„That’s It“ – Gedanken und Reminiszenzen zum Tod von SPD-Politiker Horst Ehmke

„Toni Netzle … ja das ist schon endlos lange her. In Tonis Simpel traf sich alle Welt und wurde dabei zu einer anderen Welt: Bunter, lockerer, toleranter …“
Es war ein damals schon unendlich müde klingender, zurück gezogen lebender HORST EHMKE, der mir 2012 obige Aussagen zu Toni Netzle und ihrem Alten Simpl ins Telefon diktierte. Lange diskutierten Artist-Studio-Chef Peter Lang und ich danach, ob wir das Material für unsere Produktion überhaupt verwenden sollten. Einerseits stellte dieses Telefon-Interview ein Zeitdokument dar, andererseits führte es mit schonungsloser Offenheit die Flüchtigkeit des Lebens vor.  Ausschlaggebend  waren für mich schließlich die Werte, die Horst Ehmke als Gütesiegel für das Lokal aufzählte: „Bunter, lockerer, toleranter …“ 

Horst Ehmke flippert mit Toni Netzle in deren historischem Alten Simpl, umm 1980

Diese Eigenschaften erschienen ihm im Rückblick als erwähnenswert am Alten Simpl, nicht die mondäne Aura, die ein solches Lokal umgibt. Die schien ihm nur Beigabe gewesen zu sein, denn mit keinem Wort erwähnte er die Prominenz aus Politik, Showbiz, Industrie und Wirtschaft, mit der er im kleinen Simpl-Büro so manches ausgeheckt, am Tresen gefeiert oder geflippert hatte, mit allen auf Augenhöhe, als einer von ihnen. Kein „names dropping“, wie bei so vielen anderen, hinter denen eine große Zeit liegt. Das hat mich berührt. Dass Ehmke vor allem den respektvollen Umgang geschätzt hat, den die Gäste im Alten Simpl miteinander pflegten, sagt einiges über den Menschen Horst Ehmke aus, der abschließend resümierte: Ohne Simpl wäre Toni nichts, aber auch der Simpl ohne seine Wirtin nichts gewesen. Mit einem kategorischen „That’s it!“ beendete er seine Überlegungen.

Horst Ehmke mit Toni Netzle in den 80er Jahren bei einem CSU-Ball

Letztes Jahr, im Zuge der Produktion einer neuer Folge unserer Simpl-Reihe, erhielt ich dann von Toni die Aufzeichnung eines Gesprächs, das sie in den 80er Jahren mit dem SPD-Politiker für UFA-Radio geführt und kürzlich wieder entdeckt hatte. Dieses Zeitdokument vom 13.02.1985 erschütterte mich, denn ein scheinbar vollkommen anderer Mann plauderte dort locker mit Toni über Gott, die Welt, politische Debattenkultur und natürlich Franz Josef Strauß. Ich hörte einen weltgewandten, schlagfertigen Mann sprechen, voller Elan und Esprit, weit entfernt von der verhaltenen Stimme, die mir drei Jahre vorher das Telefon-Interview gegeben hatte.

Dieses „That’s it“, mit dem 2012 Ehmke sein Statement beendet hatte, klang so endgültig und wehmütig, dass ich es für die Episode   „Große Politik am Simpl-Tresen“ übernommen habe. Für mich ist das kurze Gespräch mit Ehmke bis heute eines der Interviews geblieben, die sich mir am nachhaltigsten eingeprägt haben, obgleich es nur wenige Minuten dauerte.

„That’s it!“ Für Horst Ehmke gilt es nun auch jenseits aller Scheinwerfer.


Zum Ausschnitt aus dem Interview von Toni Netzle mit Horst Ehmke vom 13. Februar 1985 für UFA-Radio


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