Lili Marleen untot im Simpl – Wie Toni Netzle und ich Freundinnen wurden …

Wäre Lale Andersen dem Alten Simpl nicht ein Leben lang verbunden geblieben, ebenso wie deren legendären Wirten, erst Theo Prosel und später Toni Netzle, dann hätte ich Toni niemals kennen lernen dürfen. Das Leben nimmt oft seltsame Wendungen, führt zusammen und trennt dann wieder. Beispielhaft dafür steht die Geschichte, die ich heute in meinem Blog festhalten möchte. Sie beginnt in den 30er Jahren im Münchner Simpl, und sie beginnt mit der unvergessenen Stimme der „Lili Marleen“, Lale Andersen …

Die junge Sängerin Lale Andersen  war ein ebenso unkonventioneller wie unsteter Geist. Nirgends hielt es sie länger und Wiederholungen schätzte sie auch nicht sonderlich. Anders verhielt es sich, wann immer sie wieder eine Auftrittsanfrage aus dem „Alten Simpl“ in München erhielt.  Dazu ein Skript-Ausschnitt aus der Collage „Ein Lied für Lili Marleen“ von Gaby dos Santos, mit Jon Michael Winkler:

Toni_Netzle_Lale_Andersen_Jourfixe-Blog

Sängerin Lale Andersen, damals noch Lale Wilke mit Sohn Michael in München, 1930er Jahre, Foto: Michael Wilke

GdS: Im Simpl-Brief – heute würde man sagen „Newsletter“ – vom Februar 1937 gibt Lale Andersen einen kleinen Lebensbericht, in dem sie sich zu ihrem „Seefahrerblut“ bekennt, das sie nirgends lange hält, bis zu dem Moment, „wenn ein Brief aus München kommt und solch unbändige Freude auslöst, dass die umstehenden Kollegen erstaunt fragen“ –

Lale Andersen besucht mit den Prosels die Auer Dult in München, Foto: Familie Prosel

Lale Andersen besucht mit den Prosels die Auer Dult in München, Foto: Familie Prosel

JMW: Vertrag?

GdS (zitiert Lale Andersen):  Ja!

JMW: Großes Haus?

GdS (zitiert Lale Andersen): Das herrlichste, das die Welt hat!

JMW: Gute Gage?

GdS (zitiert Lale Andersen): Die kleinste, die man mir anzubieten riskiert …

Bild-Projektion aus der Multimedia-Collage "Das Lied von Lili Marleen" von Gaby dos Santos

Bild-Projektion aus der Multimedia-Collage „Das Lied von Lili Marleen“ von Gaby dos Santos

Prosels Töchter Dorle Diehl und Resi Prosl erinnern sich: Wir Kinder waren natürlich ganz narrisch auf die Lale. Da haben wir ja geschwärmt und da haben wir schon in einem kleinen Zimmer geschlafen. oberhalb der Bühne, da gingen gerade nur zwei Betten rein und zwischen den Betten war ein kleiner Zwischenraum, da haben wir uns gestritten, wer da in den Zwischenraum darf, wenn die Lale gesungen hat, das hat man immer raufgehört, ja. Wer sich dahinlegen durfte und das Ohrwaschl auf den Fußboden, damit man das ja hört. Ja, für die Lale haben wir gschwärmt, ja, ja sehr geschwärmt.

Künstlerfoto der Electrola, Mitte der 30er Jahre

Künstlerfoto der Electrola, Mitte der 30er Jahre, Foto: Michael Wilke

Das war einfach a Persönlichkeit, das kann man nicht schildern, erstens war sie sehr norddeutsch, schön war sie nicht, aber interessant irgendwie und ihre Lieder waren gut – ja – und ihre Stimme war unverwechselbar. Ich sag ja ned, dass sie weißgott wie schön war, die Stimme. Uns hats halt gefallen.

Da hatte sie natürlich tolle Lieder, so mit unanständigem Hintergrund manchmal, und die haben wir dann immer lauthals in der Schule gesungen, zur Freude der Lehrer … (Abschrift eines O-Ton-Beitrags)

Die Reminiszenz  im O-Ton von Theodora Diehl und Resi Prosel, aus der jourfixe-Collage „Das Lied von Lili Marleen“

Im Simpl konzipierte Lale Andersen auch zusammen mit dem Komponisten Rudolf Zink die Urfassung des späteren Welthits „Lili Marleen“.  Darüber habe ich bereits in einem separaten Blog berichtet: „Nicht immer Simpl – Toni Netzle zum 85. Geburtstag“.

Alter Simpl Schwabing Toni Netzle Lale Andersen 1966

Alter Simpl Schwabing Toni Netzle
Lale Andersen 1966

Als in den 60er Jahren der Alte Simpl unter Toni Netzle zu neuer Blüte fand, ließ auch Lale Andersen nicht auf sich warten. Damals entwickelte sich zwischen Toni und Lales Sohn Michael Wilke eine herzliche Freundschaft. Dreißig Jahre später lernte ich zufällig über meine Schulfreundin, die Autorin Irina Reylander, ebenfalls Michael Wilke und seine Frau Renate kennen – und so sehr schätzen, dass ich sie zu meiner Verlobung mit dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos einlud.

Michael Wilke, der Sohn von Lale Andersen und langjähriger Freund von Toni Netzle, 2010 in München

Michael Wilke, Sohn von Lale Andersen und langjähriger Freund von Toni Netzle, 2010, München

Zwar verloren wir uns danach zunächst aus den Augen; als ich jedoch begann, zeitgeschichtliche Collagen zu produzieren und Michael Wilke in einem Fernsehbeitrag über seine Mutter sah, war es für mich nahe liegend, ihn auf eine Collage über Lili Marleen und seine Mutter anzusprechen. So begann 2009 die Produktion von „Das Lied von Lili Marleen“, das Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus allen möglichen Ecken Deutschlands und Mallorcas zusammenführte, nicht zuletzt Toni Netzle. Noch bevor uns aber Michael Wilke persönlich bekannt machte, war ich in einer BR-Sendung auf eine Anekdote von Toni Netzle zu Lale Andersen/Lili Marleen aufmerksam geworden, die ich unbedingt in meine Produktion einbinden wollte, und die Toni später auch in ihrer Autobiografphie „Mein Alter Simpl“ aufgegriffen hat. Toni berichtet:

Lale Andersen gibt ehemaligen US-Soldaten Autogramme; die Faszination für die Interpretin "ihrer" Lili Marleen ist weiterhin ungebrochen

Lale Andersen gibt ehemaligen US-Soldaten Autogramme; die Faszination für die Interpretin „ihrer“ Lili Marleen ist noch lange Zeit nach dem Krieg ungebrochen; Foto: Michael Wilke

Wieder einmal kamen vier  Amerikaner und dann wars kurz nach zehn und da merk ich, dass die immer auf die Uhr gucken und frag:“Warten Sie auf jemand?“ – „Ja, ja, sie kommt ja jetzt gleich“. – Sag ich: „Und wer kommt jetzt gleich?“ – „Lale.“ – „Wer ist Lale“ – „Lale Andersen.“ – „But she is dead“ – „No, no, she is not dead.  10:30 p.m.  that’s the time.“ Sag ich „Nein!“ Dann ziehn die raus „The Famous Guide“ und als einziges Lokal in Deutschland steht der Simpl drin und da steht, dass hier jeden Tag um 22:30 Lale Andersen auftritt und das Lied von der Lili Marleen singt. Dieser Führer war völlig neu, weil wir seit genau vier Monaten neue Preise hatten. Die haben alle gestimmt und deshalb kamen die aus Montana nach München … (Abschrift eines O-Ton-Beitrags)085MeisterLili

Die Reminiszenz  im O-Ton von Toni Netzle, aus der jourfixe-Collage „Das Lied von Lili Marleen“

Meine erste direkte Begegnung mit Toni war telefonisch, kurz und heftig. Nachdem ich ihr eröffnet hatte, dass ich zwar das Erscheinen ihrer Autobiographie „Mein Alter Simpl“ gerne in meine PR-Aktivitäten zu „Das Lied von Lili Marleen“ einbinden, ihr aber für den Beitrag über die amerikanischen Touristen im Simpl kein Honorar zahlen könne, da die Fördermittel des Kulturreferats bereits anderweitig verplant seien, bemerkte sie, in einem für mich furchterregend trockenen Ton: „Warum nur gerate ich immer an Projekte, die mir kein Geld bringen?“ Darauf konnte ich ihr keine Antwort geben, schließlich ging und geht es mir ja auch nicht anders.

Theo Prosel, Foto: Familienarchiv Prosel

Theo Prosel, Foto: Familienarchiv

Und ihrem Vorgänger Theo Prosel war es seinerzeit wohl ebenso ergangen, äußert er doch in einer seiner „Proseleien“: Kein Geld haben und GAR kein Geld haben ist ein großer Unterschied ...“

Den Alten Simpl führte Toni Netzle fatalerweise wie ihr Wohnzimmer ... Bildmontage aus "Nicht immer Simpl", links ein Bild der Simpl-Gründerin Kati Kobus

Den Alten Simpl führte Toni Netzle fatalerweise wie ihr Wohnzimmer … Montage aus „Nicht immer Simpl, li. ein Bild der Simpl-Gründerin Kati Kobus

Auch Toni selbst bekannte später in einem O-Ton zu unserer Collagen „Nicht immer Simpl – Toni Netzle, dass sie nach Aufgabe des Lokals „von den Bierdeckeln mir eine Villa in Grünwald hätte kaufen können.>  O-Ton Toni aus der jourfixe-Collage „Nicht immer Simpl – Toni Netzle“.

Jedenfalls war es Toni innerhalb eines kurzes Telefonats nachhaltig gelungen, mich komplett einzuschüchtern, was mir nicht oft passiert. Persönlich traf ich sie dann zum ersten Mal bei der Präsentation meiner Lili-Marleen-Collage im PresseClub München, bei der sie ihre und Michael Wilke seine Autobiografie vorstellten.

Zwei Künstlerbiographien, eine lange Freundschaft: Toni Neztle und Michael Wilke

Zwei Künstlerbiographien, eine lange Freundschaft: Toni Neztle und Michael Wilke

Die Innigkeit, mit der Toni Michael umarmte, den sie Jahrzehnte nicht mehr getroffen hatte, berührte mich. Die Bescheidenheit, mit der Toni nach Ende der Pressekonferenz dann auch noch Teebeutel und Tasse höchst selbst entsorgte, überraschte mich. Promis hatte ich ja einige schon während meiner Arbeit im Nachtcafé München erlebt, aber soviel Herzlichkeit kaum. Seit damals sind fünf Jahre vergangen und meine Schüchternheit Toni gegenüber auch. Wir sind Freundinnen geworden, die viel gemeinsam haben und oft und gerne zusammen arbeiten und auftreten. Michael und seine Frau sind in der Zwischenzeit sehr krank gewesen und leben zurückgezogen in Mallorca. Resi Prosel ist kurz nach der Premiere von Lili Marleen verstorben, zur restlichen Familie halte ich dank Facebook so gut Kontakt, wie es gerade möglich ist, dito mit Matthias Deinert, der in Postdam das „Lale Andersen“-Archiv weiterhin engagiert betreut. Die Umstände hatten uns alle für die begrenzte Zeit eines Projektes vereint, um die meisten danach wieder zu trennen …

Der Alte Simpl aber lebt weiter, nicht zuletzt in den Erinnerungen von Toni Netzle – eng verwoben mit einigen Kapiteln aus meinem „Lied von Lili Marleen“ …

Unter einer Projektion zu Hanns Leip, dem Textdichter von Lili Marleen sind alle Zeitzeugen zur Premiere im Gast

Unter einer Projektion zu Hanns Leip, dem Textdichter von „Lili Marleen“ sind alle Zeitzeugen 2010 zur Premiere im Gasteig versammelt: Von links: Rudolf Zink jr., Sohn des Komponisten der ersten Liedfassung; Theodora Diehl, Tochter von Simpl-Wirt Theo Prosel; Brigit Schultze-Salvatori, Witwe des Komponisten Norbert Schultze; Michael Wilke, Sohn von Lale Andersen, Toni Netzle (halb verdeckt); Gaby dos Santos, Autorin der Collage „Das Lied von Lili Marleen“; Matthias Deinert, Lale-Andersen-Archiv

Das nächste Mal in München zu sehen und hören ist Toni Netzle am Samstag, 21.11., 19.30 Uhr, im Münchner Künstlerhaus.

Details zur Veranstaltung

 


Link zum Verzeichnis aller bisherigen jourfixe-Blogs

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4 Gedanken zu “Lili Marleen untot im Simpl – Wie Toni Netzle und ich Freundinnen wurden …

  1. Pingback: Im Schatten der Laterne – Nachlese zur Aufführung des „Lili Marleen“-Historicals in der Hanns-Seidel-Stiftung München | jourfixeblog

  2. Pingback: „Mythos Lili Marleen – Ein Lied an allen Fronten“ zur Einstimmung auf DI, 9. Mai, 18.30 Uhr, Hanns-Seidl-Stiftung München | jourfixeblog

  3. Pingback: Hochprozentig politisch im Alten Simpl – Drei Jahrzehnte Bonner Republik aus der Tresenperspektive | jourfixeblog

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