Stiften gehen … Momentaufnahmen und Gedanken zur Eröffnung des Münchner StiftungsFrühling 2017 in der BMW-Welt

Bis 2013 die Münchner Kultur-GmbH den ersten Münchner Stiftungsfrühling ins Leben rief, hatte ich nur eine vage Vorstellung von den Begriffen „Stiftung/stiften„, und die war eher negativ belegt: Da gab es doch den Skandal um den Preis der „Gelbe-Engel-Stiftung“ des ADAC, in dessen Strudel dann auch noch die Stiftung Warentest geraten war ..? Letztere kennt natürlich jeder, spätestens als durch den Boulevard die Klage von Schauspielerin Uschi Glas geisterte, deren Kosmetik von der Stiftung verrissen worden war. Und nennen sich nicht Altersresidenzen für betuchte Senioren gerne „Wohnstift“, als begrifflich angenehmere Alternative zu „Altenheim“? Und apropos alt: Bewohnten nicht einst altjüngferliche Damen schon zu Luthers Zeiten religiöse „Stifte“, die von Königen, Herzögen oder begüterten Adelsfamilien gestiftet worden waren, die sich auf diesem Wege, neben politischen Vorteilen, ihr Seelenheil sichern wollten?

Der MünchnerStiftungsFrühling möchte mit dem Mythos der „verstaubten Stiftung“ brechen. Hier soll der Münchner Bevölkerung gezeigt werden, welch spannendes Handlungsfeld in einer Stiftung liegt, wie vielseitig die Projekte und die Förderungen der Stiftungen sind und wo das Wirken der Stiftungen überhaupt sichtbar wird. Und er möchte den Blick schärfen für diese Facette unserer Stadt, die vielen oft verborgen bleibt„, räumt Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort zum diesjährigen MünchnerStiftungsFrühling mit so manchem Vorurteil auf.

Marktplatz einmal anders, im Stiftungsforum der BMW-Welt: Stände und Besucher dicht an dicht, zum Auftakt des MünchnerStiftungsFrühlings 2017

In der Tat, so wie die Lange Nacht der Musik/Museen dazu beiträgt, die Kunst in unserer Stadt sichtbarer zu machen, verhält es sich seit sechs Jahren auch mit dem biennal abgehaltenen MünchnerStiftungsFrühling: Dann stellt das Team der Kultur GmbH, um Geschäftsführer Ralf Gabriel und Projektleiterin Julia Landgrebe, pünktlich zum Frühlingserwachen, ein breitgefächertes Programm-Angebot unterschiedlichster Stiftungen zusammen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: „Frühling bedeutet Aufbruch, Stiften auch. Wer stiftet, schafft Möglichkeiten und setzt damit den Keim für neue Wege, lässt Ideen sprießen und Projekte erblühen. Wieso also nicht diese bunte Wiese allen zugänglich machen? Und genau dieses Ziel verfolgt der MünchnerStiftungsFrühling. Wer weiß schon, wo überall in der Stadt Stiftung drin steckt? Dass Stiftungen unseren Alltag durchweben, weiß kaum einer – und doch sind sie unentbehrlich für unsere Gesellschaft,“ erklärt die Münchner Kultur GmbH die Idee hinter dahinter.

„Vorhang auf und Bühne frei!“ hieß es in der BMW-Welt für diesen Chor der Castringius Kinder- und Jugend-Stiftung München 

Das Herzstück der Veranstaltungswoche, die 2017 vom 24. bis 30 März läuft, bildet die BMW-Welt, Stiftungs-Forum und Schauplatz unterschiedlichster Veranstaltungen; ein kongenialer Standort dank seiner offenen Architektur und Glasfassaden. Bereits im Außenbereich empfing mich gestern ein erster Vorgeschmack der thematischen Bandbreite, in der Stiftungen aufgestellt sind:

Als erstes spazierte ich durch „das größte Darmmodell Europas„.

An den Innenwänden fanden sich zunächst die Innenansicht eines gesunden Darms, danach, in Übergröße, harmlose Polypen, dann Polypen im Grenzstadium zum Krebs und schließlich Krebsgeschwüre in fortgeschrittenem Zustand. Direkt abstoßend wirkten die Konstrukte zwar nicht, dezent in lachsfarbenen Schattierungen wuchernd, aber die erläuternden Texttafeln ließen mich schon darüber nachdenken, mich endlich einmal einer Darmkrebs-Vorsorge zu unterziehen, wofür sich die Felix-Burda-Stiftung seit 2001 einsetzt.

Neben den Superlativen, die der MünchnerStiftungsfrühling zu bieten hat, begeistern mich oft gerade kleinere, jedoch mit viel Herzblut geführte Stiftungen:

Dazu zählt die engagierte Magda Bittner–Simmet Stiftung: Kustodin ist Christiane von Nordenskjöld, die ich schon seit ihrer Zeit als Assistentin bei der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition kenne und als Kollegin über die Jahre ins Herz geschlossen habe. Nun betreut sie das künstlerische Erbe von Magda Bittner-Simmet mit, einer erfolgreichen Münchner Malerin. Deren Atelier unmittelbar am Englischen Garten, in dem sie einst Berühmtheiten portraitierte, dient heute als Museum, das die Besucher hautnah an die Welt der Kunstschaffenden im allgemeinen und an die von Magda Bittner-Simmet insbesondere heranführt. Darüber hinaus finden hier, ganz im Sinne der Stifterin, Veranstaltungen statt, die thematisch um starke, emanzipierte Frauenpersönlichkeiten kreisen, wie sie Bittner-Simmet selbst in den konservativen 50er und 60er Jahren darstellte.

Im Rahmen des MünchnerStiftungsFrühlings 2017 referieren hier u.a. die Autorinnen Renée Rauchalles sowie Gunna Wendt, die gerade den Schwabinger Kunstpreis 2017 zugesprochen bekommen hat.

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Am Montag, 27.03. 15:30 Uhr – 17:30 Uhr, Stiftung Seniorenarbeit im Diakoniewerk München-Maxvorstadt, lädt die Argula-von-Grumbach-Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu einem Vortrag über „Argula von Grumbach – eine bayerische Reformatorin“. Sie war eine mutige Adelige zur Zeit Luthers, mischte sich in die religiösen Dispute der Reformationszeit ein und war mit ihren Flugblättern eine Bestsellerautorin, die auch in Briefkontakt mit Luther stand, der sie ausdrücklich schätzte.

[Argula von Grumbach – Ausschnitt einer Münze – Quelle ELKB]

„Die Frauen in der Reformation“ möchte ich in einem Artikel in den nächsten Wochen aufgreifen und besuchte daher Dorothee Burkhardt (Foto), Erste Vorsitzende des Beirats der Argula-von-Grumbach-Stiftung an ihrem Stand. Sie hielt dort Stellung in einem Mantel, der dem von Argula auf historischen Abbildungen nachempfunden war. Sicherlich muss es ihr darin sehr warm gewesen sein, aber dieses Kleidungsstück zog viel Aufmerksamkeit auf sich, nicht zuletzt auf Grund von Details, wie Armlöcher, durch die man an unterschiedlichen Stellen schlupfen kann, je nachdem ob kurzärmlig oder langärmlig saisonal angesagt ist. Dennoch: Argulas häufige Langstrecken-Ritte dürften kaum in diesem Modell stattgefunden haben! Das Kostüm kann künftig ausgeliehen werden, die Leihgebühren kommen der Stiftung zugute. Diese fördert die Gleichstellung von Mann und Frau in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie will die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext unterstützen.“ 2007, unter Federführung von Kirchenrätin Dr. Johanna Beyer, wurde sie ins Leben gerufen: „Rund um die Person Argula von Grumbachs hat die Frauengleichstellungsstelle der ELKB viele Angebote und Aktionen entwickelt: von einer Radtour zu den Wirkungsstätten über eine eigene Stiftung bis hin zu einem nach ihr benannten Gleichstellungsförderpreis.“ (Quelle: ELKB)

Gute zwei Stunden habe ich das Stiftungsangebot der unterschiedlichsten Stände durchstöbert. Nachstehend einige Momentaufnahmen mit weiterführenden Links >

Die Münchner Schachstiftung: Bildungsförderung auf der Grundlage von Schach

Die Nemetschek Stiftung möchte als unabhängige, überparteiliche und gemeinnützige Stiftung einen Beitrag zur demokratischen Kultur in Deutschland leisten. Dafür setzt die 2007 gegründete Stiftung innovative Projekte um, die überraschende Perspektiven auf gesellschaftspolitische Fragen eröffnen. Im Foyer/Auditorium der BMW-Welt lud sie zu einer interaktiven „Reise zu den Grundrechten“, die das Geheimnis um DAS GEHEIMNIS zu lüften suchte …

Schlichtes Plakat, großes Anliegen und viel Herzblut steckt in der TuaRes Stiftung, deren Ziel es ist, besonders benachteiligte Mädchen in Afrika zu fördern

Dieser plüschige Vogel der Stiftung Kindergesundheit, c/o Dr. von Haunersches Kinderspital, brachte mehr als ein paar Kinderkulleraugen zum Strahlen und mich auch, als er mir so nett zuwinkte und einen Flyer in die Hand drückte … Dieser Kinderklinik ist, glaube ich, so gut wie jede/r verbunden, der in München Kinder großgezogen hat –

Und natürlich fehlte auch das wohl bekannteste Stiftungsmaskottchen Deutschlands nicht, der Drache Tabaluga, am Stand der Peter-Maffay-Stiftung

Mein Fazit? Dass es zwar leider an viel zu vielen Ecken auf unserer Erde und in unserer Gesellschaft brennt, dass sich aber auch unzählige Menschen, unterschiedlichster Couleur, helfend einbringen, im Rahmen ebenso unterschiedlicher Möglichkeiten und Motivationen, die jedoch alle etwas zum Besseren bewegen. Ein Lichtblick, den uns der MünchnerStiftungsFrühling alle zwei Jahre vor Augen führt …


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