Vom Wirtschaftswunder in die Unsterblichkeit: Die Malerin Magda Bittner-Simmet und ihr Schwabinger Ateliermuseum

Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und fein …“ so lautete ein beliebter Eintrag in die Poesie-Alben meiner Generation. Ich bin Jahrgang 1958. Der Feminismus steckte da noch in den Kinderschuhen und mir wäre daher nicht in den Sinn gekommen, es doch besser mit der „stolzen Rose“ zu halten, „die immer bewundert will sein„. Das Streben nach Anerkennung und Erfolg kam in den Lebensentwürfen für Frauen lange nicht vor, ganz zu schweigen von dem Wunsch, das eigene Lebenswerk über den Tod hinaus präsent zu halten. Doch genau dafür hat sich eine Künstlerin entschieden, die in eine Zeit hineingeboren wurde, in der noch nicht einmal das Wahlrecht für Frauen galt: Magda Bittner-Simmet, „akademische Kunstmalerin“, gefragte Portraitistin, Globetrotterin, Netzwerkerin, bayerische Gesellschaftslöwin und schließlich Stifterin in eigener Sache.

1916 wurde sie in eine großbürgerliche Erdinger Familie hineingeboren, der sie sich in puncto „Vita“ aber nur insofern fügte, als dass sie sich zur Lehrerin für Kurz- und Schönschrift ausbilden ließ. Dem schloss sie, nicht gerade zur Freude des Vaters, ein Studium an der Münchner Kunstakademie an, an der erst seit 1920 auch Studentinnen zugelassen waren. Dort studierte sie unter anderem bei Elke Brauneis, selbst eine der ersten Kunstdozentinnen, eine Begegnung, die wegweisend für Magda Bittner-Simmets eigene künstlerische Karriere gewesen sein dürfte.

Magda Simmet 1935 – Ganz offensichtlich schon damals eine ungewöhnlich selbstbewusste junge Frau, Quelle: Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung

Zu ihrem Werdegang ist auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung/Leben nachzulesen: „Um sich ihr Studium zu finanzieren, arbeitete die zielstrebige Studentin gleichzeitig als Fachlehrerin für Kurz- und Plakatschrift sowie als Zeichen- und Werklehrerin. (…) 1944 schloss sie ihr Studium mit einem Erfolgsdiplom ab und verwendete ihren Titel ‚akademische Kunstmalerin‘ seitdem mit Stolz.

Nach Kriegsende suchte sie trotz der allgemein schweren Lebens- und Arbeitsumstände beharrlich weiter ihre eigene Sprache der Malerei, die nun ihrem persönlichen Ausdruckswillen entsprechen sollte. Um ihren Porträtstil weiter zu verfeinern, wurde sie 1951 nochmals Gaststudentin bei dem für dieses Genre hochgeschätzen Münchner Akademieprofessor Hans Gött.

Ihre Eigenständigkeit rettete sie über die Tragödie ihres Lebens hinweg, als 1947, noch im Jahr der Hochzeit, ihr Mann, der Arzt Max Bittner, überraschend an einer Infektion verstarb, wahrscheinlich nach der Gabe von gepanschtem Penicillin, wie sie in jenen Zeiten oft und mit fatalen Folgen erfolgte und im Film „Der Dritte Mann“ thematisiert wird. Kein Jahr verheiratet und Witwe mit gerade 31 Jahren! Eine solche Lebenssituation hätte viele andere Frauen in die Selbstaufgabe getrieben, nicht so Magda Bittner-Simmet.

Schnappschuss eines Selbstportraits

Die Autorin Gunna Wendt beschrieb sie in einem aktuellen Kurzportait als eine Mischung aus Scarlett O’Hara,  Franziska zu Reventlow, in deren Tradition sie sich stilisierte und dabei,  wie Fassbinders Maria Braun, die Chancen des Wirtschaftswunders für sich zu nutzen verstand. Deren Vertreter konnten sich wieder Kunst leisten und sahen sich auch selber gerne auf Leinwand verewigt, oft von der bekannten Malerin Bittner-Simmet.

Magda Bittner Simmet 1972 in ihrem Atelier in der Schwabinger Leopoldstraße; bei dem Oben-Ohne-Portrait oben rechts handelt es sich um ein Selbstbildnis, Foto: MBS

Im Künstlerviertel Schwabing, das noch immer vom Flair seiner legendären Vergangenheit zehrte, eröffnete Magda Bittner-Simmet ein eigenes Atelier und portraitierte schon bald das „Who is who“ der Münchner Gesellschaft, in einer Zeit, in der laut Dr. Oettker Werbung eine Frau doch angeblich nur zwei Probleme umtrieben: Was ziehe ich an und was koche ich heute? Der Bundesverband deutscher Stiftungen schreibt dazu in einem seiner Archivportraits:

Magda Bittner Simmet 1960 mit Schriftsteller Oskar Maria Graf  am Stammtisch des Seerosenkreises

Entgegen der Zeitströmung malte sie gegenständlich. Ihre bevorzugten Sujets waren Landschaftsdarstellungen und ganz besonders Porträts. Modell saßen ihr viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Kultur, u.a. der Bayerische Innenminister Wilhelm Hoegner, Landesbischof Hans Lilje und der Schriftsteller Oskar Maria Graf.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Magda Bittner-Simmet durch den damaligen Kultusminister H. Zehetmaier, April 1989

Im Gegensatz zu vielen, auch heutigen Künstler-Kolleg_Innen, ging Bittner-Simmet pragmatisch mit Beruf UND Berufung um, wohl wissend, dass Schöpfertum alleine noch keine Existenz zementiert: Die Künstlerin setzte sich in verschiedenen Organisationen für die soziale Absicherung von Künstlerinnen ein, war Vorsitzende der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördererinnen e. V. (GEDOK) München und erhielt für ihr berufspolitisches Engagement das Bundesverdienstkreuz. (Bundesverband deutscher Stiftungen in einem Archivportrait)

Eine ihrer Leidenschaften war das Reisen, für sie auch Quelle neuer Bildmotive und Inspirationen. Sie organisierte auch Gruppenreisen für Kolleg_Innen, aber scheute sich dabei nicht, ihr „Revier“ energisch abzugrenzen und beispielsweise einen Maler auszuschließen, nachdem er, zumindest ihrer Auffassung nach, wiederholt Motive von ihr kopiert hatte, so Biografin Gunna Wendt in ihrem Kurzportrait.

Die Autorin Gunna Wendt trägt ein Kurzportrait zu Magda Bittner Simmet, in deren Ateliermuseum vor, März 2017, im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings

Nunmehr 40 Jahre alt ist das Künstlerhaus, das Magda Bittner-Simmet am Schwabinger Bach errichten ließ. Das Dachgeschoss baute sie zu einer großzügigen, lichtdurchfluteten Atelierwohnung aus, die Wohneinheiten in den beiden unteren Etagen vermietete sie.

Magda Bittner-Simmet bei einem ihrer Künstlerfeste im Atelier am Schwabinger Bach

Heute fließen diese Mieteinnahmen in die nach ihr benannten und bereits zu Lebzeiten geplanten Magda Bittner-Simmet Stiftung.

Vorstand Verena Walterspiel bei einer Einführungsrede, März 2017

Dank einer testamentarischen Verfügung erfüllte sich posthum Magda Bittner-Simmets großer Wunsch dieser eigenen Stiftung, und die Atelierwohnung verwandelte sich in ein Ateliermuseum, in dem Kustodin Christiane von Nordenskjöld, anhand von Führungen und Vorträgen regelmäßig an Werk und Leben einer bewundernswert zielorientierten Künstler-Persönlichkeit erinnert.

Mich fasziniert jeder Besuch aufs Neue, denn mit Betreten des Ateliers fühle ich mich in die Zeit meiner Kindheit und Jugend zurück katapultiert, angesichts der vielen Exponate aus dem persönlichen Besitz der Künstlerin. In der Mitte des Hauptraumes befindet sich der erhöhte Sessel, in dem einst ihre illustre Klientel Platz nahm, um sich von der Künstlerin in Öl verewigen zu lassen. Doch ich empfinde dieses Möbelstück eher als Thron der Künstlerin selbst, deren unsichtbare Präsenz bis heute den Ort dominiert.

Kustodin Christiane von Nordenskjöld während einer Führung. Rechts  der Portraitier-Stuhl

Das Ateliermuseum im Künstlerhaus am Schwabinger Bach bietet einen ungewöhnlichen ErfahrungsOrt für das Lebensgefühl der Nachkriegszeit und Wirtschaftswunderjahre. Ein Besuch im ehemaligen Atelier von Magda Bittner-Simmet ist wie eine Zeitreise (…), beschreibt die Homepage der Stiftung treffend die ganz spezielle Atmosphäre des Ortes, die zwar vorwiegend, aber nicht nur vom Nachlass der Stifterin geprägt wird, sondern auch von der liebevollen Akribie und dem Einfallsreichtum, die, seitens Kustodin und Vorstand, das vielseitige Veranstaltungsangebot begleiten, das ebenfalls den künstlerischen Nachlass der Malerin Magda Bittner-Simmet als Bildgedächtnis der Münchner Kunst- und Zeitgeschichte zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte.

So führte beispielsweise kürzlich der Vortrag „Kunst und Käseigel“ die Besucher_Innen zurück in die erfolgreichen Wirtschaftswunderjahre der Stifterin, einschließlich einer stimmigen kulinarischen Begleitung … [s. obiges Foto]

Aber nicht nur die Stifterin und ihr Werk werden hier thematisiert, sondern auch Biografien anderer Künstlerinnen, die selbstbestimmt ihre Laufbahn verfolgten, wie beispielsweise die Schwabinger „Traumprinzessin“ Bele Bachem.

Im Gegensatz zu manchen anderen Museen und Kunsttempeln empfinde ich dieses Ateliermuseum als einen Ort, der Kunst und Kultur regelrecht atmet, weil er einen ganz nah an seine Schöpferin heran führt. Dazu findet sich auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung ein Zitat:

„Die Wohnung, das Milieu, die Gegenstände, mit denen sich ein Mensch umgibt, verraten fast alles über ihn…“ (Jean Baudrillard)


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