Allgemein

Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

Der Journalist und PR-Fachmann Terry Swartzberg hatte sich des Themas „Antisemitismus“ schon vor einigen Jahren angenommen: „Selbstversuch – Mit Kippa durch München„, titelte die SZ 2015, in einem Beitrag von Jakob Wetzel. Das Experiment sollte ein Jahr dauern, doch er trägt seine Kippa bis heute, besser gesagt, eine seiner über 80 Kippas, die er mir bei sich zu Hause vor einiger Zeit zeigte: Kippas von einer Vielfalt an Motiven, Farben und Materialien, wie ich sie nie vermutet hätte.

Terry Swartzberg, 2017

Inzwischen könnte ich mir Terry ohne eine Kippa schon gar nicht mehr vorstellen. Das Exemplar von Stunde Null seines Versuches befindet sich inzwischen im Haus der  Geschichte in Bonn.

Terry Swartzberg gehört der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München an und engagiert sich, neben seinen beruflichen Kampagnen, für das Gedenken an die Opfer des Holocaust. namentlich als Vorsitzender des Vereins Stolpersteine München. Seit 2017 ist er auch ein geschätztes  Vereinsmitglied  unserer Kulturplattform  jourfixe-muenchen.

Terry in seiner Küche mit der ehemaligen Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle, als Gastgeber bei einem Treffen der jourfixe-Mitglieder, Februar 2018

Nun hat Terry Swartzberg einen Offenen Brief an „alle Jüdinnen und Juden“ in Deutschland verfasst, der mich beeindruckt und in seiner Leidenschaftlichkeit auch bewegt hat, denn er differenziert in meinen Augen die aktuellen Ereignisse, Debatten und Reaktionen zum Antisemitismus in unserem Land, OHNE sie jedoch zu verharmlosen:

Terry Swartzberg

Liebe Mispacha!

Seit 1. Dezember 2012 – seit 1970 Tagen – trage ich eine Kippa in Deutschland.

Wahr ist, dass ich damit keine einzige negative Erfahrung damit gemacht habe. Ganz im Gegenteil: Egal, wo ich hingehe, sei es München, Zwickau oder Berlin-Neukölln, erlebe ich Zuspruch – wenn überhaupt etwas. Den meisten Menschen ist ein Jude mit Kippa überhaupt nicht bemerkenswert.

Und das ist gut so.

Wahr ist, dass neulich ein Mensch mit Kippa schändlichst in Berlin angegriffen wurde. Zur Tatzeit war ich Luftlinie 500 Meter von diesem bedauernswürdigen Mensch entfernt.

Als Jude, der in einem antisemitischen Land – den USA der 50. Jahre – aufgewachsen ist, weiß ich aus eigener und bitterer Erfahrung, wie schrecklich sich Antisemitismus anfühlt – und welche seelischen Schmerzen er verursacht. Ich leide mit dem Opfer. Als Junge musste ich mich in Oshkosh, Wisconsin, oft mehrere Male am Tag mit Antisemiten prügeln. Wir Juden in Deutschland dürfen und werden keinen einzigen Übergriff tolerieren.

Wahr ist, dass es nicht der einzige Übergriff auf Juden war. Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 32 antisemitische Übergriffe – bei schätzungsweise 300.000 hier lebenden Jüdinnen und Juden.

Wahr ist, dass 99.9% aller Jüdinnen und Juden in Deutschland nie in ihren Leben irgend eine Form von Anfeindung erleben.

Wahr ist auch, dass 16% der Deutschen virulent Antisemiten sind. Diese Zahl ist nicht zu relativieren. Es ist mir unverständlich, dass ein Sechstel der Bevölkerung mich hasst. Wahr ist aber auch, dass dieser erschreckende Prozentsatz der niedrigste auf der Welt ist.

Ebenfalls wahr ist, dass sich in Deutschland, seit Ende des 2. Weltkriegs, ein vielfältiges, schnell wachsendes und freudiges Judentum etabliert hat – bestehend aus mehr als 160 Gemeinden und aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Sozial-, Kultur, Freizeit bzw. Theologie-Einrichtungen und -Organisationen. Jüdische Jugendtreffen, Sommercamps, Wandervereine – die Liste ist lang.

Auch wahr ist, dass nirgends auf der Welt das jüdische Kultur so zelebriert wird wie in Deutschland. Man kann in Deutschland fast jeden Tag jüdische Kultur-, Film- oder Literaturtage besuchen. Darin spiegelt sich das große Interesse an der jüdischen Religion. Die Besuchergottesdienste in „meiner“ Gemeinde Beth Shalom München sind oft ausgebucht.

Auch wahr ist, dass es nirgendwo auf der Welt so viele Gruppen gibt, die sehr erfolgreich Brücken – durch Dialoge – zwischen den Religionen bauen.

Terry Swartzberg bei einer Verlegung von Stolpersteinen in München 2016, s. a. > jourfixe-Blogbeitrag

Auch wahr ist, dass kein anderes Land auf der Welt so eine vitale und sich schnell entwickelnde Erinnerungskultur wie Deutschland hat. Und dadurch ist Deutschland – die Brutstätte des Holocaust – das Land mit einer einmaligen Präsenz an jüdischer Geschichte geworden. Kern dieser Kultur und dieser Präsenz sind die Stolpersteine, von denen es mehr als 60.000 in 1.250 Städten und Gemeinden gibt. Durch die Stolpersteine sind „deutsche Städte zu begehbaren und dauerhaften Atlanten vom jüdischen Leben und Leid geworden“ sagt Professor Galit Noga-Banai von der Hebrew University in Jerusalem.

Auch wahr ist, dass diese wichtigen und zentralen Leistungen der vorbildlichen deutschen Zivilgesellschaft jetzt verteidigt werden müssen – gegen einen aufkommenden Rechtspopulismus, der sich oft antisemitisch äußert und der auch deswegen gegen die Stolpersteine poltert.

Auch wahr ist, dass viele der Politiker, die sich so vehement gegen Antisemitismus äußern, eigene Gründe für ihre Solidarität mit uns Juden haben – Gründe, die häufig mit Wahlen zu tun haben.

Lassen wir uns nicht zu Werkzeugen einer anti-muslimischen Hysterie instrumentalisieren, die in Statements wie diesen zum Ausdruck kommt: „Wir müssen unsere Juden gegen den rabiaten islamischen Antisemitismus schützen“.

Und die Wahrheit ist: All das, was wir Juden in der deutschen Zivilgesellschaft darstellen und erreicht haben, lässt sich nicht verteidigen – und der Kampf gegen aufkeimende Bedrohungen lässt sich nicht gewinnen – indem wir uns verstecken und wieder die Opferrolle annehmen.

Wenn wir tatsächlich so bedroht sind, wie von Herrn Dr. Schuster des Zentralrats der Juden – den ich sehr verehre – avisiert, dann ist die Zeit wirklich gekommen, in der wir 300.000 Jüdinnen und Juden Kippot, Davidsterne und alle anderen Symbole unserer uralten und schönen Religion anziehen und auf die Straße gehen müssen!

Wir müssen jetzt tagtäglich die Konfrontation mit den Antisemiten suchen.

Ich bin bereit dazu.

Ich bin Jude, und ich lehne es ab, in einem Land zu leben, in dem ich eine zentrale Komponente meiner Identität – meine religiöse Zugehörigkeit – verstecken muss, um sicher durch den Tag zu kommen.

Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa.

Bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018

Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.

Falls Ihr keine Kippot habt: Ich habe über 80 in meiner Sammlung – manche wild, manche pietätvoll, alle schön. Sie stehen Euch zu Verfügung.

Kadima! Kadima! [hebräisch für „vorwärts“]

Euer

Terry Swartzberg


Terry Swartzberg auf Wikipedia     –     Mehr zur KIPPA

Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München


Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“, 25.4.2018

Zur Homepage von  www.stolpersteine.eu   –

Zur Homepage von  www.stolpersteine-muenchen.de


Weitere jourfixe-Blogbeiträge in Zusammenhang mit Terry Swartzberg:

Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von
Rosa Mittereder und Tochter Erna Wihelmine
mit einer Klartext–Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst 
Hintergründe und Details zur Kunstperformance des
„Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“
Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

Advertisements
Standard

2 Gedanken zu “Offener Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland von Terry Swartzberg

  1. guenter.schenk@web.de schreibt:

    Hi Terry,
    ich hab Deinen Offenen Brief an deutsche Juden, oder, wenn man will, Juden in Deutschland, mit Interesse gelesen. Auch hab ich Deine Botschaft, so glaub ich,
    verstanden, ja, sie bestätigt meine Hoffnung. Und diese Botschaft mag angesichts einer allgemeinen, noch immer nicht überwundenen Verkarmpfung, Sinn machen.

    Allerdings möchte ich doch gern meinen „eigenen Senf“ hinzufügen:
    wäre ich Christ (ich bin keiner) so fände ich es unnötig, vielleicht auch unpassend, wenn ich meine Zugehörigkeit ungefragt und ostentativ öffentllich zur Schau trüge. Das gilt auch für mich – nicht Atheist – sondern erklärtem Agnostiker. Da halte ich es auch in Deutschland, wie in Frankreich, wo ich länger als 2/3 meines bisherigen Lebens, gern und gut lebe: Religion, auch „beleaves“ sind Privatsache.

    Nichts gilt es zu Verschweigen, aber ebenfalls ist es nicht unbedingt nötig, durch signifikante Zeichen möglicherweise Trennendes herauszustellen.

    Das ist meine sehr private Einstellung. Wenn aber eine Muslima, auch ein fundamentalistischer „bekennender“ Christ, ein gläubiger Jude (nicht alle Juden sind gläubig) oder ein Sikh… u.v.a.m. meint, das anders zu tun zu müssen, so ist das natürlich ihr oder ihm allein überlassen. Es mag seinem Lebensgefühl förderlich sein.

    Ob dadaurch bei Anderen mögliche irrationale Gefühle und wohl auch eher aus „Angst vor dem Fremden“ gespeiste Animositäten hervorgerufen werden, ist wohl kaum auszuschließen, wenn auch höchst bedauerlich und auf Unkenntnis beruhend.
    Die Yarmoulke in allen Ehren, sie gehört aber sicherlich dorthin, wofür sie einmal gedacht ist: als Zeichen der Demut des Gläubigen vor „dem Höchsten“: in Räume der Kultausübung, z.B. in die Synagoge.

    Having said this, my friend, I am satisfied, even happy, if you won’t ever be object of uncomfort, wearing your kippa in public space, in Germany (where it might have a greater impact) or in any other country…

    Kind regards
    Guenter

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.