Gedanken zum geDENKEN … Bilder des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am 31.7. in St. Johann-Baptist

Seit Ende Juli ist die Gedenkzeit definitiv über uns herein gebrochen und hat dem Komponisten Jon Michael Winkler und mir u. a. den Auftrag zu einer jourfixe-Collage eingebracht – und ja, wie die Bilder und das Feedback zeigen, war es ein berührender ökumenischer Gottesdienst. Für mich jedoch mit einem dicken fetten „ABER“ verbunden …

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Bild-Montage aus der jourfixe-Collage „100 Jahre nach Kriegsausbruch“

Wo stehen wir denn eigentlich geistig und moralisch 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Wie weit klopfen wir heutzutage Meldungen auf mögliche propagandistische Inhalte ab? Wie weit hinterfragen wir politische Handlungen bzgl. möglicher verborgener Interessen? Wie weit sind unsere eigenen politischen Stellungnahmen noch tolerant, gemäßigt in der Diktion und zuverlässig recherchiert? Oder neigen wir wieder einmal zum propagandistisch gesteuerten Blick durch Zeitgeist-Brillen, wie vor 100 Jahren?

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Bildcollage, die den Brief eines gefallenen Soldaten illustriert

Noch während ich an meiner Collage zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete, zog draußen auf der Rosenheimer Straße ein Pulk Demonstranten vorbei und skandierte „Wir werden siegen“. In diesem Falle gegen Israel. Ohne in irgendeiner Form parteiisch sein zu wollen – mir geht ebenso das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung sehr, sehr nahe – erinnerten mich  diese Rufe auf bedrückende Weise mit der Siegeszuversicht von 1914. „Wir werden siegen! Das ist bei solch kraftvollen Willen zum Sieg gar nicht anders möglich.“ schreibt ein deutscher Soldat im August 1914 an seine Familie. Im September 1914 ist er tot.

„Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Russ!“ wurde damals als Losung verbreitet. Und vieles mehr, denn dem eigentlichen Krieg mit seinen tatsächlichen tödlichen Wunden eilte ein propagandistischer Kampf voraus, gesteuert von den Interessen und/oder Ängsten einiger weniger Männer.

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Weiteres Bild aus der Collage von Gaby dos Santos und Jon M. Winkler (Musik) zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs

In seinem Buch „Europa 1914“ äußert der Publizist Emil Ludwig rückblickend: „Europa Anfang August 1914. Lüge und Leichtsinn, Leidenschaft und Furcht von 30 Diplomaten, Fürsten und Generälen werden friedliche Millionen vier Jahre lang in Mörder, Räuber und Brandstifter aus Staatsräson verwandelt werden, um am Ende den Erdteil verroht, verseucht, verarmt zurückzulassen.“

Und heutzutage? Hocken wir nicht wieder auf einem Pulverfass? Vielleicht, weil der letzte Krieg schon zu lange zurück liegt, um die heutige Generation in dem Ausmaß abzuschrecken, wie unsere Eltern und Großeltern? Kommt ein neuer Kalter oder gar Heißer Krieg auf uns zu? Weil EU und NATO Russland – übrigens entgegen der Absprachen in Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung – immer mehr „auf den Pelz rücken“? Ich bin gewiss kein Fan von selbstherrlich regierenden Alpha-Männchen, egal welcher Couleur oder Nationalität. Dass sich aber gerade die USA so scheinheilig empört, weil Putin sich durch die Krim strategisch gegen eine mögliche Nato-Ausbreitung in der Ukraine abgesichert hat, leuchtet mir  ein. Und egal wie ich emotional zu diesem Schritt stehe, die USA, die sich seit jeher mit allen legalen und durchaus auch grenzwertigen bis illegalen Mitteln ihren Einfluss-Bereich weltweit vergrößert und gefestigt hat, sollte von ihren verbalen Provokationen Abstand nehmen. Allen voran Mr. Yes-We-Can-Lichtgestalt und Friedensnobelpreis-Träger! Zumal die Art der Diktion für einen Frieden sichernden Dialog alles andere als hilfreich ist. Deeskalation sieht anders aus, ein ziviler weltpolitischer Umgang auch!

Collage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden

Bildcollage aus Propaganda-Motiven von 1914: Ein gefährlicher Nährboden (Quelle: jourfixe-Collage zum 31.7.2014)

Und Putin – ohne schlüssige Beweise – für den Absturz der malaysischen Passagiermaschine persönlich verantwortlich zu machen, ist anti-russische Propaganda auf niedrigstem Niveau. Wie kommt eine für den unverzichtbaren investigativen Journalismus einst so gelobte Zeitung wie der „Spiegel“ zu einem Titelblatt, wie dem von dieser Woche, welches die Bilder toter Passagiere direkt mit Putin in Verbindung bringt, noch dazu bevor die Untersuchungen überhaupt abgeschlossen sind? Erinnert mich sehr an Saddam Husseins angebliche Giftwaffen, Grund für einen Krieg, der die ganze Gegend destabilisiert hat und an dessen Spätfolgen (z.B. ISIS) die Welt noch heute zu leiden hat. Und doch scheint mir die EU auf bedauernswerte Weise wieder am Rockzipfel der USA zu hängen, und ich frage mich, wieso eigentlich in diesem Ausmaß?

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der jourfixe-Produktion zum 31.7.)

Flüchtende Zivilisten in Belgien (Quelle: Bildcollage aus der Produktion zum 31.7.)

Und welchen Sinn hat dieses ganze Hin und Her der Sanktionen? Sie treffen die Bevölkerung und nicht die Machthabenden bei deren Muskelspielchen.  Außerdem bin ich darüber entsetzt, wie Joachim Gauck, ehemals mein Wunschpräsident, als Präsident eines Volkes mit unserer Vergangenheit UND seiner als ehemaliger Pfarrer, sich für eine weitreichendere militärische Beteiligung Deutschlands im internationalen Kräftemessen aussprechen kann. Natürlich geht es manchmal darum, sich und Schwächere zu schützen. „Feindesliebe“ allein löst daher leider bei weitem (noch) nicht alle Probleme der Menschheit, Gaucks Reden jedoch sprengen für meinen Geschmack allzu oft die Grenzen der Verhältnismäßigkeit im Sinne einer Erweiterung der Rolle Deutschlands im globalen Machtpoker. Dabei hatte Deutschland nach dem Krieg die einzigartige Chance einer ausschließlich defensiven Rolle. Ob sich diese wirklich auf Dauer hätte halten lassen, weiß ich nicht. Aber dass sie zu leichtfertig Schröders und Fischers Alpha-Denken geopfert wurde, steht für mich fest. Die Büchse der Pandora steht nun auch für unser Volk weit offen.

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Die zerstörte Christus-Figur von Neuve-Chapelle wacht heute über einem Grabmal des unbekannten Soldaten in Portugal

„Der Mensch hat keine Macht, den Wind aufzuhalten, und hat keine Macht über den Tag des Todes, und keiner bleibt verschont im Krieg, und das gottlose Treiben rettet den Gottlosen nicht. (Prediger 8,8)

So nachzulesen bereits in der Bibel und so geschehen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. 1914 stellte Österreich Serbien ein in weiten Teilen unakzeptables Ultimatum, um durch einen Krieg den Erhalt der K&K-Monarchie zu sichern. Wilhelm II., politisch ansonsten isoliert und von Großmachtsträumen beflügelt, stellte sich Österreich zur Seite, in einem Krieg, der nicht nur Millionen Menschen das Leben kosten sollte, sondern auch das Ende von drei Kaisereichen bedeutete.

„… Keiner bleibt verschont im Krieg“, zum bitteren Ende hin nicht einmal mehr die Mächtigen, wenn es auch zunächst das (Fuß)Volk ist, welches geopfert wird.

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In meiner Weltkriegs-Collage äußere ich an einer Stelle: „Heute ehren wir die Toten, die wir gestern opferten!“ Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir keine Grundsteine für neue Gedenkstätten legen! Bitte lasst uns Nachrichten hinterfragen, Facebook-Äußerungen überdenken … Und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass es hier nicht um Entschlüsse auf Papier und verbale Auseinandersetzungen geht, sondern um Mitmenschen – seit dem 20. Jahrhundert. weltweit.

Hier in unserem bunten München bin ich seit Jahren durch Zusammenarbeit wie auch Freundschaften mit ukrainischen MitbürgerInnen wie mit russischen verbunden, mit MitbürgerInnen jüdischen wie moslemischen Glaubens, mit Bundeswehr-Angehörigen wie mit kompromisslosen Pazifisten, stehe mit einer Vielzahl von Konsulaten und internationalen Kulturinitiativen in bestem Einvernehmen. Ich empfinde mich als ihnen allen verbunden, wohl wissend, dass es für viele Konflikte so leicht keine salomonischen Lösungen wird geben können und es sich leicht (ver)urteilt aus der Perspektive Außenstehender. Viele Konflikte jedoch sind durch eine lange Historie und tiefe Emotionen beschwert. Hier braucht es Dialoge, nicht Hetzschriften und Parolen, auf der großen Weltbühne ebenso, wie unter uns BürgerInnen; Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen, gepaart mit gesunder Vorsicht gegenüber den Interessen derer, die man hierzulande  „Großkopfert“ nennt, Bei uns herrscht zwar Meinungsfreiheit, damit aber auch Propaganda-Freiheit …

Abschließend der Ausschnitt eines Postings von Konstantin Wecker: „Warum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bestimmte Medien es geradezu darauf anlegen, die Situation weiter eskalieren zu lassen? Mit immer wieder auch gerne unbewiesenen Behauptungen und peinlich einseitiger Propaganda?
Wissen diese JournalistInnen eigentlich was sie tun?
WIR WOLLEN KEINEN KRIEG !
Und die erste Pflicht aller Journalisten müsste doch sein, nicht gegen irgendeinen Feind, sondern gegen den Krieg mobil zu machen!
Nur zur Erinnerung:
„Nach Kriegsende sollte man die Kriegsliteraten einfangen und von den Kriegsinvaliden auspeitschen lassen“, schrieb Karl Kraus.
Man sollte dies den Kriegsliteraten täglich vor Augen halten.“
(Konstantin Wecker)

In der Regel sollen in meinen Beiträgen positive Aspekte im Vordergrund stehen und so will ich diesen Blog wenigstens positiv mit einigen Bildeindrücken aus dem Ökumenischen Gedenkgottesdienst ausklingen lassen.

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes - Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist - Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Vor der Haidhausener Kirche St. Johann Baptist begrüßen zum Ökumenischen Gottesdienst von links: Dr. Holger Forssman, Erster Pfarrer in St. Johannes – Pater Alfons Friedrich, St. Johann Baptist – Friedrich Kardinal Wetter und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Quelle: MIR)

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Eingebunden in den Gottesdienst waren Geistliche unterschiedlichster Kirchen; ganz links Koordinator Florian Schuppe des Referats für Ökumene der Erzdiözese München-Freising

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten

Während das orthodoxe Totengebet rezitiert wurde, hinterlegten die Besucher Zeichen des Gedenkens, wie die rote Mohnblume, dem Gedenksymbol der Briten (Quelle: MIR)

Während des Gottesdienstes wurden Namen und Biografien gefallender Soldaten in den Landessprachen verlesen. Von links:
Toni Netzle (München-Haidhausen), Dimitra (Griechenland), Anne Marie de Jonghe (Flandern), Conny Prössl, Isabelle Gregorian (Frankreich) Tatjana Lukina (Russland), Vida Cvetic (Serbien)

Diese Momentaufnahmen wurden netterweise von Tatjana Lukina. der Leiterin des russischen Kulturzentrums MIR in München, zur Verfügung gestellt:

http://www.mir-ev.de/

Da ich durch diese Produktion in der letzten Zeit sehr eingespannt war, warten noch einige spannende Blog-Beiträge auf Sie. Ein Blick ab und an auf diese Seite lohnt also wieder 😉


http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/jourfixe_Blog_Verzeichnis.html

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Ein Gedanke zu “Gedanken zum geDENKEN … Bilder des ökumenischen Gedenkgottesdienstes am 31.7. in St. Johann-Baptist

  1. Cornelia Prößl schreibt:

    Liebe Gaby, ein ehrlicher, leidenschaftlicher und sehr gut geschriebener Beitrag zum aktuellen politischen Weltgeschehen, zum Thema „Propaganda“ und zu der Verführbarkeit des Menschen, schnell und leicht auf propagandistische Schlagwörter, Parolen und Berichterstattungen hereinzufallen. Danke dafür! Die Situation Russland – Ukraine – USA würde ich aus verschiedenen Gründen, die hier in der Kürze zu weit führen würden, allerdings ein klein wenig differenzierter betrachten. Die journalistischen Berichterstattungen sind, so weit ich darüber informiert bin, auf beiden Seiten (USA und Russland) sehr einseitig und mithin sehr, sehr einseitig-propagandistisch. Das von dir angeführte Beispiel der aktuellen amerikanischen Propaganda, Putin für den Absturz der malaisischen Passagiermaschine persönlich verantwortlich zu machen, möchte ich deswegen an dieser Stelle um ein Beispiel der aktuellen russischen Propaganda ergänzen: Wenn im russischen Staatsfernsehen darüber berichtet wird, dass ukrainische Soldaten ein dreijähriges Kind gekreuzigt haben sollen, und sich dann herausstellt, dass das aller, aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht stimmt ( http://www.n-tv.de/…/Russischer-Sender-berichtet-von… ), dann kann mir sowohl die amerikanische als auch die russische Propaganda gestohlen bleiben samt der jeweiligen Staatsoberhäupter. – Von dem außenpolitischen und wirtschaftlichen Gebärden der USA als „Römer der Neuzeit“ einmal abgesehen: Eigentlich hätten ja beide Staaten genug in ihrem jeweiligen Land an Problemen zu bewerkstelligen, anstatt auf brutale Weise durch außenpolitische Aktionen und demensprechender Propaganda von diesen ihren Problemen abzulenken …

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