„Ganz normal anders?“ Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste in Text und Ton

„Jeder ist anders und doch ganz normal …“

… lautet der – für mich auch als „Hete“ wünschenswerte – Wahlspruch auf einer Werbe-Postkarte der Rosa Liste, der schwul-lesbischen BürgerInnen-Initiative, die, mit Thomas Niederbühl an der Spitze, heuer wieder für den Stadtrat kandidiert. Doch als wie normal wird, bezogen auf die sexuelle Ausrichtung, „anders sein“ heute gesellschaftlich empfunden? Nachstehend Ausschnitte aus einem Telefon-Interview, das ich am vergangenen Dienstag mit Thomas Niederbühl geführt habe sowie einige Zitate von der Homepage der Rosa Liste selbst:

1996 trat Niederbühl sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat einer solchen Initiative an. Was hat sich daran inzwischen regional, national und international geändert?

Logo von der schwul-lesbischen BürgerInnen-Vetretung

Logo der schwul-lesbischen BürgerInnen-Vetretung

– „Nichts.“

Thomas Niederbühl ist seine Vorreiter-Stellung bis heute geblieben. Zwar sei vieles inzwischen in Bezug auf die Gleichstellung von Schwulen und Lesben erreicht worden. Nicht zuletzt in München verzeichnet die Rosa Liste eine ganze Reihe erfolgreicher Neuerungen. Hierzu O-Ton Thomas Niederbühl unter nachstehendem Link >>>

Zugleich und vielleicht gerade auf Grund des Erreichten, mache sich gesellschaftlicher Gegenwind bemerkbar, Zitat Niederbühl:

(…) Es gibt (jetzt) so eine Gegenstimmung. (…) Ich hör das auch in Diskussionen, also auch mit Heterosexuellen, die sagen: „Ja früher war ich immer ganz auf Eurer Seite, weil Ihr so diskriminiert wart, aber das hat sich doch geändert, ist doch jetzt alles ganz normal, und jetzt muss auch mal wieder Schluss sein, Ihr könnt nicht immer noch mehr fordern.

000

Niederbühl vermutet, dass die Bestrebungen einer Gleichstellung auch in Bezug auf Ehe und Familie für Teile der Gesellschaft als auf bedrohliche Weise „too much“ empfunden werde, eine Stimmung, die sich rechte Gruppierungen inzwischen zu nutzen suchten, wie auf auch das unsägliche und inzwischen verbannte Plakat rechts zeigt, welches in den vergangenen Tagen auf Münchens Straßen viel Empörung hervorrief. Diese öffentliche Ablehnung und die Tatsache, dass gleich mehrere Anzeigen erfolgten, spricht für eine positive Einstellung einer Mehrheit der Münchner BürgerInnen, dennoch bleibt Thomas Niederbühl besorgt und appelliert umso mehr an alle MünchnerInnen, den Urnengang nicht zu versäumen:

(…) Nur wenn man zur Wahl geht, verhindert man die Rechten, die ja massiv zugelegt haben in München, mit unterschiedlichen Gruppierungen und die jetzt auch ihre Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit in die Öffentlichkeit tragen. (…)

Was Präsenz und “ (Regenbogen)Flagge zeigen“ im Münchner Stadtleben anbelangt, so blickt der Christopher Street Day, an dem sich Schwule und Lesben feiern, auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück, die von Thomas Niederbühl mitorganisiert wird. Zitat Homepage Rosa Liste:

CSD 2010

CSD 2010

„Der Christopher Street Day mit Straßenfest, Politparade, Regenbogenbeflaggung und Rathaus-Clubbing ist zu einem Highlight im Veranstaltungskalender der Stadt geworden. Dazu wurden vom Stadtrat sichere Rahmenbedingungen beschlossen. Auf unsere Bitte hat Oberbürgermeister Christian Ude 1994 die Schirmherrschaft übernommen, spricht seit 1996 und führt seit 2001 mit Rosa Liste die Parade an.“

Ob denn nicht die schrille Seite dieser Veranstaltung ein sehr einseitiges Erscheinungsbild von Schwulen und Lesben vermittle, gab ich im Interview zu bedenken.

Thomas Niederbühl 2008 von OB Ude mit der Medaille "München leuchtet" auszgezeichnet

Thomas Niederbühl 2008 von OB Ude mit der Medaille „München leuchtet“ auszgezeichnet

Niederbühl hielt dagegen: Natürlich würden in der Zeitung stets die schrillsten Momentaufnahmen der jeweiligen CSD-Veranstaltungen veröffentlicht, die aber in keiner Weise repräsentativ für die tausenden anderer TeilnehmerInnen der Veranstaltung seien.

Neben seinen politischen Aktivitäten arbeitet Niederbühl seit 1991 als Geschäftsführer für die Münchner Aidshilfe e.V.. Sein ursprünglicher Lebensentwurf hatte in eine ganz andere Richtung gezielt, Zitat von der Homepage Rosa Liste:

(…) Nach dem Studium der katholische Theologie, Germanistik und Philosophie in Heidelberg und München wollte ich eigentlich Gymnasiallehrer werden, doch die katholische Kirche entzog mir die Lehrerlaubnis wegen meines schwulenpolitischen Engagements. (…)

Wer mehr über den engagierten Lebensweg von Thomas Niederbühl und seine politischen MitstreiterInnen sowie Details zu Geschichte und aktuellem Programm der Rosa Liste e.V. erfahren möchte, findet alle weiterführenden informationen auf deren Hompage >>>

http://www.rosaliste.de/

Obgleich ich selbst SPD-Mitglied bin, werde ich einige meiner ja immerhin 80 Stadtratsstimmen Niederbühl & Rosa-Co. geben – Laut Thomas Niederbühl müsse man in einem solchen Fall nicht 80 einzelne Stimmen ankreuzen sondern

1 Kreuz dem OB-Kandidaten > für mich Dieter Reiter

1 Kreuz der favorisierten Partei > für mich die SPD

und weitere Kreuze bei den Stadtratskandidaten anderer Parteien, die man zusätzlich zur eigenen Partei gerne auch in Kommunalverantwortung sehen würde. Je nach Anzahl dieser anderweitig vergebenen Stimmen würden dann die letzten Listenplätze der eigenen Partei automatisch bei der Stimmauszählung gestrichen.

Vielen Dank an Thomas Niederbühl für dieses Gespräch und ihm und allen MitstreiterInnen „toi, toi, toi“,

damit München bunt bleibt!


Zum Verzeichnis aller Blogs mit jeweiligem Link

Advertisements
Standard

2 Gedanken zu “„Ganz normal anders?“ Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste in Text und Ton

  1. Pingback: Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben | jourfixeblog

  2. Pingback: Rosa Winkel – Zum Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer, Blog-Beitrag mit einer Rede des Historikers Albert Knoll sowie Präsentation der gleichnamigen Themenreihe | jourfixeblog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s