Stadtarchiv München Gaby dos Santos jourfixe-Blog

Frau Zoff und Gatte Bert … Sommerliche Einblicke in das Stadtarchiv München sowie Vorschau mit Veranstaltungshinweisen zu meinem Griechenland-Blog

1922 ehelichte eine Sängerin namens Marianne Zoff einen Herrn Bertholt Brecht und auf der Heiratsurkunde, die ich gestern betrachten durfte, hatte ein gewisser Lion Feuchtwanger als Trauzeuge unterschrieben … Viel renommiertes Kulturholz für eine Trauung …Dennoch erlangte der Spruch „nomen est omen“ fünf Jahre später bedauerliche Gültigkeit, belegt durch eine Scheidungsurkunde, in der beide Parteien gleichermaßen für schuldig befunden wurden, da Frau Brecht, geborene Zoff, mit einem Herrn Theo Lingen Ehebruch begangen hatte und ihr Angetrauter wiederum mit einer Helene Weigel

Dass staubtrockene Unterlagen eines Tages spannende Geschichten erzählen können, wurde mir bei der liebevoll detaillierten Führung durch die normalerweise dem Publikum verschlossenen Räumlichkeiten des Stadtarchives einmal mehr bewusst. Hier lagern, würde man sie an einander fügen, ca. 20 km Akten, davon über 2.000 noch aus dem Mittelalter. Lange Zeit war strittig, ob München oder Köln sich des größten Stadtarchivs Deutschlands rühmen dürfen. Durch den Einsturz des Kölner Archivs hat sich diese Frage auf bedauerliche Weise inzwischen erledigt.

Gerüstet mit den obligaten weißen Baumwollhandschuhen, um die Exponate zu schonen, schlug unser Führer unter anderem ein Steuerbuch Ende von ca. 1375 auf, angelegt also, so ging mir kurz durch den Kopf, nachdem München schon von der ersten Pestwelle heimgesucht worden war. Auf der ersten Seite befand sich der Wortlaut eines Schwurs, den jeder Steuereintreiber zu leisten hatte, illustriert durch ein sorgsam gestaltetes Bildchen. Steuern zahlte nur, wer die Bürgerrechte besaß. Veranlagt wurde man auf Grund der eigenen Angaben, allerdings lies das enge Zusammenleben nicht viel Raum für Schummeleien, von karibischen oder alpenländischen Schlupflöchern mal ganz zu schweigen. Ein Bürger zum Beispiel hatte 18 irgendwas (dargestellt in lateinischen Ziffern) bezahlt, hinter anderen Namen befand sich der Eintrag „nihil“ – „nichts“, also wohl der Steuerpflicht entbunden, weil zu arm. Klerus und Adel zahlten sowieso nicht, ebenso wenig Ortsfremde. Aufbewahrt werden hier alle Unterlagen bis – derzeitiger Stand – 1808. Alles spätere liegt noch – historisch gänzlich unverklärt –  😉  beim Finanzamt.

Aufschlussreich auch eine Urkunde datiert spätes Mittelalter, frühe Neuzeit, in der ein Bürger Wasserrechte zugesprochen bekommt. Die Urkunde ist, neben dem damals üblichen Siegel, mit einem Stift versehen, dessen Länge festlegt, welcher Wasseranteil dem Bürger zugesprochen wird. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass es damals durchaus schon Haushalte mit eigenem Wasserzugang gab. Zu diesem Vorgang lagern zwei Dokumente im Stadtarchiv. Das erste gehörte seit jeher zum städtischen Dokumentenbestand. Das zweite, ausgestellt seinerzeit für den Bürger, hat das Stadtarchiv über Ebay ersteigern können. Lediglich die Adressierungen – einmal an die Stadt, einmal an den Bürger gerichtet  – unterscheiden sich; ansonsten hat der Schreiber fein säuberlich den Wortlaut in doppelter Ausfertigung niederschreiben müssen. Dagegen muten selbst die umständlichen Schreibmaschinen-Durchschläge aus der Prä-Computer-Steinzeit noch praktisch an.

Dann holte der Archivar ein Dokument hervor, das die Geburt einer gewissen Elisabeth Wellano am 12. Dezember 1892 bekundete. Elisabeth wer? Es handelt sich um die Geburtsurkunde eines Münchner Kindls, das später als   Liesl Karlstadt berühmt werden sollte …

Auch der Nachlass des Münchner Urgesteins „Weiß Ferdl“ wird hier verwahrt, zusammen mit anderen illustren Persönlichkeiten, mit Enteignungsurkunden, den gesammelten Akten zum Oktoberfest oder, exemplarisch, die Schulakten ganzer Jahrgänge, etc.

Das älteste gestern vorgeführte Exponat war von ca. 830, eine Bibelseite aus dem Neuen Testament, das später, wie viele sehr sehr alte Pergament-Schriften, als Bucheinband zweckentfremdet worden und schließlich in den Besitz der Historischen Gesellschaft von Oberbayern gelangt war. Diesem, zu Gründungszeiten um 1835, noch sehr elitär aufgezogene Verein, verdankt das Stadtarchiv zahlreiche Exponate, und ihr Vorsitzender, Dr. Michael Stephan, ist zugleich der Leiter des Münchner Stadtarchivs. Ein Blick auf deren Homepage und Veranstaltungsprogramm lohnt sich für alle, die Heimat/Geschichte fasziniert:

http://www.hv-oberbayern.de/

Persönlich stelle ich fest, dass ich mich viel heimischer in München fühle, seit ich mich, zunächst berufsbedingt, später auch aus privatem Interesse, mit der Geschichte von München und Umgebung befasse.

Wird ein Nachlass dem Archiv angeboten, so findet zunächst eine Begutachtung durch Archivare des Hauses statt, da der Platz nicht unbegrenzt ist. Aber immerhin können noch knapp 18 km mehr an Dokumenten hier verwahrt werden. Bis in die 20er Jahre befand sich das Stadtarchiv übrigens neben dem Marienplatz und wurde dann, als es aus allen Nähten zu platzen begann, in das ehemalige Wehramt in der Winzererstr. 68 verlegt und im Krieg vorsorglich auf diverse Ausweichlager verteilt, so dass nichts zerstört wurde.

Was der Krieg ansonsten in München 1945 an Spuren hinterlassen hat, konnte ich dann bei einem anschließenden Gang durch eine kleine Foto-Ausstellung im Hauptgebäude betrachten.

Sicherlich war dies nicht mein letzter Besuch im Stadtarchiv. Wenn ich jetzt auch meine überfällige Kreativ-Pause geniesse, so wird mich das historische München-Virus sicherlich früher oder später wieder einmal befallen und dann ist einmal mehr Recherche angesagt. Zu solchen Zwecken steht das Stadtarchiv allen BürgerInnen offen, vorausgesetzt, möchte ich hinzufügen, man ist des Sütterlin kundig oder nur an allerjüngster Vergangenheit interessiert. Mit der Sütterlin-Schrift hatte ich seinerzeit bei den Recherchen zum Alten Südlichen Friedhof im Bayerischen Staatsarchiv bereits meine liebe Not; vermochte anfangs so gut wie nichts zu entziffern. Aber beim nächsten Besuch – ob Stadt- oder Staatsarchiv – nehme ich vorsorglich Toni Netzle als schriftkundige Begleitperson mit, die des Sütterlin noch mächtig ist.

Apropos „Alter Südlicher Friedhof“: Eine Historikerin, die gemeinsam mit mir die Führung besucht hatte, erzählte mir im Anschluss, sie plane ein Buch über Frauen, die auf dem Alten Südlichen Friedhof die letzte Ruhe gefunden haben. Spannende Sache! Ich hoffe, in Kürze mehr darüber zu erfahren und berichten zu können, zumal der Verein musica femina münchen ebenfalls ein Projekt über die dort bestattete Komponistin Sophie Menter plant.

Abgekühlt, dank der angenehmen 20 Grad in den Lagerräumen, habe ich jedenfalls gestern das Sommerfest mit der in diesem Jahr bislang vermissten „Summer-In-The-City“-Beschwingtheit verlassen, während ich entspannt durch Schwabing Richtung Heimweg schlenderte, voller neuer Erkenntnisse über meine Stadt – und, verzahnt, wie beides ist, ein wenig auch über mich … Dem Team von Stadtarchiv und Historischer Gesellschaft meinen herzlichen Dank!

Mehr zum Münchner Stadtarchiv unter:

http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Stadtarchiv/Geschichte-StadtAM.html

Vorschau: Für kommende Woche steht auf meiner Agenda GRIECHENLAND! 

Hierzu die Daten zu zwei Veranstaltungen nächste Woche, die ich mir in keinem Fall entgehen lassen werde:

Montag, 06.07.2015 11:00 Uhr
WOLFGANG BOSBACH
– der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses stellt sich exklusiv im Münchner Presseclub den Fragen

Als Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag ist Wolfgang Bosbach einer der einflussreichsten Abgeordneten unter der Kuppel des Reichstags. Als wortgewandter Rheinländer ist der CDU-Politiker ein streitbarer Gast bei Günther Jauch, Maybrit Illner und andern Talk-Runden. Wolfgang Bosbach, der seinen heimischen Wahlkreis seit 1994 sechsmal hintereinander direkt gewinnen konnte, hat sich mit seiner Prinzipientreue hohe Achtung erworben, aber nicht nur Freunde gemacht. Er kämpft dafür, dass Sicherheit und Freiheit in einer Demokratie gleichwertig sind wie Zwillinge. Er ist gegen die milliardenschweren Griechenlandhilfen und stellt sich dabei auch gegen die Mehrheit seiner Fraktion. Besonders spannend: Wenn Wolfgang Bosbach in der zweiten Juli-Woche in den Münchner Presseclub kommt, sind die Hilfsprogramme für Griechenland ausgelaufen. Mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen, über die Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Presseclub-Vize Peter Schmalz aus erster Hand berichten wird.

Öffentliche Veranstaltung, Gäste sind herzlich willkommen!
Eintritt frei
PresseClub München e.V., Marienpl. 22, Eingang im Pschorr Bräu/Lift 2. Stock (Gebäude angrenzend an Hugendubel)

Donnerstag, 9. Juli, 19 Uhr CHRISTIAN UDE zur Griechenlandkrise

Gravelottestr. 6, Casino der Arbeiterwohlfahrt, Eintritt frei

Veranstalter: SPD – Ortsverein Haidhausen Ost

Die Gravelottestr. liegt zwischen dem Ostbahnhof und dem Pariser Platz

Link zur Übersicht aller bisheriger Blogs >>>

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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