Streifzug durch die 68er-Welt des Rock und Pop und weiter bis ins Baskenland

Die Pop-Journalistin Ingeborg Schober, deren Schicksal ich gerade in einer Collage nachempfinde, verbringt mit Udo Lindenberg einen beschwingten Abend im Bayerischen Hof. Danach setzt sie der Rockstar – ganz Kavalier – in ein Taxi. Kaum dass er zurück ins Hotel verschwunden ist, eröffnet Ingeborg dem verdutzen Fahrer, sie habe es sich anders überlegt, die Nacht sei so schön, dass sie lieber zu Fuß gehen wolle. In Wirklichkeit hatte sie einen Abend der Sonderklasse ohne eine müde Mark in der Tasche verbracht … Shit happens!

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DaSein zwischen Austern … eine gedankliche Assoziation

Ähnliche Situationen erlebe auch ich immer wieder, wie alle – meist Kunstschaffenden – die grenzüberschreitend in der Gesellschaft unterwegs sind, mal neugierig erkundend, mal torkelnd, mal oben und mal unten. „Kein Zahn im Maul, aber La Paloma pfeifen“ lautet ein Spruch, den ich mir in jungen Jahren im Münchner Milieu angeeignet habe. Warum denn auch nicht pfeifen, wenn man dazu willens und in der Lage ist? Wo auch immer. Das Leben an sich kennt ja keine Zulassungsbeschränkungen je nach materieller Lage, Herkunft, politischer oder spiritueller Orientierung. Die unsichtbaren Grenzen zieht sich die Gesellschaft schon ganz von alleine. Und erst dadurch wird eine Situation wie obige, statt als gegeben, als absurd empfunden und das (zeitweilige) Fehlen finanzieller Mittel als ein dringend zu verbergender Makel.

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Ingeborg Schober 2004, Ausschnitte der
Fotos von Stefan M. Prager

Unter der Diskrepanz, gerade in ihren letzten Jahren, zwischen den Live-Style-Möglichkeiten der Kreise in denen sie verkehrte und ihrer eigenen Realität, hat Ingeborg sehr gelitten, hat ein Leben als gescheitert empfunden, das doch von ihr so zielstrebig erforscht, intensiv ausgekostet und auch reflektiert worden ist, dass es alle Anerkennung verdient. Doch die letzten Worte, die sie kurz vor ihrem Tod an ihre „lieben Freunde und Kollegen“ richtet, sind Worte des Bedauerns und der Warnung über ungelebte Träume. Damit hinterlässt Ingeborg zwar eine wirkliche „Message“, wie es Sängerin Claudia Cane während unserer Proben formuliert hat, leider aber auch eine, die die eigenen Meriten übersieht.  Darauf hinweisen kann ich Ingeborg nun nicht mehr, wohl aber ihre Geschichte und ihr Werk in Klang, Ton und Bildern würdigen, mit all den Widersprüchen und Brüchen, die an einer Persönlichkeit das ausmachen, was bleiben wird. Ingeborgs letzte Botschaft hat dankenswerterweise Schauspielerin Krista Posch zu sprechen übernommen. Als ungelernte Sprecherin wäre ich nicht annähernd in der Lage gewesen, den Inhalt so zu vermitteln, wie Krista es getan hat. Ein Gänsehaut-Moment in unserem Porträt „Ingeborg Schober – Eine Poptragödie“. Noch verstärkt wird der durch den rauhen, gefühlsbetonten Gesang von Claudia Cane, die nicht umsonst schon mit ACDC auf der Bühne stand und als  landeseigene Ausgabe einer Janis Joplin gehandelt wird.

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

Sängerin auf der Bühne im Artist Studio beim Sichten von Kleidern und Accessoires aus Ingeborgs Nachlass. Foto: Stephanie Bachhuber

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Elemente des Original Buchcovers von 1979

Tanz der Lemminge“ heißt der Titel von Ingeborgs erstem und inzwischen vergriffenem Buch, nach einem gleichnamigen Song der Underground-Kultband Amon Düül, deren Aufstieg Ingeborg begleitet und beschrieben hat, vor dem Hintergrund der weltweiten Jugendbewegung in den ausgehenden 60er und beginnenden 70er Jahren; die Geschichte des rauschhaften, kollektiven Aufbruchs in ein neues Lebensgefühl, gefolgt von einem Abgesang, der Ingeborg für den Rest ihres Lebens begleiten sollte. Gelesen habe ich das Buch in den Pausen des ökumenischen Kongresses „Heillos gespalten? Segensreich erneuert?, der letzte Woche an der Katholischen Akademie stattfand. Dadurch wanderte ich, gedanklich wie emotional, zwischen dem Aufschrei der 68er und dem großen theologischen Ringen um interkonfessionelle Einigkeit hin und her. Zu meinem Erstaunen merkte ich, dass sich aus der Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Glaubens für mein aktuelles Projekt ganz neue Gedankengänge entwickelten. Trotzdem hatte ich meine liebe Mühe, den Ausführungen der Damen und Herren Professoren zu folgen. Mir wurde wieder einmal klar, wie viel mehr ich gerne wüsste und das natürlich bitte sofort!  Zu meinem Glück lernte ich bereits am ersten Abend den Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Baden Württemberg kennen, Herrn Dr. Haizmann, der mir solange geduldig Fragen beantwortete, bis mich mein schlechtes Gewissen verstummen ließ. Nach zwei Tagen drohte mein Hirn dennoch,  endgültig, auf „Tilt“ zu schalten, so dass ich mich wieder ausschließlich dem Ingeborg-Projekt zu wandte.

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Ingeborg Schober als Grundschülerin

Allmählich weckt die Auseinandersetzung mit Ingeborg und ihrer Generation viel Empathie in mir und die Expedition in die Untiefen von Ingeborgs Schicksal, ein ganz neues Bewusstsein für die Fragilität des Lebens. Da schaut ein kleines Mädchen beflissen von ihrem Buch auf, so rührend jung und ahnungslos, scheint einem direkt in die Augen zu blicken, während man selbst schon das letzte Kapitel ihres Lebens kennt – und um alle Enttäuschungen weiß, die ihrem Tod noch voran gehen werden. So sehr mich dieses Projekt anrührt, so schwer empfinde ich auch die Umsetzung. Nur ganz behutsam lassen sich die einzelnen Elemente an einander fügen, hauptsächlich in Baucharbeit, der Verstand ist einem bei solchen Unterfangen keine Hilfe. Nur kennt die Baucharbeit leider kein Zeitgefühl und der Terminplan drängt.

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Eingangstür zum Artist Studio auf der Rückseite des Künstlerhauses, in der Herzog-Max-Str.

Bereits kommenden Samstag zeigen wir bei der Langen Nacht der Musik 2015, im Artist Studio im Münchner Künstlerhaus, erste Ausschnitte. Dann erst werde ich erkennen, ob ich künstlerisch auf dem richtigen Weg bin oder bis zur Premiere Ende Juni im Gasteig ein da capo der Produktionsarbeit angesagt ist. Seltsamerweise gibt mir erst eine Aufführung vor Publikum, wenn ich meine Arbeit mit den Augen der Zuschauer neu betrachte, Aufschluss über die Qualität meiner Show.  Was das Publikum anbelangt, stand allerdings zeitweilig zu befürchten, dass der Zuschauertest in diesem Jahr weitgehend ausbleiben würde, da Maja Grassinger, Präsidentin des Künstlerhauses, es diesmal ablehnt, die Verbindungstür von Künstlerhaus zu Studio zu öffnen, wie im Vorjahr. Dadurch ist unser Veranstaltungsort nur schwer zu finden. Glücklicherweise hat der Geschäftsführer der Langen Nacht, Ralf Gabriel, für uns eine rettende Lösung gefunden, indem ein Aufbau vor dem BMW-Pavillon unmittelbar auf den Weg zum Studio und auf unsere Veranstaltung hinweisen wird. Mehr zur Veranstaltung, mit weiterführenden Links, findet sich  auf der „Kalenderseite“ unserer Homepage:

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/dhtml/jfprogramm.html

Eintritt mit Karten zur Langen Nacht der Musik, à € 15,-, können vor Ort im Studio erworben werden. Einlass ab 19.45 Uhr.

Ibon_Zubiaur_Wie_man_Baske_wird_Europaeische_Schule_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Ibon Zubiaur präsentiert sein Buch „Wie man Baske wird“ den Schülern der Europäischen Schule in München

Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, den ehemaligen Leiter des Instituto Cervantes in München, Ibon Zubiaur, kennen und schätzen zu lernen, als jemand, dessen Esprit sich wohltuend von so mancher gewollten Intelektuellen-Pose im Kultur-Zirkus abhebt. Wohl aber auch deshalb hat er selbigem vor einiger Zeit den Rücken gekehrt, inklusive der damit verbundenen, gut dotierten Festanstellung, um in Berlin als freier Übersetzer und Autor zu arbeiten. Dass ihn Dr. Roland Jerzewski, im Rahmen der groß angelegten Veranstaltungsreihe Europäische Identitäten,

http://esmunich.de/home/hoehere-schule/projekte/europaeische-identitaeten.html

erneut an die Europäische Schule in München eingeladen hat, ergibt Sinn, denn Zubiaur vertritt gegenüber den Schülern Kultur in einer Form,  zu der sie einen Draht finden können. Das ist wichtig, denn es hält uns potentielles Kulturpublikum bei der Stange, statt es, wie allzu oft der Fall, schon in jungen Jahren durch Verkopftes zu vergraulen. Hier aber verhieß allein schon der Titel seines neuen Buches gedanklich viel Erquickliches: „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“. Entsprechend entwickelte sich auch der  Vortrag zu einer typischen, für mich ziemlich unwiderstehlichen Zubiaur-Performance, die lässig Wortwitz mit pointierten Ausführungen und Geist verband. Da mir aber nun einmal, wenn mich etwas begeistert, der sachliche Abstand leicht etwas abhanden kommt, lasse ich jetzt lieber Dr. Jerzewski, übrigens seit letztem Jahr mit Gattin Martine auch jourfixe-Mitglied, zu Wort kommen:

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

Nina Koszlowski, Gaby dos Santos und dahinter Martine Jerzweski in der Europäischen Schule München bei der Lesung von Ibon Zubiaur

(…) „Kaum ist der Abschlussapplaus verklungen, da beginnt der spanische Referent auch schon vor neuem Publikum – u.a. mit Gaby dos Santos von der Kulturplattform „jourfixe-muenchen“ und der deutsch-polnischen Übersetzerin Nina Kozlowski – mit der Vorstellung seines ersten auf Deutsch verfassten Buches „Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation“ und hier ist Zubiaur nunwirklich ganz in seinem Element als Baske, Europäer und Weltbürger. Nationen sind für ihn willkürliche Erfindungen, ganz gleich, ob es sich um die deutsche, spanische oder baskische handelt. Allerdings sei das baskische „nation-building“ ziemlich spät und notgedrungen ziemlich künstlich erfolgt. Das heutige Baskisch sei im Wesentlichen eine philologische Erfindung des 19. Jahrhunderts bzw. der Rebaskisierung der nachfranquistischen Ära. Die in seinem Essay-Band aufgeführten Beispiele sind ebenso beredt wie hanebüchen. Aber: Der 1971 geborene Ibon hat eine baskische Paradeerziehung durchlaufen mit Spanisch als 1. Fremdsprache und spricht bis heute eine Sprache,die im Baskenland nur eine Minderheit beherrscht. Früh ist er also über seine baskische Privatschule in Getxo bei Bilbao in eine Zweisprachigkeit hineingewachsen, die ihn für weitere Sprachen sensibilisierte und zum Übersetzer prädestinierte. Auf Englisch lernte er die Weltliteratur kennen, auf Deutsch lehrt, übersetzt und schreibt er seit fast anderthalb Jahrzehnten, ohne indes seine iberisch-baskische Herkunft zu verleugnen. Identität – ethnische, gesellschaftliche, sexuelle, religiöse – ist fürZubiaur ein „lockeres Band“. Jahrelang sei er mit der Frage konfrontiert worden, ob er sich als Spanier oder als Baske fühle. „Bis heute aber sehne ich mich nach einer gesellschaftlichen Stimmung, in der nicht die Frage zählt, als was ich mich fühle, sondern eher, wie ich mich fühle. Allzu oft aber lautete die Frage bloß: Was bist du? Und mehr als einmal (…) habe ich geantwortet: Athletic-Fan.“ Und genau hier sieht Ibon Zubiaur eine Lösung: Sein Lieblingsverein, der Erstliga-Fußballklub Athletic Bilbao, arbeitet nur mit Spielern aus der Region, aber nicht mit dem nebulösen Kriterium baskischer Abstammung, sondern mit dem nachvollziehbaren von Herkunft und Ansässigkeit. So versammelt derErstligist eine bunte Truppe von Spitzenspielern, auch solchen aus Angola oder Venezuela, die früh genug in baskische Gefilde gelangt sind. Dergestalt überwindet man ausgerechnet im Fußball ein politisches Problem spielerisch. (Roland Jerzewski) 

evangelische_Kircheneintrittsstelle_Muenchen_Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog

Evangelische Kirchen-Eintrittsstelle München, in der Herzog-Wilhelm-Straße 24,Tel. 089/51 26 59 60

Abschließen möchte ich mit einer Einladungskarte, die ich in der evangelischen Kirchen-Eintrittstelle entdeckt habe. Dort waren mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich zu einer Stadtführung (ebenfalls im Rahmen der Recherchen zu unserem Protestantismus-Projekt) geladen, „Protestantische Stätten in München“. Dort lag ein Kärtchen in Regenbogenfarben aus, auf dessen Rückseite fand sich der Spruch:

und jonatan schloss mit david einen bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes herz.“ (1. Samuel 18,3)

Auf den Bibelspruch, auf den ich bereits vor einiger Zeit im Sonntagsblatt aufmerksam geworden war,  folgte der Satz:

„Lesbisch, schwul, bi, hetero oder trans- Gott hat die Welt und seine Geschöpfe ganz schön bunt gemacht! Und alle gehören dazu. Herzlich willkommen in der Evangelischen Kirche!“

Da bin ich doch froh, einer Kirche anzugehören, die schätzungsweise keine Botschafter nach Hause schickt, weil diese bekennend schwul sind, wie kürzlich im Vatikan der Fall.

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Ein Gedanke zu “Streifzug durch die 68er-Welt des Rock und Pop und weiter bis ins Baskenland

  1. Pingback: Zwischen “Europäischen Identitäten” und nationaler Identität – Im Gespräch mit Dr. Roland Jerzweski, ESM | jourfixeblog

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