„Naja …“ Holocaust-Zeitzeugin Helga Verleger im Jüdischen Museum München

Naja„, äußerte am gestrigen Abend Zeitzeugin Helga Verleger immer dann, wenn die von ihr mit leiser Stimme vorgetragenen Reminiszenzen eine allzu schmerzhafte Wendung nahmen. Als sie beispielsweise erzählte, wie ihre Mutter von ihr und dem Vater in einem separaten Wagon deportiert wurde. Die Tochter hatte auch Kleidungsstücke der Mutter eingepackt und wurde in einer Kolonne an einem Waggon vorbeigeführt, aus dem ihre Mutter blickte. „Ich gab meiner Mutter ihren Winter-Muff“, erzählt Helga Verleger sinngemäß und fügte an das Publikum gewandt hinzu: „Aber Sie wissen ja heutzutage gar nicht mehr, was ein Muff ist“. Gelächter – Das gleich darauf in betroffenes Schweigen mündete, als Frau Verleger hinzufügte: „Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe“. Über der zierlichen alten Dame zeigt eine Bildprojektion eine zierliche Heranwachsende mit der Mutter. Im Verlauf des Abends erfährt man, dass die Mutter wohl gleich bei Ankunft in einem der berüchtigten Gaswagen getötet wurde, während Vater und Tochter im estnischen Lager vergebens auf sie warteten. „Naja“. Der Vater wurde später in ein anderes Lager, getrennt von der Tochter, verlegt. Auch ihn hat sie nie wieder gesehen

Auf dieses „naja„, folgte gestern stets ein leises Lächeln aus Augen, von denen jeder im Raum wusste, dass sie das Grauen schon in ganz jungen Jahren gesehen und als Teil ihres damaligen Alltags betrachtet hatten. Und es war unter anderem dieses immer wieder geäußerte „naja„, das uns den Holocaust so mahnend näher brachte, wie es auch gelungenste Dokumentationen nicht vermögen. Die Menschen, um deren Schicksal es geht und uns trennt ein gefährlich funktionales TV-Gerät, das selbe, das uns auch mit fiktiven Metzeleien, TV-Trash und sachlich vorgetragenen Schreckensmeldungen aus aller Welt beflimmert. In einem Ausmass, das leicht abstumpfen lässt. Tatsachen lassen sich emotional nur noch schwer von der emotiven Distanz abtrennen, mit der man das Fließen von Theaterblut wahrnimmt. Immer lauter werden Forderungen, nicht zu letzt seitens der jungen Generation, doch endlich diese ihnen so ferne Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu fern und zu wenig nachvollziehbar erscheint ihnen der Holocaust. Sie waren nie Täter, nicht ihre Eltern und Großeltern. Wozu also die ganze Erinnerungskultur? Ich finde: Weil wir aus ihr persönlich lernen können. Man wehre den Anfängen, sonst könnte sich das Böse, dass uns allen viel näher steht, als wir es gerne hätten, sich wieder einen Weg in eine ganze Gesellschaft bahnen. Jederzeit und überall. Wir haben die besondere Chance und Verpflichtung einer beispielhaft schlimmen Vergangenheit als Vorlage.

Millionenfacher Mord bleibt dennoch uns allen unbegreiflich. Es ist das „naja“ eines persönlichen Schicksals, das uns mit einer realen Person mitfühlen lässt und uns dadurch einen winzigen Spalt zur Vergangenheit öffnet. Einen wichtigen winzigen Spalt, weil wir aus ihr lernen können, wie die große Anti-Pegida-Bewegung beispielsweise erfreulich zeigt.

Die gestrige Begegnung mit Helga Verleger fand im Rahmen des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus statt, wie jedes Jahr veranstaltet im Jüdischen Museum München

http://www.juedisches-museum-muenchen.de/

von der Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit München Regensburg

http://www.gcjz-m.de/

Diese Gesellschaft existiert seit 1948 und Helga Verleger ist dort seit vielen Jahren Mitglied. Persönlich finde ich es ebenso tröstlich wie zukunftsweisend, dass eine Frau, nein, eine beeindruckende Dame, die den Holocaust durchlitten hat, bereit zu einem solchen interreligiösen Dialog in Deutschland ist.

Mehr zu Helga Verleger unter anderem unter

http://die-quellen-sprechen.de/Helga_Verleger.html

Sehr einfühlsam moderiert wurde das Zeitzeugengespräch von Dr. Andreas Heusler (Stadtarchiv München). Grußworte kamen vom Vorsitzenden der mitveranstaltenden liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dr. Mühlenstein, sowie von der katholischen Vorsitzenden des Vereins: Ordinariatsdirektorin Dr. Gabriele Rüttiger sowie vom jüdischen Vorsitzenden Prof. Dr. Abi Pitum.

Alle wiesen in ihren Reden darauf hin, dass wir nicht mehr lange die Chance solcher unmittelbaren Begegnungen haben werden. Umso mehr begrüße ich die weltweiten Bemühungen, die ganz persönlichen Schicksale und erinnernden Worte noch rechtzeitig einzufangen und für die nachkommenden Generationen zugänglich zu machen. Denn so erfreulich gut besucht die Veranstaltung trotz Schneesturms war, es fehlten weitgehend die jungen Leute, wie meine Freundin Toni Netzle zu Recht anmerkte.

Und: Bei vielen Anwesenden handelte es sich um jüdische Mitbürger, dabei wäre es doch an uns „anderen“, diesen Tag in der jährlichen Agenda als einen Pflichttermin zu betrachten ..


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