Basta Bussi! Über Sitte und Unsitte des Küssens

Aber nein, aber nein sprach sie, ich küsse nie …“, heißt es in einem Lied, dem ich mich mit sofortiger Wirkung anschließe. Für mich heißt es „Basta!“, was die derzeitige, inflationäre Verteilung von Bussis zu Begrüßung und Abschied anbelangt! Meine Liebsten natürlich ausgenommen.

Da gerade die alljährliche Saison der guten Vorsätze angebrochen ist, sehe ich meine Chance gekommen, mich künftig dieser gesellschaftlichen Neu- und oft auch Un/Sitte zu verweigern, die immer stärker um sich greift. Nach Angaben des Allensbach-Archivs war der Begrüßungskuss im Jahr 1980 noch zwei Dritteln der westdeutschen Bevölkerung fremd. In einer Befragung, die das Institut jetzt im Auftrag der Kaffeemarke Jacobs Krönung anstellte, bekundeten schon 58 Prozent, diese Begrüßungsform zu praktizieren. Trendsetter ist dabei die junge Generation.

So nachzulesen im FAZ-Online-Beitrag „Die Bussi-Gesellschaft“ von Matthias Trautsch. Küsschen links, Küsschen rechts – das mediterrane Begrüßungsritual breitet sich aus. Vorreiter ist die junge Generation. Das Erstaunliche: Viele küssen, obwohl sie es gar nicht wollen.jourfixe-Blog_Basta_Bussi_von_Gaby_dos_Santos Weiter unten im Beitrag heißt es: „Die Zahl der verteilten Küsschen steigt, obwohl zugleich immer mehr Menschen die Sitte als unangenehm ablehnen. 1980 fanden zwei Drittel der Westdeutschen, die sich zur Begrüßung auf die Wange geküsst haben, daran Gefallen. Heute geben von denjenigen, die Küsschen verteilen, nur noch 58 Prozent an, dies auch gern zu tun.“ Dazu zähle ich mich auch.

Als jemand, der den ersten Teil seines Lebens, als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene im Süden verbracht hat, war mir der Kuss zur Begrüßung sogar früher vertraut, als den meisten meiner deutschen Landsleute. Aaaaber, zumindest damals, wurde durchaus selektiv geküsst. Als Ausdruck gewachsener Vertrautheit. Ansonsten begrüßte man sich, dort wie hier, mittels eines mehr oder weniger offenen Blicks in das Gesicht des Gegenübers, gepaart mit einem mehr oder weniger festen Händedruck. HaendedruckDieses Ritual ließ Abstand genug, sich auf eine Begegnung einzustellen, respektive sich wieder von ihr zu verabschieden.

Inzwischen grassiert die Gabe von Küsschen in allen Lebenslagen, oft noch ergänzt durch eine verlegen hastige Umarmung, schlimmstenfalls noch garniert mit fremdem Speichel oder Lippenstift. kussmund2_grVorausgesetzt, man befindet sich überhaupt auf Augenhöhe mit seinem Gegenüber und endet nicht auf dessen Achselhöhe, wie bei kleineren Menschen wie mir oft der Fall. Auf eine solche Zwischenetage beschränkt, bleibt dann nur, den Atem anzuhalten, sowohl, um keinen eigenen Lippenstiftabdruck zu hinterlassen als auch, um nicht in den zweifelhaften Genuss unterschiedlichster Ausdünstungen zu kommen, von Axe, dem Duft, der die Frauen betört, bis hin zu mehr oder weniger naturbelassenen Gerüchen …

Zugegeben, vieles deutet in der Entwicklungstheorie zum Kuss darauf hin, dass durch die im Bereich des Mundes vorhandenen Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinne möglicherweise Informationen aufgenommen werden, die für Partnerwahl oder andere soziale Interaktion wesentlich sein könnten. Nur sind die Zeiten der Flintstones passé, und als moderne Frau kann ich auf solcherart Informationen gut und gerne verzichten. Im Gegenteil, für mich bedeuten diese Busseleien ein Zuviel an beliebiger, aufgezwungener Nähe. Zumindest, was oben genannte „soziale Interaktion“ anbelangt. Sicherlich sind mir, auch außerhalb meines familiären Umfelds, eine ganze Reihe Menschen so vertraut und lieb, dass ich sie gerne küsse. Das gilt aber längst nicht für jedermann und Frau, die meine Wege kreuzen. Nur wo und bei wem soll ich die Grenzen ziehen? Schließlich möchte ich ja nicht einige sichtbar vorziehen und dadurch andere, durch Ausschluss, verletzen!

Um mich andererseits nicht länger einem Ritual auszusetzen, das mir widerstrebt, bleibt mir nur, mich ab sofort allen Küsschen außerhalb der familiären Bande zu verweigern und so den Kuss wieder aufzuwerten, als sinnliche und/oder liebevolle Interaktion im engsten Umfeld.InnigerKuss_Basta_Bussi

DER KUSS, also „das Ritual der Lippenberührung sei die innigste Verbindung, die Menschen eingehen könnten„, so die Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, laut einem Artikel von Die Welt. „Die Wurzel des Phänomens ist so alt wie die Menschheit selber“, sagt sie.

Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld

Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld

(…)   – und ihre Erklärung mutet recht animalisch an: „Die Vorfahren der Menschen haben sich bei Begegnungen gegenseitig am Hinterteil beschnüffelt und beleckt. Als aus den Vierbeinern aufrecht gehende Zweibeiner wurden, wanderte der Kuss gewissermaßen mit nach oben“, erklärt Ebberfeld.

Und da oben blieb er dann auch, allerdings schon bald nicht mehr allein der Partnersuche oder der Mund-zu-Mund-Fütterung des Nachwuchses vorbehalten, sondern bekam in zunehmendem Mass auch eine gesellschaftliche Funktion.

Paulus_Tarsus_Basta_BussiNach verschiedenen Ermahnungen schreibt bereits der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Zuletzt, liebe Brüder, freut Euch, lasst Euch zurechtbringen, lasst Euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit Euch sein. Grüßt Euch untereinander mit dem heiligen Kuss.“ (2 Kor 13,11+12)

Der Judaskuss

Judaskuss; Abb. Gottliebtuns.de

Doch der Kuss hatte zuvor schon eine negativen Seite gezeigt, die in die Geschichte als jener „Judaskuss“ eingehen sollte, mit dem Jesus Christus an seine Häscher verraten wurde. Daher bezeichnet man heute noch einen geheuchelten Kuss oder eine andere derartige Geste, hinter der sich statt Freundschaft Feindschaft und böse Absicht verbergen, als „Judaskuss“ oder „Todeskuss“. 

Szene aus "Der Pate"

Szene aus „Der Pate“

Dies spiegelt sich wider in Kriminalfilmen und Erzählungen mit Mafia-Hintergrund, in denen ein Kuss als Todesdrohung verwendet wird, siehe „Der Todeskuß“, „Kiss of Death“ und „Der Pate“. (Quelle: Wikipedia > Der Kuss)

Dem stand in puncto „Heuchelei“ der sozialistische Bruderkuss am Ende des letzten Jahrhunderts kaum nach.

Der Inbegriff eines sozialistischen Bruderkusses

Der Inbegriff des sozialistischen Bruderkusses

Wie sehr wurde diese Knutscherei zwischen Sowjet-Herrschern und Diktatoren anhängiger „Bruder“-Staaten seinerzeit im Westen bespöttelt … Weil er die eigentliche Funktion des Kusses, als Ausdruck von Zuneigung in Frage stellte, um nicht zu sagen „pervertierte“. Dokumentieren sollte er eigentlich den ideologischen Zusammenhalt der kommunistischen Länder, nach einem ähnlichen Prinzip wie schon von Paulus für seine Christengemeinde in Korinth angeregt. Heute ist der Ostblock samt seiner sozialistischen Bruderküsse Geschichte.

Angela Merkel küsst Italiens damaligen Premier Silvio Berlusconi

Angela Merkel küsst Italiens damaligen Premier Silvio Berlusconi

Dafür küsst heute unsere ansonsten eher rational veranlagte Kanzlerin weltweit politische Partner, wobei sich vermutlich ihre Begeisterung ebenso in Grenzen hält, wie bei mir. Aber – helàs, die Staatsraison … wobei Angela Merkel noch wesentlich öfter vor die Frage gestellt sein dürfte, ob, je nach Nationalität, denn nun zwei oder gar drei Küsschen fällig sind.

Was eigentlich möchten wir heute mit unseren Küsschen ausdrücken, beziehungsweise erreichen? Vielleicht ein Gemeinschaftsgefühl herstellen, in einer globalisierten Welt, in der sich der/die Einzelne immer verlorener fühlt? Aber muss Verbundenheit denn solcherart dokumentiert werden? Um nicht zu sagen „heraufbeschworen“?

Es gibt auch andere Wege: Gestern habe ich auf Facebook, im Rahmen eines allgemein gehaltenen Posts einen Satz gelesen, der zwar nicht mir galt, aber derart menschlich-liebevoll formuliert war, dass ich mich mit dem Autor über alle elektronische Distanz hinweg verbundener gefühlt habe, als es je einer dieser aufgezwungenen Küsschen vermocht hätte. Vielleicht, weil Distanz mir genau den Raum lässt, in dem ich, meinen ganz persönlichen Bedürfnissen entsprechend, in aller Ruhe neue Beziehungen zu zwischenmenschlicher Nähe anwachsen lassen kann, welcher Art auch immer.

Rhett Butler küsst Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht"

Rhett Butler küsst Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“

Und – nicht zu vergessen: Wenn Annäherung wieder zu etwas Besonderem wird, gewinnt auch der erste Kuss in einer neuen Liebe noch mehr an Bedeutung. Früher, als man sich noch nicht so schnell geduzt hat, dafür aber wunderbare Liebesgeschichten auf Zelluloid bannte, spielte sich eine zauberhafte Metamorphose in der Beziehung der Protagonisten ab, von der ich gerne ein Stück wieder retour hätte:

„Küss mich! Küss mich wie in alten Filmen, wenn Spannung sich in Geigen löst und endlich, endlich aus dem ‚Sie‘ das ‚Du‘ entsteht …“


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