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Mehr Laizismus wagen … und privat mehr Religion?

Die Auseinandersetzung mit PEGIDA hat inzwischen zu einer teilweise agressiv geführten Diskussion über Sinn oder Schädlichkeit von Kirche und Religion geführt. In einem Facebook-Post fand ich kürzlich aufgezählt, was die Religion – in diesem Falle die christliche – der Welt alles an Übeln gebracht habe.  Pervertiert nun also die Religion den Menschen – oder doch eher der Mensch seine eigene Religion?

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Eine der vielen Initiativen für eine laizistische Gesellschaft

Rufe nach einem „rigorosen Laizismus“ werden jedenfalls immer lauter. „Mehr Laizismus wagen“ propagiert der Journalist und Autor Simon Urban in einem sehr emotionalen Artikel auf Spiegel Online.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/laizismus-pegida-religioese-gleichberechtigung

Darin fordert er die Abschaffung der besonderen kirchlichen Privilegien in Deutschland, ein Anliegen, dem ich im Sinne einer größeren Glaubwürdigkeit meiner – der evangelisch-lutherischen – Kirche persönlich nur zustimmen kann, ebenso wie Urbans Anregung „ein Deutschland, in dem Krankenhäuser und Kindergärten nichts mit Konfessionen zu tun haben, in dem sich keine Glaubensvertreter in öffentlich-rechtliche Programmgestaltung einmischen …“

(UND BITTE AUCH KEINE POLITISCHEN PARTEIEN) 

„… und in dem gesetzliche Feiertage die historischen Meilensteine auf dem Weg zu Aufklärung und Demokratie markieren, ist tatsächlich machbar. Es ist eine reine Frage des Willens. Wer das Gegenteil behauptet, unterschätzt den Weltgeist maßlos.“  Welchem „Weltgeist“ Urban allerdings hier bemüht, wozu und wieso, verstehe ich nicht. Ging es denn nicht eben noch um eine vernünftige Trennung von Kirche und Staat, einer staatlichen Ordnung ganz ohne Transzendenz also?

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Muslime und Christen Konkurrenten im Glauben?

Weiter schreibt Urban: „Derart uneingeschränkt privatisiert wären alle Glaubensgemeinschaften gleichgestellt. Das könnte das Wetteifern von Christen und Muslimen um größtmögliche Präsenz im deutschen Alltag auf einen Schlag beenden und so dem Konflikt der religiösen Lager um Alleinstellung, Macht und Einfluss außerhalb ihrer Gotteshäuser wichtigen Nährboden entziehen.“ An dieser Stelle würde ich mir eine konkrete Aussage darüber wünschen, in welcher Form sich denn dieses „Wetteifern von Christen und Muslimen“ nach Ansicht des Autors äußert? Wo beispielsweise, außerhalb von St. Johannes in Haidhausen, befindet sich denn der  „Nährboden meines religiösen Lagers“, mal abgesehen von den staatlich einbehaltenen Kirchensteuern der vielen Karteileichen auch in meiner Gemeinde? Ebenso würde ich den Wunsch muslimischer Mitbürger nach einer Moschee wohl kaum als ein „Wetteifern“ mit uns Christen auslegen.

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Überall im Stadtbild die gleichen Marken

Davon abgesehen ist kulturelle Vermischung in unserer globalisierten Welt längst gang und gebe. Wobei ich eine architektonisch interessante Moschee dem Einheitslook einer weiteren H&M- oder Starbucks-Filiale, in immer ähnlicher werdenden Fußgängerzonen, bei weitem vorziehe.

Zu Pegida schreibt Urban weiter: „Heute blicken sämtliche Politiker entsetzt auf Dresden und andere -gida-Städte. In den letzten Jahren aber haben manche von ihnen den in Deutschland lebenden Muslimen beständig mehr religiöse Gleichberechtigung und Teilhabe zugesichert. Es ist eine logische Folge, dass sowohl Islamverbände als auch einzelne Muslime die Zugeständnisse von höchster Stelle ernst nahmen, Ideen entwickelten und Ansprüche stellten. Vom eigenen Feiertag über Islamunterricht oder einen Gebetsraum in öffentlichen Schulen bis hin zu prominenten Moscheebauten. Dieser Prozess liefert nun ein zentrales Motiv für die Angst der Pegida-Marschierenden: die fremde Kultur, die sukzessive und dabei rechtlich immer legitimierter Einzug hält, bis tief hinein in den offiziellen deutschen Alltag, (…).“

Auch dieser Absatz bleibt für mich zu sehr im vagen. Von was für einer „Teilhabe“ ist hier bitte die Rede? Die von muslimischen MitbürgerInnen, die längst deutsche Staatsangehörige sind? Und was bitte ist unter „offiziellen deutschen Alltag“ zu verstehen, um den PEGIDA-Anhänger laut Autor nun bangen? Die Gesellschaft ist seit jeher ständigem Wandel unterworfen und der schürt Ängste. Dabei verschließen sich viele Menschen gegenüber Fakten, die diesen Ängsten entgegen wirken könnten. Das ist dann aber deren Entscheidung und keine Rechtfertigung für ihr weiteres Verhalten.

Erschüttert an diesem Artikel hat mich, dass hier dem Journalisten eines angesehenen Magazins offensichtlich emotional die Feder entglitten ist. Der Ruf nach einer klaren Trennung zwischen Staat und Religion (Kirche), die auch  mir, angesichts einer inzwischen multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft erforderlich erscheint, ist zu einem wenig wegweisenden Pamphlet ausgeartet. Warum nur fällt eine sachliche Auseinandersetzung in Glaubensfragen so oft so schwer?

Heinrich_Bedford-Strohm_bayerischer_Landesbischof_EKD-Ratsvorsitzender_PresseClub_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosKlare Worte zu den gegenwärtigen Debatten fand der bayerische Landesbischof und EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bei seiner jährlichen Pressekonferenz im PresseClub: „Der fundamentalistische Islam gehört nicht zu Deutschland, ein Menschenrechts-verbundener Islam gehört zu Deutschland. Damit verbunden ist meine Überzeugung,  dass wir neben der Verurteilung des Terrors auch eine positive Vision des Zusammenlebens, auch der Religionen brauchen; dass wir zeigen, wie Religionen miteinander leben können und wie sie ihre Schätze in ihren eigenen Traditionen so heben können, dass sie zum Frieden und zur Versöhnung in der Gesellschaft beitragen …

http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/aus-bayern/bedford-strohm-menschenrechtsverbundener-islam-100.html

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Aktuelle Bildersprache im Internet

Auf die islamistisch motivierten Attentate von Paris mit einer pauschalen Ablehnung der Religion zu reagieren, hieße auch, sich ihrer spirituellen Impulse, zukunftsweisenden Botschaften und ethischen Wertmaßstäbe zu entledigen – so meine Befürchtung. Auf ihnen fußt aber unsere Menschheitsgeschichte. Und auch wenn viele in unserer technisch und wissenschaftlich so fortgeschrittenen Zeit glauben, nichts zu glauben, so ist meiner Meinung nach das Göttliche tief in uns verwurzelt, ob man es nun Jahwe oder Gott oder Allah oder wie auch immer nennen mag.

Manchmal vermute ich hinter der Aggressivität mit der heutzutage auf Glaubensfragen reagiert wird, ein großes Unbehagen vor dem Eintauchen in das eigene Innere und davor, etwas Unfassbarem Zeit und Raum zu bieten, wo wir es doch immer eilig und zudem unsere Außenwelt so gut wie erfasst haben. In den tausenden von Jahren, in denen Heilige Schriften die Menschheit begleiten, ist in ihrem Namen tatsächlich viel Unrecht geschehen, denn ihre Umsetzung erfolgt durch Menschen – unvollkommene Menschen. Deshalb sollte man aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, finde ich.

Michel-Houellebecq_Religion_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosBeim heutigen Googeln zum Thema Religion bin ich dabei auf eine interessante Interview-Passage der Süddeutschen Zeitung mit dem oft polarisierenden französischen Schriftstelller Michel Houellebecq gestoßen:

SZ: Als Sie vor Jahren gefragt wurden, warum Sie sich nicht umbringen, so traurig, wie Ihre ersten Bücher klangen, haben Sie aber ausgerechnet mit Kant geantwortet, dem wichtigsten aller Aufklärer: Das Leben sei ein Wert in sich. Und die Demokratie gäbe es doch auch nicht ohne die Aufklärung.

Houellebecq: Ich richte mich ja auch nur gegen die französische Aufklärung, Voltaire, Diderot, die konnten nicht scharf denken, viel zu viel Rhetorik, die sind eher Polemiker als Philosophen. Kant war schwer in Ordnung. Aber die Aufklärung hat den Menschen die Religion genommen. Und es geht nicht ohne Religion.

SZ: Sind Sie denn selbst gläubig?

Houellebecq: Nein, das ist ja das Tragische. Ich versuche es immer wieder. Seit ich 13 bin, denke ich, das Universum ist so unfassbar – es kann doch nicht sein, dass das alles einfach so da ist. Aber es gelingt mir trotzdem nicht, zu glauben.

SZ: Und warum braucht der Mensch die Religion? Zur Absicherung der eigenen Werte?

Houellebecq: Ja. Das Leben ist ohne Religion einfach so über alle Maßen traurig …

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street art linz

Nun, mein Leben hat die aktive Hinwendung zum Glauben mit Sicherheit bereichert. Obgleich dies bei mir nicht die ursprüngliche Motivation war, sondern Dankbarkeit über das, was ich trotz all meiner Fehler und Schwächen in meinem Leben an Gutem empfangen habe. Anders jedoch, als ich mir vorgestellt hatte, wurde ich dabei nicht, wie irgendwie erwartet, mit einer bestimmten Liste an Dogmen konfrontiert, die sich mit einem „glaube ich“ oder „glaube ich nicht“ hätten abhaken lassen, um dann nach „Punktestand“ über meine „Brauchbarkeit“ als evangelisch-lutheranisches Gemeindemitglied zu entscheiden. Vielmehr sehe ich mich seitdem mit einer persönlichen nicht endend wollenden Auseinandersetzung mit meinem Glauben, mit Jesus Christus und mit Gott konfrontiert. Immer mit von der Partie sind dabei meine Zweifel; die gehören dazu. Und doch will ich diese Glaubenserfahrungen nie mehr missen. Sie stellen eine fortwährende Expedition in innere Welten, aber auch in die historische Vergangenheit unserer Zivilisation dar. Dabei schmerzt mich natürlich, wenn ich meine Werte von anderer Seite als in den Dreck gezogen empfinde. Daher vertrete ich zwar die Ansicht, dass freie Meinungsäußerung auch Satire ohne jede Einschränkung umfassen muss, weil sonst die Meinungsfreiheit beschnitten würde.

Angemessen oder gar geschmackvoll finde ich manche Art der Satire, gegen wen oder was auch immer gerichtet, ab dem Moment nicht mehr, wenn sie massiv die Gefühle und Werte anderer verletzt. (Gilt insbesondere auch für Politiker-Bashing). Aushalten muss man sie aber  trotzdem, denn, um Jon Michael Winkler zu zitieren: „Ich stelle mir mit Schrecken vor, wie es wäre, wenn durch den Einfluss weiterer religiöser Gruppierungen Informationen z.B. in den Medien nicht frei kommuniziert würden, weil (und das dann in der Eigendynamik des „vorauseilenden Gehorsams“) irgendjemandes religiöse Gefühle verletzt werden könnten. Ich halte es da mit dem russischen Mathematiker und Autor P.D.Oispensky, der am Ende seines „Tertium Organum“ („Der dritte Kanons des Denkens“) sagt: „Alles, was die (freie) Bewegung des Denkens aufhält, ist falsch.“

Wünschen würde ich mir ansonsten, dass praktizierende Gläubige – und „die anderen“ nicht in so stark getrennten Parallel-Welten leben würden. Oft werde ich als Christin mit Vorurteilen konfrontiert, die reiner Unwissenheit entspringen.  Ich denke, wir Gläubigen jeglicher Couleur, wie auch Nicht-Gläubigen, Atheisten und Agnostiker sollten uns gegenseitig besser kennen lernen wollen und uns gegenseitig die eine oder andere Anregung holen.

Aufklaerung_Emanuel_Kant_Laizismus_jourfixe-Blog_Gaby_dos_SantosAbschließend noch ein Zitat von Jon Michael Winkler zur heutigen Debatte: „Selbst Kant, als ein Gründervater der Aufklärung, hatte das Recht eines Angehörigen der Geistlichkeit sich in der Öffentlichkeit frei zu äußern, betont. Das ist ihm auch nicht zu verwehren, denn schließlich steht die freie Meinungsäußerung jedem Bürger eines demokratischen Landes zu. Daran wäre auch in einem wirklich laizistischen Staat nicht zu rütteln. Bei all meinen Bedenken Angehörigen oder Vertretern einer Religion und bestimmter, in meinen Augen inakzeptabler Einmischungen ihrerseits gegenüber, stellt sich mir natürlich auch die Frage, was geschähe, wenn die Vermittlung der von Dir genannten Werte durch sie ausbliebe. Eine rein rationale Ethik, die dann auch von staatlicher Seite gefördert und gelehrt werden müsste, wird durch diesen Umstand schon wieder problematisch, weil sie dann zu einer Art „Staatsreligion“ avancierte. Und worauf könnte sie beruhen? Ein rein materialistisch-mechanistisches Weltbild kann weder Sinn noch Motivation oder Trost vermitteln, abgesehen davon, dass dieses inzwischen, wenn bisher noch nicht von vielen erkannt, überholt ist…“ 


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