Allgemein

„Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ – Werkschau von Meier/Miserre, Bildhauer und Spion, bis 29. April 2018, im Hotel Le Méridien München

Was für ein Plot, den sich hier das Leben hat einfallen lassen:

Horst Meier, alias Erwin Miserre und seinerzeit DDR-Agent, entdeckt während seiner Mission im Brüssel der NATO, das Brüssel der Kunst. Meier, der schon in der DDR als Kulturjournalist tätig gewesen war, taucht daraufhin, trotz seiner Legende als Elektro-Installateur, tief in die Brüsseler Kunstszene ein. Dabei lernt er einen ihrer wichtigsten Vertreter kennen, den Bildhauer Olivier Strebelle, dessen monumentale Plastiken sich nicht nur in Brüssel finden, sondern  weltweit.

Academie Royale des Beaux Arts in Brüssel

Kurzerhand schreibt sich Meier/Miserre an der Königlichen  Akademie der Künste in Brüssel ein und wird in Folge Schüler und Assistent von Olivier Strebelle. In diese Zeit, Ende der 60er Jahre, “ (…) fiel das künstlerische Erwachen Horst Meiers.

Cover des Buches von Günther Rothe: „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“

Und obwohl er Strebelle so bewunderte, hielt er sich nicht lange mit epigonalen Verbeugungen auf, sondern entwickelte seine ganz eigene und unverwechselbare Formensprache.“ So nachzulesen im Buch/Katalog „Meier/Misserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“, in einem der Vita Horst Meiers gewidmeten Kapitel des Autors Gerald Grundmann. Darin beschreibt Grundmann auch Meiers Skulpturen:

„Deren wesentliches Merkmal sind fließende, organisch wirkende Körper, die sich zwar äußerlich als elegante Einheiten gebärden, aber im Inneren aus präzise gefügten Teilen bestehen, die wie Schlüssel und Schloss ineinanderpassen und keinen Millimeter Spielraum dulden. So hüllen sie Präzision in Ästhetik, Härte in Weichheit, Komplexität in Schlichtheit und stehen sinnbildlich für eine zutiefst menschliche Vielschichtigkeit. (…) 

„Zugriff“ – Skulptur von Horst Meier mit autobiografischem Bezug?

Im Gegensatz zu vielen KünstlerKollegInnen blieb Meier/Miserre viel Zeit, „(…) seine oft komplexen Modelle zu gestalten, weil die Tätigkeit für die HVA nur den kleineren Teil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte. Er observierte nicht nächtelang Menschen oder wartete in Autos auf deren Ankunft. Nur einmal pro Woche, jeden Mittwoch ab 22 Uhr, war er für das Hauptquartier über Kurzwelle zu erreichen und erfuhr, wen er treffen und was er wohin bringen sollte. So lebte er im Grunde hauptberuflich als Künstler (…)“ rekapituliert Grundmann Meiers Leben in Brüssel. “ (…) In seinem Herzen hatte die Kunst die erste Stelle erobert, und er war nicht länger nur ihr staunender Besucher, sondern ein aktiver Teil ihrer Welt geworden. (…)“

Horst Meier 1972 als Erwin Miserre im belgischen Ostende; Foto: Buch

1976 jedoch gerät sein Leben, zwischen Brotjob als Agent und künstlerischem Dasein, aus der Balance. Enttarnung droht, und aus Sicherheitsgründen beordert man ihn zurück in die DDR. Da er der Stasi als „verbrannt“ gilt, schickt man ihn mit bereits 51 Jahren und einer auskömmlichen Rente in den Ruhestand. Dieser Umstand erlaubt ihm die nahtlose Fortsetzung seiner künstlerischen Arbeit. Gleichwohl schmerzt ihn die Trennung von Brüssel und vor allem von seinem zwischenzeitlich zum Freund gewordenen Mentor Olivier Strebelle, dem er die Gründe seiner Umsiedelung nicht erläutern darf.

Den Freundeskreis in seiner neuen alten Heimat hält Horst Meier begrenzt. Dazu zählt ab den 1980er Jahren auch der Leipziger Musiker und Maler Günther Rothe, der zudem eine kleine Kunstgießerei betreibt, eine Nebentätigkeit, die die beiden Männer zusammenführt. Seit Meiers Tod 2016 verwaltet Rothe auch den Nachlass des Bildhauers und widmet ihm besagtes Buch „Meier/Missere – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit„, in dem er Werk und Vita des Freundes detailliert in Texten unterschiedlicher Autoren präsentiert sowie anhand von Fotografien des Künstlers und seiner Werke. Im Vorwort zu diesem Buch erinnert Rothe:

Kurator Günther Rothe eröffnet die Ausstellung „Meier/Miserre“ im Hotel Le Méridien München, im Januar 2018

Als ich ihn 1982 in seinem Atelier in Freudenberg bei Berlin zum ersten Mal traf und seine Modelle und Plastiken betrachten und berühren durfte, war ich unmittelbar ergriffen von ihrer außergewöhnlichen visuellen Sprache, ihrer Sinnlichkeit und Ästhetik. Horst Meier und ich haben uns auf Anhieb verstanden und deshalb in den kommenden Jahren – zwar sporadisch, aber immer wieder gern – zusammengearbeitet. Erst seine schwere Erkrankung, die ihn zunehmend von der Welt und ihren Menschen entfernte, hinderte uns daran. Umso mehr war es mir eine Ehre und Verpflichtung als er mir die Verwaltung seines künstlerischen Erbes und die Ausführung der gusstechnischen Arbeit zur Fertigstellung seiner im Modell vorhandenen Plastiken antrug. In diesem Katalog sowie in weiteren Publikationen und Ausstellungen werden sie daher erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (…)

An diesen Vorsatz hat sich Rothe gehalten und das Werk des Freundes aus jenem Dornröschenschlaf geweckt, in dem es sein Schöpfer, selbst noch nach der Wende, bewahrt hatte. Der Publizist Martin Tschechne, der mit einem Beitrag in Rothes Buch vertreten und Namensgeber des Buchtitels ist, hält diesen Umstand für das Werk künstlerisch von Vorteil: „Kein Markt und keine öffentliche Kritik hatten die Gelegenheit, darauf Einfluss zu nehmen, es zu verwässern, zu korrumpieren, es zu zerreden und seine Intensität zu relativieren.

Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen. mit Influencerin und Moderatorin Alexandra Polzin nach der Vernissage im Le Méridien München, 29.1.2018;

Jedoch ein Leben lang, konsequent und mit künstlerischer Hingabe „nur für die Schublade“ zu arbeiten, beinhaltet auch den Verzicht auf jene öffentliche Anerkennung, die für Kunstschaffende doch der eigentliche, unverzichtbare Lohn ihrer Arbeit bedeutet? Jedenfalls zumeist. Persönlich sind mir in meinen über zwei Jahrzehnten vor und auf der Bühne sowie im Kunstbetrieb allgemein, noch nie zuvor KünstlerInnen begegnet, die auf Publikum freiwillig verzichtet hätten. Und selbst würde ich mir auch nicht die fortgesetzte Plünderung meines Innenlebens zu künstlerischen Zwecken zumuten wollen, ohne nach wenigstens einem klitzekleinen Bisschen Applaus zu schielen … Chapeau vor Horst Meiers einmaligem Mangel an künstlerischer Eitelkeit!

Inzwischen jedoch erregen Werk und Vita von Horst Meier – Künstler und Spion“ – Süddeutsche Zeitung – erhebliches mediales Interesse und eine von Günther Rothe kuratierte Ausstellung befindet sich seit 2017 „on tour“, aktuell im Hotel Le Méridien Munich. Dort fügen sich die Skulpturen auf erstaunliche Weise in das Ambiente des Hotels ein, so dass man die Exponate auf ersten Blick gar nicht einer Wanderausstellung zuordnet, sondern sie für Teil der Raumausstattung hält! So zumindest empfand ich es, zumal ich im Vorfeld auch keine Zeit gehabt hatte, mich mit dem Hintergrund dieser Vernissage auseinander zu setzen.

Die Gäste strömen zur Vernissage von „Meier/Miserre“ im Präsentationssaal des Hotel Le Méridien München. Rechts im Bild: Kurator Günther Rothe

Nachdem bereits im Oktober 2017 unser jourfixe-Mitglied Dirk Schiff hier sehr erfolgreich seine Benefiz-Ausstellung We Are All The Same, mit Uschi Glas als Ehrengast, präsentiert hatte, reizte es mich, einmal privat an einem der Kunst-Events dieses Hotels teilzunehmen, in Begleitung des Kunstfotografen und seinerseits jourfixe-Mitglieds Bernd Sannwald, der mir, noch unter dem Eindruck des Erlebten, ein begeistertes Feedback mailte:

PR-Dame Michaela Rosien und Fotograf Bernd Sannwald; Foto Marian Wilhelm

Herr Rothe stellte engagiert und mit leuchtenden Augen  (neben einem Video über die Guss-Herstellung) Meier/Miserres Skulpturen vor, die allerhöchsten Ansprüchen genügen und eine Augenweide sondergleichen sind; aus vielen Einzelstücken zusammen gesetzte Meisterwerke eines Künstlers, der ebenso geheimnisvoll wie genial war (…) schwärmte Sannwald. Und weiter:

Das Publikum folgt der Einführung von Kurator Günther Rothe mit atemloser Spannung: Diese Vernissage eröffnet nicht mit verbalen Elfenbeintürmen aus der Welt der Schönen Künste, sondern mit der Schilderung eines Daseins im noch nie dagewesenen Spannungsfeld zwischen Kunst und Geheimdienst!

„Für mich gestalteten sich dieser Abend, die Begegnung mit Herrn Rothe, dessen Begeisterung, Meier/Miserres Werke und Geschichte, zutiefst erfüllend, umwerfend, voller Staunen und Bewunderung! Kurz: Gigantisch! ! Ein absolutes Muss für Kunstinteressierte!

Einige der noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien München ausgestellten Skulpturen von Horst Meier, fotografiert während der detaillierten Führung von Kurator Günther Rothe, Januar 2018

Dabei sind die Skulpturen auf verschiedenste Weise anziehend: Die filigrane Arbeit, die unterschiedlichen Materialien und Oberflächen, die Formen, die mich zum Teil an Arbeiten von Otto Freundlich erinnern –

Millimeterarbeit: Fotograf Bernd Sannwald kommt beim Zusammensetzen einer Skulptur von Horst Meier  ganz schön ins Schwitzen. Kurator Günther Rothe assistiert …

… Und dann durfte ich noch eine Skulptur zusammen setzen. Die Einzelstücke, wie Schmeichler in die Hand nehmen und dann zusammen fügen, was gar nicht so einfach war. Dank von Herzen!

Kurzum und ins Neu-Deutsche übertragen: Bernd Sannwald hat die Kunst von Horst Meier „angefixt“. Inzwischen selbst Besitzer einer „Meier“-Skulptur, steht er zudem weiterhin mit Günther Rothe in Kontakt. Als Fotograf selbst im Reich der visuellen Kunst unterwegs, entdeckte sein Auge an jenem Abend noch wesentlich mehr Details an den Skulpturen als ich es vermochte. Mir vermittelte jedoch Günther Rothes anschließende Führung durch die Ausstellung einiges mehr an Verständnis, nicht nur für die Besonderheiten der Skulpturen, sondern auch für die aufwändigen Techniken des Gießens, die den Werken zugrunde liegen und auf die auch im Buch „Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ in einem separaten Kapitel eingegangen wird.

Alexandra Polzin, Suzanne Landsfried und Hoteldirektor Frank Beiler, Le Méridien, vor einer goldfarbenen Skulptur von Horst Meier; Foto: Marian Wilhelm

Aber nun möchte nicht ausgerechnet ich diejenige sein, die ein hochspannendes künstlerisches Vermächtnis virtuell doch noch zerredet, sondern Ihnen und Euch, liebe Leserinnen und Leser aus München, einen Besuch der öffentlichen Ausstellung im Foyer und ersten Stock des Hotel Le Méridien Munich, noch bis 29.4.2018 empfehlen, denn, wie Kurator Günther Rothe so wunderbar treffend am Ende seines Vorworts schreibt:

Noch bis 29.4.2018 im Hotel Le Méridien zu besichtigen: Skulptur von Horst Meier

In ihrer Gesamtheit bilden die Plastiken ein unverkennbar zusammengehöriges Oeuvre und zeigen doch, jede für sich, ihre ganz eigenen Qualitäten, die unsere Phantasie beflügeln und ihre Geheimnisse unserer Entdeckung überlassen. Denn …

… die Bedeutung eines Kunstwerks liegt nicht im Willen seines Schöpfers – oder im Sachverstand von Gelehrten -, sondern in der Vorstellungskraft seiner Betrachter.“


Le Méridien steht für über 100 Hotels und Resorts weltweit und bildet schon seit einiger Zeit Schnittstellen zwischen dem Reisen und der Kunst, nicht zuletzt mit dem Projekt „Unlock Art – Kunst entschlüsseln“ in Partnerschaft mit namhaften Kunst- und Kulturstätten weltweit. Hier in München besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem MUCA – Museum of Urban and Contemporary Art.


„Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“ > 2016, im Verlag Michael Imhof erschienen, ISBN-10: 3731904179 – ISBN-13: 978-3731904175


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard
Allgemein

„Am Anfang war der Auftakt“ – Kurzportrait des russischen Komponisten Vladimir Genin zum Jubiläumskonzerts am Sonntag, 15.4.2018, um 20 Uhr, im Münchner Gasteig

„Etwas über meine Musik zu sagen, fällt mir schwer. Eigentlich braucht nur solche Musik eine Beschreibung, die selbst nicht genug aussagekräftig ist. Wir leben in einer Zeit der „konzeptionellen“ Kunst: Das bedeutet, dass ein Kunstwerk aus eigener Kraft nicht viel bewirken kann; es ist ohne eine verwickelte, ausgeklügelte und pseudophilosophische Deutung kaum lebensfähig. Ein auffallender Titel, Erklärungen des Autors oder eines Kunstwissenschaftlers – das sind all die Krücken, auf denen sich ein Werk heutzutage zum Publikum schleppt. (…)“

Vladimir Genin am Piano; Foto: Homepage/Gallery

Mit dieser Betrachtung empfängt der russische Komponist Vladimir Genin die Besucher seiner Homepage und lässt dabei sogleich ahnen, dass man es hier, im allerbesten Sinne, mit einer eher komplexen Persönlichkeit zu tun hat, die unter anderem Genins langjährige Freundschaft mit dem bedeutenden russischen Komponisten Georgi Sviridov  begründete.

In einem Interview im Dezember 2015 schilderte er seinem Kollegen Jon Michael Winkler, in einem Interview für den jourfixe-Blog, wie es dazu kam.

Gespräch über Georgi Swiridow und das Wesen der Musikwelt an sich: Jon Michael Winkler, musikalischer Leiter der Kulturplattform jourifxe-muenchen mit Komponist Vladimir Genin (re.) im Artist Studio München, Dezember 2015

Der Musikprofessor Genins (…) „hatte mir damals die Aufgabe erteilt, ein Werk von Swiridow zu analysieren. Ich war zunächst nicht begeistert davon, aber als ich daran arbeitete, erkannte ich die Tiefe und Kunstfertigkeit seiner Musik und dementsprechend motiviert schrieb ich darüber. Ich wusste ja nicht, dass mein Professor die Arbeit an Swiridow zum Lesen weiterleiten würde. Darauf folgte eine Einladung an mich auf seine Datscha in der Nähe von Moskau, wo viele bekannte russische Künstler und Wissenschaftler lebten. Auf der einstündigen Autofahrt schärfte mir mein Professor ein, Swiridow ja nicht zu widersprechen und auf keinen Fall mit ihm zu diskutieren, denn er wusste, wie aufbrausend und stur Swiridow sein konnte.

Vladimir Genin, 1989, Zeitungsfoto, USA

JMW: Und haben Sie sich daran gehalten?

VG: Nein, das konnte ich nicht! Als er über einen Zeitungsartikel sprach, war ich anderer Meinung und eröffnete mit der, spätestens seit der öffentlichen Verdammung Dr. Schiwagos , in Russland eigentlich fatalen Floskel: „Also, ich habe das zwar nicht gelesen, aber…“. Schon war die Diskussion in vollem Gang.  (…)

JMW: Da hatten sich wohl zwei Feuerköpfe getroffen! Das passt auch sehr gut zu dem Brief den Swiridow Ihnen nach Ihrer ersten Begegnung schrieb:Ich bin dem Schicksal sehr dankbar für die Gelegenheit, durch die Begegnung mit Ihnen das intensive Leben der neuen Generation empfinden zu dürfen. Behalten Sie dieses Feuer– das wertvollste auf der Welt, weil das Leben ohne es verlischt, verfault… Ich habe viel in meinem Leben gesehen und lernte dieses Feuer zu schätzen.“ (…)

Vladimir Genin wurde am 31. März 1958 in Moskau in eine russische Künstlerdynastie hinein geboren. Beide Eltern waren Musiker,  sein Vater Michail Genin erlangte zudem später als Schriftsteller große Bekanntheit. Genins Großvater wiederum, der Maler Jossif Spinel, wirkte in 60 Filmen als Bühnenbildner mit, darunter in den Klassikern Iwan der Schreckliche und Alexander Newski von Sergej Eisenstein.  Seine breit angelegte Ausbildung erhielt Genin am Moskauer Staatlichen Tschaikowski Konservatorium.

Vladimir Genin am Piano; Foto: Homepage/Gallery

Seine Studien- und erste Schaffenszeit in der damaligen Sowjetunion gestaltete sich für den jungen Freigeist nicht einfach, doch ein Ventil fand sich:  „Kultur war für uns kein Luxus, sondern ein Mittel, das uns half, dort, wo kein offener Protest möglich war, Mensch zu bleiben. „ erläuterte Vladimir Genin Jon Michael Winkler im Interview von 2015. Dennoch empfand Genin das kulturpolitische Klima in Russland auf Dauer als wenig befriedigend. Bereits seit 1997 lebt und arbeitet er inzwischen als Komponist, Pianist und Musikpädagoge in München.

LP-Cover: The Plaint Of-Andrei Bogolubsky – Great Prince Of Vladimir – komponiert von Vladimir Genin

Seine Werke wurden von Sinfonieorchestern, zahlreichen Kammerensembles und Chören in Europa, Russland und in den USA aufgeführt sowie auf internationalen Festivals u.a. in Moskau, Lviv und Belgrad, erschienen auf CDs und wurden von mehreren Verlagen in Deutschland und Russland veröffentlicht.

Zeitnah zum runden Geburtstag Vladimir Genins steht ein großes Jubiläumskonzert im Münchner Kulturzentrum Gasteig an,

Sonntag, den 15. April 2018, im Kleinen Konzertsaal 

Ein hochkarätiges Ensemble > The Menuhin Academy Soloists  (Switzerland) > Sybille Diethelm (Sopran), Guido Schiefen (Cello), Olga Domnina (Piano) sowie Violinist Valeriy Sokolov (mit einer veritablen Stradivari von 1703!), spielt Werke von Genin:

Sinfonietta für Streicher (im Auftrag von Kammerphilharmonie dacapo München, 2010)
“Les Fleurs du Mal“ Lieder aus dem Vokalzyklus nach Ch. Baudelaire für Sopran, Cello und Klavier (2013)
“Sieben Melodien für das Zifferblatt“ Fragmente vom Klavierzyklus (2011)
Pietà – Uraufführung Kammerkonzert für Violine und Streicher (im Auftrag von Valeriy Sokolov, 2016)

Restkarten über München Ticket

Gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, mit freundlicher Unterstützung von Ries & Erler Musikverlag Berlin

 „Ich hoffe, dass sich die Menschen ohne Deutungen direkt von meiner Musik angesprochen fühlen.“  (Vladimir Genin)

Mehr zu Vladimir Genin auf   WIKIPEDIA          Zur HOMEPAGE von Vladimir Genin


„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998) aus Sicht seines Freunds und Kollegen Vladimir Genin; Interview vom Dezember 2015


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Standard
Allgemein

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ – lautete ein Kernsatz von Mitveranstalter Alexander Diepold an diesem außergewöhnlichen Tag, den die Landeshauptstadt München, nach 75 Jahren, erstmals dem Gedenken an die deportierten und zum größten Teil ermordeten Sinti, Reisenden, RomaJenischen, Gaukler & Komödianten widmete. Siehe dazu auch den jourfixe-Blogbeitrag „Porajmos“: „Das Verschlingen“.

Sinteza Ramona Röder im Herbst 2016 bei Eröffnung der Ausstellung über die Verfolgung der Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler & Komödianten in der NS-Zeit – Ramonas Vater wurde ein Opfer der Experimente an Zigeunerkindern von NS-Arzt Josef Mengele. Ramonas Kommentar: „Der Mengele war so ein schöner Mann! Wie konnte er nur?“ Foto: Stey

Wie schon im Herbst 2016, bei der Eröffnung der ersten Münchner Ausstellung, die der Verfolgung der Sinti und Roma gewidmet war, herrschte auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine sehr familiäre Atmosphäre, was leider auch daran lag, dass sich seitens der Münchner „Mehrheitsgesellschaft“ weniger BürgerInnen vor Ort einfanden, als erhofft, ein Umstand, der sicher auch der Uhrzeit geschuldet war, tagsüber, mitten in der Arbeitswoche … sowie dem eisigen Wind.

Vertrauter Umgang: Ganz links. Dipl. Sozialarbeiterin Uta Horstmann, die für ihr lebenslanges Engagement für Sinti & Roma 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt; sitzend Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender im Verband deutscher Sinti & Roma, li. dahinter Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern deutscher Sinti und Roma, daneben der KZ-Überlebende Peter Höllenreiner, re. Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren von Madhouse – Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma und Initiator dieser erstmaligen Münchner Gedenkreihe, neben ihm Archivar Oliver Stey (Angehöriger der „Gaukler & Komödianten“)

Mitglieder der Familie Höllenreiner, die ich schon beim Gedenkgottesdienst getroffen hatte, den Angelika (hinten) als Sängerin mitgestaltet hatte; Foto: O. Stey

Das „Hallo“ dafür war umso lebhafter. Man kennt einander, ist oft, zumindest über drei Ecken, mit einander verwandt und beklagt gemeinsam zahlreiche Familienmitglieder unter den Opfern des Holocaust.

Mit Initator Alexander Diepold , selbst ein Sinto und Gründer/Leiter von Madhouse München, Foto: Roberto Paskowski

 

 

Auch für mich fanden an diesem Nachmittag viele Wiedersehen statt, mit FreundInnen und lieben Bekannten, die in den letzten zwei Jahren mehr und mehr zum Bestandteil meines engeren Umfelds geworden sind.

An diesem Dienstag waren wir auch im Bibbern vereint, da sich der Platz als äußerst zugig erwies. Mir taten vor allem die Musiker leid: Violinist Sandro Roy und Gitarrist Walter Abt spielten auf einer Bühne, die zwar überdacht, seitlich und hinten aber nicht geschützt war!  Ich tippte auf Fingerübungen „in ganz klamm“. 😦 Das tat jedoch dem Wohlklang keinen Abbruch.  Profi-Künstler entfalten auch unter widrigen Umständen ihr Können!

Mit Gitarrist Walter Abt und Violinist Sandro Roy mochte man an diesem Tag mit Sicherheit nicht tauschen! Es zog gnadenlos von allen Seite, doch das Duo hielt sich souverän.

Das Ausmass der Deportationswelle, die die Münchner Sinti und Roma Gemeinde im März 1943 überrollte, wurde bei der Gedenkfeier dadurch veranschaulicht, dass die Namen der Opfer, ergänzt durch die Daten zu Festnahme,  dem Ziel der Deportation und – in den meisten Fällen – auch dem Tag der Ermordung, verlesen wurden.

Marco, ein Mitglied der Familie Höllenreiner verliest die Namen und Daten zu den Deportationen in seiner Familie, die besonders massiv betroffen war. Im Hintergrund Alexander Adler, ein junger Sinto, der sich als Mediator in Schulen engagiert

Die Liste der „ziganen“ Münchner NS-Opfer nahm gefühlt kein Ende, und ich fragte mich, warum nur, bis zur Anerkennung des erlittenen Leids der Sinti und Roma während des Krieges und auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten, soviel Zeit hatte vergehen müssen?

Im obigen Video  von Gerhard Hallermayer (gh-film) finden sich die Reden von OB Reiter, Erich Schneeberger und Alexander Diepold

Eine junge Sinteza verliest Namen ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen, ein Sinto hört bewegt zu; Foto: Oliver Stey

Die Ausgrenzung von Holocaust-Opfern nach dem Krieg griff auch Madhouse-Chef Alexander Diepold in seiner Rede auf, aus der ich ausschnittsweise zitiere:

Alexander Diepold bei seiner Rede; Foto Roberto Paskowski

„75 Jahre hat es gedauert, dass auch der Minderheit der Sinti und Roma in der Weise erinnert wird, dass sie hier, am Platz der Opfer der Nationalsozialisten geehrt und gewürdigt werden. (…) Vor einigen Jahren waren hier die Opfergruppen einzeln benannt, nicht aber Sinti und Roma. (…) Dieser Platz, an dem das Ewige Licht brennt und nicht mehr ausgeht, ist nun der Ort, an dem allen, wirklich ALLEN Opfern des Holocaust gedacht wird. (…) Das Licht steht dafür, dass Menschlichkeit, auch unter der Unterdrückung, nicht ausgelöscht werden kann.“ (Die ganze Rede im obigen Video)

Die Ansprache von OB Dieter Reiter, wurde seitens der Münchner Sinti & Roma durchweg sehr positiv aufgenommen; Foto: R. Paskowski

Dieser Gedenktag kam – ebenso wie der Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern im Februar 2018 – wie Oberbürgermeister Dieter Reiter es in seiner Rede formulierte – „nicht zu früh, aber besser heute als nie“. Stimmt! Schließlich gibt es immer noch genug zu tun, nicht nur in Hinblick auf die historische Aufarbeitung des „Porajmos“  (deutsch: „das Verschlingen“), dem Holocaust der Sinti und Roma, sondern auch in Hinblick auf die weiterhin bestehenden Defizite bzgl. einer kompletten Gleichstellung dieser Volksgruppe innerhalb unserer Mehrheitsgesellschaft in München, in Bayern, in Deutschland und europaweit!

Alexander Diepold, Initator der Gedenkwoche, im Interview; Foto: Behar Heinemann

Entsprechend schloss Alexander Diepold seine Ansprache mit den Worten: Wir hoffen, dass ein solcher Gedenktag und ein entsprechendes Rahmenprogramm auf die Sensibilisierung politischer Handlungsträger sowie zur Überwindung antiziganistischer Wahrnehmung in der Verwaltung beitragen kann. (…)“  – „… und ebenso in weiten Teilen der Bevölkerung,“ möchte ich hinzufügen. Wie viel Aufklärungsarbeit diesbezüglich noch vonnöten ist, stelle ich in meinem eigenen Umfeld immer wieder fest … Noch immer ist das Klischee der nomadenhaften, kriminellen und schmutzigen „Zigeuner“ in unserer Vorstellung verwurzelt. Reißerische Berichte über neueste Vergehen und bettelnde Banden von “Zigeunern“ untermauern solcherart Vorurteile und stehen einer differenzierten Betrachtung im Weg. (…)  Oft gar nicht als solche wahrgenommen werden hingegen die integrierten ziganen Mitbürger_Innen und oft sind sie es selbst, die noch immer ihre Identität verschleiern, aus – leider durchaus begründeter – Angst vor beruflichen wie privaten Nachteilen. (mehr in meinem jourfixe-Blogbeitrag 25.7.17).

Solidarisch: CSU-Stadtrat Marian Offman (re), Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, mit dem bayerischen Landesvorsitzenden deutscher Sinti & Roma, E. Schneeberger

Daher bemühe ich mich, durch Berichterstattung über die Social-Media-Seiten meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie im jourfixe-Blog ein wenig zu einer den Tatsachen entsprechenden Wahrnehmung beizutragen. Was für mich als journalistisches Interesse im Herbst 2016 begann, ist mir inzwischen zu einer persönliches Herzensangelegenheit geworden!

Behar Heinemann, eine „stolze Rom“, wie sie sich selbst bezeichnet,  führt die Klischees einer „Zigeunerin“ ad absurdum: Attraktiv, gebildet, weitläufig vernetzt, arbeitet sie als Fotografin, Coach und Autorin, u.a. der vielbeachteten Biographie „Romani Rose, ein Leben für die Menschenrechte

Als unser aller Aufwärm-Station, bis zur Abendveranstaltung im Rathaus, diente dann der „Pub“ im Münchner Ratskeller, nicht wirklich zur Freude des Personals, das sich wenig fröhlich zeigte, angesichts der großen, bunten Menschengruppe, die sich unvermittelt eingefunden hatte.

„Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation, Sinteza Ramona Röder, Patrick Treuvelot, Edith Grube/Kuratorin Madhouse, Sonja Günther-Mamudova, Münchner Ratskeller, Foto: Stey

Meine Freundin Ramona meinte, es läge daran, dass man sie als Sinti identifiziert habe. Beweisen ließ sich Ramonas Vermutung nicht, jedoch zeigte die Äußerung, wie sehr Ramona die Vorurteile sensibilisiert haben, denen sie ihr ganzes Leben lang als Sinteza ausgesetzt war …

Soziologin „Die starken Frauen der Sinti“ und preisgekrönte Filmemacherin Duii Roma„, Iovanca Gaspar, mit Ehemann Josef, beide Madhouse-Mitarbeiter

Jedenfalls setzte ich mich mit der Soziologin und Filmemacherin (Duii Roma), Iovanca Gaspar, an einen Tisch, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Adrian Gaspar (s. Foto u.), der für den Dokumentarfilm seiner Mutter einen bemerkenswerten Soundtrack vertont und im Carl-Orff-Saal des Gasteigs uraufgeführt hat. Adrian lebt und arbeitet vorwiegend in der Wiener Szene, leitet aber seit Januar in München die Impro-Musikreihe BRIDGEBEAT Jam, jeweils am letzten Mittwoch im Monat, im Kulturzentrum 2411.

Ein Roma-Pianist und ein Sinti-Geiger = zwei ausgezeichnete Musiker, beim kollegialen Plausch im Münchner Ratskeller: Adrian Gaspar, ein Macher der Wiener Musikszene (li) und der bereits international gefeierte Sandro Roy (re)

Die letzte Station der Gedenkfeierlichkeiten führte ins Münchner Rathaus, zu einem dieser hochoffiziellen Empfänge. Erstmals in der bundesrepublikanischen Chronik Münchens hatten sich dazu zahlreiche RepräsentantInnen der hiesigen Sinti- und Roma-Gemeinde im großen Sitzungssaal, der Schaltzentrale unserer Stadt eingefunden und teilweise ganz selbstverständlich in der ersten Reihe niedergelassen, die protokollarisch normalerweise, neben den Veranstaltern und unmittelbar Mitwirkenden, den Honoratioren der Stadt vorbehalten ist.

Gaby dos Santos, dahinter Ramona Röder, Romani Rose

Mir gefiel dieser ungewohnte Ausbruch aus den ehernen Regularien des Protokolls -mitten hinein in die zwischenmenschliche Parität. Doch standen auch genug leere Stühle zur Verfügung, da von städtischen FunktionsträgerInnen an diesem Abend eher wenige zu sehen waren, abgesehen von  der unermüdlichen Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München, sowie einigen wenigen anderen, die durch ihre Anwesenheit Solidarität bekundeten,

Romani Rose im Gespräch mit Ilse Snopkowski, Foto: O. Stey

wie Ilse Ruth Snopkowski, Ehrenpräsidentin der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition, für die ich 2011/2012 die Büroleitung und Organisation der 25. Jüdischen Kulturtage übernommen hatte. Als krank extra entschuldigt hatten sich der Grünen-Stadtrat Florian Roth sowie Claudia Stamm – Vorsitzende der Partei mut. Beide Politiker unterstützen die Interessen der Münchner Sinti und Roma schon seit einiger Zeit.

Bei der Rede von Erich Schneeberger, bayerischer Landesvorsitzender der deutschen Sinti & Roma: V. l. Dr. Andreas Häusler/Stadtarchiv, 3. vor dem Gang: Zeitzeuge Peter Höllenreiner, Romani Rose/Vorsitzender des deutschen Zentralrats der Sinti & Roma, Christine Strobl/SPD/2. Bürgermeisterin. Nach dem Mittelgang, v.li.: Polizeipräsident Hubertus Andrä, daneben Charlotte Knobloch/Vorsitzende der IKG München, neben ihr zwei Damen aus der Sinti-Gemeinde, eine davon, rechts außen, ist die Großmutter eines der Opfer des OEZ-Anschlags

Doch Sitzordnung hin oder her, befand man sich, mit dem Rathaus als Veranstaltungsort, im städtischen „LaLa-Land“ des Protokolls, das  – für mich – oft schwer nachvollziehbaren Hierarchien und Regeln folgt.

Behar Heinemann u. Marcella Reinhard/Regionalverband dt. Sinti & Roma in Augsburg (Bildmitte) im Gespräch mit Polizeipräsident Andrä; Foto: Stey

So begrüßte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD),  neben dem Bundesvorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose  und dem bayerischen  Landesvorsitzenden, Erich Schneeberger, die protokollarischen V.I.P.s und die Redner des Abends, wie der Münchner Polizeipräsident, Hubertus Andrä, außerdem die zwei anwesenden Stadträte, darunter mein SPD-Parteigenosse Christian Vorländer.

Die Münchner Bürgermeisterin Christine Strobl  (SPD) bei ihrer Begrüßungsrede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Behar Heinemann

Nur Alexander Diepold, Initiator, in Kooperation mit u.a. der Landeshauptstadt München sowie dem Stadtarchiv UND Schlüsselfigur von Gedenktag und Themenwoche, blieb unerwähnt!? War möglicherweise einfach versäumt worden, seinen Namen unserer Bürgermeisterin in die Rede zu schreiben? Kann vorkommen, würde aber auch gewisse Schwachpunkte eines „Protokolls“ belegen, das, in den Spähren des „Honorigen“ konzipiert, Gefahr läuft, die eigentlichen ProtagonistInnen einer Veranstaltung zeitweilig zur Staffage geraten zu lassen. Selbst seit Jahrzehnten Veranstalterin, tat mir Alexander Diepold in diesem Moment menschlich sehr leid, da ich, auf Grund eigener Erfahrungen ahnte, wie viel Kraft und noch mehr Zeit er in die Verwirklichung dieses Anlasses gesteckt haben musste.

Romani Rose, Bundesvorsitzender Zentralrat deutscher Sinti & Roma

Dass in Folge auch der Bundesvorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der von mir stets verehrte Romani Rose, Alexander Diepold und dessen Verdienste ebenfalls mit keinem Wort erwähnte, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sind ihm doch das Engagement und die Verdienste Alexander Diepolds bekannt? Aber, wie gesagt, bleibt das Protokoll für mich sowieso ein Buch mit sieben Siegeln.

Erich Schneeberger; Foto: R. Paskowski

Glücklicherweise erwähnte danach zumindest der bayerische Landesvorsitzende deutscher Sinti und Roma, Erich Schneeberger, Alexander Diepold namentlich und sprach ihm seinen Dank aus! Außerdem begrüßte er in seiner Ansprache – vermutlich ein protokollarischer Routine geschuldeter Lapsus, „die hohe Geistlichkeit“, die tatsächlich aber komplett fehlte. Was für ein Manko, angesichts der unrühmlichen historischen Rolle einer zumindest unterlassenen Hilfeleistung, die die Kirche bei der Verfolgung der „Zigeuner“ im Dritten Reich spielte! > Siehe dazu Romani Roses Schilderungen im ZDF/bei Markus Lanz/12.09.14, Passage ab ca. Minute 6.

Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hielt im Rathaus eine ungeschönte Rede zur Rolle der Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma

Als Respekt einflößend, weil ebenso ungeschönt wie zukunftsweisend, empfand ich hingegen die Rede des Polizeipräsidenten Hubertus Andrä: (…) „Die Deportation von Münchner Kindern, Frauen und Männern heute vor 75 Jahren war ein Verbrechen. Es war ein Verbrechen aus rassistischen Gründen, begangen durch Angehörige und unter Mitwirkung der Münchner Polizei. Daran gibt es nichts zu deuteln. (…) Es ist mir eine Ehre, vor den Überlebenden, den Angehörigen der Opfer und den Menschen, die nicht müde wurden, auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen, ein Grußwort sprechen zu dürfen. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Die Münchner Polizei ist sich ihrer Verantwortung vor der Vergangenheit bewusst. Wir schließen unsere Augen nicht vor der Schuld, die Münchner Polizeibeamte im
Nationalsozialismus auf sich geladen haben. (…) Die Diskriminierung der Sinti und Roma hat eine lange europäische Geschichte. Vorbehalte sind teilweise tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert.

Die Rolle der (Münchner) Polizei bei der Verfolgung der Sinti und Roma war auch Thema einer gesonderten Veranstaltung im Polizeipräsidium; Foto: Oliver Stey

Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet. Für die Münchner Polizei geht es bei Ermittlungen um Taten und Täter, ohne Ansehen der jeweiligen Person, aber niemals um Abstammung oder Herkunft. Wir verstehen uns als Hüter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und treten für die Sicherheit aller hier lebenden Menschen ein. (…) Die Vergangenheit sei  für die Gegenwart unerlässlich und würde an die jungen Polizeibeamten weitergegeben, als Hüter unserer demokratischen Gesellschaftsform. Solche Reden, in denen, statt irgendwelcher Floskeln, persönliche Empfindungen und Reflexionen spürbar werden, werten offizielle Empfänge für mich immer wieder auf, weil DER MENSCH hinter den WürdenträgerInnen, in berührenden Momentaufnahmen, wieder sichtbar wird …

Zu solchen besonderen Momenten – wie hätte es anders sein können – zählte auch die Rede von Peter Höllenreiner, der als Kind die medizinischen Versuche und Höllen verschiedener NS-Konzentrationslager überlebt hat. „Ich bin ein verfolgter DEUTSCHER.“  So bezeichnete sich der Münchner Sinto und Zeitzeuge selbst bei seiner Gänsehaut-Rede, die immer wieder – unter dem Druck seiner Gefühle – ins Stocken geriet.

Der Münchner Sinto und Zeitzeuge Peter Höllenreiner mit Alexander Diepold (Madhouse) während seiner Rede im großen Sitzungssaal des Rathauses; Foto: Edith Grube

Peter Höllenreiner, Alexander Diepold; Foto: Roberto Paskowski, 13.3.2018

Die Rede von Peter Höllenreiner machte mehr als betroffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählte. Nur wenige Tage vor seinem 4ten Geburtstag wurde er mit seiner Familie und weiteren Sinti von München in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Insgesamt waren es über 140 Münchner Sinti und Roma die man als „Zigeuner“ diffamierte und verfolgte. Viele der Deportierten wurden ermordet. So verlor die Familie Höllenreiner allein 36 Familienmitglieder,“ erinnert Aktivistin Edith Grube in der Beschreibung zu ihrem Facebook-Foto weiter oben.

Die Rede von Zeitzeuge Peter Höllenreiner ist eine einzige Anklage, nicht zuletzt auch der Umgang der Bundesrepublik mit der „ziganen“ Minderheit in den Jahrzehnten nach dem Krieg. „Eine große Enttäuschung“, so Peter Höllenreiner.

Der Junge aus Auschwitz, E-Book, Paperback, ISBN: 9783745053517 von Maria Anna Willer

„Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hat, kommt Peter Höllenreiner 1945 als Sechsjähriger zurück in seine Geburtsstadt München. Seine Schulzeit beginnt und die Welt begegnet ihm, als ob nichts gewesen wäre. ‚Hintere, in die letzte Bank!‘, heißt es in der Schule. Die Ausgrenzung geht weiter. Peter Höllenreiner und seine Familie waren der nationalsozialistischen Verfolgung als sogenannte „Zigeuner“ ausgesetzt gewesen. Trotz Demokratie, neuer Regierungsform und der Erklärung von Menschenrechten – die alten Vorurteile blieben weiterhin: „Zick zack Zigeunerpack!“ Eine Lehrstelle hätte er als Sinto nie bekommen. Seine Kinder bekamen später auch keine. Die Ausgrenzung zog sich weiter durch die nächsten Generationen. Und immer wieder stand er als Sinto unter Generalverdacht. Er habe das Schlechte mit der Mutterbrust eingesogen, unterstellt ihm ein Richter. Doch Peter (….) schafft es, nach den traumatischen Kinderjahren ein erfolgreiches Leben zu führen – trotzdem er ohne Schulabschluss und Berufsausbildung ist. Er hat eine Gabe und weiß sie zu nutzen: Er kann Altes von Neuem unterscheiden. Er handelt mit Antiquitäten, später mit Schmuck. Er pachtet ein Geschäft in der Theatinerstraße. Inkongnito natürlich, als Sinto hätte er ein Geschäft in dieser Lage nie bekommen. ‚Wir mussten uns immer beweisen.‘ Seine Vergangenheit streift er ab, so gut es geht. Auch seine Tätowierung am linken Unterarm.“ 

(Quellen der o.g. Zitate: Klappentext der Biografie (kursiv) und meine zeitnahen Posts, 13.3., direkt aus dem Rathaus)

Der Junge aus Auschwitz, Edition Kindle,

Erst 2015 Jahren besucht Peter Höllenreiner erstmals wieder Auschwitz und erlebt er dort, nach eigenem Bekunden,einen der Höhepunkte seines Lebens: Papst Franziskus trifft holocaustüberlebenden Sinto Peter Höllenreiner beim stillen Gebet in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau 

Aus meinem Post 13.3.: Lange war es ihm gelungen, seine Erinnerungen zu verdrängen. Nun holen sie ihn immer stärker ein. ‚Jetzt habe ich jede Nacht Alpträume.‘ Sichtlich schwer fällt ihm auch, von seinen Erlebnissen im KZ zu erzählen. Immer wieder bricht ihm die Stimme … Ich ertrage es kaum noch, ihm zuzuhören. Abschließend wünscht er sich, die aktuellen Fortschritte im Umgang mit „seinen Menschen“ hätte er in seiner Jugend erleben dürfen und fügt in seiner Rede, an den Polizeipräsidenten gewandt, hinzu: „Ich wünsche mir, dass das jetzt begonnene Gespräch weitergeführt wird. Rassismus darf nicht unter den Tisch gekehrt werden“ (…) „Wir möchten uns nie mehr verstecken müssen!“

Zu Recht „Stehende Ovationen“ für Peter Höllenreiner nach seiner Rede im Rathaus; Foto Erich Neubauer

Nach seiner Rede gab es Standig Ovations für Peter Höllenreiner. In meinem Facebook-Post notierte ich: Musikalischer Ausklang mit Sandro und seinem Trio. Zum dahin schmelzen. Begeisterter Applaus und würdiger Abschluss dieses Tages ganz im Zeichen des Gedenkens an die Deportation und Ermordung der Münchner Sinti, Roma, Jenischen, Reisenden, Gaukler und Komödianten. Und hoffnungsvoller Auftakt zu einem neuen festen Termin in der jährlichen Münchner Kulturagenda.

Bürgermeisterin Christine Strobl u. Peter Höllenreiner, Foto: Stey

Bürgermeisterin Christine Strobl schließt die Veranstaltung, wohltuend abseits aller protokollarischen Diktate, mit der für sie typischen Münchner Herzlichkeit und dem Fazit, dass sie selten eine so berührende Veranstaltung erlebt habe, nicht zuletzt wegen der Rede Peter Höllenreiners. Sie dankt ihm mit der Feststellung, dass sie beide die Münchnerische Färbung in der Aussprache verbinde. Liebenswert.😊Und quot erat demonstrandum: Wir ALLE sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und dieses Landes, in dem die Sinti schon seit Jahrhunderten unter uns leben! Und augenscheinlich allmählich auch immer mehr mit uns! Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich fast schon wieder versöhnt mit den protokollarischen Gegebenheiten solcher Veranstaltungen   Fast. .. (Ende meiner Posts vom 13.3.18)

… denn auf die vielen emotionalen Höhepunkten folgte … ein abruptes Ende der Veranstaltung! Seit Beginn meiner Kulturarbeit 1994 habe ich unzählige städtische und staatliche Empfänge erlebt, aber noch nie, dass nicht zumindest ein Getränk im Anschluss an eine Veranstaltung gereicht worden wäre, zumal eine ganze Reihe von Gästen extra angereist und schon seit dem Nachmittag vor Ort in München gewesen waren.

Am Ende, ganz jenseits des Protokolls, begrüßt Christine Strobl „Gitano“ Josè Alfredo Maya/Spanische Delegation Neben ihm der wunderbar einfühlsame Psychologe Aldo Rivera der Münchner Beratungsstelle Madhouse; Foto: Stey

Journalist Erich Neumann schreibt dazu auf My Heimat.deObwohl sogar eine Delegation aus Spanien und Serbien vor Ort war, zeigte sich die Weltstadt mit Herz nicht gerade von ihrer besten Gastgeberseite, als mit dem offiziellen Ende auch keine Möglichkeit zu einem weiteren Austausch mehr bestand und ein abruptes Auseinanderdriften der Teilnehmer wenig schönen Ausklang bedeutete, obwohl ein kleiner Stehempfang dies ebenso abgefangen hätte, als es dem Anlass angemessen gewesen wäre.

Mein Fazit: In den vergangenen beiden Jahren hat sich mehr in Bezug auf die Aufarbeitung des „Porajmos“ und die Gleichstellung der Sinti & Roma in München getan, als in den 73 Jahren zuvor. Einen ersten Meilenstein setzte 1980 ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, der eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisierte. Abgesehen von der überfälligen Unterzeichnung des Staatsvertrages, hat sich nun in München vor allem Alexander Diepold Siebenmeilen-Stiefel übergestreift:

Vor einem Jahr noch, am  berichtete Viktoria Spinrad in der Süddeutschen Zeitung, unter dem Titel Soll das alles sein?“:  Sie sind von den Nazis verfolgt worden, bis heute fühlen sich viele von ihnen diskriminiert: Die Sinti und Roma in München wollen stärker gehört werden. Bei einer Veranstaltung im Eine-Welt-Haus fordern sie unter anderem einen Gedenktag und ein würdiges Mahnmal (…)

Dieser feste Münchner Gedenktag, alljährlich am 13.März, ist nun eingeführt! Chapeau allen, die mit unermüdlichem Engagement dazu beigetragen haben, ihn für uns Münchnerinnen und Münchner zu verwirklichen, seitens der Stadt ebenso wie seitens der Sinti- und Roma-AktivistInnen!


Weitere themenverwandte jourfixe-Blogbeiträge:

Gedenkgottesdienst für die in der NS–Zeit ermordeten Sinti & Roma
Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
Verbitterung aus ziganen Kreisen
nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Der „eingebettete“ Video-Clip stammt – mit herzlichem Dank – von Gerhard Hallermayer, GH-Film HD, YouTube Kanal


Ein ausführlicher und ergänzender Artikel von Erich Neumann zu dieser Veranstaltung findet sich unter www.myheimat.de


Auf der Homepage des BR findet sich eine ausführliche Übersicht mit zahlreichen Illustrationen Zur Geschichte der Sinti und Roma: Der lange Weg von Indien nach Deutschland“ 


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Standard
Allgemein

„Der Mensch – das klingt stolz“ – Zum 150. Geburtstag des Dichters Maxim Gorki eine Spurensuche in Vorfeld einer Veranstaltungsreihe des russischen Kulturzentrums MIR am 21. und 23. März 2018 im Münchner Gasteig

Der Mensch – das klingt stolz“ äußert einer, dessen Künstlername „Maxim Gorki,  eigentlich „der Bittere“ bedeutet und das mit gutem Grund: Geboren wurde er als Alexei Maximowitsch Peschkow, irgendwann zwischen dem 16. und 28. März 1868, in Nishni Nowgorod, in die Familie eines armen Tischlers hinein. Dass aus diesem Jungen einmal einer der wichtigsten literarischen Chronisten Russlands werden würde, in der wechselvollen Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, war ihm sicher nicht in die Wiege gelegt. Ebenso wenig, dass er mit dem „Who is who“ der russischen Literaten und Künstler seiner Zeit sowie mit den führenden Köpfen der Oktoberrevolution und der  jungen Sowjetunion auf Augenhöhe verkehren würde.

Noch heute erinnert in Tiflis eine Gedenktafel an den großen Dichter Maxim Gorki, der hier 1892 seine erste Erzählung „Makar Tschudra  verfasste; Bildquelle

Zum Tod Lenins (1924) schrieb dessen Lebensgefährtin Nadeschda Krupskaja im Mai 1930 an Gorki: „Vor meinem Auge sehe ich Iljitschs [Lenins] Gesicht, wie er zuhörte und zum Fenster hinaus in weite Fernen schaute – er zog das Fazit seines Lebens und dachte dabei an Sie.“

Theoretisches Magazin der KI, das zeit ihres Bestehens in den Sprachen der Mitgliedsparteien veröffentlicht wurde

Was Lenin auf dem Totenbett hören will, ist der Artikel, den ihm Gorki zum 50. Geburtstag gewidmet hat, und der im April 1920 im Magazin der Kommunistischen Internationale (Komintern) veröffentlicht wird. Der Dichter beschreibt darin den Kopf der Oktoberrevolution als einen „Romantiker und Idealisten“, der eine Menschheit beglücken wolle. „Das Bild dieses Mannes, der auf unserem Planeten nach Belieben den Hebel der Geschichte bedient, erschreckt mich. Denn Lenin ist nicht der Mann, dem die Geschichte die furchtbare Aufgabe anvertraut hat, diesen bunten, schlecht gebauten Ameisenhaufen umzupflügen, den die Welt „Russland“ nennt. Für ihn ist Russland nur das Ausgangsmaterial eines weltweit vorangetriebenen Experiments.“ Das klingt nach Demontage eines Idols, das Augenmaß und Rücksichten seiner Verstiegenheit opfert. Tatsächlich ist Gorki überzeugt, die Bolschewiki seien im Irrtum, wenn sie die Revolution in einem Land vorantreiben wollten, dessen Bauern lieber Bürger sein und satt werden wollten. Auf ihr revolutionäres Talent zu hoffen, sei vergeblich. „Ich habe das immer den Wahnsinn der Tapferen genannt. Unter diesen Tapferen ist Lenin weit vorn und wohl der Verrückteste.“ [Quelle: Lutz Herden/Der Freitag]

Obgleich sich Gorki gegenüber den Bolschewiki seine eigene Meinung bewahrte, blieb das Image als oberlehrerhafter „proletarischer“ Schriftsteller an ihm hängen. Das liegt daran, dass die Sowjets seine späteren Werke für ihre Ideologie vereinnahmten. Der Slawist Armin Knigge schreibt in seinem Blog „Mein Gorki – Erfahrungen mit einem Forschungsgegenstand“: „(…) Das Gorki-Bild der westdeutschen Slavistik war bis in die 60-er Jahre weitgehend vom Kalten Krieg geprägt. Gorki, der Vater des sozialistischen Realismus, gehörte der sowjetischen Propaganda (einschließlich ihrer Filialen in der DDR und den Ländern des Ostblocks), und dort wollte man ihn auch lassen, denn er war – so die vorherrschende Meinung – einfach ein schlechter Schriftsteller. (…) Sich anders mit Gorki zu beschäftigen, etwa so wie mit Dostojewski oder Tolstoi, konnte eigentlich nur auf Sympathien für linke politische Positionen oder auf mangelnden literarischen Geschmack hindeuten. (…)“

Doch für mich entdecke ich Maxim Gorki immer mehr als aufmerksam kritischen Zeugen seiner Zeit, die er literarisch intensiv begleitet hat, mit den Konsequenzen, die er persönlich aus seinem Leben und seinen Erfahrungen gezogen hat.

Unter entsprechend prekären Verhältnissen wuchs der kleine Alexei  auf, in einer Zeit, in der das Elend der Massen in Russland zu einem wichtigen Thema der literarischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden war. (Wikipedia)

Grassierende Armut an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

Bereits seine erste Erzählung „Makar Tschudra (1892), unterzeichnete er mit dem Pseudonym „Maxim Gorki“. Zur Zeit seiner ersten Publikation arbeitete er  in Tiflis, in der Werkstatt der Transkaukasischen Eisenbahn. Damals lagen bereits ein Selbstmordversuch (1887) sowie harte Jahre  hinter ihm, während denen er sich mit unterschiedlichsten (Gelegenheits)Jobs über Wasser gehalten hatte.

Maxim Gorki um 1889

Laut Wikipedia  arbeitete er zunächst als Lumpensammler, dann unter anderem als Laufjunge, Küchenjunge, Vogelhändler, Verkäufer, Ikonenmaler, Schiffsentlader, Bäckergeselle, Maurer, Nachtwächter, Eisenbahner und Rechtsanwaltsgehilfe, ehe er von seiner literarischen Tätigkeit leben konnte. Nebenbei eignete er sich auf autodidaktischem Weg ein umfangreiches Wissen an. 1889 geriet Gorki erstmals wegen seiner Kontakte zu politischen Rebellen ins Visier der zaristischen Polizei. 1895 gelang ihm mit der Erzählung „Tschelkasch“ der Durchbruch, einer sozialkritischen Auseiandersetzung mit den prekären Verhältnissen, unter denen die Unterschicht im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu überleben suchte.

An diesen Erfolg knüpften dann die 1898 veröffentlichten Skizzen und Erzählungen an. 1901 verfasste er nach einer Studentendemonstration in Sankt Petersburg, die durch das brutale Eingreifen der Polizei in einem Massaker endete, das Lied vom Sturmvogel.

„Das Lied vom Sturmvogel“ – Kult hinter dem Eisernen Vorhang –

„Над седой равниной моря ветер тучи собирает. Между тучами и морем гордо реет Буревестник, черной молнии подобный.“

„Anders als Gorkis spätere, realistische Werke oder Dramen, spricht das Lied vom Sturmvogel in bildhaften Gleichnissen,“ schreibt in ihrem Artikel, „Stolzer Vogel-Sturmverkünder,Marianne Walz und greift Zeilen der werkgetreuen deutschen Übersetzung von Bertolt Brecht auf:

 „Ob der grauen Meeresebene / Treibt der Wind Gewölk zusammen. / Zwischen Wolkenzug und Wasser / Schießt der Vogel Sturmverkünder / Einem schwarzen Blitz vergleichbar. (…) „Finsterer und niedrer / Senken sich aufs Meer die Wolken / Und die Wasser steigen singend / Um dem Donner zu begegnen.“ (…) „Denn er [der Sturmvogel] hörte in des Donners Grollen / Lange schon mit scharfem Ohr Erschöpfung. / Denn er weiß, es kann die Wolke niemals / Niemals, niemals eine Sonne decken.“ Das ganze Gedicht unter www.offenesbuch.com

Lew Nikolajewitsch Tolstoi und Maxim Gorki um 1900

Der Erfolg seiner Theaterstücke Die Kleinbürger (1901) und Nachtasyl (1902) steigerten Gorkis Renommee als Literat noch. Beim Regime hingegen kam er auf Grund seines politischen Engagements weniger gut an, und er sah sich diversen Repressalien ausgesetzt: Beispielsweise erhielt er „Schlafverbot“, was einem  Übernachtungsverbot in Städten gleichkam. Im Kollegenkreis hingegen erfreute er sich einer breiten Untersützung. Während einer Reise auf die Krim, wohin er wegen seiner Regime kritischen Haltung verwiesen wurde, bereiteten ihm seine Freunde und Verehrer – unter ihnen illustre Namen wie Fjodor Schaljapin und Iwan Bunin – in Podolsk einen triumphalen Empfang. (Wikipedia)

Auch das Vorhaben von  Zar Nikolaus II., Gorki die Ehrenmitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften zu entziehen, scheiterte am Einspruch so gewichtiger Kollegen wie Anton Tschechow und Wladimir Korolenko. Sein öffentlicher Protest gegen das Massaker von Zivilisten am  „Petersburger Blutsonntag“ brachte Gorki 1905  vorübergehende Haft in der Peter-und-Pauls-Festung ein, die er nutzte, um sein Drama Kinder der Sonne zu verfassen. Nachdem die internationale Presse einen Sturm der Entrüstung entfesselt hatte, ließ man den rebellischen Schriftsteller wieder frei.

Maxim Gorki um 1906 in den USA, wo er seinen Roman Die Mutter, schrieb

Doch als sich das politische Klima erneut verschäfte, begab Gorki sich ins Ausland, erst nach Frankreich, dann in die USA. Dort schrieb er in einem Landhaus in den Adirondacks-Bergen u. a. den Roman Die Mutter, den ihm Lenin später immer wieder als positives Beispiel seiner Literatur vorhielt, und der als wegweisender, erster Roman des Sozialistischen Realismus gilt. Der 1906/1907 erschienene Roman handelt vom revolutionären Kampf eines jungen Arbeiters  und von der daraus erwachsenden proletarischen  Bewusstseinsbildung seiner Mutter. Das Werk wurde in der Sowjetunion zum Klassiker und zwanzig Jahre später, unter demselben Titel von Wsewolod Pudowkin Pudowkin  verfilmt. Bertolt Brecht verfasste im Rahmen seiner „Lehrstücke“ eine Bühnenbearbeitung, die 1932 uraufgeführt wurde.

Da auf Grund seiner politischen Agitationen eine Rückkehr ins zaristische Russland für Gorki unmöglich geworden war, ließ er sich von 1907 bis 1913 auf der Insel Capri nieder. Sein Haus auf Capri wurde alsbald zum Treffpunkt vieler russischer Intellektueller (z. B. den russischen Schriftsteller Nowikow-Priboj) nach der gescheiterten Revolution von 1905.

Mehr als nur ein Schachspiel: Maxim Gorki – Mitte – beobachtet die politischen Rivalen Bogdanow (li) und Lenin auf Capri

1908 kommt es in der Villa Casa Rosa, die Gorki als Herberge umfunktioniert hat, zu einem mehr als nur symbolischen Schachspiel zwischen Alexander Bogdanow und Wladimir Iljitsch Lenin. Beides Anwärter auf die Führerschaft innerhalb der Bolschewiki. Gorki verhehlt nicht seine Sympathien zu Bogdanow, dem undogmatischen Freidenker innerhalb der Partei, und gerät so in die Schusslinie der Dogmatiker. Ein Jahr später gründen Gorki und Bogdanow eine eigene Schule auf Capri, um Arbeiter für Führungspositionen in der Partei zu qualifizieren. Ein Ort freien undogmatischen Denkens soll die Schule sein. [Quelle: Tagesschau24/Prisma]

Eigenwilliger Denker in allen Lebenslagen …

Ein weiterer Disput mit Lenin entwickelte sich in Bezug auf den Glauben: Gorki, für den die Religion immer eine wichtige Rolle gespielt hat, schloss sich den Theorien der Gotterbauer  um Alexander Bogdanow an, die Lenin als „Abweichung vom Marxismus“ verurteilte. Der Konflikt entspann sich vor allem um Gorkis Schrift „Eine Beichte“ (1908), in der er versuchte, Christentum und Marxismus zu versöhnen.

Eine Amnestie anlässlich des dreihundertjährigen Jubiläums des Hauses Romanow im Jahr 1913 ermöglichte Gorki, wieder nach Russland zurückzukehren. Nicht für immer.

1918 wurde die Zeitschrift Nowaja Shisn (Neues Leben) – nun Gorkis Plattform, in der er gegen Lenins Prawda polemisierte und Lynchjustiz und das Gift der Macht brandmarkte – verboten.  Als eine alte Tuberkolose-Erkrankung wieder aufflammte, legte man ihm einen Kuraufenthalt im Ausland nahe. Es folgten weitere Jahre des Exils, die Gorki hauptsächlich in Italien verbrachte. Nach Lenins Tod die Wende:

Am 22. Oktober 1927 beschloss die Kommunistische Akademie in einer Festsitzung anlässlich von Gorkis 35-jährigem Autorenjubiläum, ihn als proletarischen Schriftsteller anzuerkennen. Als Gorki bald darauf nach Sowjetrussland zurückkehrte, wurden ihm alle möglichen Ehrungen zuteil: Gorki bekam den Leninorden und wurde Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU. Sein sechzigster Geburtstag wurde im ganzen Land feierlich begangen, zahlreiche Institutionen, u. a. das Moskauer Künstlertheater und das Moskauer Literaturinstitut, wurden nach ihm benannt. Seine Geburtsstadt Nischni Nowgorod wurde 1932 in „Gorki“ umbenannt.

1930 gründete er die Zeitschrift SowjetunionIn zahlreichen literaturwissenschaftlichen Werken der Zeit hob man jene Elemente seines Schaffens hervor, die in den Kanon des Sozialistischen Realismus passten, andere verschwieg man. 

1929: Maxim Gorki (4.v.re.), eingerahmt von Funktionären der Geheimpolizei, besichtigt das „Solowezki-Lager zur besonderen Verwendung“ (SLON)

In diesen letzten Lebensjahren bezeichnete Gorki selbst seine frühere Skepsis der Oktoberrevolution gegenüber als Irrtum, worauf ihn der Westen als Stalins Vorzeigeschriftsteller einstufte. Bei aller berechtigten Kritik, kann ich doch nachvollziehen – und möchte nicht urteilen – dass ein getriebener Geist vermutlich im Alter endlich einmal ankommen wollte. Und zwar in seiner Heimat, auch wenn aus dieser jetzt die Sowjetunion geworden war …

Klaus Mann, der 1934 an einem Kongress der Sowjet-Schriftsteller in Moskau teilgenommen hatte, berichtete von einer Einladung in Gorkis Haus:

Der Dichter, der die extreme Armut, das düsterste Elend gekannt und geschildert hatte, residierte in fürstlichem Luxus; die Damen seiner Familie empfingen uns in Pariser Toiletten; das Mahl an seinem Tisch war von asiatischer Üppigkeit. […] Dann gab es sehr viel Wodka und Kaviar.

Am 18. Juni 1936 starb Gorki, seine Urne wurde an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt.  Über Jahrzehnte kursierten zahlreiche Spekulationen um seinen Tod. Der Schriftsteller Gustaw Herling-Grudziński stellte die unterschiedlichen Versionen 1954 im Essay Die sieben Tode des Maxim Gorki zusammen. Inzwischen geht man von einem natürlichen Tod aus.

Nach dem Zerfall von Sowjetunion und Eisernem Vorhang war Gorki auch nicht mehr in Russland und den kommunistischen „Bruderländern“ angesagt und befindet sich seitdem in einer Art historisch-literarischen Dornröschenschlaf. Sein 150. Geburtstag bietet einen guten Anlass, diesen aussergewöhnlichen Menschen, Mann und Literaten neu zu erwecken, der uns bis heute mit Sicherheit noch so einges zu sagen hat:

In der Rückschau auf ihr langes Leben klagt „Die alte Isergil“, in der gleichnamigen Erzählung von 1895: „...ich sehe, daß die Menschen nicht leben, sondern sich immer nur anpassen… und darüber geht das ganze Leben hin.“ … Spannend wird es werden, die Worte und Werke eines Literaten neu zu endecken, dessen wechselvolles Leben an einer historisch bedeutsamen Schnittstelle lag …

Die Chance dazu bietet  sich den Münchnerinnen und Münchnern, am Mittwoch, 21. und Freitag, 23.3. durch  MIRZentrum für russische Kultur in München im Carl-Amery-Saal, Gasteig

 

Idee und künstlerische Leitung: Tatjana Lukina
Veranstalter: MIR e.V., Zentrum russischer Kultur in München
Mit freundlicher Unterstützung der Münchner Stadtbibliothek und dem Fond „Russkij mir“, RF.
Programm als PDF-Download
Kartenvorbestellung bei MIR e.V. / Предварительный заказ: 089/ 351 69 87 oder an allen VVK-Stellen sowie Abendkasse Gasteig


Bisherige jourfixe-Blogbeiträge über MIR-Veranstaltungen

25 Jahre MIR
Zentrum für russische Kultur in München
Der Ewigkeit verpflichtet
Komponist Georgi Swiridow
skizziert von Komponist Vladimir Genin in einem Zeitzeugengespräch mit Jon Michael Winkler
Komponist Alexander Skrjabin, Hommage zum 100. Todesjahr

Kern meiner vorliegenden Kurz-Collage zu Maxim Gorki ist ein Portrait auf  Wikipedia und, wenn keine andere Quellenangabe vorliegt, durch Kursivschrift gekennzeichnet.


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Standard
Allgemein

„Wir können vergeben, wenn wir im Herzen Gottes Liebe tragen …“ Gedenkgottesdienst für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti & Roma

 „Wir vergessen nicht unsere Menschen – aber wir können vergeben, wenn wir im Herzen Gottes Liebe tragen“  beschwor einer der Predikanten die Sinti- und Roma-Gemeinde Freier Christen Jeschua München JGM, die sich zum Gedenkgottesdienst in der Erlöserkirche München eingefunden hatte.

Einer der Prediger beim Gedenkgottesdienst für die ermordeten Münchner „Zigeuner“ im Dritten Reich, 10.03.2018, Erlöserkirche

Ich trau mich von Vergebung und Versöhnung zu reden … Vergebung ist ein Grundprinzip des Glaubens. Menschlich gesehen ist sie nicht möglich, im Göttlichen sehr wohl.“ So lauteten sinngemäß die Kernaussagen der Predigten, die am Samstag Abend, dem 10. März 2018, den „ziganen“ Opfern des NS-Regimes in München gewidmet waren; den Sinti, Reisenden, Roma, Jenischen, Gaukler & Komödianten, die die nationalsozialistische Rassenideologie unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ verfolgt hatte.

Deportation von Sinti und Roma 1940, Quelle: Bundesarchiv, zum Focus-Artikel von 2016: „Der Hass auf Roma wächst: Hat Europa nichts aus seiner Geschichte gelernt?“

Dennoch stand das Gebot der „Vergebung“ im Zentrum dieser Andacht, ein göttliches Gebot, das jedes Kommunionkind und alle KonfirmandInnen mit auf ihren  religiösen Weg bekommen; so häufig wiederholt und seit so vielen Jahrhunderten herunter gebetet, dass es in unserem säkularen Alltag oft nur noch als sinnentleerte Formel erscheint.

Ein Sinti-Predikant beim Gedenk-Gottesdienst, 10.3.18

Nicht so bei diesem Gottesdienst – Mit jedem inbrünstigen „Amen“ – „So soll es sein!“ mit dem Gemeindemitglieder vielstimmig die Aufforderungen zu Vergebung quittierten, verwandelte sich das uralte biblische Gebot in tatsächlich gelebtes Christentum: In dieser Kirche bekannten sich Mitmenschen zu Vergebung und Versöhnung gegenüber unserer Mehrheitsgesellschaft, obwohl sie ALLE in ihren Familien Opfer des NS-Regimes beklagen, darüber hinaus Jahrzehnte um Wiedergutmachung zu kämpfen hatten und bis heute diskriminiert werden! Diese Haltung rührte und beschämte mich zugleich, erst recht, als einer der Sprecher „(…) wir sind nicht schmutzig (…)“ in seiner Rede betonte, ein Vorurteil, dass sich noch immer hartnäckig in unserer Mehrheitsgesellschaft hält.

Obgleich ich mich bei diesem Gottesdienst eher als passive, wenn auch beseelte Teilnehmerin sah, riss mich die hier praktizierte Form religiöser Andacht, die ich sonst nur von „schwarzen“ Gospel-Gottesdiensten aus dem TV kenne, emotional mit. „Lasst uns einfach Jesus Christus feiern!“ hieß es immer wieder.

„Lasst uns einfach Jesus feiern!“ – Momentaufnahme des Gedenkgottesdienstes, vorletzte Reihe: Alexander Diepold, Leiter von Madhouse gGmbH, der Münchner Beratungsstelle für Sinti & Roma

Es wurde gesungen, rhytmisch geklatscht, man wog sich zur Musik hin und her, öffnete die empor gestreckten Hände und damit ganz sich selbst oder betete eng umschlungen. Solcherart selbstvergessene Hingabe, „aus dem Bauch heraus“, wie ich sie in der Freien Christen Gemeinde Jeshua München erlebte, bedarf jedoch der Wahrhaftigkeit! Bis heute erinnere ich mich mit einem Gefühl des „Fremdschämens“ an einen ökumenischen Gospel-Gottesdienst, den ich vor einiger Zeit in München besucht habe: Verkrampft kichernde Priester, die in ihren Soutanen herum hopsten und sich offensichtlich selbst als gaaaanz fortschrittlich cool empfanden. Diese Form kirchlicher PR bedient, meiner Meinung nach, falls überhaupt, nur den Zeitgeist, nicht aber den Glauben und die allgemeine Glaubwürdigkeit schon gar nicht!

Andachtslied in Romanes

Anders verhielt es sich in dieser Gemeinde, denn Musik, wie auch einer der Prediger betonte, gehört zum „ziganen“ Lebensgefühl. „Wir haben unseren Hunger weg gesungen,“ äußerte  er von der Kanzel aus. Mit diesem Ausspruch allerdings erntete er ein ebenso ungläubiges wie herzliches Gelächter. „Hunger weg gesungen? Häh?“ Meine Freundin Ramona grinste mich ungläubig fragend an. „Wir haben uns doch nicht den Hunger weg gesungen?“ Und schon lachte sie wieder und mit ihr die ganze Gemeinde, worauf der Prediger mit den Achseln zuckte und, verschmitzt, sinngemäß meinte: „Naja, vielleicht habe ich da ja etwas zu dick aufgetragen. Aber trotzdem. Musik ist wichtig für uns. Lasst uns durch sie Christus feiern!“ Humor „konnte“ man hier also auch! 😉

Doch natürlich prägten nicht nur spirituell intensive und heitere Momente diesen Gottesdienst, der vor allem dem Gedenken der Opfer des „Porajmosgewidmet war (deutsch: „das Verschlingen“), ein RomanesBegriff für den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma, Reisenden, Jenischen, Gaukler & Komödianten, in der Zeit des Nationalsozialismus.

So berichtete Alexander Diepold, Gründer und Leiter, seit 30 Jahren, von Madhouse gGmbH, der Beratungsstätte für Sinti & Roma in München, wie schwer es noch heute Überlebenden des „Porajmos fällt, über die traumatischen Erlebnisse zu sprechen, derer sie als Kinder Zeuge wurden.

Marco Höllenreiner – Auch seine Familie beklagt zahlreiche Opfer des „Porajmos

Ein schweres Erbe, sehr schwer auch für die nachfolgenden Generationen … Dennoch schwang überwiegend Positives in den Ansprachen mit – ebenso wie unbedingter Mut zur Hingabe an den Glauben, die in der Aufforderung gipfelte, man solle die „Bibel lesen wie kleine Kinder. (…) Unser Volk hat kein Land, aber ein Zuhause und einen Papa im Himmel.“ –  Worte, die mich in ihrer Schlichtheit zutiefst berührten!

Der selbe Redner wies zudem darauf hin, dass man nun schon 1000 Jahre überlebt und sich seine Kultur erhalten habe. Diesen kulturellen Reichtum gelte es nun, den „Deutschen“ vorzuführen.

Die aktuelle Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018 in München, stellt für mich einen ersten Schritt in diese Richtung dar, für die sich auch Alexander Diepold persönlich sehr eingesetzt hat. Sie beinhaltet Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER


Die Gottesdienste in der Freien Christen Gemeinde Jeshua München – JGM finden jeden Samstag Abend um 18 Uhr statt, in der Erlöserkirche München, Hanauer Str. 54, 3 Gehminuten von der U3, Olympia-Einkaufszentrum.


Focus-Artikel von 2016: „Der Hass auf Roma wächst: Hat Europa nichts aus seiner Geschichte gelernt?“


Thema nahe jourfixe-Blogbeiträge:

28.02.2018
Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.03.1943,
eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19.03.2018
25.07.2017
Verbitterung aus „ziganen“ Kreisen nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Standard
Allgemein

Heiko Dietz – Raum für ein Theater in München gesucht: (Keller)Raum oder Halle; Hintergründe und Details

Heiko Dietz hat den Raum verloren, der über die letzten Jahre sein theater … und so fort  beherbergt hatte. Nun sucht der Münchner Theatermann, Schauspieler und leitender Dozent (TheaterRaum München) eine neue (Keller)Räumlichkeit oder Halle, um sie mit seinem Theater zu beleben. Zwischenzeitlich gastiert er mit seiner Theater-Truppe in wechselnden Bühnen. Durch solcherart Hilfsbereitschaft bekunden seine KollegInnen nicht nur Solidarität, sondern auch Respekt für einen der besten Theatermacher der „Freien Szene“ Münchens, die ich nicht zufällig lieber als „vogelfreie Szene“ bezeichne, was sich in diesem Fall leider auf ziemlich existenzielle Art und Weise bestätigt.

Innenansicht des „theater und so fort“ in der Schwabinger Kurfürstenstraße nach dem Wasserschaden im Herbst 2017; Foto: Heiko Dietz

Durch Fahrlässigkeit wurde im letzten Jahr das theater … und so fort unter Wasser gesetzt. Sanierungsarbeiten begannen, wegen denen der Bühnenbetrieb während der gesamten Herbst-Saison eingestellt werden musste, mit dramatischen Folgen für das Budget des Theaters. In einem SZ-Interview von Stefan Mühleisen, Theater sucht Bühne, vom 4. Februar 2018, erläutert Heiko Dietz: „Die Insolvenz konnte ich bisher mit einem Privatkredit abwenden.

Nun hat immerhin die Landeshauptstadt München weitere Fördermittel zugesagt. Über Räumlichkeiten, die sie dem theater … und so fort vermieten könnte, verfügt sie aber derzeit (noch) nicht. Stellt sich mir die Frage, ob sich nicht längerfristig in einem der momentan noch im Bau befindlichen Kreativ-Quartiere eine Räumlichkeit fände? Wie auch immer, Heiko Dietz‘ angespannte Lage erfordert eine rasche Lösung! Um ihn via meiner Social Media Kanäle besser unterstützen zu können, traf ich ihn kürzlich im Artist Studio zu Foto und Gespräch. Dabei überraschte er mich durch die unverminderte Tatkraft, mit der er seine Suche nach einer neuen Location voran treibt, allen bisherigen Widrigkeiten zum Trotz!

Heiko Dietz auf der Studiobühne in Peter Langs Artist Studio im UG des Münchner Künstlerhauses im Februar 20118

Vielleicht auch, weil er sich nicht zum ersten Mal in einem Zustand künstlerischer Obdachlosigkeit befindet: Vor Jahren hatte er schon einmal seine Bühne im Gärtnerplatz-Viertel verloren und kurzfristig 2009 die Räumlichkeiten des ehemaligen Kabaretts „Unterton“ von Jörg Maurer übernehmen können, als der sich ins Werdenfelser Land zurück zog, um künstlerisch umzusatteln fortan dort seine Bestseller-Alpenkrimis um Inspektor Jennerwein zu konzipieren.

Die nicht immer schöne Welt der Schönen Künste …

Auch hinter Jörg lagen damals fünfzehn lange Jahre finanzieller Engpässe; ich erinnere mich noch an ein aufwühlendes Gespräch, das ich 2006 mit ihm geführt habe, in dem er mir seinen alltäglichen Kampf um den Erhalt seiner Bühne schilderte. Trotz einer beträchtlichen Reputation als Kabarettist und Träger des Schwabinger Kleinkunstpreises und trotz hervorragender Besucherzahlen … Und ja, ich erkannte damals, wie so oft in Gesprächen mit KollegInnen, auch eigene bittere Erfahrungen als Kunstschaffende wieder. Wie viel nimmt doch jede/r von uns regelmäßig in Kauf, nur um der Ausübung seiner Kunst willen, denn „wenn Du Künstler bist, dann hast Du von Geburt an etwas in dir, das dich zwingt Künstler zu sein.“, bringt es der Berliner Maler Axel Neumann treffend auf den Punkt.

Heiko Dietz – Münchner Theatermacher mit Leidenschaft, Vision und Durchhaltekraft

Und so setzt auch Heiko Dietz seine Suche fort. „Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen!„, überschreibt er augenzwinkernd seinen aktuellen Newsletter und fährt fort: „Nämlich: WEITERMACHEN! Bei uns läuft alles grad auf Hochtouren! Wir proben proben proben… Bis Ende Mai haben wir noch einiges zu zeigen (und auch danach geht es weiter…), und wir würden uns freuen, wenn uns die besten Fans, die man haben kann, mit ihrem Besuch unterstützten.

Parallel suchen wir natürlich weiter nach einer neuen Spielstätte.“ Mir gegenüber betonte Heiko Dietz, dass er keinesfalls zwingend nach einer bereits bestehenden Bühne zur Übernahme Ausschau halte, sondern nach einem (Keller)Raum oder einer Halle, gerade geschnitten, mit freiem Blick, also ohne Zwischenpfeiler, auf einen potentiellen Bühnenbereich von ca. 5 x 3 m und einer ca. Gesamtfläche von 200 qm bis 250 qm, gerne auch auf einem Firmengelände, denkbar auch in der Visitenkarten-Funktion einer Allianz-Arena der intimeren und besonderen Art, weil sie einmal nicht dem (sportlichen) Großereignis Raum bieten würde, sondern der Kunst –

… denn, wie es Maler Axel Neumann ausdrückt: „Für mich ist Kunst Magie. Sie lässt sich nicht rational greifen, nur emotional. Wer spürt, kommt mit der Wirklichkeit und mit sich selber in Berührung. Wir stehen nicht mehr außerhalb, davor oder daneben, sondern sind mittendrin.


Petra Wintersteller und Heiko Dietz in einer Szene von „Glück – Le Bonheur“; Foto: Lilly Wintersteller

Ab 3. März 2018!  GLÜCK – Le Bonheur

Komödie von Eric Asouss  mit Petra Wintersteller und Heiko Dietz

Regie: Ulrike Dostal
Bühne/Licht: Heinz Konrad
Veranstalter: Lucky GbR
Übersetzung: Kim Langner
Aufführungsrechte: LITAG-Verlag, München

Ko-Produktion von theater … und so fort und Reizwerk München
Mit freundlicher Unterstützung von THETA e. V. sowie dem Aufführungsort, das Theater Heppel & Ettlich


Zum weiteren Spielplan


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Standard
Allgemein, Gstanzl

„Porajmos“: „das Verschlingen“ Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943, eine Veranstaltungsreihe vom 08. bis 19. März 2018

Das Romanes-Wort Porajmos [poraɪmos] (auch Porrajmos, deutsch: „das Verschlingen“) bezeichnet den Völkermord  an den europäischen Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Er bildet einen Höhepunkt der langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt sie innerhalb einer großen Spannbreite, ist jedoch sechsstellig. Wie der Völkermord an den Juden (Shoa) steht Porajmos für den Versuch der kollektiven Vernichtung. Jeder, der von den nationalsozialistischen  Erfassungsinstanzen – im Altreich ein Verbund aus pseudowissenschaftlichen und kriminalpolizeilichen Gutachtern, außerhalb oft spontan entscheidende Akteure der Verfolgung – dem „Zigeunertum“ zugeordnet wurde, war grundsätzlich von Vernichtung bedroht. Dem lag die rassistische Deutung der Angehörigen der Minderheit als „fremdrassige“ „geborene Asoziale“ zugrunde. „Zigeuner“ wurden zu Objekten eines „doppelten“, des ethnischen wie des sozialen Rassismus. (Quelle: Wikipedia )

Familie Höllenreiner 1942; Viele Angehörige der großen Familie wurden am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten .© Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Dass somit auch Sinti und Roma dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist bis heute in der Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich präsent. Oft nur vage entsinnt man sich, von medizinischen Experimenten an „Zigeunerkindern“ gehört zu haben, wie zuletzt im TV-Beitrag „Die unheilvolle Narbe“ von Constanze Hegetusch oder von „Zigeunerlagern“. Über die tatsächliche Dimension des  Porajmos jedoch ist noch immer wenig bekannt. Ebenso wurde die fortwährende Ausgrenzung der Sinti & Roma in der Bundesrepublik lange nicht wirklich thematisiert. Auch der Kampf Betroffener um Wiedergutmachung zog sich über Jahrzehnte hin; viele Opfer, körperlich wie seelisch durch den Porajmos gezeichnet, gaben vorzeitig auf. Erstmals 1980 sensibilisierte ein Hungerstreik auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, angeführt von Romani Rose, eine breitere Öffentlichkeit für dieses Thema.

Beendigung des Hungerstreiks in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, 1980: Uta Horstmann, Anton Franz, Dronja Peter, Hans Braun, Romani Rose, Jakob Bamberger, Fritz Greußing, Franz Wirbel (v.l.n.r.) (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)

Bis heute Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und Vorsitzender des Zentralrats der Sinti & Roma in Deutschland, engagiert Romani Rose sich weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft für die Gleichstellung dieser Minderheit in unserer Gesellschaft und für die bewusste Erweiterung des Begriffes „Holocaust“ AUCH auf seine Ethnie, im Sinne einer verbesserten Wahrnehmung des „Porjamos“ in unserer Mehrheitsgesellschaft. Leider erlebe auch ich immer wieder – und habe wiederholt darüber geschrieben – dass in offiziellen Reden oft ausschließlich der „Antisemismus“ zur Sprache kommt, „Antiziganismus“ oder  „Rassismus“ jedoch unerwähnt bleiben.

Engagierte Aktivisten: Romani Rose rechts, mit Alexander Diepold/Madhouse, Bildmitte, 2016, im NS-Dokumentationszentrum München, links Drehbuchautor Peter Probst; Foto: Oliver Stey

Doch jetzt stellt die Landeshauptstadt München, gemeinsam mit dem Stadtarchiv München, die Geschichte und aktuelle Lebenssituation der Sinti und Roma in München in den Mittelpunkt einer umfassenden Veranstaltungsreihe, vom 8. bis 19. März 2018: Dies geschieht in Kooperation mit der Familienberatungs- und Begegnungsstätte Madhouse, die seit über 30 Jahren von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold geleitet wird. Auszug aus dem Programm-Flyer:

Cover des Programm-Flyers

Am 13. März 2018 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die Münchner Polizei 130 Sinti und Roma aus München und Umgebung in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportieren ließ. Mit dem „Auschwitz-Erlass“ hatte Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 den Auftakt für die reichsweiten Deportationen der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz gegeben, auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet. Schon am 8. März 1943 begannen in München die Verhaftungen ganzer Familien. Bis heute ist die Zahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen. (…)

Die Landeshauptstadt München ehrt die Opfer dieses Völkermords in einer Gedenkveranstaltung am 13. März 2018 im Rathaus.

Sandro Roy, Foto: Ch. Hartmann

Den musikalischen Teil dieses Festakts für geladene Gäste bestreitet der virtuose Sandro Roy, einer der schillernsten  Namen der jungen Generation von Klassik- und Jazzgeigern, mit seinem Trio.

Zuvor werden am Platz der Opfer des Nationalsozialismus die Namen der deportierten Münchner Sinti und Roma verlesen.

Die Veranstaltungsreihe umfasst Themen wie die Verfolgung der Minderheit vor, während und nach der NS-Zeit sowie den aktuellen Antiziganismus in der Gesellschaft. Darüber hinaus werden Einblicke in das vielfältige kulturelle Leben der Sinti und Roma vermittelt, Führungen, Spaziergänge und Poetry Slam geboten. Zusätzlich zu den im Flyer aufgeführten Terminen, bietet Madhouse, in seinen Räumlichkeiten in der Landwehrstraße 43, noch weitere Veranstaltungen an. Eine Übersicht ALLER Programme findet sich HIER

Adrian Gaspar – Quelle

Musik und deren Interpreten – wie könnte es anders sein 😉 – wird bei der gesamten Veranstaltungsreihe eine Rolle spielen. Neben Geiger Sandro Roy ist u.a. das Lancy Falta Syndicate vertreten. Einen interaktiven Antiziganismus-Workshop gestaltet der Pädagoge und Musiker Adrian Gaspar, mit dem Ziel, Vorurteile gegenüber Sinti und Roma abzubauen.

Schon im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe eine erfreuliche Nachricht:

Erich Schneeberger, Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma in Bayern; Quelle

Bayern hat am 20. Februar 2018 einen Staatsvertrag mit dem Landesverband der Sinti und Roma unterschrieben, der deren Rechte schützen und Wiedergutmachung sein soll …  >>>  BR-Mediathek


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

 

 

 

 

Standard