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Große Musik in Taschenformat – PROGNOSTIC, die neue Progressive-Rockband überzeugt im Wohnzimmer

„Es ist Musik, die fortschreitet. Sie nimmt eine Idee und entwickelt sie, statt sie einfach zu wiederholen. Pop-Songs bestehen aus Wiederholung, Riffs und Einfachheit. Progressive Musik nimmt ein Riff, kehrt sein Inneres nach Außen, stellt es auf den Kopf, spielt es dann wieder andersherum und erkundet so sein Potenzial.“ So beschreibt der Musiker Keith Emerson  das von ihm mitgestaltete Genre „Progressive Rock„.

Musiker Keith Emerson 2010 bei einem Auftritt, Foto > Quelle

Ehrlich gesagt war mir bis dahin diese Musik aus meiner Jugend zwar bekannt, aber nie wirklich ein Begriff gewesen, bis mich Artur Silber, seines Zeichens Rock-Schlagzeuger, Studiobesitzer, Musikverleger und (PR)Manager vor einiger Zeit anrief.

Artur Silber, musikalisches Urgestein und Drummer u.a. von PROGNOSTIC

Überraschung und Freude auf meiner Seite. Überraschung, weil wir eine gefühlte Ewigkeit nichts von einander gehört hatten. Freude, weil ein Anruf von Artur, der sich in einem Feature der Jüdischen Allgemeinen selbst als „musikalisches Urgestein der Münchner Szene“ bezeichnete, auf jeden Fall was Spannendes versprach. Was mochte dieser kulturelle Tausendsassa da wohl wieder am Köcheln haben?

Unter dem was er dann berichtete, konnte ich mir zunächst nicht wirklich etwas vorstellen; vom Pressetext her klang das neue Bandprojekt allerdings vielversprechend: Mit PROGNOSTIC hat Münchens Bandszene ein neues Flaggschiff: Die vierköpfige Formation lädt bei ihren Konzerten ein zu einer musikalischen Hommage an den „Progressive Rock“ der 70er – vom Magazin Musikexpress als „Königsklasse der Rockmusik“ bezeichnet. Musik wie ein Sog aus geballter Leidenschaft und hoher Musikalität. Rockmusik also, in Zwischentexten kommentiert von einem versierten Rock-Journalisten und präsentiert im Wohnzimmer des Keyboarders. Der Hinweis auf einen kleinen privaten Rahmen, in dem ein ganzes Rockkonzert stattfinden sollte, ließ mich aufhorchen, beschwor doch gerade diese Musikrichtung Lautstärke, sehr viel Lautstärke, lange Haare, sehr lange Haare, sehr lässige Klamotten, viel Bier und riesige Hallen vor meinem Inneren Auge herauf – das Erscheinungsbild der Rebellion meiner Generation wider dem Establishment. Wie sich dies alles auf das Format eines Wohnzimmers würde zusammenfalten lassen, interessierte mich brennend.

Gaby dos Santos vor der Uraufführung von PROGNOSTIC im Wohnzimmer von Martin Stellmacher (Keyboards/Voc)

Zu Recht: Die Uraufführung, die ich in der Wohnzimmeratmosphäre bei Martin Stellmacher erlebte, dem Keyboarder der Band, entsprach dem so oft beschworenen und selten erreichten Revival eines klassischen Salonabends  in modernem Gewand: Gepflegtes Ambiente, konzentriertes Publikum und eine Interpretation auf hohem künstlerischem Niveau, allerdings nicht, wie Anno dazumal, dargeboten von der Dame des Hauses oder der Höheren Tochter, sondern von einer, klanglich wie optisch, homogen auftretenden Band, mit einem Leadsänger, der, dank seines Hintergrunds auch als Musical-Interpret, die Songs intensiv interpretierte.

Unvergessene Kompositionen wie „Tarkus“ von Emerson, Lake & Palmer wechseln sich ab mit Songs u.a. von Genesis, Rush, Peter Gabriel und UK. Ein wertvolles Stück Musikgeschichte – episch, melodisch, bombastisch. Nicht geklont, aber spannend interpretiert!“ so der Info-Text zur Band. In der Tat. Auch, dass weniger oft mehr ist, fand ich hier eindrucksvoll bestätigt.

Die reduziert, akustisch spielende Besetzung, inklusive eines noch viel reduzierteren Drum Sets, brachten mir die Komplexität der Kompositionen so nah wie nie und fokussierte auf das ausgefeilte Spiel jedes einzelnen der Musiker, deren Erscheinungsbild dem gepflegten Joe Cocker der letzten Jahre sehr viel näher kam, als dem Langhaar/T-Shirt-Look unser aller Jugendjahre. Dazu äußert PROGNOSTIC auf ihrer Homepage: Was kann der Grund dafür sein, dass ein paar „ältere Herren“ nach 30 oder mehr Jahren Bühnenerfahrung und unzähligen Konzerten noch nicht genug haben und eine neue Band starten? Richtig: die Leidenschaft für Musik. (…) 

Die Perspektive, sowohl in Bezug auf den Musikstil, als auch auf die Band, richtet sich somit nach vorne. Auf der Startseite von PROGNOSTIC findet sich  ein bezeichnendes Zitat von US-Schauspieler William Shatner, alias „Captain Kirk“ des Raumschiffs Enterprise:

„I think that prog rock is the science fiction of music. Science fiction speculates on what the future might be and look like and how we’ll get there, and yet there’s always a central theme of humanity, or there should be. Progressive rock has the same concept of exploration into the parts of the music world that hasn’t been explored.” 

 

Michael Fuchs-Gamböck

Doch wurde bei der Uraufführung auch der Vergangenheit Tribut gezollt, anhand der musikhistorischen Erläuterungen und Reminiszenzen des Journalisten und Autors Michael Fuchs-Gamböck.  Dass hier ein gewichtiger Vertreter des Rock-Journalismus moderierte, erschloss sich schnell,  denn die persönlich erlebten Anekdoten, die er hier Revue passieren ließ, betrafen die FrontRow-Protagonisten der internationalen Rockwelt. Die Schilderung unterhaltsamer Kuriositäten wechselte ab mit Zitaten von Rockstars, deren Tiefe bewies, was für komplexe Individualisten, mit entsprechenden Klangbotschaften, sich hinter der Einheitsfassade einer rebellischen Musikbewegung verbargen – und immer noch verbergen. Zwar sind wir Rebellen von damals längst Teil des Establishments, doch dieses „immer noch“ in puncto musikalischer und lebensphilosophischer Refelktion besteht weiterhin.

PROGNOSTIC – Von links: Arno Baum (b), Martin Stellmann (p), Charles B. Logan (voc), Artur Silber (dr)

Musik, Interpreten und Publikum sind gereift. Jenseits von Berufsjugendlichen und dem so viel beschworenen Zielpublikum der 20 bis 49jährigen, gibt es uns, das große ergraute Potential an Zuschauern –

Progressive Rock in Pocket Format

Und wir sind gerne bereit, in Eintrittsgelder zu investieren, die uns Acts mit der Art von Musik bieten, mit der wir groß geworden sind, die sich aber im Laufe der Jahre ebenso weiter entwickelt hat, wie wir, die wir von der Zahl her sicher weit mehr, als nur ein Nischenpublikum bilden. Hier würde ich mir mehr Mut seitens der Veranstalter wünschen und mehr Bereitschaft seitens staatlicher und städtischer Institutionen, sich mit dieser Form von Musik intensiver auseinander zu setzen und sie als kulturelles Gut zu fördern. Weil sie die Gründung eines Rockmuseums planten, sprachen die RockliebhaberInnen Gabi und Herbert Hauke vor Jahren bei dem Vertreter einer Kulturbehörde vor und bekamen sinngemäß zur Antwort, München brauche kein Museum für Langhaarige und Drogensüchtige. Zugegebenermaßen befindet sich besagter Mitarbeiter nicht mehr im Amt und das Rockmuseum längst im ersten Stock des Münchner Olympiaturms, aber auch weiterhin in privater Hand des Ehepaar Hauke, auf deren Risiko und Kosten. Exemplarisch?

Da nun mit dem Schwabinger Podium  auch das letzte Traditionslokal im Herzen Münchens für speziell diese Musikrichtung geschlossen hat, wählte die Band PROGNOSTIC für ihre Welturaufführung das Taschenformat und schaffte damit quasi ein neues Hörerlebnis innerhalb der Rockmusik. Hoffentlich wird dieses anspruchsvolle Projekt auch von kulturellen EntscheidungsträgerInnen wahrgenommen und dahingehend gewürdigt , dass auch dieses Genre gefördert und dadurch wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird, durchaus auch in konzertantem Rahmen, um den Facettenreichtum dieser Musik richtig zur Geltung kommen zu lassen, als vielschichtiges Musikangebot, dass sich im Übrigen keinesfalls nur an NostalgikerInnen aus unserer Generation wendet!

Welcome back my friends to the show that never ends … (Greg Lake)


The Show Goes On: Artur Silber vor dem Plakat zum nächsten Gig

… und da die Show nicht endet, geht sie schon nächsten Monat hochkarätig weiter:

27. und 28. Februar, Einl. 20.30 Uhr, Beginn 21 Uhr

im NightClub, Bayerischer Hof  > Reservierungen/Details

Martin Fuchs-Gamböck wird mit seinen Zwischenmoderationen weiterhin an einer Reihe der PROGNOSTIC-Konzerte teilnehmen.

Auch für private Veranstaltungen in den eigenen vier Wohnzimmerwänden kann die Band gebucht werden..

Über alle weiteren Termine informiert die PROGNOSTIC-Homepage, unter „wann“


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3 Gedanken zu “Große Musik in Taschenformat – PROGNOSTIC, die neue Progressive-Rockband überzeugt im Wohnzimmer

  1. Pingback: jourfixe-News vom 17.18.11: Artrock mit PROGNOSTIC im Rockmuseum / Gunna Wendt liest aus „Erika & Therese“, Im SALON-LiteraturVerlag „Plötzliche Hunde“ von Tania Rupel Tera, TV-Clip zur Vernissage von Dirk Schiff | jourfixeblo

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