„Keine Zensur in städtischen Räumlichkeiten!“ – Das Bündnis für das Recht auf freie Meinungsäußerung lädt zur Pressesekonferenz + Brief des BDS National Committee (BNC) an den Münchner Stadtrat sowie weitere Stimmen zum Thema

Im Juli 2017 reichten die Münchner SPD- und CSU-Stadtratsfraktionen gemeinschaftlich einen Antrag zu Händen von OB Dieter Reiter ein:

Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung („boykott, divestment and sanctions“)

dessen schwammige Formulierung bezüglich der Auslegung des Begriffs „Antisemitismus“ mich sehr bedenklich stimmt. Und damit stehe ich keineswegs alleine da …

Das Bündnis für das Recht auf freie Meinungsäußerung lädt am Montag, 4. Dezember, um 10.30 Uhr, in das Stadtcafé,  Jakobsplatz 1 zu einem Pressegespräch: 

Abschrift des Einladungstextes: Am 6. Dezember 2017 soll im Verwaltungs- und Personalausschuss des Münchner Stadtrats über eine umstrittene Sitzungsvorlage zum Antisemitismus entschieden werden. Erfahrungsmäss wird sich das  Plenum bei seiner Sitzung am 13.12. dieser Entscheidung anschließen. Sollte diesem Antrag stattgegeben werden, so wäre das unseres Erachtens ein gravierender Eingriff in das im GG Artikel 5 festgelegte Recht der freien Meinungsäußerung, der Informationsfreiheit und der in Artikel 8 geregelten Versammlungsfreiheit.

Die Stadt München würde damit einer Reihe von Organisationen, die sich den Menschenrechten und einer sachlichen Information über die tatsächlichen Gegebenheiten in Israel und Palästina verpflichtet fühlen, nicht länger städtische Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Über unsere Bedenken möchten wir, das Münchner Bündnis für das Recht auf freie Meinungsäußerung, Sie gern in einem Pressegespräch noch  vor der Abstimmung im Stadtratsausschuß informieren.

Dazu wird die in Jerusalem geborene Publizistin Judith Bernstein, Sprecherin der  Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe, eine kurze Einführung geben. (…) Die Moderation übernimmt die frühere SPIEGEL-Redakteurin Almut Hielscher. Für Auskünfte stehen Ihnen außerdem Wolfgang Killinger, Vorstand Humanistische Union Südbayern, und Vertreter des Palästina Forums München und weitere Bündnisteilnehmer_Innen zur Verfügung.

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Dem Bündnis angeschlossen hat sich auch die Münchner Sektion der IFFF, die im letzten Jahr kurzfristig den bereits zugesagten, städtischen Anita-Augspurg-Preis abgesprochen bekam, weil ihnen BDS-Nähe und somit antisemitische Tendenzen vorgeworfen wurden, worüber ich detailliert in meinem  Blogbeitrag „Verliehen aber nicht vergeben“ berichtet habe.

Brigitte Obermayer, IFFF, 2016

Deren Geschäftsführerin, Brigitte Obermayer, mailte mir heute, unter der Überschrift „Keine Zensur in städtischen Räumen“: (…)  „Ein Bündnis aus Menschenrechts- und Friedensgruppen protestiert gegen die Unterstellung, hinter der Kritik an der israelischen Regierung verberge sich in Wahrheit eine antisemtische Gesinnung. Wir verurteilen Rassismus, Nazi-Terror und Antisemitismus. Es gibt keinen Zweifel am Existenzrecht Israels, aber auch keinen am Existenzrecht Palästinas. (….)“

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Persönlich – und das habe ich immer wieder in Stellungnahmen geäußert – halte ich von Boykotten als politisches Druckmittel wenig bis gar nichts, da es, das hat die jüngere Vergangenheit allzu oft gezeigt, in erster Linie die Ärmsten der Armen trifft und nicht die Verursacher. Welche Haltung man nun aber bzgl. der BDS-Bewegung annimmt, sollte bitte in einer demokratischen Stadtgesellschaft der persönlichen Meinungsfindung überlassen bleiben! (S. hierzu auch meinen Kommentar vom Mai 2017)

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Inzwischen hat sich das BDS National Committee aus Ramallh mit einem Offenen Brief direkt an den Münchner Stadtrat gewandt und führt darin eine Reihe Argumentationen auf, bei denen ich mich frage, ob und wie die AntragstellerInnen im Münchner Stadtrat diese widerlegen können:

Das BDS National Committee (BNC), das breiteste Bündnis der palästinensischen Zivilgesellschaft, grüsst Sie aus Ramallah im israelisch besetzten Westjordanland. Gleichzeitig bedauern wir zutiefst den unerfreulichen Anlass dieses Schreibens.

Der von Ihnen diskutierte Antrag erhebt den schwerwiegenden Vorwurf des Antisemitismus gegen unsere Menschenrechtsbewegung und sieht vor, gegen Personen und Organisationen, die unsere Bewegung in der Stadt München unterstützen, Sanktionen einzuleiten. Als direkt Betroffene erwarten wir im Namen von Fairness, dass Sie unserer Stellungnahme zu diesem Vorwurf Aufmerksamkeit schenken und diesen Antrag nicht unterstützen:

  1. Der Ihnen vorliegende Antrag verschweigt, dass die Definition des Begriffs “Antisemitismus”, welche der Verurteilung der BDS- Bewegung zugrunde liegt, von der EU-Agentur für Grundrechte abgelehnt wird.

Bereits 2013 erklärte die EU-Agentur für Grundrechte (Agency for Fundamental Rights, FRA), dass die sogenannte “EUMC Arbeitsdefinition” niemals eine brauchbare und für die EU gültige Antisemitismusdefinition darstellte, und dass diese deshalb zusammen mit anderen nicht-offiziellen EU-Dokumenten von der Webseite der FRA gelöscht wurde…

»» Vollständiger Brief

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Abschließend möchte ich nochmals aus der Dankesrede von Ernst Grube zitieren, die er nach Erhalt des Georg-Elser Preises 2017 hielt:

(…) Weil im Münchner Rathaus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung unter Antisemitismus Verdacht geraten ist, sollen keine kommunalen Räume mehr für kritische Sichtweisen zur Verfügung gestellt werden. Dieser absurde Vorwurf trifft jetzt nicht nur die jüdisch palästinensische Dialoggruppe, sondern auch die Humanistische Union. Auch ich fühle mich getroffen und des Antisemitismus verdächtigt.

Es mag mühsam und unbequem sein – Verständigung, auch die Klärung von Missverständlichem kommt nur über die respektvolle Auseinandersetzung, unter Einbeziehung der Rechte und Interessen aller zustande. Der Münchner Stadtrat sollte alles tun, um den Dialog für eine gerechte und friedliche Lösung des Nahost-Konfliktes auch in München zu fördern. (…)

Dem ist nichts hinzuzufügen, finde ich …

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Der Vollständigkeit halber hier noch der Aufruf:  „Hände weg von der Meinungsfreiheit“ ,  dem ich mich als eine der ErstunterzeichnerInnen im September angeschlossen habe.

Übersicht der zitierten und weiterer Blogbeiträge  mit weiterführenden Links und Dokumentationen:

10.11.2017
Eindrücke zur Verleihung des Georg–Elser–Preises 2017 an Ernst Grube, Link zur Dankesrede, Videoclips, Fotos
20.04.2017
Absage der Tagung
an der
Evangelischen Akademie Tutzing
Nahost-Politik im Spannungsdreieck:
Israelisch–palästinensische Friedensgruppen
als Lernorte für deutsche Politik?
22.04.2017
.
an der Evangelischen Akademie Tutzing
Einleitender Kommentar zum SZ-Artikel vom 21.4.17

17.04.2016
Der Anita–Augspurg–Preis 2015 zwischen Posse und Politikum

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„Integrierst Du noch oder schreibst Du schon?“ > > > Maria-Jolanda Boselli zum Fachgespräch der *Autorinnenvereinigung über Sprache als Weg zur Integration

Gibt es den Königsweg zur erfolgreichen Integration? Die Frage ist falsch gestellt, darüber waren sich die Autorinnen Silvija Hinzmann Fadumo Korn Gertraud Klemm und Tunay Önder einig.

Bloggerin Tunay Önder

Beim Expertengespräch im Münchner Pelkovenschlössl stellten sie gemeinsam fest: Es geht nicht darum, woher du kommst, welche Traditionen du pflegst oder welchen Hintergrund du hast. Beurteilt wirst du nur danach, wie du handelst.

Die Soziologin und Bloggerin Tunay Önder („Migrantenstadl“) rät ihren Freunden, die wie sie als Kinder von Gastarbeitern in der zweiten Generation in Deutschland sind, inzwischen provokativ zur „Desintegration.“ Statt Kultur und Riten der elterlichen Heimat abzuschwören, sollten Einheimische, Migranten der ersten und zweiten Stunde und Flüchtlinge, aus bestehenden Strukturen und vielfältigen Einflüssen, ein neues Ganzes zusammenfügen.

Unter dem Motto „Die Kraft von Worten“ widmete sich die Autorinnenvereinigung ein Wochenende lang der Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das von BR-Redakteurin Özlem Sarikaya und Journalistin und AV-Vorstandsmitglied Maria Jolanda Boselli moderierte Expertengespräch diente dazu, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte zur Förderung des deutschsprachigen Autorinnennachwuchses zu finden.

Expertinnenrunde bei der abschließenden AV- Matinée am 26.11.2017 im Moosacher Pelkovenschlössl vlnr: Silvija Hinzmann, Gertraud Klemm, Fadumo Korn, Özlem Sarikaya, Maria-Jolanda Boselli, Tunay Önder, Hebatallah Fahty

Multikulturelles Selbstbewusstsein als Chance gegen Fremdenhass
Gerade angesichts der wachsenden nationalistischen Strömungen sei dieses neue, multikulturelle Selbstbewusstsein wichtig und die einzige Chance gegen Radikalisierung und Ausländerhass, betonte auch Gertraud Klemm.

Gertraud Klemm

Die österreichische Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises bedauerte, dass öffentliche Leistungen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse dramatisch einbrechen. Sie beobachte schon in der Schule eine Ausgrenzung ausländischer nicht europäischer Kinder. „Aber wenn ich einen Pressetermin mit Kommunalpolitikern habe, wollen sie immer eines meiner Kinder als „Toleranz Accessoire“ auf dem Foto“, berichtete die Mutter zweier adoptierter Kinder mit afrikanischen Wurzeln. In unserer europäischen Gesellschaft fehle es trotz aller Multikultur an farbigen Vorbildern – die im Moment nur im Sport präsent seien.

Professor Hebathalla Fathy vom Institut Deutsch als Fremdsprache der LMU vermisst bis heute in höheren Positionen eine kulturelle Durchmischung. Sie unterstützt junge Flüchtlinge dabei, in Deutschland Fuß zu fassen – und das auf eine ganz besondere Art. Einer Kultur nähere man sich am besten mit Büchern, sagt sie, und ermutigt die jungen Männer und Frauen zu lesen – und im zweiten Schritt, selbst zu schreiben.

Silvija Hinzmann

Sprache ist eine starke Waffe

Genau so eroberte sich auch Silvija Hinzmann ihren Platz in Stuttgart. Als die 14jährige nach Deutschland kam, hatte sie in der Schule bereits Deutsch gelernt – „um mich wenigstens unterhalten zu können, wenn ich meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchte.“ Aus Urlaub wurde Alltag und Deutsch zur zweiten Muttersprache. „Damals las ich alles, was ich finden konnte. Ich stenografierte sogar die Schlagertexte aus Dieter Thomas Hecks Hitparade mit“, erinnerte sich die Krimiautorin. Ob in Kroatien oder in Deutschland – sie habe nie etwas anderes machen wollen als Schreiben. In welcher Sprache, das sei für sie sekundär gewesen.

Fadumo Korn

Fadumo Korn kam als Teenager aus Somalia über Italien nach München. „Ich habe schnell Deutsch gelernt“, erzählte sie. „Wie davor Italienisch.“ Sie habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass Worte mächtige Waffen seien, mit denen gerade Frauen auch scheinbar stärkere Männer „erschlagen“ können. Starke Worte sind bis heute das Markenzeichen der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Aktivistin für Frauenrechte und gegen Beschneidung. Wenn es darum geht, damit ein Unrecht zu bekämpfen, wägt sie nicht ab, ob es gefährlich ist, sich einzuschalten. Dass sie als Afrikanerin in Deutschland nach wie vor auffällt, macht ihr nichts aus: „Die Unsicherheit liegt ja nicht bei mir, sondern bei denen, die nicht genau wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“

Integrieren sich Frauen schneller als Männer? Ihre Mutter habe sich in der deutschen Sprache besser zurechtgefunden als ihr Vater, sagte Tunay Önder. Denn der habe am Arbeitsplatz mit Migranten aus Italien, Griechenland und Jugoslavien eher ein Kauderwelsch gesprochen.

Schreibworkshops für jungen Frauen

Marion Tauschwitz, Vorsitzende der AV

Tatsächlich finden Familien heute leichter ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft, wenn die Mütter sich dieser öffnen, besagen Studien. „Hier möchten wir Autorinnen helfen“, sagt Marion Tauschwitz, die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung AV. „In Workshops und beim Coaching können wir junge Frauen und Mädchen dabei unterstützen, über die Sprache einen Zugang zu einer neuen Umwelt zu finden. Sehr gerne kooperieren wir mit interessierten Institutionen und Einrichtungen. Wir haben in vielen deutschen Städten regionale Gruppen und nehmen das Thema als einen Arbeitsschwerpunkt aus diesem Gespräch mit.“


Maria-Jolanda Boselli

Mehr zur Jahrestagung 2017 der Autorinnenvereinigung (AV) im jourfixe–Blogbeitrag von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der AV  >>> Literarische Frauenpower im Pelkovenschlössl

Von ihr stammt auch der vorliegende jourfixe-Blogbeitrag „Integrierst Du noch – oder schreibst Du schon?“


*Die Autorinnenvereinigung ist der welweit einzige Zusammenschluss von Schriftstellerinnen, die in deutscher Sprache publizieren. Sie setzt sich seit rund 20 Jahren für die Rechte schreibender Frauen ein und unterstützt diese durch Netzwerke, Stipendien und Preise.

Fulminanter Auftakt der Tagung mit einem Poetry Slam unter dem Motto: „Was genau ist dahoam?“ Acht junge Poetinnen und Poeten mit und ohne Migrationshintergrund dichteten, rappten, slammten zum Thema „Integration“. Moderation: Franziska Ruprecht, Münchner Performance Poetin (links außen im Bild) Dazu „Intro und Outro“: Traditionelle Musik aus dem Iran mit Gitarre und Gesang

* Das Titelbild zeigt AV-Autorinnen während der Jahrestagung, 24.-26.11.2017/Pelkovenschlössl: von links nach rechts >  Sylvia Tornau, Undine Marion Pelny, Maria-Jolanda Boselli, Marion Tauschwitz, Yvonne Powell, Ulrike Schäfer, Regina Lehrkind,  Billie Rubin und Gertraud Klemm.


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Literarische Frauenpower im Moosacher Pelkovenschlössl vom 24. bis 26. November 2017: Zur Jahrestagung der Autorinnenvereinigung ein Beitrag von Sprecherin und Autorin Maria Jolanda Boselli

„Lesen ist Silber, Schreiben ist Gold„, lautet der Titel einer Veranstaltung der diesjährigen Tagung 2017 der Autorinnenvereinigung, die erstmals in München stattfindet, aber er benennt ebenso gut, was die Autorinnenvereinigung seit Jahren motiviert. Dabei handelt es sich um den einzigen Zusammenschluss deutschsprachiger Autorinnen und  internationales Netzwerk für Schriftstellerinnen aller Genres, die in deutscher Sprache schreiben und publizieren. Die Autorinnenvereinigung

  • vergibt jährlich ein Projektstipendium
  • kürt regelmäßig eine AV-Autorin des Jahres
  • organisiert die Internationalen Gespräche am Literarischen Colloquium Berlin LCB
  • führt die Goldstaub-Wettbewerbe in den Genres Prosa und Lyrik durch
  • ruft zu den Poetischen Experimenten in NRW
  • steht für die internationalen Foren in Berlin und Rheinsberg
  • initiiert die Vergabe des Deutschen Schriftstellerinnenpreises
  • unterstützt Autorinnentreffen, Diskussionen, Lesungen, Weiterbildungen und anderes

Die Autorinnenvereinigung will Selbstbewusstsein für ein freies künstlerisches Leben und die Präsenz von Autorinnen in der literarischen Welt.

Kommen Sie dazu! » mehr Informationen, so nachzulesen auf deren Webseite.

Einige Autorinnen im Programm der Jahrestagung 2017

Im Rahmen ihrer  Jahrestagung, vom 24. bis 26. November 2017, sprechen, singen, slammen und lesen Künstlerinnen und Künstler im Pelkovenschlössl in München-Moosach zum Thema  Integration. „Drei Tage lang feiern wir weibliche Literatur. Mitten in München und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Münchner Literaturfest wollen wir einen ganz besonderen Schwerpunkt setzen – auf Frauen, die schreiben, um zu leben. In Deutschland und Österreich, als Einheimische und als neu hier Beheimatete“, erklärt Maria-Jolanda Boselli, Publizistin, Mitglied im Vorstand der Autorinnenvereinigung und – unter dem Pseudonym Marie Bastide – Krimiautorin. „Wir freuen uns sehr, dass die Stadt München unsere Veranstaltung unterstützt. Das zeigt die Brisanz unseres Anliegens“, sagt sie.

PROGRAMM  der Konferenz 2017, erstmals in München

„Wie funktioniert Integration? Die Antwort darauf geben am besten Frauen. Denn Frauen sind erwiesenermaßen Motor und Indikator, wenn es darum geht, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Die Internationale Autorinnenvereinigung AV zeigt im Rahmen ihrer Jahrestagung ein Wochenende lang, was Frauen unter Integration verstehen: prickelnde Spannung, Unterhaltung auf hohem Niveau, gute Gespräche. Und jede Menge Spaß“, erläutert Boselli den diesjährigen Themenschwerpunkt ihrer Organisation, die seit über 15 Jahren  für die Rechte schreibender Frauen kämpft. Seitdem vernetzt sie deutschsprachige Autorinnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern. Mit Informationen zu Verlagen, Agenten und dem Buchmarkt gibt sie wertvolle Hinweise für Veröffentlichungen. Gemeinsam mit anderen Verbänden engagiert sie sich für das Urheberrecht. Sie schreibt selbst Preise und Stipendien aus – und bietet ihren Mitgliedern neben einem virtuellen Forum einmal im Jahr die Gelegenheit zum persönlichen Treffen und literarischen Austausch.

„In der Literatur ist es wie beim Kochen, der Mode oder dem Friseur. Es gibt viel mehr Frauen, die diese Tätigkeit ausüben, als Männer. Aber ganz oben, an der Spitze, im Rampenlicht, stehen die Männer. Es gibt mehr männliche als weibliche Literaturpreisträger, absolut und prozentual. ‚Männer schreiben einfach besser als Frauen“, hat mir einmal ein männlicher Autor ins Gesicht gesagt. Er sah so aus, als sei er davon überzeugt‘, berichtet Maria-Jolanda Boselli. „Dabei sind Frauen die eifrigeren Leser. Wenn man sie in in einer repräsentativen Umfrage abstimmen ließe, welche Bücher ihnen am besten gefallen, stünden ganz sicher mehr Frauen ganz oben auf den Beststellerlisten. Aber wer fragt sie schon. Denn Frauen lesen nicht nur mehr, sie lesen auch anders. Und sie lesen leise. Aber – wie schreiben sie? Und vor allem: wann?

Bildmotiv zur Veranstaltung am 25.11.: „Lesen ist Silber – Schreiben ist Gold“

Männliche Autoren müssen natürlich auch einen Brotberuf ausüben, wenn oder solange sie nicht vom Schreiben leben können. Aber nach getaner Brotarbeit setzen sie sich an den Schreibtisch. Wenn sie Single sind, bestellen sie sich was vom Lieferservice oder machen sich ein Brot. Wenn sie Familie haben – kümmert sich die Ehefrau darum, dass daheim alles läuft. Und ihr Mann die Atmosphäre hat, die er braucht, um kreativ zu sein. Wenn der Ehemann ein Literaturstipendium erhält, gönnt er sich die Auszeit, denn die Frau hält ihm den Rücken frei. Ist hingegen eine Autorin in der glücklichen Lage, eines dieser begehrten Stipendien ergattert zu haben (und wir klammern jetzt mal solche aus, die in Länge und Ausschreibungsinhalt eine Variante eines selbstfinanzierten Praktikums darstellen), geht der Stress für sie erstmal so richtig los und beinhaltet Checkposten wie: unbezahlten Urlaub einreichen, Auslandsaufenthalt für die Kinder organisieren oder alternativ die Schwiegermutter als Dauergast im ehelichen Schlafzimmer einquartieren.

Denn Autorinnen müssen im Normalfall Brotarbeit, Familie und Schreiben vereinbaren. Und wenn am Ende ihres Arbeits- und Familientages die Kinder im Bett sind, die Wäsche gebügelt, die Küche aufgeräumt und der Ehemann zufrieden ist, dann, und erst dann, können sie sich an den Schreibtisch setzen und versuchen, kreativ zu sein. Wie viele Autorinnen mit Beruf und Familie im Rucksack haben leidvoll erlebt, dass an solchen Abenden in ihrem Kopf nicht einmal ein kleines „und“ mehr übrig ist, das sie hätten aufschreiben können. Nein, das ist nicht übertrieben. Ebensowenig wie das immer noch weit verbreitete Vorurteil, erfolgreiche Schriftstellerinnen seien mindestens Emanzen, schlimmstenfalls sogar Lesben, jedenfalls keine ordentlichen Mitglieder einer – bis heute immer noch männlich getönten – Gesellschaft.
Und trotzdem schreiben Autorinnen. Setzen sich über Hürden hinweg, nehmen Einschränkungen und Vorurteile in Kauf, mindestens aber Mitleid.Warum tun sie das? Weil Schreiben für sie Leben bedeutet. „Diesen Frauen gibt die Autorinnenvereinigung ein Forum. Und mehr.

Diejenigen, die es „geschafft“ haben, die als Autorinnen erfolgreich sind, veröffentlichen, lesen, um Autogramme gebeten und zu Buchmessen und Literaturfesten eingeladen werden, diejenigen machen den anderen Mut. Geben Tipps, machen Mentoring – und lesen auf Veranstaltungen wie der Jahrestagung der Autorinnenvereinigung im Moosacher Pelkovenschlössl.

Und wie ist das mit Frauen, die ihre Heimat verlassen und sich ein neues Zuhause einrichten müssen? Hilft ihnen die Beschäftigung mit der fremden Sprache dabei, Fuß zu fassen? Und hilft es ihnen, wenn sie ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Wünsche aufschreiben? Ist Schreiben ein Weg zur Integration? Wo genau ist „daheim“?

Um all diese Fragen geht es an den drei Veranstaltungsabenden im malerischen Pelkovenschlössl in Moosach. Passend zum Thema gestaltet sich auch das ungewöhnliche Musikprojekt „Die Newcomer“.

„Die Newcomer“ (25.11.)
ist ein spannender Zusammenschluss junger Rap–Formationen in englischer, spanischer, persischer und deutscher Sprache.
Dabei handelt es sich sowohl um in München aufgewachsene MusikerInnen, wie KünstlerInnen mit aktuellem Migrationshintergrund
Mehr im PROGRAMM

Die Autorin dieses Gastblogs, Maria Jolanda Boselli, veröffentlicht unter ihrem Autorinnen-Namen „Marie Bastide“ jedes Jahr einen mörderischen Adventskalender, mit mindestens einer Leiche pro Tag, als literarische Alternative zu den schokoladigen Überraschungen in den herkömmlichen Adventskalendern. In ihrem Blog „Marie Bastide erzählt die Welt„.


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„Nicht die Bequemen verteidigen die Demokratie …“ Eindrücke zur Verleihung des Georg–Elser–Preises 2017 an Ernst Grube, Link zur Dankesrede, Videoclips, Fotos

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Handycalypse Now – Vorschau auf Thomas Erich Killingers Musical-Premiere am 9.11.2017: „Der verrückte Handyladen“

Kein einziger Tropfen Blut fließt im GrusicalDer verrückte Handyladen“ von Komponist, Librettist und Arrangeur Thomas Erich Killinger, konzipiert in Anlehnung an das Musical Little Shop of Horrors (Der kleine Horrorladen) von Alan Menken. Doch gierte es im Bühnenhit von 1982 der pflanzlichen Protagonistin noch ganz reell nach Blut, so dürstet es  ihrem heutigen Pendant, einem bösartigen kleinen Smartphone namens „Mrs. Alice“, nunmehr nach virtuellen Feeds und sein Unwesen treibt es zeitgemäß in einem Handy-Laden, im Comic-Stil gestaltet von Tamara Oswatitsch  (Bühne und Kostüme).

„Die Handygirls“ – eine Art moderne Andrew Sisters -kommentieren das Geschehen, dargestellt von  Sampaguita Mönck   –   Dalma Viczina,   –   Julia Haug

In schrillen Kostümen agieren die Darsteller eher aneinander vorbei als mit einander. Zwischenmenschliche Berührung sei der Welt abhanden gekommen, beklagt daher, in einem besonders anrührenden Moment der Inszenierung, eine alte Obdachlose  (in einer O-Ton-Einspielung von jourfixe-Kollegin Naomi Isaacs).

„Die ‚Old Lady‘ in ‚Funk, funk, chant, chant‘ wird gesungen und gefeatured von Naomi Isaacs

Zurecht! – Die plakativ gehaltenen Dialoge scheinen einzelnen Comic-Blasen entsprungen und verstärken den Eindruck eines entseelten Ambientes …

Ein entseeltes Ambiente im Zeitalter der virtuellen Kommunikation; Bildcollage Killinger

Noch beschränkt sich der Handlungsradius der unheilvollen Mrs. Alice auf besagten Handyladen. Hier verleibt sie sich, in Form intimster Datensätze,  menschliche Seelen durch Handauflegen ein. Fatalerweise wächst mit zunehmender Menge an Feeds auch die Macht dieses elektronischen Ungeheuers, das perfideste seiner Art, seit Computer HAL im Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ sein Unwesen trieb!

„Mrs. Alice“ wird als androgynes Etwas im Business-Anzug dargestellt von Ben Schobel, Abb. Killinger

Daher dürfte dem Publikum das Lachen beinahe im Hals stecken bleiben, angesichts des immer weiter ausufernden „handycalyptischen“ Szenarios. Schließlich droht Mrs. Alice sogar, die Weltherrschaft an sich zu reißen, unterstützt von einer Armada an Alice-Klonen!

Sich diesem multimedialen Overkill entgegenzustellen vermag nur eine große Liebe (Sebastian Killinger & Marina Granchette), die hier, wie in jedem klassischen Muscial, natürlich nicht fehlt. Doch wird es den Herzen in einem Happyend gelingen, die Elektronik zurück in ihre Schranken weisen?

Bei allem Unterhaltungswert stellt „Der verrückte Handyladen“ unseren vermehrt virtuellen Kommunikationsstil in Frage und versteht sich als Plädoyer für menschliches Miteinander – und für die Liebe. Diese und weitere Facetten des Menschlichen vermittelt Thomas Erich Killinger in pointenreichen Texten und einem opulenten Soundtrack, für den er kompositorisch alle Register seines Könnens und seiner Erfahrung im Musikgeschäft zieht. Dabei verbindet er ebenso einfühlsam wie „swingend“ unterschiedlichste musikalische Stile zu einem Musikerlebnis für die ganze Familie.

Die phantasievoll absurd von Killinger skizzierten Figuren des Stücks werden von Christiane Brammer in Szene gesetzt, die der breiten Öffentlichkeit durch ihre Rolle als Bea Faller in der TV-Serie Die Fallers – Eine Schwarzwaldfamilie bekannt wurde. Darüber hinaus ist sie auch die Chefin der Premierenbühne, das Hofspielhaus München, ein idyllisches Off-Theater im Herzen der Altstadt, von dem aus hoffnungsvollerweise, statt der unheilvollen Mrs. Alice, „Der verrückte Handyladen“ selbst seinen Eroberungszug starten wird  😉

Ab DO, 9. November 2017, 20:00 Uhr

Hofspielhaus Umgebungsplan

Kartenbestellung

Termine (Achtung, einige Termine ausverkauft!)

Thomas Erich Killinger      Ensemble

„Der verrückte Handyladen“ > auch auf Facebook



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„Ich bekomme soviel zurück“- Ein langes Vorgespräch mit Petra Windisch de Lates, Mitbegründerin (1989) und Vorstand der Deutschen Lebensbrücke e.V. sowie der Jazzmusiker Initiative München

Das Foto zeigt mich langem Gespräch mit meiner jourfixe-Kollegin Petra Windisch de Lates, die mir von ihrer Arbeit bei der Deutschen Lebensbrücke e.V. berichtete, deren Gründungsmitglied (1989) und Vorstand sie ist. Mir boten sich Einblicke in eine Hilfsorganisation, die nach dem Credo tätig ist, dass wirkungsvolle Hilfe nicht nur empathischer sondern auch qualitativ hoher Güte bedarf. Entsprechend steht Petra mit beidem Beinen geerdet in ihrem Manager-Job! Für eine vergleichbareTätigkeit in Wirtschaft oder Industrie würde sie ein Vielfaches verdienen, „aber ich bekomme soviel zurück„, von den Kindern und deren Eltern, denen sie mit der Deutschen Lebensbrücke eine Zukunft schenken konnte. Ab und an geht der Kampf um eine solche Zukunft verloren, auch davon berichtete mir Petra in bewegenden Worten. Doch die positiven Erlebnisse würden überwiegen. Dennoch, mit der Veränderung der Medienlandschaft und auch des allgemeinen Lebensstandards, sei Spendensammeln schwerer geworden.

Ehrenamtlich engagiert sich die studierte Biologin für Jazz, u.a. im Vorstand von J.I.M., der Jazzmusiker Initiative München. Mit ihrem Mann, Sänger Thomas de Lates, führt sie zudem einen „Salon reloaded

Ein ausführlicher, bebilderter jourfixe-Blogbeitrag folgt im November.


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„theater … und so fort“: Tipps, Ersatzspielorte, Kasperltheater im Newsletter von Theaterleiter Heiko Dietz

Wie viele unserer Münchner Leserinnen und Leser bereits mitbekommen haben, wird das „theater … und so fort“ von Heiko Dietz derzeit renoviert, ein Umstand, der für TheatermacherInnen der Freien Szene einem Supergau gleich kommt.

Glücklicherweise bieten KollegInnen Ersatzspielorte auf ihren Bühnen für das sehenswerte und durch das Kulturreferat München geförderte Programm des „theaters und so fort“. Nachstehend die akutellen Tipps, Termine sowie ein erneuter Spendenaufruf, aus dem heutigen Newsletter von Heiko Dietz:

Hallo zusammen!
Trotz aller Widrigkeiten rund um unseren Wasserschaden können wir dennoch ein paar gute Nachrichten vermelden… Doch vorab: Wir sind nach wie vor auf Spenden angewiesen.
THETA e.V., der Rechtsträger des Theaters ist gemeinnützig. Sie können Ihre Spende also steuerlich geltend machen. Sie haben zwei Möglichkeiten, uns zu unterstützen:
Über unsere online-Spenden-Kampagne oder per Überweisung direkt auf das Spendenkonto > THETA e.V.

Doch nun zu den guten Nachrichten: Nämlich, den stattfindenden Vorstellungen…
Bitte beachten Sie die unterschiedlichen Spielorte!!!

DIESE MÄNNER von Mayo Simon
07.10.       im TEAMTHEATER SALON (20.00 h)
12.-14.10. im THEATER IM FRAUNHOFER (20:30 h)

DIE MAXVORTÄDTER KELLERMORDE – Improvisierte Kriminalstücke
09.10.                   im THEATER IM FRAUNHOFER
13.11. und 11.12. im BLUTENBURGTHEATER

ABGEBRÜHT – Die Lesebühne für Leute mit Geschichte(n)
16.10.                    im THEATER KLEINES SPIEL, Neureutherstr. 12 / Eingang um die Ecke in der Arcisstr.

KASPERLTHEATER FÜR KINDER – Kasperl und die Brotzeit
ab November)     im Saal der Max-Emanuel-Brauerei

Wir bitten Sie, Ihre Tickets ausschließlich über unsere Homepage zu beziehen. Sie entlasten damit die anderen Theater, die uns beherbergen. Zudem verfügen diese Theater über kein eigenes Kartenkontingent.
Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr ‚theater…und so fort‘-Team


Aktuelles Programm als PDF-Download


Aus dem „theater … und so fort“, eines der besten Freien Theater Münchens, erreichen uns seit Wochen immer neue Hiobsbotschaften, zwar tapfer mit Galgenhumor und viel Talent zum Troubleshooting gewürzt, dennoch – wer sich bewusst ist, wie knapp man als Kunst– und Kulturschaffende/r im Normalfall über die Runden kommt und erst recht als Theaterleiter/In, kann man nur mit Heiko Dietz mitfühlen und für ihn hoffen, dass dieses Desaster mit dem Jahreswechsel tatsächlich ein Ende haben möge!

Heiko Dietz schreibt in einem Newsletter: Bei uns wird fleißig saniert. Nach aktuellem Stand müssen ca. 80% des Theaters komplett renoviert werden…

Die Toiletten müssen gänzlich erneuert werden. Aber auch die Bühne, sowie die Tribüne und der gesamte Zuschauerraum. Das dauert…

Wir konnten aber ein paar Vorstellungen zu anderen Theatern rüber retten.

Bitte besuchen Sie uns auch an diesen Orten!
Wir können jeden Zuschauer brauchen! 

(Quelle: jourfixeNews)


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