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Gunna Wendt – Portrait einer literarischen Portraitistin –

Gunna Wendt – Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin … 

… manchmal scheint es mir, als wäre sie immer schon ein selbstverständlicher Teil des Münchner Kulturlebens gewesen … Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, ebenso wie ich, um 1980 herum in München „aufschlug“. Gerade hatte sie ihr Studium der Psychologie und Soziologie abgeschlossen, letzteres bei dem renommierten Soziologen und Adorno-Schüler Oskar Negt. An der Uni Hannover herrschte damals eine ausgesprochene Aufbruchsstimmung, erinnert sie sich später. Es wurde eine ganze Anzahl neuer Stellen geschaffen, die viele führende Intellektuelle der sogenannten Frankfurter Schule dort hin lockten. Für die junge Gunna Wendt ideale und nachhaltig prägende Studienbedingungen.

Nach dem Studium heiratete sie und folgte ihrem Mann, einem Mathematiker, nach München. Dass sie freiberuflich tätig sein würde, stand für sie außer Frage, ebenso wie ihr künftiges Betätigungsfeld als Autorin. Wie viele VertreterInnen der schreibenden Zunft hatte sich ihr Talent schon früh gezeigt: „Geschrieben habe ich immer, von dem Moment an, als ich lesen konnte.“ Mit 12 Jahren erschien ihre erste Geschichte in der Hannoveraner Allgemeinen. Stolze 20 DM erhielt sie für die Veröffentlichung in der Samstagsausgabe, in der Rubrik „Kinderland“. „Die Liederprinzessin und der Trommelkönig“ erzählt die Geschichte eines hartherzigen Königs, den die Musik verändert, die auch im literarischen Leben Gunna Wendts immer wieder eine wichtige Rolle spielen würde.

In München startete Gunna Wendt 1981 am TamS Theater als Regieassistentin und Dramaturgin, in Kooperation mit Liz Verhoeven, mit der sie bis heute in Verbindung steht. Im TamS lernte sie die in vielen kulturellen Bereichen unverzichtbare Hohe Kunst der Improvisation. Exemplarisch ihr Einsatz im Hausbesetzer-Stück „Ins Sprungtuch wird nicht gesprungen“: Während einer Aufführung streikte das Band mit den Toneinspielungen. Gunna wusste sich nicht anders zu helfen, als die Effekte selbst zu generieren und zu erläutern, sehr zur Freude des Publikums, das ihren Einsatz für einen dramaturgischen Einfall der besonderen Art hielt. The Show must go on … Doch die Arbeit in der Freien Theaterszene Münchens blieb eine Episode, da Wendt schnell merkte, dass sie hauptberuflich schreiben wollte.

Den Einstieg bot ihr 1988 der Radiosender Jazzwelle Plus, unter Leitung des unvergessenen Hans Ruland, der gerade seine Themenbandbreite erweiterte, unter anderem mit den Sendungen „Kultur vor 8 – Theater“- und dem „Literaturclub“, für den Wendt in Folge über 300 Sendungen produzieren würde. Damals, man mag es sich heutzutage kaum noch vorstellen, stand ihr jeden Samstag eine volle Stunde Sendezeit zur Verfügung, ein Garant für Beiträge mit Tiefgang. Dass Gunna Wendts Rundfunk-Beiträge alles andere als „Häppchen-Kultur“ darstellten, sprach sich schnell herum und so gelang es ihr alsbald, prominente Autoren und kulturelle Größen wie Frank Castorf für ihre Sendungen zu gewinnen. Schon ein Jahr später erhielt sie den Hörfunkpreis der BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien.

Eine Rarität, da längst vergriffen …

In dieser Zeit gab Gunna Wendt das Buch „Die Jazzfrauen“ heraus, das beispielhaft für Gunnas ganzheitliche Herangehensweise an Themen und Figuren ist. In „Die Jazzfrauen“  kommen nicht nur, wie es der Titel vermuten lassen würde, biografische Skizzen über große Jazz-Interpretinnen, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan vor, sondern auch Protagonistinnen des Jazz selbst zu Wort, wie z. B. Billie Hoiday zur Entstehung des Liedes „Strange Fruits“,  das als eine der stärksten künstlerischen Aussagen gegen Lynchmorde in den Südstaaten der USA gilt. Hinzu kommen „Jazz-Gespräche“ von Gunna Wendt und anderen, mit Protagonistinnen des heutigen Jazz, wie Barbara Dennerlein, Virtuosin an der Hammond-Orgel  – „Man muss ein bisschen härter werden, als man eigentlich will“ – oder Sängerin Gitte Haenning – „Ich brauche Nähe und Distanz zugleich„. Berührend Wendts Interview mit der Sängerin Inge Brandenburg, deren Herzensanliegen „Singen bedeutet für mich alles“ sie sich selbst auf tragische Weise im Weg stand. In ihrem Vorwort schreibt Wendt: „Jazz-Frauen sind also auch Frauen, die über Jazz schreiben, nicht nur über Musikerinnen, sondern über ihre eigenen Jazz-Erfahrungen.“

Schnell entwickelte sich Gunna Wendts kulturelle und literarische Arbeit in unterschiedlichste Richtungen: Ab 1992 betreute sie zehn Jahre lang das Münchner „Literaturtelefon“, das AnruferInnen  literarische Hörproben bot. Von 1994 – 1995 arbeitete sie zudem als Redakteurin des monatlich vom Kulturreferat herausgegebenen „Literaturblatts München“, ein Querschnitt durch das literarische Geschehen in München und darüber hinaus, dazu Buchbesprechungen, Interviews und Veranstaltungskalender.

Ausstellungsmacherin Gunna Wendt 2008 mit Königin Silvia von Schweden und Graf Bernadotte auf der Mainau

Zu dieser Zeit begann sie auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin, zunächst im Münchner Literaturarchiv MonacensiaZerlegen und Zusammensetzen. Gert Hofmanns literarische Welten. Es folgten weitere Ausstellungen, so zum Beispiel im Deutschen Theatermuseum München und auf der Insel Mainau, u. a. über Thomas StrittmatterHelmut QualtingerMaria Callas sowie die Dynastien der Romanows und der Bernadottes.

Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen jedoch seit jeher ihre Biografien. Schon Wendts Magisterarbeit erwies sich als diesbezüglich wegweisend: Sie wählte Paula Modersohn-Becker, um an deren Beispiel die Lebensumstände einer Künstlerin um 1900 zu beleuchten. Hier zeigt sich erstmals der doppelte Ansatz, mit dem sich Wendt ihren ProtagonistInnen nähert, aus psychologischer Sicht ebenso, wie aus soziologischer. Daher analysiert sie nicht nur akribisch, anhand von Dokumenten oder Zeitzeugenberichten, die Persönlichkeit ihrer Figuren, sondern zeichnet auch deren soziales Umfeld nach und stellt beide Aspekte in Zusammenhang. Dadurch begegnen den LeserInnen Wendts historisch-literarische Gestalten besonders lebensnah. Was zum Beispiel bedeutete anno dazumal für eine Frau, alleine nach Paris zur Weltausstellung zu reisen? Gab es damals schon die Metro? Wie gestaltete sich der Alltag auf einer solchen Reise – und ganz allgemein in einer Zeit, in der Frauen, wie Paula Modersohn-Becker oder ihre Freundin, die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff noch gar nicht an Universitäten oder Kunstakademien zugelassen waren? Westhoff beispielsweise sah sich gezwungen, in München eine private Malerakademie zu besuchen, an der sie allerdings vom Studium der Anatomie ausgeschlossen wurde. Der Leiter, ein schmächtiges Männlein, erläuterte der stattlichen Studentin, Frauen wären nicht kräftig genug für solcherart Unterricht! Später entstand aus dem Material Wendts Biografie „Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker“, das Gunna Wendt selbst bis heute als eines ihrer wichtigsten Bücher gilt.

Gunna Wendt bei einer Lesung im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, 2003

Gunna Wendts Bücher skizzieren unangepasste Persönlichkeiten, deren Biografien Brüche aufweisen und unvorhergesehene Wendungen. Vorwiegend – aber nicht ausschließlich – beschreibt sie Schicksale von Frauen, die einen anderen Weg, als den ihnen vorbestimmten einschlugen. Dabei erweist sich ihr die Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert als unerschöpflicher Themen-Fundus, wenn es um das Streben nach Selbstbestimmung und beruflicher Anerkennung geht: „Liesl Karlstadt. Münchner Kindl Travestie-Star“, „Vom Zarenpalast zu Coco Chanel. Die Großfürstin Maria Pawlowna Romanowa„, oderLena Christ. Die Glückssucherin“. 

Gunna Wendt bei der Präsentation von „Die Bechsteins“, Stilwerk, Berlin 2016

Auch die Götterdämmerung von Dynastien findet sich in Gunna Wendts Werk häufig wieder, mit Schlaglicht auf starke Frauenpersönlichkeiten, die eine entscheidende Rolle darin spielen, wie Alexandra – die letzte Zarin oder „Die Bechsteins – eine Familiengeschichteüber die Klavierbauer-Dynastie, in der Helene, die Schwiegertochter des ehrgeizigen Firmengründers Carl Bechstein eine fatale Rolle spielt, auf Grund ihrer engen Beziehung zu Adolf Hitler. > Siehe hierzu auch den Beitrag auf Deutschlandradio Kultur von 2017.

Bemerkenswert auch zwei ihrer Werke, in denen es um außergewöhnliche Liebesbeziehungen geht: „Lou Andreas-Salomé und Rilke – eine amour fou“ und, frisch aus der Presse: „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)

Das erste Buchexemplar in der Hand … Gunna Wendt Anfang 2018

Zurück an eine ihrer frühen Wirkungsstätten, der Münchner Monacensia, führt Gunna Wendt eine schon im Vorfeld mit Spannung erwartete Lesung aus „Erika und Therese“, am Dienstag, 15. Mai 2018, um 19 Uhr.

Neben dem Inhalt fesseln Gunna Wendts Lesungen auch dank ihres Gefühls für Timing und Dramaturgie, gepaart mit einer ausgezeichneten Sprecher-Stimme, Fähigkeiten, die sie sich seinerzeit im Rahmen ihrer Rundfunk- und Theaterarbeit angeeignet hatte, und die nun ihren literarischen Auftritten zugute kommen, die sie nonstop durch ganz Deutschland führen.

Gunna Wendt in der Münchner Monacensia, vor einem Bild von Liesl Karlstadt, einer ihrer biografischen Heldinnen; Foto: Dirk Schiff/2018

In die Monacensia wird Gunna Wendt und mich auch unsere erste Zusammenarbeit führen, eine Adaption ihrer Biografie „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin.“ anlässlich des 100. Todestages im Juli 2018. Der Text von Gunna Wendt, verwoben mit einem von mir konzipierten Multimedia-Teil, wird durch Livemusik ergänzt, die Akkordeonistin und Sängerin Michaela Dietl mit literweise Herzblut für diese Produktion komponiert hat.

Die Uraufführung „Franziska zu Reventlow zum 100. Todestag“ findet am 3. Juli 2018, um 19 Uhr, in der Monacensia statt, gefolgt von einer Reprise im Münchner Gasteig, am 20. Juli 2018, um 20 Uhr. Beide Veranstaltungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats München.

Beim Shooting für das Pressefoto zum jourfixe-Historical „Zum 100. Todestag der Franziska zu Reventlow“, in der Monacensia, Gunna Wendt steht zwischen Michaela Dietl (links) und Gaby dos Santos (rechts), April 2018; Foto: Dirk Schiff/portraitiert.de

Unter anderem dank dieser „barfüßigen Gräfing“ bzw. deren Verbundenheit zu München, wurde Gunna Wendts literarische Arbeit 2017 mit dem renommierten Schwabinger Kunstpreis gewürdigt. Auszug aus der Pressemitteilung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München:

Wenn Lena ChristFranziska zu ReventlowLiesl Karlstadt und Emmy Hennings in unserer heutigen Zeit eine Seelenverwandte wählen dürften, dann wäre es Gunna Wendt. Die Münchner Schriftstellerin lässt in ihren Biografien, die sich teils so mitreißend wie Romane lesen, die Schwabinger Bohème wiederauferstehen. Eine Würdigung jener Künstlerinnen, die lange im Schatten ihrer berühmten Männer standen, obwohl sie selbst hoch talentiert waren und Werke von großer Eigenständigkeit schufen. Mutige Frauen, die sich über alle gesellschaftlichen Grenzen hinwegsetzten und zu Vorbildern wurden. (…)

Jahrzehntelange schriftstellerische Hingabe an Rebellentum in allen möglichen Erscheinungsformen färbt ab. Entsprechend konterte Gunna Wendt  in einer pointierten Dankesrede, aus der ich abschließend zitieren möchte:

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der LH München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

„Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. (…) Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. (…) Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. (…)“


Mehr zu Gunna Wendt > www.gunna-wendt.de


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