgefährten und meinem Hund gegangen, ohne mich auch nur noch ein einziges Mal umzudrehen …“erinnerte sich Netzle später.

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Toni Netzles Autobiografie: „Mein Alter Simpl“ ist im Münchner Hirschkäfer Verlag erschienen,. ISBN 978-3-940839-10-7

Ganz trennen wollte sie sich aber nicht von ihren vielen Erinnerungen und verfasste ihre Autobiografie, mit der sie ein neues, zeitgenössisches Kapitel zur Chronik des Alten Simpls hinzufügte.

Gegründet wurde dieser 1903 von Käthi Kobus.  Im Gefolge hatte sie die Literaten und Zeichner des Satireblatts Simplizissimus und die berühmte Bulldogge von Zeichner Thomas Theodor Heine als Maskottchen. Kobus übernahm kurzerhand Namen und Hund aus der literarischen Vorlage, woran sich bis heute nichts geändert hat, wie die Simpl-Bulldogge in der Collage selbst zu berichten weiß, begleitet von vielen historischen Bildern und mit Stimme und Worten von Toni Netzle. Hier eine Kostprobe, leider nur als Hörspiel:

 

Das Lokal entwickelte sich unter Käthi Kobus zur Keimzelle dessen, was als „Schwabinger Bohème der Jahundertwende“ zur Legende werden sollte, obgleich sich der Alte Simpl in Maxvorstadt und nicht in Schwabing befindet. Wie auch immer trafen sich hier ii namhafte Literaten, wie Thomas Mann, Strindberg oder Ludwig Thoma und Peter Paul Althaus, Paradiesvögel wie die barfüßige Gräfin Franziska von Reventlow, Revoluzzer wie Erich Mühsam, die Dichter und Kabarettisten Karl Valentin und Joachim Ringelnatz. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab Käthi Kobus das Lokal aus Altersgründen auf.

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Bildcollage aus meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“; Quelle der Fotos: Nachlass von Theo Prosel

Die nächste große Blütezeit erlebte der Alte Simpl unter dem Wirt und Kabarettisten Theo Prosel.

http://www.theo-prosel.de/

Unvergessen bleibt u.a. sein Song: „Ich hab die schönen Maderln nicht erfunden …“  Eine der vielen KünstlerInnen, die Prosel für seine Bühne engagierte, war die Sängerin Lale Andersen. Für sie vertonte ein junger Komponist namens Rudolf Zink die erste Fassung eines Liedes, das später, in der Version von Norbert Schulze Weltruhm erlangen sollte: „Lili Marleen„. Lale Andersen äußerte später, dass ihr die ursprüngliche, sehr nostalgische Melodie von Rudolf Zink wesentlich mehr entsprochen habe.  Hier ein Ausschnitt dieser weitgehend unbekannten Fassung, von Lale Andersen selbst gesungen:

 

Ja, und dann wäre da noch die Geschichte, wie Theo Prosel einem jungen Studenten namens Franz-Joseph Strauß Hausverbot auf Lebenszeit erteilte, noch bevor eine Bombe dem Simpl erst einmal für Jahren den Garaus machen sollte …

Es gäbe noch so viel zu erzählen, von gestern und vorgestern, im Alten Simpl, aber mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Einiges davon präsentieren wir am 19. März  in Bild und Ton im PresseClub, als unsere Hommage an Toni Netzle – im Namen zahlreicher Menschen, die bewegende Erinnerungen mit dem Alten Simpl und Toni Netzle verbinden ….

Details zu der  Matinee am 19.3.

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jourfixe_News.html

 

Details zur Produktion „Nicht immer Simpl: Toni Netzle“

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Toni_Netzle_Simpl_Collage.html

 

Details zu Toni Netzle

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Toni_Netzle.html

 

Alle Informationen finden sich zudem in einer PDF-Broschüre zum Downloaden zusammengefasst:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/Bilder2014/Toni_Netzle_2015_Simpl_Collage_Gaby_dos_Santos.pdf

 

Ein Verzeichnis aller bisherigen Blog-Beiträge findet sich unter

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

 

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Gaby dos Santos Werner Bauer Foto

Bin dann mal weg … Vorschau

Endlich einmal kann ich verwirklichen, was die meisten von uns nur gedanklich durchzuspielen vergönnt ist: Eine Auszeit von 5 Wochen! Es geht in den Schwarzwald, in die Gegend in der ich meine allererste Lebenszeit verbrachte, bevor es die Familie nach Italien verschlug. Nun heißt es wirklich eine ganze Weile Abschied nehmen von festgefahrenen Gewohnheiten und vielleicht wird die eine oder andere davon danach keinen Bestand mehr haben? Oder bitter vermisst werden? Ein wenig mulmig ist mir schon zumute, angesichts einer so langen Internet- und TV-freien Zeitspanne. Zumal es sich bei meinen letzten Tapetenwechseln immer um Reisen mit beruflichem Hintergrund handelte, zu Recherche- und Interview-Zwecken oder Auftritten. Entsprechend gewichtig in jeder Hinsicht fühlt sich mein Gepäck an: Ein Stapel jener Bücher, die ich schon seit langem zu lesen plante, Sportausrüstung und Freizeit-Kleidung.

Mitte Oktober erwartet mich dann – hoffentlich entsprechend frisch geölt – mein innig geliebtes Hamsterrad wieder: Die Vorbereitungen zu einer Reprise meiner Collage

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfkatalog/Genosse_Rock_n_Roll_Collage.htm

Peter Lang Genosse RocknRoll

Peter Lang um 1967 in der Collage „Genosse Rock’n Roll“ (Bildmontage: G. dos Santos)

die auf den Lebenserinnerungen des Musikers Peter Lang im Ungarn der 60ies beruhen. Zu Peter Langs 70. Geburtstag Mitte November wird die Produktion in der Europäischen Schule in München einmal als Schülervorstellung und später am Abend nochmals öffentlich vorgestellt werden. Für mich als ehemalige Schülerin der Europäischen Schule in Varese (Italien) eine Art Heim(kehr)spiel.

Und apropos Geburtstage: Im kommenden Mai wird Toni Netzle 85! Anlass genug, nochmals die Produktion

Der "Alte Simpl" zu Toni Netzles Zeiten (1962 - 1992)

Der „Alte Simpl“ zu Toni Netzles Zeiten (1962 – 1992)

„Nicht immer Simpl … 3 Jahrzehnte deutscher Geschichte aus der Tresen–Perspektive von Wirtin Toni Netzle“ aufzuführen, die spannende O-Töne unterschiedlichster Zeitzeugen wie Amelie Fried, Barbara Diekmann, Horst Ehmke, Hans Beierlein, Ralf Siegel, Peter Gauweiler, Max Strauß etc. enthält sowie natürlich Tonis eigene, herrlich lakonische Reminiszenzen.

Toni Netzle Alter Simpl Dieter Haanitzsch Franz-Joseph Straus

Karrikatur von Dieter Hanitzsch aus dem Alten Simpl

Die Arbeit an dieser Produktion war für mich eine der schönsten, nicht auf Grund der Bandbreite und Prominenz der Beteiligten, sondern wegen der positiven Grundstimmung, die sie begleitete. Ich fühlte mich beinahe wie auf einem Klassentreffen, weil alle diese Leute so beseelt von ihren ganz persönlichen Erinnerungen an Toni und „ihr Wohnzimmer“. Mit Toni selbst werde ich noch zeitnah ein Geburtstagsinterview führen.

Ingeborg_Schober_Poptragoedien

„PopTragödien“ hieß Ingeborg Schobers letztes Buch …

Die Neuproduktion 2015 „Ingeborg Schober – eine Poptragödie“ ist der 2010, viel zu früh verstorbenen Journalistin und Autorin gewidmet. Die Livemusik nimmt dabei diesmal eine durch und durch bluesig-rockige Wendung, mit Claudia Cane, auch als „Janis Joplin Münchens“ bezeichnet, als Sängerin.

Angesichts dieser vielen schönen Herausforderungen werden Sie es mir sicher nachsehen, wenn ich jetzt erst einmal alles stehen und liegen lasse – und erst einmal weg bin ;-))

Das Titelfoto stammt von Werner Bauer. Ein Blick auf seine Künstler- und sonstige Foto-Highlights lohnt:

http://www.bauerwerner.com/index.html

Das heutige Beitragsbild entstand 2006. Ein paar Jahre her, aber ich bin recht zuversichtlich, dass mich die bevorstehende Auszeit Foto konform verjüngen wird ;-))


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