Vor Gott sind alle Menschen gleich – Gedanken zum Motto 2014 „Reformation und Politik“ der Evangelischen Kirche

Am Dienstag habe ich gemeinsam mit meiner Freundin, der Kulturmanagerin Cornelia Prössl im Volkstheater „Der Stellvertreter“ von Ralf Hochhuth gesehen. Dieses Stück, mit dem Untertitel „Ein christliches Trauerspiel“, erregte bei seiner Uraufführung 1963 in Deutschland einen Skandal, thematisierte es doch die Haltung des Vatikans gegenüber dem Holocaust. Warum griff die Kirche damals  nicht ein? Verschloss sie die Augen, weil ihr die Abwehr des Bolschewismus und damit der Erhalt der Institution Kirche zwingender erschien?

Eine Kernaussage des Neuen Testaments, Römer 2, 10 und 2,11 besagt jedoch ganz klar:

„10 Aber jedem, der Gutes tut, wird Gott seine Herrlichkeit und seinen Frieden schenken, ganz gleich, ob dieser Mensch nun Jude ist oder ob er aus irgendeinem anderen Volk stammt. 11 Denn vor Gott sind alle Menschen gleich.“

„Wie konnte also die Kirche, von der Initiative einzelner abgesehen, die Augen gegenüber den Verbrechen der Nazis verschließen?“ lautete auch gestern wieder  im Bayerischen Landtag die Frage, gestellt im Rahmen eines anregenden Diskussionsabends,   zu dem das Forum Kirche und SPD geladen hatte   >>>  http://diana-stachowitz.de/wp-content/uploads/2010/06/100624_6-Seiter_Flyer_Dinlang_RZ.pdf

Diese quälende und oft gestellte Frage zur Passivität der Kirchen im 3. Reich konnte auch der Referent des Abends, Kirchenrat Dieter Breit, nicht beantworten.  In seinem Vortrag stellte er vielmehr dar, wie in den Anfangsjahren gerade die Evangelische Kirche dem NS-Regime positiv gegenüber gestanden war. Auf die Obrigkeit eines Königs/Kaisers hatte sich sie sich stets verlassen können, in der Weimarer Republik war das plötzlich nicht mehr gegeben. So setzte die Evangelische Kirche zunächst auf den neuen Führer und die Stabilität, die er zu bewirken schien. Die wachsende Zahl der Kircheneintritte Anfang der 30er Jahre bestätigten sie in dieser Haltung. Schon bald jedoch wollten die Spitzen der Landeskirchen von Bayern, Badenwürttemberg und Hannover sowie Mitglieder anderer Landeskirchen, das Kirchenregime der so genannten „Deutschen Christen“ nicht weiter mittragen. In der Bekenntnissynode in Barmen von 1934 hielten sie mit einer Theologischen Erklärung dagegen. Mutige Worte wurden dabei zu Papier gebracht, vielleicht sogar mutiger in ihrer Tragweite, als den Verfassern damals bewusst war, vermutete Dieter Breit. Wie auch immer, bei Worten blieb es, bis auf wenige Ausnahmen. Auf evangelischer wie auf katholischer Seite.

Bis in die 60er Jahre hinein wurde die Haltung der Kirchen im Dritten Reich  nicht hinterfragt und die des Papstes Pius XII erst recht nicht. Daher wundert mich der Skandal nicht, den Hochhut mit seinem Stück 1963 beschwor.  Die eigene Kirche zu hinterfragen hätte bedeutet, auch die eigene politische Haltung und somit das eigene Gewissen als ChristIn hinterfragen zu müssen … Hat doch das Bekenntnis zum Christentum auch immer eine politische Dimension, im Sinne der individuellen Verantwortung für Mitmenschen und Umwelt. Keine große Anforderung – heutzutage. Wir leben in einer Demokratie und das Bekenntnis zu politischen, ethischen und religiösen Themen gehört zum guten Ton, ist dem Image förderlich und political correctness  das Meinungsdiktat unserer Zeit. Ich bin dankbar, mich „mit mir im Reinen“ fühlen zu dürfen,  als bundesdeutsche Bürgerin, Mutter und Großmutter, evangelische Christin und SPD-Mitglied – heutzutage. Welche Prioritäten ich hingegen 1934 gesetzt hätte, kann und will ich mir nicht ausmalen.

Als Autorin und Kulturschaffende steht mir eine gewisse öffentliche Plattform zur Verfügung, die ich nach Möglichkeit nutzen möchte, um mich im christlichen Sinne in den politischen Diskurs einzubringen und auch das Gedenken lebendig zu halten, damit sich ein solches Unrechtsregime nie wieder bei uns einnisten kann, zumal ich nicht glaube, andernfalls ein besonders tapferer Mensch sein zu können …

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