„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

 „Wo war ich und wo warst Du, als am 26. September die Bombe explodierte?“ Als 1980, mitten das geschäftige Treiben aus Spaß, Tradition und Kommerz die Tragödie hereinbrach, legte sich über die Betriebsamkeit des größten Volksfests der Welt eine dumpfe Stimmung. Tiefes Mitleid für die Opfer, 13 Tote und 211 Verletzte, 68 davon schwer, mischte sich mit Abscheu über die Tat und der erschreckenden Erkenntnis: Man hätte selbst unter den Opfer sein können und/oder Angehörige hätte dieses Los treffen können. Wer Kinder hatte, den erschütterte ganz besonders das Schicksal der Familie Platzer. Vater Platzer hatte seinen Kindern, Ignaz, 6 Jahre alt und Ilona, 8 Jahre alt, einen Wies’n-Besuch gönnen wollen. Um 22.20 Uhr starben ihm beide von der Hand weg.

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Ein Blumengruß für die toten Kinder … Berührende Momentaufnahme der Gedenkfeierlichkeiten zum 35. Jahrestag, Foto: Haimo Liebich

„Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich der  73 jährige Kommissar Joseph Ottowitz in einem Beitrag des Spiegel: Betrunkene trampelten einfach über die Anschlagsstelle, manche sogar über die Leichen, während die Blasmusik weiter aus den Bierzelten dröhnte. Die Gummistiefel, die Ottowitz beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.

Oktoberfest_Bierzelt_Attentat_Gaby_dos_Santos_Bildcollage_Wiesnwahnsinn_jourfixe-BlogDer Anschlag gilt als der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgerechnet München, die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“, war, nach dem Geiseldrama der Münchner Olymiade von 1972, nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Terroraktes geworden! Da der Anschlag an einem der Ausgänge des Oktoberfests verübt worden war, blieb das eigentliche Fest-Areal unberührt und über das verwüstete Terrain schüttete man eiligst Teer, im eigentlichen, wie im übertragenen Sinn … Der berühmt-berüchtigte Spruch „The Show Must Go On“ fand zynische Anwendung: Nach gründlicher Reinigung eröffnete das Oktoberfest pünktlich am nächsten Vormittag, für zwei weitere Tage „buisness as usual“.  Am Mittwoch, ein Wochentag, der als relativ Umsatz schwach für das Oktoberfest gilt, unterbrach man die „Wies’n-Gaudi“ endlich für einen Tag.

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Erst vier Tage nach dem Anschlag blieb die Wies’n für einen Gedenktag geschlossen

Ebenso eilig hatte das bayerische Landeskriminalamt, im Tandem mit der Bundesstaatsanwaltsschaft, einen Täter zur Hand, den Studenten Gundolf Köhler, der selbst bei dem Anschlag zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich während der Untersuchungen heraus, dass Köhler zeitweilig der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann angehört hatte, die erst im Frühjahr vom damaligen Innenminister Gerhard Baum, FDP, verboten worden war.

Franz_Joseph_Strauss_1980_Wahlplakat_Oktoberfest_Attentat_jourfixe-BlogDer amtierende bayerische Ministerpräsident Franz-Joseph Strauß hatte die Gruppierung jedoch lediglich für Spinner gehalten. Entsprechend vermutete er unmittelbar nach dem Attentat linke Terroristen am Werk und äußerte dies öffentlich. Doch leider – und ungünstig für Partei und Kanzler-Kandidat Strauß im Wahlkampf – erwies sich diese Theorie als vorschnell, da nicht haltbar, denn unter den Opfern entdeckte man bald, schwerst verstümmelt, den bekanntermaßen rechtsradikalen Attentäter selbst.

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Der halbverbrannte Ausweis des Attentäters

Schnell präsentierte man ihn der Öffentlichkeit als frustrierten Einzeltäter, der schlichtweg einen grausam erweiterten Selbstmord begangen habe. Punkt. Obgleich die Ermittlungsergebnisse schon damals zahlreiche Widersprüche und Lücken aufwiesen. 1982 wurden die Ermittlungen dann für endgültig abgeschlossen erklärt. 

Bildausschnitt der Gedenkstele

Bildausschnitt der Gedenkstele

Das Attentat blieb für die Landeshauptstadt München ein „Schweres Erbe“, so bezeichnet in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von Katja RiedelVor zehn Jahren, zum 25. Gedenktag des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980, hatte die Stadt Hans Roauer offiziell zur Gedenkstunde eingeladen. Freunde hatten ihn überredet, gemeinsam zur Theresienwiese nach München zu fahren. Zu der schmalen Gedenkstele am Eingang der Festwiese, die damals noch mehr im Gedränge der Menschenmassen verschwand als heute, wo sie immerhin von einem durchlöcherten Metallrund umgeben ist. Es soll Schutz und Aufmerksamkeit zugleich bieten.

Oktoberfest - Gedenken an Attentat

Doch als Roauer an dem Ort ankam, der ihm bis heute Angst macht, da habe es für ihn und die anderen, oft schwerst behinderten Attentatsopfer nicht einmal einen Sitzplatz gegeben, sagt er. „Nur die Honoratioren saßen hinter der Absperrung, wir standen mitten in der Meute. Und dann die salbungsvollen Worte. Ich habe das nur fünf Minuten ausgehalten“, sagt Roauer.

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Ihre Lebensaufgabe ist die Aufklärung des Oktoberfest-Attentats: Oben: Journalist Ulrich Chaussy darunter Opferanwalt Werner Dietrich

Dass sich das Mäntelchen des Schweigens nicht für immer über das Attentat legen konnte, ist maßgeblich der Hartnäckigkeit von Journalist Ulrich Chaussy (BR) zu verdanken. Ihm entgehen nicht die vielen Ungereimtheiten, die der offiziellen Einzeltäter-Version widersprechen. Bald vermutet er, dass passend gemacht wurde, was nicht passte und recherchiert auf eigene Faust weiter, gemeinsam mit dem ebenso engagierten Opferanwalt Werner Dietrich. Gemeinsam tragen sie neues Beweismaterial zusammen und setzen sich persönlich mit Zeugen in Verbindung. Auf Grund der Ergebnisse ihrer Suche beantragt RA Dietrich mehrfach eine Wiederaufnahme des Verfahrens, doch sein Antrag wird jedes Mal abgelehnt. Mehr noch: In den 90er Jahren werden alle gelagerten Asservate  „aus Platzmangel“ vernichtet!

Oktoberfest_Attentat_Der_blinde_Fleck_Film_jourfixe-BlogDie Fragwürdigkeit der Einzeltäter-These erhält 2013 neue Nahrung durch den Film „Der blinde Fleck“, ein dokumentarischer Spielfilm, der die Fragen und Erkenntnisse bündelt, die Chaussy und Dietrich im Zuge ihrer Nachforschungen zusammengetragen haben:

Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) recherchiert den angeblich gelösten Fall und stößt auf rechtsradikale Hintergründe und ungeklärte Todesfälle. Warum hat die Polizei Zeugenaussagen ignoriert? Warum gab Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) geheime Informationen an die Presse weiter? Warum hat die Bundesanwaltschaft wichtige Beweismittel vernichten lassen? Ulrich Chaussy und der Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) machen sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit, die auch heute noch vertuscht wird. iiiiiiiiiiii Quelle:  Homepage zum Film (mit anschaulichem Trailer)

Den Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ergänzen zusätzliche Dokumentationen zu neuen Fakten und weiteren möglichen Hintergründen und stoßen jetzt auf eine Öffentlichkeit, die bereits durch den NSU-Skandal hochgradig sensibilisiert ist, was „Blindheit auf dem rechten Auge“ und Verquickungen zwischen Nachrichtendiensten, V-Männern und rechter Szene anbelangt. Zudem treten neue Zeugen in Erscheinung. Im Dezember 2014 wird schließlich die Soko „26. September“ ins Leben gerufen und das Verfahren neu aufgerollt.
iiiiiiiiiiii
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Toni Netzle, Autorin, Schauspielerin und legendäre Simpl-Wirtin im Alten Rathaus-Saal, am 26.9.2015

Schon länger hatte ich diese neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Umso mehr freute ich mich über die Einladung zur Podiumsdiskussion im Alten Rathaussaal am 35. Jahrestag des Attentats und darüber, Details zu Attentat und den neuen Ermittlungen aus erster Hand zu erfahren sowie durch meine Anwesenheit Anteilnahme bekunden zu dürfen … So wie mir ging es vielen Münchnerinnen und Münchnern, angefangen bei dem Münchner Urgestein Toni Netzle, die mich begleitete. Auch im Publikum sah ich viele vertraute Gesichter aus dem Münchner Stadtleben, allen voran die zwei Ehrenbürgerinnen Getraud Burkhardt, ehemalige Bürgermeisterin und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultursgemeinde München, desweiteren Ellen Presser, Leiterin des jüdischen Kulturzentrums sowie Apostolos Malamoussis, Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München. Gut vertreten war natürlich auch die Landeshauptstadt selbst, u. a. durch meine SPD-Parteifreunde, Bürgermeisterin Christine Strobel sowie die Stadträte Bettina Messinger und Haimo Liebich, der mir liebenswürdigerweise sein Bildmaterial für diesen Blog überlassen hat.

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Für den DGB war Regionsgeschäftsführerin Simone Burger vor Ort und hielt die Einführungsrede. 1982, so eröffnete sie uns, hatte die DGB-Jugend vergeblich gegen die Einstellung der Ermittlungen protestiert. Doch damals fehlte es an Rückhalt in breiteren Schichten der Gesellschaft.

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Annette Ramelsberger, SZ, moderierte

Diese sei inzwischen wesentlich kritischer geworden, urteilte Annette Ramelsberger, von der Süddeutschen Zeitung, in ihrer Anmoderation. Auf den Punkt, mit großer Sachkompetenz und zugleich einfühlsam führte Rammelsberger, die sich bereits mit der Berichterstattung über den NSU-Prozess verdient gemacht hat, durch den Abend.

Als Podiumsgäste waren, neben Ulrich und Chaussy, zwei Überlebende des Attentats geladen. Rammelsberger stellte sie vor als „Herr und Frau Müller.  Aber sie heißen anders.“  Für mich war das der erste Gänsehaut-Moment, Opfern gegenüber zu sitzen, die sich genötigt sehen, das einschneidendste Erlebnis ihres Lebens im Alltag für sich zu behalten „um nicht ständig darauf angesprochen zu werden„.
Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats

Podiumsdiskussion zum 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats; Rechts außen sitzt das Ehepaar „Müller“, Foto: Haimo Liebich

„Herr Müller“ begann dann mit überraschend ruhiger Stimme und sehr detailliert zu schildern, wie er das Attentat erlebt hatte. Mit einer kleinen Freundesgruppe waren er und seine damalige Verlobte in Richtung Ausgang geschlendert. Herr Müller rauchte damals noch und eilte kurz voraus, um eine leere Zigarettenpackung im nächsten Abfalleimer zu entsorgen. Dann ging er wieder einige Meter zurück zu seiner Gruppe. Man diskutierte noch, für welchen Heimweg man sich nun entscheiden sollte, als die Bombe explodierte und zwar in genau dem Abfalleimer, an dem sich Herr Müller eben noch befunden hatte! Die Rückkehr zu seiner Gruppe rettete ihm das Leben …

„Herr Müller“ schildert wie er das Oktoberfest-Attentat überlebte

Er findet sich auf dem Boden wieder, halb über der Kante des Bürgersteigs liegend. In Gedanken fühlt er sich durch seinen Körper. „Was fehlt mir?“ Als nächstes registriert er eine große Stille, seine Trommelfelle sind durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Welt scheint still zu stehen. Dann bricht unvermittelt Betriebsamkeit aus. Die ersten Verletzten werden mit Taxis abtransportiert, Sanitäter eilen herbei. – „Ich lag immer noch da.“ Ein Mann steht mit seinem Fuß auf Herrn Müller. Dieser will ihn darauf aufmerksam machen, erkennt dann, dass dem Mann die Gedärme aus dem Bauch quellen.

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Foto: Keystone PD

Ein junges Ehepaar möchte helfen. Weiß aber nicht wie, bittet Herrn Müller um Anweisungen. Er nimmt Feuchtigkeit wahr, die sich unter ihm ausbreitet. Es ist sein Blut. Unbedingt muss diese Blutung gestoppt werden.  Es gelingt seinen Helfern halbwegs. Das ist auch gut so, denn alle Sanitäter sind anderweitig beschäftigt. Herr Müller wird insgesamt vier Liter Blut verlieren und bleibt, wie durch ein Wunder, dennoch bei Besinnung, die er bald brauchen wird … Als man ihn endlich auf eine Bahre legt, knicken ihm beide Beine nach außen weg. Später wird sich herausstellen, dass sie nur noch von einigen wenigen Muskelfasern am Oberschenkel gehalten werden. Die Trage passt nicht in den Rettungswagen – wieder wird er ausgeladen, umgebettet und wieder kippen die Beine auseinander. Endlich verlässt der Wagen den Unglücksort …

Quelle: n-tv

Quelle: n-tv

Am Luise-Kieselbach-Platz gerät die Fahrt ins Stocken. Der Verletzte soll in ein Krankenhaus außerhalb der Stadt verbracht werden. Große Diskussion zwischen den Sanitätern und der Leitstelle. Die Sanitäter, auf Grund des Katastrophen-Alarms aus Starnberg herbei geeilt, sind nicht ortskundig. Herr Müller rettet die Lage und vermutlich seine beiden Beine, indem er den Rettungswagen nach Großhadern lotst, wo ihn die bestmögliche medizinische Versorgung erwartet. In einem Kreiskrankenhaus – so vermutet er heute – hätte man nicht bis zum Heilungserfolg chirurgisch „experimentiert“, sondern gleich beide Beine amputiert.
 

„Frau Müller“ schildert, wie ihre Handtasche sie vor den Bombensplittern schützte und ihr so das Leben rettete

Frau Müllers Schilderungen kreisen um ihr „Glück im Unglück“. Sie hält an jenem Schicksalsabend ihre Handtasche, ein beiges Fabrikat Marke 70er Jahre, aus Achtsamkeit (vor Taschendieben) auf der linken Seite, eng an ihren Körper gepresst, als sich die Explosion ereignet. Die Tasche, „ist gut gefüllt, wie alle Damentaschen“ und fängt einen Großteil der Bombensplitter auf. Frau Müller hat die Splitter, in Glasampullen eingefasst, zusammen mit der Tasche bis heute aufbewahrt …

Herr und Frau Müller heirateten im Mai des darauf folgenden Jahres; er ging dabei auf Krücken. Gleich am nächsten Tag musste er sich einer weiteren von vielen Operationen unterziehen; bis heute insgesamt 90! Inzwischen leidet er auch unter resistenten Keimen, die er sich bei einem seiner Krankenhaus-Aufenthalte eingefangen hat. Schmerzen bleiben ein konstantes Thema im Leben von Herrn Müller und seiner Frau, die mit ihrem Mann mit leidet.
Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats, Foto: Haimo Liebich

Podiumsdiskussion am 35. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im Alten Rathaussaal. Annette Ramelsberger, SZ, im Gespräch mit „Herrn und Frau Müller, beide Opfer des Oktoberfest-Anschlags; Foto: Haimo Liebich

Sie sind Ehepaaar und Schicksalsgenossen zugleich, deren Dasein das Attentat in ein „Leben vor“ und ein „Leben danach“ entzweit hat. Die Müllers schildern auch, wie der Anschlag das Leben anderer Mitglieder ihrer kleinen Gruppe beschädigt hat; erzählen von dem Finanz-Angestellten, der damals kurz vor der Verbeamtung auf Lebenszeit stand. Vor dem Schicksalsabend war er täglich zwischen Ingolstadt und München gependelt. Nun sah er sich dazu gesundheitlich nicht mehr in der Lage, ein Umstand, der ihn Job und Verbeamtung kostete, mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen. Opferanwalt Dietrich wies darauf hin, dass ein sozialer Abstieg immer schwer zu verkraften sei, erst recht von jemanden, der nicht Verursacher sondern Opfer seines Schicksals sei. Eine solche Situation ließe sich seelisch kaum verarbeiten.
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Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Oktoberfest ...

Alle Jahre wieder im Spätsommer: Count Down zum Münchner Oktoberfest …

Eine Reihe ehemaliger Opfer verlässt regelmäßig vor dem Oktoberfest die Stadt, seit nunmehr 35 Jahren. Nichts soll sie an jenen 26. September erinnern … Diese Haltung hängt auch damit zusammen, dass man die Opfer seinerzeit weitgehend sich selbst überließ. Sie erhielten damals keinerlei psychologische Betreuung, so Dietrich.
Eine weitere Belastung habe der fragwürdige Ermittlungsstil dargestellt, der zur Einstellung des Verfahrens führte. Letzteres war ein weiterer Schlag für die Opfer und ein besonders unrühmliches Kapitel in der deutschen Justizgeschichte. Gestern blätterten Chaussy und Dietrich es nochmals auf.
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„Herr Müller“ berichtet von fragwürdigen Ermittlungsmethoden der Polizei, Foto: Haimo Liebich

Herr Müller erlebte selbst fragwürdige Befragungsmethoden. Er gab bei der Polizei an, dass er gesehen habe, wie rechts von ihm eine 40 cm bis 60 cm hohe Stichflamme aus dem Gulli aufstieg. Darauf widersprach ihm der Vernehmungsbeamte vehement. Müller würde sich täuschen, die Explosion sei links von ihm erfolgt.

Dazu wurde uns erläutert, dass Herr Müller über Fachwissen sowie eine vierjährige Erfahrung bei der Bundeswehr verfüge und somit durchaus in der Lage sei, einen Knallkörper von einer Explosion zu unterscheiden. Hätte man damals aber Müllers Beobachtung zur Kenntnis genommen, so hätte man zwingend von  einer zweiten Bombe ausgehen müssen. Das wiederum hätte die Theorie einer Einzeltäterschaft widerlegt, und genau das hatte man offensichtlich mit allen Mitteln vermeiden wollen.

Oktoberfest_Attentat_Polizei_jourfixe-BlogAuch andere Zeugenaussagen wurden damals durch Suggestiv-Fragen zurecht gebogen, beispielsweise die Aussage, man habe Köhler eine Stunde vor der Explosion mit zwei Männern heftig streiten gesehen. Die Polizei bohrte nach, ob es denn nicht auch so gewesen sein könne, dass sich Köhler nach einer Unterkunft erkundigt habe?Diese Möglichkeit musste natürlich von Zeugenseite aus eingeräumt werden, schließlich hatte man den Inhalt der Diskussion nicht verstehen können. Seltsam … Würde sich ein frustrierter Einzeltäter, der seinen Selbstmord plant und ihn eine Stunde später auch begehen wird, zuvor noch nach einer Bleibe erkundigen? Unerklärlich bleibt auch das Auftauchen und plötzliche Verschwinden eines Fingers mit Handresten am Tatort, der sich serologisch keinem der Opfer zuordnen ließ …
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Generalbundesanwalt a.D. Harald Range eröffnete im Dezember 2014 das Wiederaufnahmeverfahren

Was mich gestern Abend besonders beschäftigte: Auf Grund der jetzigen Beweislage schließen Chaussy und Dietrich, analog zum NSU-Skandal, auf eine mögliche Verwicklung des BND. Uwe Behrendt, Vizevorsitzender der Wehrsportgruppe Hoffmann und nach dem Attentat in den Nahen Osten abgetaucht, soll als V-Mann tätig gewesen sein. Und er soll sich Dritten gegenüber als Mittäter bekannt haben … Da frage ich mich, wer in diesem Fall welche Anordnungen an wen weitergegeben hat und wer für welchen Maulkorb wo verantwortlich sein mag?

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, Foto: Haimo Liebich

Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, fotografiert von Haimo Liebich im Alten Rathaussaal

Entsprechend wenig begeistert zeigte sich Ulrich Chaussy gegenüber dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range darüber, dass ausgerechnet das bayerische Landeskriminalamt, das seinerzeit so lückenhaft ermittelt und möglicherweise Material unterschlagen hatte, nun federführend bei der Wiederaufnahme der Untersuchungen sein sollte. Tatsächlich befinden sich die heutigen Ermittler in der unguten Lage, die Ergebnisse ehemaliger Kollegen anzweifeln und nachrecherchieren zu müssen. Laut Chaussy melden sich nachträgliche Zeugen wohlweislich bei ihm und Dietrich, statt beim LKA vorzusprechen. Chaussy und Dietrich beklagten beim Podiumsgespräch die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachrichtendienste, die in der Vergangenheit nur widerwillig und lückenhaft Auskünfte erteilt hätten. Diesbezüglich sei es wichtig, sehr konkret nachzufragen, welche Informationen zu welchen Personen vorhanden seien. Das Fazit der beiden lautete: Es geht hier um das Rechtsstaatswohl. Die Interessen eines Nachrichtendienstes dürfen daher niemals über das Schicksal der Opfer gestellt werden! 

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Rote Nelken erinnern 35 Jahre nach dem Anschlag an die Toten, Foto: Haimo Liebich

Laut Herrn und Frau Müller lässt die Arbeit der jetzigen Soko „26. September“ hoffen. Herr Müller berichtete, dass er sich zum ersten Mal als Zeuge ernsthaft wahrgenommen gefühlt habe. Auch Frau Müllers Handtasche, inklusive aller Splitter, ist nach 35 Jahren endlich in den Fokus der Ermittlungen gerückt, denen, nach Vernichtung der früheren Asservate, nunmehr nur die wenigen Beweisstücke zur Verfügung stehen, die die Opfer privat gehortet haben.

Nelke_Trauer_Oktoberfest_Attentat_Gedenkfeier_jourfixe-Blog_Gaby_dos_Santos„Für wen schreiben Sie?“, fragte mich die freundliche ältere Dame, die den Abend über mit ihrem Mann neben mir gesessen und ein wenig verloren gewirkt hatte. Dass meine Notizen für einen Blog seien, vermochte ich ihr nicht wirklich zu vermitteln, aber dass ich schreiben wollte, schien ihr zu gefallen. „Wissen Sie, mein Mann, mein Sohn und ich waren auch unter den Opfern. Aber wir sind kurz vorher stehen geblieben, um einem Mann zuzuhören, der auf einem Wägelchen saß und wunderschön Mundharmonika gespielt hat. Sogar mein Sohn, er war damals 13, ist zu uns zurück gelaufen, so schön hat der Mann gespielt. Das hat uns das Leben gerettet, sonst wären wir bei der Explosion genau am Abfalleimer gewesen.“ Der Frau standen Tränen in den Augen, als sie fortfuhr: „Wissen Sie, wir sind eine kleine Gruppe, die sich jedes Jahr  am Eingang der Wies’n trifft. Auch der Herr Platzer, der damals seine beiden Kinder verloren hat, kommt immer. Auch heuer. Er hat uns gleich erkannt, uns umarmt und eine rote Nelke geschenkt …“

Der Vater der jüngsten Opfer des Attentats, Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier

Der Vater der jüngsten Opfer Ignaz, 6 Jahre und Ilona Platzer, 8 Jahre, kommt jedes Jahr zur Gedenkfeier; hier auf einem Bildausschnitt vom 26. September 2015

Das letzte Wort auf dem Podium ging an Herrn Müller. Er gab uns allen eine klare Botschaft auf den Weg, die ich versuche, aus meinen Notizen so sinngemäß wie möglich wiederzugeben:

„Bislang hat sich der Staat bei diesem Thema verhalten, wie eine Bananenrepublik und nicht wie die Bundesrepublik. Hoffen wir, dass sich das ändern wird, sonst hätten wir heute Abend hier umsonst gesessen …“

Link zum Verzeichnis aller bisherigen Blogs

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Ein Gedanke zu “„Herr und Frau Müller heißen anders“ – Zeitzeugen des Oktoberfest-Attentats erinnern sich

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