„Nur mit dem Herzen sieht man gut!“​ Vom Umgang mit Bildender Kunst und zur Eröffnungsrede von MKG-Präsident Nikos W. Dettmer zur Jahresausstellung 2017

Der Kaiser ist nackt, dennoch jubelt das Volk ihm und insbesondere seinem neuen, angeblich maßgeschneiderten Outfit zu. Zwei Hochstapler haben ihnen versichert, dass NUR die Klugen des Kaisers neue Kleider würden wahrnehmen können. Unter diesen Umständen ziehen es alle Bürger vor, den neuen Look ihres Souveräns mit Begeisterung zu quittieren, gerade weil sie nichts sehen. Nur nicht vor den anderen als dumm gelten! In die allgemeine Heuchelei hinein platzt die Stimme eines Kindes. Noch frei von gesellschaftlichem Geltungsdrang, ruft es erstaunt: „Aber der Kaiser ist doch nackt?“ Erst jetzt trauen sich die Erwachsenen, das Offensichtliche auch auszusprechen …

Das vielsagende Märchen „Des Kaiserns neue Kleider„, von Hans Christian Andersen, in einer Umsetzung des Malers Jos Huber [s. nachstehendes Bild], ist das Plakatmotiv zur Jahresausstellung 2017 der MKG; eines, das mir inhaltlich nahe steht:

In meinen bald 20 Jahren als Leiterin der Kulturplattform „jourfixe-muenchen bin ich vielen „nackten Kaisern“ begegnet. Stets wurden und werden sie von einer Entourage begleitet, die bejubelt, was zu bejubeln angemessen scheint, weil es der Zeitgeist so diktiert, auf Kosten der individuellen Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur. Doch schrieb nicht Antoine de Saint Exupéry, in „Der Kleine Prinz“ so treffend: „Nur mit dem Herzen sieht man gut.“ Diese Worte plädieren, jenseits aller intellektuellen Verkopfungen, für Wahrnehmung auf persönlicher und vor allem sinnlicher Ebene. Nicht zufällig ist oft davon die Rede, ob ein Kunstwerk einem etwas „sagt“, ob es also in einen Dialog mit dem Betrachter zu treten vermag; eine grundsätzliche Frage, die sich als solche jedem Zeitgeist entzieht.

MKG-Präsident Nikos W. Dettmer Foto:  Homepage

Die Auswirkungen des Zeitgeistes auf die Situation der Bildenden Kunst in München, insbesondere auf die der „Realistischen Kunst„, analysierte in seiner Eröffnungsrede vom 2. März 2017, Nikos W. Dettmer, seit 2014 Präsident der MKG/Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868.

Nachstehend, Passagen aus seiner Rede: „Als ich vor drei Jahren die Präsidentschaft der MKG übernehmen durfte, hatte ich die Vision, diese Künstlergemeinschaft wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Diese Vision nahm durch das Buch über die MKG Gestalt an, das von unserem Ehrenpräsidenten Jochen Oberländer initiiert und von Charlotte Mosebach verwirklicht wurde.

Seitenansicht aus dem aktuellen Ausstellungskatalog – Copyright Buchcover: Nikos W. Dettmer/Paul Martin Cambeis, alle Rechte vorbehalten; zum Internet-Shop der MKG

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Schon Jahre vorher war ich, mittels Internet, durch die Welt gereist und habe festgestellt, dass die Realistische Kunst in anderen Ländern niemals an Bedeutung verloren hat. In München dagegen führte die MKG, trotz aller Bemühungen, ein mediales Schattendasein. Wir erinnern uns an so manchen Presse-Beitrag, der die Arbeiten der MKGler in die Ecke altmodischer „Blümchenmalerei“ schob. Das gipfelte in der Interview-Frage: “Ach, bei Ihnen sind ja viele über fünfzig, kann man denn da noch kreativ sein?“

Bild links: Von wegen „Blümchen-Malerei“! Die Werke des Malers, Bildhauers und künstlerischen Allrounders Paul Martin Cambeis prägt in diesem Jahr eine regelrechte Primaten-Invasion: Ob zwei- oder drei-dimensional, ob uni oder mehrfarbig, stehen unsere tierischen Verwandten im Mittelpunkt und finden sich mit zwei Werken (ein Bild, eine Skulptur) in der aktuellen Jahresausstellung der MKG wieder. In Cambeis‘ Affenwelt gähnt es sich gern viel, mit Auswirkungen auch auf den Schöpfer selbst 😉

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Dass die MKG im Haus der Kunst bis zu zweitausend Vernissage-Besucher anzog, blieb offensichtlich für Print und Medien ohne Belang. Wahrscheinlich wurden diese Besucher als ebenso altmodisch eingestuft, wie die Exponate selbst und zählten daher nicht als Argument für eine ernsthafte mediale Auseinandersetzung mit der MKG.“

Eine Hommage an das Münchner Urgestein Karl Valentin zeigt Präsident Nikos W. Dettmer bei der diesjährigen MKG-Ausstellung 2017

 Aus der Rede von NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Ich widme mich seit Anfang der 80-ziger Jahre beruflich der Kunst. Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich!
  • Wo sind die alteingesessenen Kunsthandlungen geblieben, wie Koestler, Fuchs, Otto und andere, die die Realistische Kunst vertraten?
  • Wo sind die schlitzohrigen Zwischenhändler, die im Atelier die Arbeiten von der Staffelei noch nass weg kauften?
  • Wo sind die Zeiten , als es noch Sinn machte, die Maximilianstraße zu betreten? Kein Security-Mann starrte einen grimmig hinter Glastüren von Nobelmarken an. Monaco Franze konnte man begegnen und im „Roma“ die Prominenz beim Kaffee treffen, während ein paar Meter weiter der schillernde Rudolf Moshammer seiner kleinen Mutter aus dem Rolls Royce half. Zeitgleich drehte Klaus Lemke in Schwabing seinen neusten Film …

Vorbei! Vorbei …! Geschichte! Der Kunstbetrieb hat sich verändert. Das Goldene Kalb blökt lauter und ohne Hemmungen!“

Kein „Goldenes Kalb“, aber goldene Farbe auf und unter den hinteren Kühen in der Installation „Als die Sonne durch die Wolken brach“ des südkoreanischen Künstlers Oh Seok Kwon, MKG-Katalog 2017/Nr. 70

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Den Platz der Kunsthandlung hat die Kunstgalerie eingenommen, mit dem Ziel, an einem Kunstbetrieb teilzuhaben, bei dem es um viel Geld geht. Galerien, Sammler, Museen, Kunst-Presse, Kunstvermittler und Auktionshäuser bilden für den einfachen Kunstkonsumenten ein undurchsichtiges Netzwerk. Angeblich sollen weltweit 10000 Mitspieler dieses Netzwerk am Leben halten, davon 2000 in Deutschland!

„Warten auf die Königstochter …“, eines der MKG-Exponate 2017 von Dr. Elisabeth Sorger

Künstler werden heutzutage im Internet „geranked„. Ihr derzeitiger Wert zeigt sich in Tabellen. Soll man „ihn“ jetzt kaufen oder noch etwas warten? Weltweit finden sich schwer bewachte Hallen, in denen Kunstwerke im Wert von Abermillionen als reine Spekulationsobjekte gebunkert werden! Junge Künstler können in Kursen lernen, wie sich ihre Kunst am besten vermarkten lässt. Viel Energie fließt in die all entscheidende Frage: „Wie komme ich auf den Kunstmarkt?“

Am Anfang der Internet-Ära waren meine Kunsthändler noch empört, wenn irgendwo meine Adresse auftauchte. Heute genügt ein Klick um den Künstler zu finden, weil er eine Webseite besitzen muss, um seine Professionalität zu beweisen. Nicht zu vergessen die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Konsorten. Innerhalb dieser neuen Gegebenheiten hat sich die MKG mit Webseite, Facebook und vielem mehr, in den letzten drei Jahren etabliert.

In diesem Jahr nun freuen wir uns ganz besonders, dass auch junge Talente der Münchner Kunstkademie den Weg zu uns gefunden haben und dass unseren Bemühungen, die MKG ins rechte Licht zu rücken, Erfolg beschieden war! (…)“

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Das Potential dieser Künstlervereinigung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Warum ich dies behaupte? Eine Vereinigung, die 149 Jahre existiert, wird von einem bestimmten Geist, einer Idee beseelt, die, unabhängig von Trends, in eine Form drängt, sich realisiert und Menschen nachhaltig inspiriert. Ich glaube, dass dank der Begeisterung der alteingesessenen Mitglieder und der Energie neuer,  junger Talente, die MKG dabei ist, an den Glanz historischer Zeiten anzuschließen.“

Vor Zeittafeln zur langen Historie der Münchner Künstlergenossenschaft: MKG- Pressesprecherin und Malerin Dr. Elisabeth Sorger mit Dr. h.c. Georg Engel, Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „Ungarn Panorama

NIKOS W. DETTMER, 02.03.17: „Auch glaube ich daran, dass der künstlerische Stellenwert des Realismus niemals veralten kann, weil er Mensch und Natur spiegelt und so, behaupte ich, ein Grundbedürfnis des Menschen erfüllt. Denn die ganze Welt, jede Begegnung, jedes Ereignis, hat mit uns persönlich zu tun und birgt daher in sich,  für jeden von uns, eine Chance: Erkenne Dich selbst! Und das Kunstwerk kann dabei helfen!

Aus dem Abschluss der Rede von NIKOS W. DETTMER, am 2. März 2017: „Daher wird unsere gute alte MKG lächelnd die vorüberziehenden Karawanen auf Innovationsuche beobachten und zugleich gelassen ihren eigenen Weg voranschreiten! …“

(Soweit aus der Rede von Nikos W. Dettmer)

Malerin und MKG-Pressesprecherin Dr. Elisabeth Sorger mit Gaby dos Santos

Und ob die MKG lächelnd die Karawanen zeitgenössischer Kunst an sich vorüberziehen lassen kann! Müssen diese doch erst noch erreichen, was die MKG, allen Unkenrufen zum Trotz, längst geschafft hat: Wurzeln in unserer Stadt zu schlagen und nachhaltig künstlerisch zu wirken. In diesem Sinne freue ich mich schon auf die Jubiläumsausstellung der MKG, 2018 und halte mich ansonsten, was mein Kunst(Selbst)Verständnis anbelangt, an den visionären Apple-Begründer Steve Jobs:

„Lass nicht den Lärm anderer Meinung deine innere Stimme verstummen. Und vor allem, hab den Mut deinem Herzen und deiner Intuition zu folgen. Die wissen nämlich irgendwie bereits, was du tatsächlich [werden] willst. Alles andere ist zweitrangig.” (Steve Jobs’ Stanford Commencement Address, 2005)


Die Ausstellung läuft noch bis Freitg, 26. März 2017, im  Ägyptischen Museum, im Münchner Kunstareal, Gabelsberger Str. 35, UG;

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 Uhr – 18 Uhr,  zusätzlich am Dienstag bis 20 Uhr


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