Unkuratiert streiten … Die Jahresausstellung 2016 der MKG im Ägyptischen Museum

Vernissagen machen richtig Spaß, wenn die Exponate stilistische Vielfalt aufweisen und die Ausstellenden ohne prätentiöses Gehabe einfach Freude darüber ausstrahlen, sich und ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. Ein gutes Beispiel dafür bot die ungarische Malerin Elisabeth Sorger bei der Jahresausstellung 2016 der Münchner Künstlergenossenschaft:

Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG 2016

Malerin Elisabeth Sorger vor ihrem Exponat, MKG-Jahresausst. 2016

Kunst war immer schon die Berufung, Informatik lange ihr Beruf. Seit Sorger jedoch 1999 ihr „heimisches Atelier“ verlassen hat, blickt sie bereits auf 43 nationale und internationale Ausstellungen zurück, die sie 2014 bis nach San Antonio/Texas in die „Greenhouse Gallery International of fine Art“ führte!

Aktuell gehört Elisabeth Sorger zu den ausgewählten Teilnehmer_Innen der diesjährigen Ausstellung der MKG – Münchner Künstlergenossenschaft königlich priviligiert 1868zu deren Vernissage Sorger ihren Landsmann und alten Freund Peter Lang (Artist Studio) und mich eingeladen hatte. Die Begriffe „königlich“ und „priviligiert“ hatten mich im Vorfeld der Veranstaltung fürchten lassen, das Umfeld könne sich als Ansammlung selbstzufriedener Münchner Traditionalisten entpuppen, deren Visionen und persönliche Errungenschaften sich in der großen Vergangenheit ihrer Vorgänger_Innen erschöpfen. Und hatte nicht der zeitweilige MKG Präsident Franz von Lenbach (1836 – 1904) der Gruppe einst sogar den Rücken gekehrt, um eine eigene Künstlerschaft um sich zu scharen, die er nach eben jener Allotria (= Halligalli)-Stimmung benannte, die die MKG vehement abgelehnt haben soll? „Bei uns gibts fei koa Allotria!“ So kolportieren es zumindest Allotrianer.

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Peter Grassinger, Allotrianer und Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses in der historischen Kegelbahn; Foto: Werner Bauer

Bis heute treffen sie sich wöchentlich im Münchner Künstlerhausvon Allotria-Stimmung  jedoch habe ich während meiner jourfixe-Zeit im Künstlerhaus nicht viel zu spüren bekommen. Im Gegenteil: Unter anderem machte ich mich unbeliebt, weil unser jourfixe-Team ab und zu die historische Kegelbahn als Künstler-Garderobe nutzte und somit eben jenen Raum entweihte, in dem der Prinzregent Luitpold mit Lenbach und seinen Allotrianern einst zu kegeln pflegte! Auch bei anderen Gelegenheiten, wie der Recherche zur Collage über den Alten Südlichen Friedhofwar ich in Kontakt zu Nachfahren illustrer Münchner gekommen, Begegnungen, die ich, als Münchnerin ohne jegliche Vergangenheit, meist als eher frostig empfand. Daher habe ich inzwischen eine zwiespältige Haltung zu Münchner Organisationen und Familien entwickelt, deren Wurzeln in der Gründerzeit oder gar noch davor liegen, vor allem was die Durchführung gemeinsamer künstlerischer Projekte anbelangt. Meiner Meinung nach erfordern kreative Prozesse Hingabe und kein Standesbewusstsein.

MKG-Praesident Nikos_W_Dettmer bei seiner Eröffnungsrede zur MKG Ausstellung 2016

MKG-Praesident Nikos Dettmer bei der Eröffnungsrede

Doch meine Bedenken bezüglich der MKG-Vernissage erwiesen sich schnell als unbegründet. Nach einer erfreulich kurzen und ebenso herzlichen Rede seitens MKG-Präsident Nikos W. Dettmer, überraschte mich die Festrede von Dr. Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses.

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Dr. Matthias Mühling, Präsident Lenbachhaus

Eine Ansprache, die, zusammengefasst, für kreative Reibung und künstlerischen Wildwuchs als Impulsgeber plädierte, so wie ich sie seit 1999 in den Mittelpunkt meines Konzepts für die Kulturplattform jourfixe-muenchen gestellt, aber nicht aus dem Mund eines Vertreters der Hochkultur erwartet habe. Besagte zwei Impulsgeber verhindern meiner Meinung nach unter anderem, dass künstlerische Endprodukte, seien es nun Bilder, Kompositionen, Literatur oder Bühnenstücke in nichts sagender Perfektion erstarren. Ein künstlerischer „Wurf“ aber bedarf leidenschaftlicher Risikobereitschaft und Kompromisslosigkeit. Kuratoren und Konsens stehen dem leicht auch mal im Weg, vor allem im Frühstadium künstlerischer Entwicklungen. Bravo und merci für Ihre Worte, Dr. Mühling!

"Lebenslinien" - grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

„Lebenslinien“ – grafische Arbeit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Sorger auf der MKG-Ausstellung 2016 im Ägyptischen Museum München

Nach den einführenden Reden begegnete uns der Grand Seigneur unter den aktuellen Allotrianern, der offensichtlich den Kolleginnen und Kollegen der MKG die Ehre erweisen wollte: Peter Grassinger, seines Zeichens auch Ehrenpräsident des Münchner Künstlerhauses. Seinem unermüdlichen  Einsatz, wie auch dem seiner Frau Maja Grassinger ist zu verdanken, dass das Künstlerhaus der Stadt als kultureller Spielort erhalten bleibt.

Minotaurus_Martin_Cambeis_MKG_Ausstellung-2016_jourfixe-Blog

„Minotaurus“-Skulptur, Paul Martin Cambeis, MKG-Ausstellung 2016

Eine schöne Überraschung war es auch, Paul Martin Cambeis wieder zu treffen, dessen künstlerische Vielfalt mich immer neu überrascht. Kennengelernt habe ich ihn als Mitglied des Fastfood-Improtheaters sowie als Maler und Comic-Zeichner. In letzterer Funktion hat er mir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Aufführung der Collage „Cajun Tales“ gerettet, in dem er alle ursprünglich darin enthaltenen Comic-Zeichnungen durch eigene  ersetzte, nachdem uns zwei Wochen vor Termin die Rechte zur Projektion der alten Comic-Bilder entzogen worden waren. Inzwischen ist Martin Cambeis Vorstandsmitglied der MKG und mit – wieder eine neue Facette – gleich mehreren Skulpturen in der Ausstellung vertreten.

Außergewöhnlich ist auch die Location, in der neuerdings die MKG-Jahresausstellungen stattfinden: Das Ägyptische Museum, das nun wieder  einmal, neben Jahrtausende alten Werken, jene von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern beherbergt. Zu einem solchen Wett“Streit“ uralter und moderner sowie sehr unterschiedlicher Kunststile, bedarf es sicher keines Kurators …

Die Jahresausstellung der MKG 2016 ist noch bis Sonntag, 28. April zu sehen, täglich von 10 – 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr, montags geschlossen


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Ein Gedanke zu “Unkuratiert streiten … Die Jahresausstellung 2016 der MKG im Ägyptischen Museum

  1. Der Blog über der MKG-Jahresausstellung 2016 von Gabi dos Santos ist super.
    Unser Ziel ist das 150-jährige Jubiläum in 2018 im alten Glanz zu feiern.
    Das verdienen unsere Gründungsväter und namhafte Vorgänger.
    Dieses Medium ist ein Schritt auf diesem Wege! Liebe Gabi danke!

    Gefällt mir

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