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20 Männer, 1 Frau! Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

Die aktuellen Beiträge auf der Facebook-Seite der GEMA decken die komplette Skala emotionaler Ausdrucksformen ab, von „stinksauer“ bis „sarkatisch“, viele Posts enthalten pointierte Argumentationen, andere machen ihren Emotionen Luft, doch alle vereint Fassungslosigkeit gegenüber der absoluten Überzahl an nominierten männlichen Textern und Komponisten.

Zu dem von ihr ausgelobten Musikautorenpreis 2018  schreibt die GEMAWir feiern die Musik und ihre Schöpfer – feiern Sie mit! Mit der zehnten Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises rückt die GEMA am 15. März 2018 Komponisten und Textdichter ins Rampenlicht, die mit ihren Werken die deutsche Kulturlandschaft maßgeblich bereichern. Diesen kreativen Köpfen im Hintergrund gebührt die Anerkennung, die oftmals nur den Interpreten zuteil wird. Weil sie Werke geschaffen haben, die uns berühren und durch unser Leben begleiten.

Ganz offensichtlich ist dabei die schöpferische Leistung der „xxx_innen“, der Komponistinnen und Liedtexterinnen, der ausschließlich von Männern besetzten Jury schlichtweg entgangen. Für mich beweist dieser Vorfall einmal mehr die Wichtigkeit einer Initiative wie  mfm – musica femina münchen e.V., die sich zum Ziel gesetzt hat, die Rolle der Frau in der Musik zu fördern. Entsprechend stach deren Facebook-Redakteurin, der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka, die Nominiertenliste der GEMA sofort ins Auge.

musica femina muenchen – Bildleiste der Hompage mit Komponistinnen

Gemeinsam mit mfm-Geschäftsführerin Anne Holler-Kuthe wandte sie sich umgehend an das Mitglied des GEMA-Aufsichtsrats, Charlotte Seither, mit einem Schreiben, das Bände spricht:

Liebe Frau Dr. Seither,

mit Entsetzen haben wir gesehen, dass von 21 Nominierten beim Deutschen Musikautorenpreis 2018 nur eine einzige Frau in der Liste auftaucht und die Jury ausschließlich mit Männern besetzt ist. Kann die GEMA wirklich alle Mitglieder auf diese Weise repräsentieren? Wir haben uns alle bisherigen 210 Kommentare auf der Facebook-Seite der GEMA durchgelesen und uns gefreut, dass es durchweg konstruktive Kommentare gibt.

Wie kam diese absolut männerlastige Nominierung zustande?

Wir haben bisher kein GEMA-Statement in dieser Angelegenheit gefunden, lediglich ein persönliches Statement des Jurysprechers, der u.a. schreibt „…Für mich hat Musik nichts mit Mann oder Frau zu tun, sie ist gut oder eben nicht…“ Das suggeriert uns und allen FacebookKommentator_innen, dass Musik von Frauen nicht gut sein kann.

Wie sehen Sie das als Komponistin?

Wir von musica femina münchen e.V. setzen uns seit 30 Jahren für die gleichberechtigte Teilhabe der Komponistinnen an der Musikkultur ein.

Archiv_Frau_und_Musik_Susanne_Wosnitzka_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos_Titelbild

Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka vor einer Collage des Archivs Frau und Musik > BLOGBEITRAG

Diese Nominierung bestätigt all unsere Erfahrungen und oftmals mühselige Arbeit, der Gesellschaft zu erklären, dass es überhaupt Musik von Frauen gibt.

Wie erklären Sie sich, dass ein so bedeutendes Archiv wie das Archiv Frau und Musik in Frankfurt/Main auf der Roten Liste bedrohter Kultureinrichtungen steht? In einem Land, das heuer 100 Jahre Frauenwahlrecht feiert. Diesem Archiv ist nämlich zu verdanken, dass Musik von Frauen in Europa und vor allem Deutschland seit knapp 40 Jahren überhaupt erst beachtet wurde.

Bis heute findet sich keine Komponistin in den Schulmusikbüchern, außer Clara Schumann und Fanny Hensel, aber ausschließlich als „Frau von …“ und „Schwester von …“. Dies alles scheint sich in der Nominierungsliste der GEMA widerzuspiegeln.

Wir besitzen eine (unvollständige) Liste von 1834 Komponistinnen aus 11 Jahrhunderten. Wo wird ihre Musik gehört und geachtet?

Viele unserer Vereinsmitglieder sind GEMA-Mitglieder. Unser Verein müsste diesen eigentlich empfehlen, was Frau Oriana Lai in ihrem Facebook-Kommentar schreibt: „Frauen brauchen ab sofort auch keine GEMA-Gebühren, keine Mitgliedsbeiträge, usw. zu bezahlen. Wer nicht für die GEMA existent ist, braucht auch nicht zu bezahlen.“ (…)

Abschließend nehmen die beiden Frauen des mfm-Vorstands noch Bezug auf einen lesenswerten Artikel, den Charlotte Seither, selbst Musikautorenpreisträgerin 2014, in Ausgabe 1/2017 der Nachrichten des DKV – Deutschen Komponistenverbands veröffentlicht hat:

Titelbild zu Nachrichten DKV (Deutscher Komponistenverband), Ausgabe 1/2017

 „Gleiche Chancen – gleiche Zukunft? Frauen in der Kunst und Kultur“

„Wenn die Frage der Chancengerechtigkeit mehr sein soll als ein bloßes Ornament, wenn sie wirklich in die Gesellschaft eingreifen und sie verändernwill, dann erfordert dies ein noch konsequenteres Handeln von Politik und Institutionen. Andere Länder sind dabei schon längst an uns vorbeigezogen. Tun wir es ihnen einfach nach.“ lautet am Ende des Artikels Charlotte Seithers Fazit.

Daher erfolgte auch ihre Reaktion auf die Anfrage von musica femina münchen sofort und per Telefon. Nun wird sich mfm mit einem offiziellen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der GEMA wenden. Letzterer dämmert inzwischen auch, was die Entscheidung der Jury ausgelöst hat. So ist nunmehr auf der Facebook-Seite der GEMA nachzulesen:

Liebe Community, wir begrüßen die Diskussion auf unserer Seite. Jeder Kommentar wurde und wird gelesen. Eure Kritik nehmen wir sehr ernst, denn das Thema ist ernst. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern werden wir die Diskussion aufgreifen und überlegen, wie wir geeignete Rahmenbedingungen schaffen können, damit dieses gender gap beseitigt werden kann und wir die Rolle der Frauen in der Musikbranche langfristig stärken können.

Ergänzung am 09.02.2018, 16:35 Uhr: 
Wir haben für Euch Informationen zur Wahl der Jury und der Nominierten zusammengestellt: http://bit.ly/2EffRrx. 
Am Mittwoch haben wir die Nominierten für 7 von 10 Kategorien bekannt gegeben. Wir können Euch schon so viel sagen: Auf der Bühne am 15. März werden starke Frauen stehen. (…) Aha 😉

Vielleicht ist es ja durch diesen Vorfall gelungen, endlich einmal einen gut hörbaren Weckruf auszulösen. In meinen über 20 Jahren Erfahrung als Kunst – und Kulturschaffende kann ich die Beobachtungen und Kritikpunkte von mfm nur bestätigen, als ein noch immer deutlich spürbares Phänomen in der gesamten Kunst- und Kulturbranche. Allerdings steht mit musica femina münchen musikschaffenden Frauen ein konkretes Netzwerk zur Seite, wie auch dieser jüngste Eklat zeigt. Daher kann ich meinen Kolleginnen aus anderen Kunst – und Kultursparten nur empfehlen, die letzten Reste möglicherweise verbliebener Stutenbissigkeit zu begraben und sich ebenso in Seilschaften zu organisieren, wie es uns die Männer seit jeher erfolgreich vormachen. Was meine eigene Kulturplattform jourfixe-muenchen anbelangt, so steht die Gleichstellung von Künstlerinnen auf der Agenda ganz oben. Neben musica femina münchen  zählt auch die Autorinnenvereinigung zu den Mitgliedern unseres Netzwerkes und hoffentlich gesellt sich noch die eine oder andere Frauen-Seilschaft dazu.


Zum Thema siehe auch den jourfixe-Blogbeitrag

26.01.2016
Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik

Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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2 Gedanken zu “20 Männer, 1 Frau! Die Nominierungen für den Musikautorenpreis 2018 lösen Shitstorm gegen GEMA aus; musica femina münchen reagiert

  1. Pingback: Die feminine Saite – Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik | jourfixeblog

  2. Pingback: Das Frauenorchesterprojekt FOP bringt alljährlich Werke von Komponistinnen in Berlin zur Aufführung: Details sowie die Portraits zu den Komponistinnen von 2018 | jourfixeblog

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