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„Warum sitzt der Mann da?“ Thomas & Hannes Beckmann im Prinzregententheater

Die leere Bühne des altehrwürdigen Münchner Prinzregententheaters füllt sich mit den betriebsamen  Geräuschen eines Bahnhofs. Ein freundlicher Herr im Mantel- Thomas Beckmann – tritt auf, setzt sich, packt sein Cello aus und beginnt zu spielen: Eines jener alten Chaplin-Stücke, bei denen ich immer das Gefühl habe, Sterne würden vom Himmel zu Staub zu zerfallen. Zu Sternenstaub …

Charlie_Chaplin_Thomas_Beckmann_jourfixeblogCharlie Chaplin beherrschte nicht nur mehrere Instrumente, er hat auch seine Filmmusiken selbst komponiert, was das affine Zusammenspiel von Bild und Klang in seinen Werken erklärt und dessen unmittelbare Wirkung auf die Seele des Publikums.

Und genau so berührte mich am Samstag Abend schon dieses erste Cello-Solo von Thomas Beckmann, der vor Jahren die Rechte an den Filmmusiken von Charlie Chaplin erworben hat. Im Anschluss schilderte er, wie er als kleiner Junge mit seinem Vater am Bahnhof einem Bettler begegnete. „Papa, wer kümmert sich um diesen Mann?“ wollte er wissen. „Der Staat“, antwortete ihm der Vater. – „Und wer ist der Staat?“ so Thomas weiter. – „Wir alle.“ – „Und warum sitzt der Mann dann da?“

Ein Schlüsselerlebnis für Thomas Beckmann, der zu den bedeutendsten Cellisten seiner Generation zählt. Zitat aus dem Flyer zum aktuellen Benefizkonzert: Im strengen Winter 1993 gründete Thomas Beckmann in seiner Heimatstadt Düsseldorf ein Hilfsprojekt, um obdachlosen Menschen mit Essen, warmer Kleidung und Schlafsäcken zu helfen. Partner der Aktion waren die Stadt und die örtlichen Wohlfahrtsverbände (Diakonie und Caritas) sowie private Bürgerinitiativen. Seit damals hat er sich in über 1000 Konzerten für sein Obdachlosenprojekt eingesetzt, so auch mit diesem Konzert im Prinzregententheater. Dass es sich dabei keineswegs um Imagepflege handelt, sondern von Betroffenen wahr- und angenommen wird, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass eine ganze Reihe Obdachloser zur Veranstaltung gekommen war.  Details zum Hilfsprojekt  >>>

http://www.jourfixe-muenchen-ev.de/image/Beckmann_Thomas_Beckmann_Hannes_jourfixeblog.pdf

Von der gleichen intensiven Künstler-Substanz ist Bruder Hannes, der an diesem Abend den groovenden musikalischen Gegenpart bildete, mit seiner neuen Formation „Die Münchner Bahnhofskapelle“. Persönlich empfinde ich sie als Essenz seiner über vierzigjährigen,  künstlerischen Kreativität, geprägt von Hannes Wohnort inmitten des multikulturellen Bahnhofsviertels. Der Münchner Journalist Oliver Holzkeppel schreibt in der SZ: Für einen Musiker, der immer unterwegs ist, scheint es die richtige, vitalisierende Adresse zu sein: Sozusagen im Trubel des multi-ethnischen und multi-kulturellen Kommens und Gehens ruhend, hat er sich hier nach und nach die Zutaten zusammengeholt, die aus dem Geigenvirtuosen Beckmann einen universellen Improvisator mit eigenem Stil gemacht haben.

MaestroBeckmann_Muenchner_BahnhofskapelleSamstag Abend präsentierte er sich also mit seiner – nomen est omen – „Münchner Bahnhofskapelle“, in der sich nicht nur  der multikulturelle Background von Hannes Beckmanns Musik wiederspiegelt, sondern auch seine Tätigkeit als Dozent für Jazzgeige an der Musikhochschule, dank welcher diese Formation gleich mehrere Generationen zusammenführt: Blutjunge Geigerinnen und Bläser ebenso, wie alte musikalische Weggefährten von Hannes, wie Pianist Edgar Wilson oder Edir dos Santos (mein lieber Ex-Mann). – Und apropos „zusammenführen“: Das galt für diesen Beckmann’schen Abend in vielfacher Hinsicht. Selten habe ich in einem großen Theatersaal so viele Menschen einander zuwinken gesehen. Jahre im Beckmann-Auditorium schweißen unübersehbar zusammen … 😉

http://www.hannes-beckmann.de/

Nahtlos in den Charakter des Abends fügte sich auch der „Inkulsionschor mit Kindern der Mathilde-Eller-Schule“ ein, einem staatlichen Förderzentrum mit Kindern aus etwas 25 Nationen, die Hannes Beckmann gekonnt zu integrieren verstand. Der Kontrast aus Generationen, Nationen und unterschiedlichsten Wesensarten auf einer Bühne fügte sich für mich zu einem visionären Ganzen, musikalischen Genuss und zutiefst menschlichen Abend zusammen.

Thomas Beckmann schreibt treffend im Flyer:

„Die Musik ist eine unbezwingbare Macht des Guten!“

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