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„Integrierst Du noch oder schreibst Du schon?“ > > > Maria-Jolanda Boselli zum Fachgespräch der *Autorinnenvereinigung über Sprache als Weg zur Integration

Gibt es den Königsweg zur erfolgreichen Integration? Die Frage ist falsch gestellt, darüber waren sich die Autorinnen Silvija Hinzmann Fadumo Korn Gertraud Klemm und Tunay Önder einig.

Bloggerin Tunay Önder

Beim Expertengespräch im Münchner Pelkovenschlössl stellten sie gemeinsam fest: Es geht nicht darum, woher du kommst, welche Traditionen du pflegst oder welchen Hintergrund du hast. Beurteilt wirst du nur danach, wie du handelst.

Die Soziologin und Bloggerin Tunay Önder („Migrantenstadl“) rät ihren Freunden, die wie sie als Kinder von Gastarbeitern in der zweiten Generation in Deutschland sind, inzwischen provokativ zur „Desintegration.“ Statt Kultur und Riten der elterlichen Heimat abzuschwören, sollten Einheimische, Migranten der ersten und zweiten Stunde und Flüchtlinge, aus bestehenden Strukturen und vielfältigen Einflüssen, ein neues Ganzes zusammenfügen.

Unter dem Motto „Die Kraft von Worten“ widmete sich die Autorinnenvereinigung ein Wochenende lang der Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Kultur. Das von BR-Redakteurin Özlem Sarikaya und Journalistin und AV-Vorstandsmitglied Maria Jolanda Boselli moderierte Expertengespräch diente dazu, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte zur Förderung des deutschsprachigen Autorinnennachwuchses zu finden.

Expertinnenrunde bei der abschließenden AV- Matinée am 26.11.2017 im Moosacher Pelkovenschlössl vlnr: Silvija Hinzmann, Gertraud Klemm, Fadumo Korn, Özlem Sarikaya, Maria-Jolanda Boselli, Tunay Önder, Hebatallah Fahty

Multikulturelles Selbstbewusstsein als Chance gegen Fremdenhass
Gerade angesichts der wachsenden nationalistischen Strömungen sei dieses neue, multikulturelle Selbstbewusstsein wichtig und die einzige Chance gegen Radikalisierung und Ausländerhass, betonte auch Gertraud Klemm.

Gertraud Klemm

Die österreichische Preisträgerin des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises bedauerte, dass öffentliche Leistungen für Integrationsmaßnahmen wie Sprachkurse dramatisch einbrechen. Sie beobachte schon in der Schule eine Ausgrenzung ausländischer nicht europäischer Kinder. „Aber wenn ich einen Pressetermin mit Kommunalpolitikern habe, wollen sie immer eines meiner Kinder als „Toleranz Accessoire“ auf dem Foto“, berichtete die Mutter zweier adoptierter Kinder mit afrikanischen Wurzeln. In unserer europäischen Gesellschaft fehle es trotz aller Multikultur an farbigen Vorbildern – die im Moment nur im Sport präsent seien.

Professor Hebathalla Fathy vom Institut Deutsch als Fremdsprache der LMU vermisst bis heute in höheren Positionen eine kulturelle Durchmischung. Sie unterstützt junge Flüchtlinge dabei, in Deutschland Fuß zu fassen – und das auf eine ganz besondere Art. Einer Kultur nähere man sich am besten mit Büchern, sagt sie, und ermutigt die jungen Männer und Frauen zu lesen – und im zweiten Schritt, selbst zu schreiben.

Silvija Hinzmann

Sprache ist eine starke Waffe

Genau so eroberte sich auch Silvija Hinzmann ihren Platz in Stuttgart. Als die 14jährige nach Deutschland kam, hatte sie in der Schule bereits Deutsch gelernt – „um mich wenigstens unterhalten zu können, wenn ich meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchte.“ Aus Urlaub wurde Alltag und Deutsch zur zweiten Muttersprache. „Damals las ich alles, was ich finden konnte. Ich stenografierte sogar die Schlagertexte aus Dieter Thomas Hecks Hitparade mit“, erinnerte sich die Krimiautorin. Ob in Kroatien oder in Deutschland – sie habe nie etwas anderes machen wollen als Schreiben. In welcher Sprache, das sei für sie sekundär gewesen.

Fadumo Korn

Fadumo Korn kam als Teenager aus Somalia über Italien nach München. „Ich habe schnell Deutsch gelernt“, erzählte sie. „Wie davor Italienisch.“ Sie habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass Worte mächtige Waffen seien, mit denen gerade Frauen auch scheinbar stärkere Männer „erschlagen“ können. Starke Worte sind bis heute das Markenzeichen der Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Aktivistin für Frauenrechte und gegen Beschneidung. Wenn es darum geht, damit ein Unrecht zu bekämpfen, wägt sie nicht ab, ob es gefährlich ist, sich einzuschalten. Dass sie als Afrikanerin in Deutschland nach wie vor auffällt, macht ihr nichts aus: „Die Unsicherheit liegt ja nicht bei mir, sondern bei denen, die nicht genau wissen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen.“

Integrieren sich Frauen schneller als Männer? Ihre Mutter habe sich in der deutschen Sprache besser zurechtgefunden als ihr Vater, sagte Tunay Önder. Denn der habe am Arbeitsplatz mit Migranten aus Italien, Griechenland und Jugoslavien eher ein Kauderwelsch gesprochen.

Schreibworkshops für jungen Frauen

Marion Tauschwitz, Vorsitzende der AV

Tatsächlich finden Familien heute leichter ihren Platz in einer fremden Kultur und Gesellschaft, wenn die Mütter sich dieser öffnen, besagen Studien. „Hier möchten wir Autorinnen helfen“, sagt Marion Tauschwitz, die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung AV. „In Workshops und beim Coaching können wir junge Frauen und Mädchen dabei unterstützen, über die Sprache einen Zugang zu einer neuen Umwelt zu finden. Sehr gerne kooperieren wir mit interessierten Institutionen und Einrichtungen. Wir haben in vielen deutschen Städten regionale Gruppen und nehmen das Thema als einen Arbeitsschwerpunkt aus diesem Gespräch mit.“


Maria-Jolanda Boselli

Mehr zur Jahrestagung 2017 der Autorinnenvereinigung (AV) im jourfixe–Blogbeitrag von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der AV  >>> Literarische Frauenpower im Pelkovenschlössl

Von ihr stammt auch der vorliegende jourfixe-Blogbeitrag „Integrierst Du noch – oder schreibst Du schon?“


*Die Autorinnenvereinigung ist der welweit einzige Zusammenschluss von Schriftstellerinnen, die in deutscher Sprache publizieren. Sie setzt sich seit rund 20 Jahren für die Rechte schreibender Frauen ein und unterstützt diese durch Netzwerke, Stipendien und Preise.

Fulminanter Auftakt der Tagung mit einem Poetry Slam unter dem Motto: „Was genau ist dahoam?“ Acht junge Poetinnen und Poeten mit und ohne Migrationshintergrund dichteten, rappten, slammten zum Thema „Integration“. Moderation: Franziska Ruprecht, Münchner Performance Poetin (links außen im Bild) Dazu „Intro und Outro“: Traditionelle Musik aus dem Iran mit Gitarre und Gesang

* Das Titelbild zeigt AV-Autorinnen während der Jahrestagung, 24.-26.11.2017/Pelkovenschlössl: von links nach rechts >  Sylvia Tornau, Undine Marion Pelny, Maria-Jolanda Boselli, Marion Tauschwitz, Yvonne Powell, Ulrike Schäfer, Regina Lehrkind,  Billie Rubin und Gertraud Klemm.


Verzeichnis aller jourfixe–Blogbeiträge mit jew. Link

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