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Plötzlich Rentnerin! Herbstliche Bestandsaufnahme oder Frühherbst des Lebens?

Seit kurzem habe ich es amtlich, schwarz auf weiß: JETZT BIN ICH RENTNERIN. Zumindest bis Mitte 2017. Weil sich bis dahin ja der Arbeitsmarkt ändern und wieder Jobs auch für Fälle wie mich bieten könnte, zumindest theoretisch. Bis auf Weiteres verschwindet mein Name jedenfalls erst mal aus der Arbeitslosen-Statistik. Eine sicherlich sinnvollere Maßnahme, als so manch andere, die ich in den letzten zwei Jahren erleben durfte. So lange liegt nun schon mein Abgang aus dem beruflichen Paarlauf mit Ilse Ruth Snopkowski zurück, Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition. Und da wir seit dem nicht mehr besonders gut auf einander zu sprechen sind, Frau Snopkowski aber Status mäßig wie finanziell am längeren Hebel sitzt, ist kaum anzunehmen, dass ich jemals wieder in München eine Anstellung in meinem Metier als Kulturmanagerin bekommen werde, trotz allem Know How. Und deswegen auch keinen anderen, wie auch immer gearteten Teilzeit-Job, weil überqualifiziert und zu alt. Bliebe nur ein Job als Regierende und/oder Vorstandsvorsitzende irgendwo. An den Schaltern der wirklichen Macht sitzen meist ältere Semester. Aber die haben sich ihre Psychosomatik nicht derart geschreddert, wie ich in zwanzig Jahren als Kunst- und Kulturschaffende.

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Gaby dos Santos, Rentnerin, 2015

Ein penetrantes „Peng“ dröhnte in meinem Innern, in dem Moment, in dem ich den Rentenbescheid wirklich begriffen hatte, war mir doch soeben hochoffiziell bescheinigt worden, dass ein letzter Abschnitt meines Lebens begonnen hat. Ganz unerwartet, von jetzt auf gleich, denn vorzeitigen Rentenanträgen wird nur sehr zögerlich stattgegeben, da dem DRV die staatlichen Beschäftigungsstatistiken ziemlich gleichgültig sein dürften. Ich rieb mir mental die Augen:Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Sanduhr

Hatte ich nicht noch im Herbst 2012 zusammen mit Ilse Ruth Snopkowski die 26. Jüdischen Kulturtage im Gasteig vorbereitet? 2013 eine große Produktion für die Stadt  zum 450. Jubiläum des Alten Südlichen Friedhofs gestemmt? Noch im letzten Jahr mit einer Produktion zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs an Gedenkveranstaltungen teilgenommen?

U N D  J E T Z T   B I N   I C H   R E N T N E R I N ! Obwohl ich, um endlich wieder eine Linie in mein Leben und eine meiner Gesundheit förderliche Struktur in meinen Alltag zu bringen, diese Rente ja selbst beantragt hatte.

Eine der Fragen, die mir zu schaffen machten, war die, ob Rente für mich und mit nur 57 Jahren, wirklich angemessen ist. Bescheid hin oder her, fällt einem die Erkenntnis schwer, dass man jetzt behördlich zu „denen“ gezählt wird, die nicht mehr Hamsterrad fähig sind. Dr_Mehmet_Tokus_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosAls ich vor genau einem Jahr zur Kur aufgebrochen war, tat ich dies in der Gewissheit, dass ich generalsaniert zurück kommen würde. Stattdessen wurde ich dort erst richtig auf mich selbst zurück geworfen und auf die Erkenntnis, dass mir tatsächlich Grenzen gesetzt sind. Eigentlich kein schlechter Zustand, ist mir doch dadurch garantiert, dass mich kein Arbeitgeber ausbeuten könnte, da meine Psychosomatik ganz schnell die Rote Karte zücken würde. Dagegen hilft auch die beste Gruppentherapie, Marke „Dr. Tokus“, seinerzeit in der Reha, nichts. Aber letztlich, wie bei so vielen Mitbetroffenen, ist es kein egoistischer Chef, dem ich an die Nase fassen muss, sondern mir selbst. Wie wohl die meisten Reha-Absolventen (da könnten sich die Rentenversicherungen ruhig eine Menge Geld sparen) habe ich gleich nach der Kur im letzten Herbst das Hamsterrad wieder „volle Kanne“ angestoßen, nicht immer mutwillig, es kamen unerwartete Engagements kurzfristig hinzu, aber wie auch immer, habe ich durchgepowert bis in diesen Sommer hinein.

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Ingeborg Schober – Eine Poptragödie – Uraufführung der MultimediaCollage von Gaby dos Santos im Gasteig, München 25.06.2014; Foto: © stefan-m-prager.de

Schon während meiner letzten Produktion zu „Eine Poptragödie“, merkte ich, das mir dieses Mal die Kräfte schon vor der Premiere ausgingen. Noch während der Vorbereitungen erkrankte ich. Bildbearbeitung in der Horizontalen und mit Fieber waren nunmehr angesagt und dem Schöpferischen wenig förderlich. Außer vielleicht bei der psychedelischen Passage über Amon Düül. 😉 Nach der Premiere, obwohl erfolgreich, klappte ich dann ganz zusammen, nicht zuletzt auch deshalb, weil erstmals nach Jahren, kein neues Projekt auf mich wartete. Ab da gaben sich die Wehwehchen die Klinke in die Hand, mit dem Ergebnis, dass ich zu keinerlei Aktionismus mehr fähig, sondern zu Ruhe und Besinnung verdonnert war. Und das im Zustand des berühmten „Post Production Blues“! Da kommt man auf ziemlich schwarze Gedanken.

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The morning after … Gaby dos Santos erschöpft nach einer Veranstaltung. Foto: Sigi Blässer

Auf einmal wurde mir bewusst, wie sehr ich Kind und Enkelkind vermisse und dass keine „Grosses Kunscht“, wie auch immer geartet, diese Lücke jemals ganz wird schließen können. Der Lauf der Dinge halt, von dem ich aber bislang angenommen hatte, ihn in meinem Fall erfolgreich kompensieren zu können. Funktionierte ja auch eine zeitlang, nur ab dem Moment nicht mehr, an dem ich mich ruhig gestellt sah und behindert mal durch das eine Zipperlein, mal durch das andere, nie Ernsteres, aber doch spürbar genug, um mich in meinem Tatendrang auszubremsen: Zahn, Kopf, Bronchien, wieder Kopf, Bauch, Kopf und nochmal Zahn, ergänzt durch plötzlich auftretende Erschöpfungszustände, um das Ganze abzurunden. Plötzlich konnte ich oftmals so gar nicht mehr, wie ich wollte! An „schlechten Tagen“ machte und macht sich in mir Panik breit, gänzlich „unbrauchbar“ zu werden. Während der „guten Tage“ hingegen bin ich wieder fast ganz die alte Powerlady, voller Pläne, die ich so gerne noch umsetzen möchte. Hallo, ich bin erst 57!!! und meinen jetzigen Zustand empfinde ich als ziemlich hohen Preis für all die – schlecht bezahlte und überschaubar erfolgreiche – Kunst und Kultur-Aktivitäten der letzten zwanzig Jahre. Aber ich weiß auch: Ohne sie hätte ich mein Leben gar nicht leben können. So und nicht anders habe ich es gewollt!

Gab_dos_Santos_jourfixe-Blog_verwirrende Welt 2015Jetzt als Rentnerin sehe ich mich, wie ich mich schon mein Leben lang empfunden habe, als einzelne Spaziergängerin zwischen den Welten, Beobachterin, Fragende, Suchende – und berichtende Buchführerin, in Wort und Bild. Dabei bleibe ich ein Reizfaktor im Selbstverständnis unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten, mal freiwillig, mal unbewusst, manchmal auch wider Willen. Diese Eigenart schützt mich ebenso zuverlässig vor Langeweile, wie es mich permanent in Außenseiterrollen drängt. Ausgestattet bin ich mit einigen Begabungen sowie einer Minimalrente und daher weder reicher noch ärmer als zuvor, d. h. ziemlich brotlos de facto,  dennoch beschenkt mit einem farbigen Leben, vorausgesetzt, wie gesagt, ich befinde mich gerade in der Lage, es auszuschöpfen. Oft bete ich um mehr Kraft, tröste mich dann mit der Erkenntnis, dass alles seinen guten Grund hat, um Minuten später erneut zu zweifeln und zu hadern  …

Gelegentlich führe ich Menschen auf der Bühne etwas vor und mitunter sogar Selbstgespräche, wie heute, virtuell und „www“. 😉

Aber schon morgen steht ganz reell und positiv besetzt, eine Pressekonferenz mit Benjamin Idriz an, in der Pasinger Moschee, zu Maßnahmen der Flüchtlingshilfe seitens der Muslime in München. Darauf freue ich mich schon voller Spannung!

Live goes on 😉

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Immer schon alleine auf Tour: Gaby dos Santos, damals noch Blässer, 1976 in Lugano, nach einer Interrail-Reise

 

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3 Gedanken zu “Plötzlich Rentnerin! Herbstliche Bestandsaufnahme oder Frühherbst des Lebens?

  1. Take it easy – dieses Durchgeschüttelt-Werden ist typisch für den Wechsel in den neuen, finalen Lebensabschnitt. Unser Glück liegt mehr denn je im holden Bescheiden. Und das ist gut so, denn Du, liebe Gaby hast deine Hausaufgaben längst gemacht und musst niemandem mehr was beweisen. Bleib jene charmante, kreative und kritische Kulturlady, als die wir dich kennen und schätzen. Und: Keep swinging!

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  2. Pingback: Plötzlich Rentnerin! Herbstliche Bestandsaufnahme oder Frühherbst des Lebens? | jourfixeblog

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