Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie mit 16 Jahren das Leben! Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von Rosa Mittereder und Tochter Erna Wilhelmine – Klartext von Drehbuch/Autor Peter Probst

Sie sank dahin, ein Hauch von Gold, violetten hingemäht, gedenkt in einem Gedicht die Auschwitz Überlebende und Künstlerin Rachel Knobler ihrer mit sieben Jahren von den Nazis ermordeten Schwester … Ein solcher Hauch goldenen Gedenkens legte sich am 27. Juni 2017 über eine (weitere) Reihe Münchner Hauseingänge, aus denen man einst Mitbürger_Innen auf eine Reise – meist ohne Wiederkehr – in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt hatte.  Nun aber fanden wieder zwei Namen zurück in ihre Heimatstadt …

Rosi und Erna Mittermeyer: Auf individuellen Gedenksteinen im Geiste zurückgekehrt in die Münchner Römerstraße, unter großer Anteilnahme von Freund_Innen der Nachkommen und Anwohner_Innen:  Li. im Vordergrund: Regisseurin Doris Dörrie (Foto: Peter Probst/Amelie Fried)

„Gedenken auf den Spuren der Ermordeten“ titelte dazu die Süddeutsche Zeitung und zitierte den umtriebigen Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine für München„, Terry Schwarzberg:„(…). „Ein Tag der Trauer, weil es um das Gedenken an unschuldig ermordeten Menschen geht, aber auch ein Tag der Freude.“ Diese hat Gunter Demnig ausgelöst, auf dessen Idee diese Art der Erinnerungskultur beruht. Da die Stadt München keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund duldet, können sie nur auf privatem Gelände verlegt werden. Vor dem Hauseingang in der Ickstattstraße zum Beispiel, oder bei den Anwesen Herzog-Heinrich-Straße 5 und Römerstraße 7, wo Demnig am Dienstag weitere acht Stolpersteine zum Gedenken an die einstigen Bewohner in den Boden einließ.“ (Ende Zitat SZ)

Die beiden letzten Steine wurden diesmal in der Schwabinger Römerstraße verlegt, womit sich ein Traum für Peter Probst erfüllte. Er postete: Ich bin sehr glücklich, dass die Steine endlich fast da liegen, wo sie hingehören. 10 Zentimeter vom öffentlichen Raum entfernt. Und traurig für die Angehörigen, die die Verlegung gestern nicht (mehr) miterleben konnten. 

„Stolperstein-Schöpfer“ Gunter Demnig waltet einmal mehr seines Amtes und schafft Platz für die Stolpersteine von Rosi und Erna

Die Zeremonie begann gewohnt archaisch, mit dem ohrenbetäubenden Lärm des Preßlufthammers, mit dem der Schöpfer und Vater aller Stolpersteine, Bildhauer Gunter Demnig, Raum für seine goldenen Gedenk-Miniaturen schaffte. Die wenigen, aber umso präziser eingesetzten Handgriffe verrieten, wie viel Gewandtheit sich Demnig inzwischen bei seinen Verlegungen angeeignet hat. Geräuschkulisse und Staub, gepaart mit kleinen Menschenansammlungen, die das Geschehen gebannt verfolgen, unterbrechen zumindest für einen Moment auch den Alltag unbeteiligter Passanten. Nicht wenige bleiben stehen, erkundigen sich und erhalten von den Mitgliedern des Münchner Vereins „Stolpersteine für München“ Auskunft sowie Info-Material. Wessen Schicksal jeweils gedacht wird, erschließt sich allen Anwesenden aus den kurzen Ansprachen, die jede Stolperstein-Verlegung begleiten.

Für eine eben solche übergebe ich an dieser Stelle das – virtuelle – Wort an Peter Probst, um dessen Angehörige es bei der Verlegung in der Schwabinger Römerstraße 7 es diesmal ging.

Drehbuch/Autor Peter Probst hielt eine bewegende Ansprache, die aber auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Rechts neben ihm der PR-Fachmann, Netzwerker und Vorstand von „Stolpersteine auch in München“, Terry Schwartzberg

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Familienangehörige, ich möchte mich zuallererst ganz herzlich bedanken. Bei Gunther Demnig, dem Schöpfer des weltweit größten dezentralen, mittlerweile in zwanzieuropäischen Ländern verwirklichten Kunstwerks „Stolpersteine“. Die Bedeutung seines Beitrags zur Erinnerungskultur für die Nachkommen von NS-Opfern, aber auch für die junge Generation ist kaum zu ermessen. Ich danke weiter der unermüdlichen Münchner Stolpersteine-Initiative, die sich von schwer nachvollziehbaren Entscheidungen der Politik und Kultusgemeinde, aber auch persönlichen Angriffen nicht entmutigen lässt und sich weiter für ein würdiges und allen Bürgern zugängliches Gedenken einsetzt. Mit ganz herzlicher Dank aber gilt heute den Eigentümern des Anwesens Römerstraße 7, im Besonderen Frau Billon dank deren Initiative der heutige Tag erst möglich wurde.

Am 16.7.1923 heiratet die aus Mittelfranken stammende Jüdin Rosa Loewi den katholischen Münchner Rechtsanwalt Franz Mittereder. Vor allem für Franz’ Vater, den Oberpostrat Alois Mittereder, ist die Heirat ein Skandal. Seine Tochter Josephine – meine Großmutter – hat ihn als so bigott wie brutal beschrieben, als Mann, der tagsüber ganz vorne in der Fronleichnamsprozession mitmarschierte und nachts seine Frau verprügelte.

Dass Alois nur einen Monat nach der Eheschließung seines Sohnes stirbt, ist wohl eher eine Erleichterung für das frischvermählte Paar. Übrigens auch für meinen Vater, der als uneheliches Kind – als „Kind der Schande“ – vom Großvater aus dem Familienverbund ausgeschlossen wird.

Sie unterbrechen mit ihrem leuchtenden Gold den Alltagslauf der Passanten. Dazu sind sie konzipiert und werden auch regelmäßig seitens Anwohnern und Mitgliedern des „Stolperstein“-Vereins gereinigt.

Am 20.4.1925 bekommen die Mittereders ein Kind, sie nennen es Erna Wilhelmine. Schon ein Jahr später (am 19.4.1926) stirbt Franz gerade einmal 41jährig, und das Mädchen ist Halbwaise. Rosa Mittereder und ihre Tochter leben bis zum November 1941 in der Maxvorstadt und in Schwabing, ab dem 10.7.1930 in der Römerstraße 7. Ab Mitte 1940 ist Erna offiziell in der Bauerstraße 20 gemeldet. Sie hat im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe (dem sogenannten Antonienheim) einen Kurs in Hauswirtschaft absolviert und hilft der 75jährigen Jüdin Flora Böhm im Haushalt. Als diese im Frühjahr 1941 ins Altenheim der Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße zieht, kehrt Erna zu ihrer Mutter zurück.

Am 20.11.1941 müssen Rosa und Erna Mittereder die Römerstraße 7 unter Zwang verlassen. Offiziell geht es zum „Arbeitseinsatz im Osten“ nach Riga. Da das Ghetto Riga jedoch völlig überfüllt ist, wird der Zug mit etwa 1000 Münchner Juden unterwegs nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Im nahe der Stadt gelegenen Fort IX kommt es auf Befehl des Chefs des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A, Karl Jäger, zu einer Massenexekution. Nach fünf Tagen lebt kein einziger der tausend Münchner Juden mehr, auch nicht Rosa und Erna Mittereder.

Über das Schicksal von Rosa und Erna wurde in unserer Familie fast nie gesprochen. Mein Vater handelte das Thema Krieg, trotz seiner mutigen, antifaschistischen Biographie, möglichst mit einigen, wenig aussagekräftigen, Anekdoten ab. So hielt ich Rosa und Erna lange für entfernte Verwandte und begann viel zu spät nachzufragen. Mein Vater hätte mir allerdings auch wenig erzählen können. Er erfuhr erst mit über 80 Jahren durch meine Recherche, dass seine Tante und Kusine nicht, wie von ihm vermutet, nach Auschwitz deportiert worden waren.

Eine für unser Bild der beiden zentrale Geschichte allerdings hat er mir hinterlassen. Danach hatte im November 1941 nur Rosa Mittereder den Befehl erhalten, sich mit 50 Kilo Gepäck zur Verschickung in den Osten bereit zu machen. Ihre Tochter war nach der Rassenlehre der Nazis nur „Halbjüdin“ und sollte vorerst verschont bleiben. In der Wohnung in der Römerstraße kam es dann zu einer dramatischen Szene. Die Gestapo traf ein, um Rosa abzuholen. Erna sollte der Obhut Kreszentia Gnams, einer Kusine meiner Großmutter übergeben werden. Doch plötzlich weigerte sich das 16jährige Mädchen, seine Mutter alleine gehen zu lassen. Es klammerte sich so lange an ihr fest, bis die Polizisten die Geduld verloren. „Dann kommst du halt auch mit, du Judenfratz“, diesen Satz hat mein Vater mehrfach wörtlich zitiert.

Die Mittereders schickten noch ein Familienmitglied, das eine etwas höhere Parteifunktion innehatte, zum Deportationsbahnhof Milbertshofen, um den Irrtum aufzuklären – vergeblich. Inzwischen stand auch Ernas Name auf der Liste und wurde nicht mehr gelöscht – die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben …

Ich stelle mir vor, dass vor den Stolpersteinen Schüler stehenbleiben und sagen: „Schau mal, diese Erna war genauso alt wie ich, als die Nazis sie abgeholt haben“, und dass das bei dem einen oder anderen der Auslöser dafür ist, sich näher mit der Geschichte der beiden und der Juden in unserer Stadt zu beschäftigen. Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. Die Verlegung der Stolpersteine für Rosa und Erna Mittereder auf dem privaten Grund des Anwesens Römerstraße 7 ist für uns Nachkommen ein großes Glück und ein gewisser Trost. Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann …“

Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen, seitens der zuständigen Hausgemeinschaft am Färbergraben wie auch der Landeshauptstadt München verwehrt. Links Aktivist, Autor und Journalist Johann Türk (Foto: Edith Grube)

Seine Rede beendete Peter Probst mit Worten, die meiner Meinung nach berechtigter nicht hätten sein können: „Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen.

Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. Und glauben Sie uns, jüdische Familien und auch solche mitjüdischen Verwandten blicken auch in der Bundesrepublik Deutschland auf eine lange Folge von Demütigungen zurück.“

Amelie Frieds Mutter schilderte, dass in Ulm die Stadt selbst, anhand von PR-Maßnahmen und Shuttle-Bussen alles unternehme, um Stolpersteinverlegungen  zu unterstützen. Ihren Ausführungen folgen u.a: im Hintergrund Politikerin Claudia Stamm (mut-bayern.de), im roten Kleid Aktivistin Edith Grube, re. mit Strohhut, Aktivist Dr. Thomas (Tom) Nowottny, Er hatte für das individuelle Recht auf die Verlegung von Stolpersteinen gegen die Landeshauptstadt geklagt. Verdeckt: Bestseller-Autor/Biograf Christian Sepp („Sophie Charlotte“)

Peter Probst fügt seiner Rede hinzu: Helfen Sie uns auch deswegen dabei, die Aufhebung des Verlegungsverbots in München durchzusetzen. Was heute in der Römerstraße 7 dank der Offenheit und des historischen Bewusstseins der Eigentümer und Bewohner gelungen ist, muss Schule machen. Denn München ist eine in vieler Hinsicht reiche Stadt – definitiv arm, ja armselig aber ist sie beim Thema Stolpersteine auch auf öffentlichem Grund. Ich danke Ihnen!

(Ende der Rede von Drehbuch/Autor Peter Probst)

Der Tod gehört zum Leben und das Gedenken an die Verstorbenen also mitten unter uns, gerade wenn es darum geht, deren mahnendes Schicksal sichtbar in Erinnerung zu halten, jedes einzelne, kostbare und doch vorzeitig ausgelöschte Menschenleben für sich …

Zuletzt wurde, wie immer ein Kaddish, ein jüdisches Totengebet zu Ehren der Ermordeten gesprochen. Ein lebensbejahendes, von vielen Anwesenden, u.a. Janne Weinzierl, Reiner und Judith Bernstein, Riva Neust u.v.m. mitgesungenes „Shalom“-Lied auf Hebräisch schloss sich dem kontemplativen Moment an und erinnerte einmal mehr daran, dass der Tod zum Leben gehört und somit unbedingt mitten unter uns, entlang der Straßen unseres Alltags!

Zur demokratisch unschön ausgetragenen Stolperstein-Debatte in München habe ich bereits in der Vergangenheit zwei jourfixe-Blogbeiträge veröffentlicht >>>

Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016
Ein Abend vehementer Diskussionen im Rahmen der Reihe „Nymphenburger Gespräche“ (Nov. 2015)

Zum Verzeichnis aller  jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Zum Beispiel Katrin Schweiger – Auftakt einer den Tonkünstlerinnen von mfm – musica femina münchen gewidmeten Portrait-Reihe

Katrin Schweiger ist Komponistin, Sängerin, Multiinstrumentalistin und Dirigentin und damit in zumindest zwei Disziplinen als Frau immer noch eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt: Sie ist studierte (Film)Komponistin UND Dirigentin und damit gleich in zwei musikalischen Domänen tätig, in denen Frauen sich immer noch durch verkrustete Strukturen kämpfen müssen, die ihnen in der Vergangenheit höchstens ein Plätzchen am Klavier einräumte, zur allabendlichen Musikberieselung der Familie … (Siehe dazu auch „Die feminine Saite„). Bis heute tun sich Frauen schwer, sich gegen männliche Seilschaften durchzusetzen und einen Platz am Dirgitent_Innenpult zu ergattern und/oder einen Kompositionsauftrag. Noch immer fallen die Honorare für Frauen in der Musik niedriger aus, als die gleich qualifizierter Kollegen, noch immer kämpfen sie um selbstverständliche Akzeptanz und Gleichstellung. Diese Umstände auszumerzen, ist Kernanliegen des Vereins mfm musica femina münchen, zu dem auch Katrin Schweiger gehört, ebenso wie die Tonkünstlerin Michaela Dietl. Diese engagierte Schweiger 2016 als Dirigentin für ihr Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango, zuletzt im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteigs. Nach dieser überaus erfolgreichen Zusammenarbeit 2016, steht Schweiger auch bei der diesjährigen Dietl-Uraufführung, der „Sinfonia Fantasia“ am Dirigentinnenpult.

Mit einer Komposition aus eigener Feder, „Schwebend“, ist Katrin Schweiger am Sonntag, 9. Juli 2017, um 19:00 Uhr beim REGENBOGENKONZERT im Alten Rathaussaal vertreten.

Auftreten werden ein Streichquartett bestehend aus vier Musikern der Münchner Philharmoniker und das Rainbow Sound Orchestra Munich (RSO-M), dirigiert von Mary Ellen  Kitchens, ebenfalls eine mfm-Kollegin.

Das Kammermusikkonzert findet im Rahmen des Christopher Street Day (CSD München), unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Dieter Reiter statt, in Kooperation mit der Münchner Regenbogen Stiftung >>> Tickets und Details

Katrin Schweiger und Oliver Thedieck

Katrin Schweigers musikalische Vielseitigkeit und Offenheit gegenüber allen Spielarten, spiegelt sich im ihrem Programm Deutscher und Bayerischer Popmusik wieder, zu sehen und zu hören am Freitag, 14. 7. Juli, um 20:00 Uhr, Kulturetage Messestadt Ost 

Katrin Schweiger spielt in diesem Song-Programm Klavier, begleitet von Gitarrist Oliver Thedieck, der es wie kein anderer versteht auf die vielfältigen Stimmungen einzugehen, jeder Stilistik gerecht zu werden und dabei nie seine eigene Handschrift zu verlieren. 
In Duo-Besetzung zaubern sie dennoch einen kraftvollen Sound auf die Bühne, der mitten ins Herz geht und so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Als studierte Filmmusik-Komponistin liebt Katrin Schweiger es dabei, verschiedene Stilistiken zu mischen, und so lassen sich ihre Songs alle der Popmusik zuordnen, 
doch zugleich finden sich darunter auch Einflüsse von Rock-, Jazz- und Filmmusik wieder.


Weitere jourfixe-Blogbeiträge zu mfm-Musikerinnen:

Klangbegegnungen der Dritten Art   www.laurakonjetzky.com


Jeder Handgriff ein Gebet                  www.michaela-dietl.de

Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Kollegen Jon M. Winkler

Vom Gschdanzl zum Requiem

Michaela Dietl, Portrait & Interview


Die feminine Saite   www.musica-femina-muenchen.de

Zur Wahrnehmung und Rolle der Frau in der Musik


Beim Titelbild handelt es sich um eine Collage, der das Bildmotiv der Homepage von musica femina münchen zugrunde liegt


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Somewhere Over The Rainbow in München … Zur Einweihung des Bodendenkmals für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben

Für Stadtrat Thomas Niederbühl stellte diese städtische Zeremonie mit Sicherheit eine Sternstunde da: In pastelligen Farben, in bewusster Anlehnung an den Regenbogen, erinnert ab sofort ein Bodendenkmal an die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben in München! Wie Thomas Niederbühl in seiner Ansprache erzählte, währte sein Kampf für eine solche Gedenkstätte über 30 Jahre. Allein hat er ihn nicht geführt, aber für den nötigen politischen Nachdruck gesorgt, seit er 1996 sein Amt als europaweit erster offen schwuler Stadtrat für die Rosa Liste antrat, die den Anspruch der LGBT-Community in München vertritt, ihr Leben“Ganz normal anders“ zu gestalten.

Vorne links: Claudia Stamm (Zeit zu Handeln), dahinter Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und „Die Schwestern der perpetuellen Indulgenz„, mit dem Münchner Stadtmuseum und der Synagoge der IKG München als Hintergrund: Ja, München ist BUNT! Foto: Stephan Rescher

Das Münchner Stadtmuseum UND die Jüdische Synagoge im Hintergrund, Schwulen und Lesben im Vordergrund, links im Bild Claudia Stamm, ehemalige Landtagsabgeordnete und Gründerin der Bürgerrechtsbewegung „Zeit zu Handeln“, hinter ihr Thomas Niederbühl, der wohl noch immer Europa-weit einzige Stadtrat einer „Rosa Liste“. Dazwischen, unübersehbar in ihrer Aufmachung, Mitglieder  Der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria. Man sollte sich aber durch deren schrill-farbigen Auftritt nicht täuschen lassen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens:

Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung, mit einer „Schwester der Perpetuellen Indulgenz“, Foto: Raymund Spiegel

Wir sind Teil einer international tätigen Gemeinschaft, die sich seit 1979 für HIVPrävention, Lebensfreude und gesellschaftliche Gleichstellung von trans-, homo- und bisexuellen Menschen einsetzt, wie sie sich auf Ihrer Homepage vorstellen. Ihr Erkennungszeichen: Man erkennt uns am weiß grundierten Gesicht, das an den Tod durch AIDS erinnern soll. Dazu setzen wir farbliche Akzente, um symbolisch das Leben und die Freunde darzustellen. 

Eine „Schwester der Perpetuellen Indulgenz/Abtei Bavaria“ mit Rita Braaz, Rosa Liste

Überhaupt empfand ich die bunte Mischung des Publikums, ein Querschnitt unserer Stadtgesellschaft als einzigartig. Wohltuend zahlreich hatten sich u.a. eingefunden, nur um einige zu nennen: Vertreter_Innen der Stadt, wie die Stadträte Marian Offman (CSU), Haimo Liebich und Christian Vorländer (SPD) und Lydia Dietrich, Beppo Brem und Florian Roth für die Münchner Grünen sowie Rita Braaz, Rosa Liste, und Andreas Unterforsthuber von der Münchner Regenbogenstiftung

Rede von Ulla von Brandenburg, Schöpferin des Denkmals. In der ersten Reihe u.a.: Barbara Kittelberger, Stadtdekanin der EKD (mit rotem Top), daneben Dr. Michael Stephan, Leiter  des Stadtarchivs, ganz rechts Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München und OB Dieter Reiter (SPD), Foto: Edith Grube

Foto: Münchner Aids Hilfe via Thomas Niederbühl

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Münchner Regenbogen-Chor, dirigiert von meiner Vereinsfreundin Mary Ellen Kitchens (musica femina München).  Als der Evergreen „Over The Rainbow“ von Judy Garland aus gegebenem Anlass angestimmt wurde, wurde mir ganz und gar emotional zumute, zumal auch meine Freundinnen nicht fehlten: Sinteza Ramona Röder, die einmal mehr extra aus Ingolstadt angereist war und natürlich Aktivistin Edith Grube.

Erich Schneeberger, Vorstand im Landesverband der Sinti und Roma mit Ramona Röder; Foto: E. Grube

Edith stellte sich mit ihrem „Stolperstein-Button“ als personifizierte Gretchenfrage in die erste Reihe, vis à vis von OB Reiter und Kulturreferent Hans-Georg Küppers, denn sie kämpft seit Jahren, gemeinsam mit dem Verein „Stolpersteine für München“ um Terry Swartzberg, für die Legalisierung dieser in den Boden eingelassenen Gedenksteine, deren eingravierter Text an Opfer des Holocaust erinnert. Diese Form des Erinnern jedoch lehnen deren Gegner_Innen gerade wegen der in ihren Augen unangemessenen Bodenlage ab …

90 qm Bodendenkmal; Foto: Gudrun Lux

Bei dem neuen Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben jedoch handelt es sich ebenfalls um ein Bodendenkmal, das bewusst als solches ausgewählt wurde, wie auch aus den Reden von Oberbürgermeister Reiter, Kulturreferent Hans-Georg-Küppers und der Künstlerin selbst hervorging; gerade wegen seiner unmittelbaren Erlebbarkeit durch Begehbarkeit, zudem direkt am Ort des Übergriffs auf die Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ 1934, seitens der Nationalsozialisten gelegen. Da frage ich mich schon, warum in ein und der selben Stadt, dieses Bodendenkmal als eben ein solches gelobt wird, während die Stolpersteine weiterhin verboten bleiben, weil sie, laut den Gegner_Innen, am Boden keine würdige Form des Gedenkens ermöglichen?

Die Stolpersteine lehnt sie als Gedenkform vehement ab: Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München; an der Einweihung dieses Bodendenkmals nahm sie jedoch teil …

Die Opfer würden hier nochmals mit Füßen getreten, lautet eines ihrer Argumente.

Am selben Tag war Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine zusammen mit Frau Katja zur Verlegung 21 weiterer Stolpersteine auf privatem Grund angereist und schloss sich danach der Einweihung des Denkmals am Oberanger an. Katja Demnig äußerte später via Facbook: Wir freuen uns sehr, dass diese bislang so unbeachtete Gruppe endlich Aufmerksamkeit geschenkt bekommt — auch in München. Deshalb sind wir gerne zur Eröffnung gegangen.“ 

Katja und Gunter Demnig, unter den Zuschauer_Innen, Foto: E. Grube

Dass sich einmal der Schöpfer der Stolpersteine und deren vielleicht erbittertste Gegnerin, Charlotte Knobloch auf ein und derselben Veranstaltung einfinden würden, hätte ich mir nie träumen lassen!

Jon Michael Winkler und Gaby dos Santos, Kulturplattform jourfixe-muenchen; Foto: Edith Grube

Überhaupt erfüllten mich die bekannten Gesichter unterschiedlichster Couleur, die ich unter den Zuschauern ausmachte, mit einem Gefühl der Zuversicht, was den Facettenreichtum unserer Stadtgesellschaft anbelangt, als ein farbenfrohes heterogenes Miteinander: Ja,  München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, ist längst bunt geworden …

Foto: OB Dieter Reiter, Facebook via Thomas Niederbühl

Daran erinnerte Albert Knoll, Vorstand des Forums Homosexualität in einem anschließenden Vortrag, im Rahmen eines Empfangs im Jüdischen Museum München, von dem ich nachstehend die Kernausschnitte veröffentliche:

Es sind ja nur ein paar farbige Betonplatten an der Ecke Oberanger / Dultstraße – und doch haben sie so viel Bedeutung, wie kaum sonst irgendwo auf der Welt Betonplatten Bedeutung haben. (…)

Ausschnitt des Bodendenkmals: Das rosa Dreieck steht für die rosa Wimpel, die die homosexuellen KZ-Häftlinge kennzeichneten

Ich freue mich, dass das Kunstwerk nach so langer Planungszeit endlich fertig geworden ist, ein Tag auf den das forum homosexualität münchen, auf den die Rosa Liste und die interessierte Community schon lange gewartet hat. Das Kunstdenkmal ist damit Ausdruck des Willens der Stadt München, die bislang stiefmütterlich behandelte Opfergruppe der homosexuellen Männer und Frauen wahrzunehmen und ihr einen gebührenden Platz in der kommunalen Gedenklandschaft zu gewähren. Das zeugt von Respekt und gleichzeitig auch der Anerkenntnis, dass die nach 1945 fortgesetzte Verfolgung ein Unrecht war, dessen sich die Bundesrepublik bekennen muss. Vor 25 Jahren noch undenkbar: der § 175 war noch in Kraft, die Rosa Liste noch nicht im Stadtrat; die Bereitschaft in Gesellschaft und Politik, die „vergessenen“ oder besser gesagt, die bis dahin „ausgegrenzten“ Opfer des Nationalsozialismus zu würdigen, war damals nicht gegeben. Das hat sich geändert.

Albert Knoll während seiner Rede im Jüdischen Museum; Foto: queerelations

Das Terrorregime des Nationalsozialismus hat das Leben von Tausenden von schwulen Männern auf dem Gewissen und es hat das Leben von abertausenden von Lesben und Schwulen massiv beeinträchtigt und beschädigt. Der § 175 war der einzige Strafrechtsparagraph, bei dem es keine Geschädigten gab – bei dem der Staat seine Macht über die Geburtenrate ausspielen wollte – letztlich die Aufsicht über die Schlafzimmer der Deutschen haben wollte. Homosexuelle Männer wurden zu Staatsfeinden erklärt.

Historische Abbildung des „Schwarzfischers“

Im Sommer 1934 verordnete Gauleiter Adolf Wagner eine groß angelegte Razzia. „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes“ – so das Zitat – „muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden.“ Daten aus den Rosa Listen wurden gesammelt, die Einsatzkräfte der Polizei aufgestockt für eine Großaktion, die dann am 20. Oktober 1934 mit aller Gewalt durchgeführt wurde. Parkanlagen und Bedürfnisanstalten wurden durchsucht und alle Gäste aus den Schwulenlokalen „Zum Schwarzfischer“in der Dultstraße und „Arndthof“ am Glockenbach verhaftet. Diese reichsweit erste Großrazzia brachte fast 150 Münchner vor den Vernehmungsbeamten, der entschied, dass jeder Dritte von ihnen „vorläufig in Schutzhaft genommen“ wurde und nach Dachau kam. Damit war die Aktion noch nicht zu Ende. Im Morgengrauen durchsuchte die Polizei die Wohnungen von Männern, die in den berüchtigten „Rosa Listen“ eingetragen waren, z.B. die des aus Niederösterreich zugezogenen Franz Kopriva, der 1930 hier Arbeit fand. Kopriva stand in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als „Wiederholungstäter“. Im Zuge der Razzia durchsuchten die Beamten seine Wohnung in der Seidlstraße nahe dem Hauptbahnhof und verhafteten ihn und einen Mann, der sich bei ihm aufhielt. Nach zwei Tagen wurde er – ohne Einschaltung der Justiz – ins KZ nach Dachau überstellt. Lesben waren vom Strafgesetzbuch verschont, der § 175 galt nur für Männer. Es gibt aber einige Quellen, dass lesbische Frauen in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht wurden. Sie wurden offiziell aus politischen, rassischen oder sozialhygienischen Gründen verfolgt. Eine eigenständige weibliche Sexualität negierte die damalige Gesellschaft und die Nationalsozialisten sahen keine „bevölkerungspolitische Gefahr“. Das Ziel des NS-Staates war es, eine einheitliche Volksgemeinschaft aus dem Boden zu stampfen. Da war kein Platz für Lesben oder Schwule, sie wären letztlich alle zu „Gemeinschaftsfremden“ erklärt worden. Beispiele für Lebensgeschichten Münchner homosexueller Frauen im Nationalsozialismus konnten wir bislang nicht finden.

Das Jahr 1945 bedeutete für homosexuelle Männer weder Befreiung noch das Ende von Verfolgung und Kriminalisierung. Viele kamen wieder in Haft, der § 175 war weiterhin gültig. Erst im Jahr 1969 wurde das Totalverbot aufgehoben. 1994 entschied sich der Bundestag für das Ende der strafrechtlichen Diskriminierung und 2002 beschloss er die Rehabilitierung der vor NS-Gerichten verurteilten Männer. Erst jetzt hat die Bundesregierung eine Vorlage zur Rehabilitierung der Männer eingebracht, die aufgrund des Paragrafen 175 in der Nachkriegszeit verurteilt wurden. Eine Hürde für die Aufhebung der Urteile wird dabei bleiben: die Männer werden nachweisen oder bezeugen müssen, dass der Sexualpartner älter als 16 Jahre war, also doch eine Einzelfallprüfung.

Der anschließende Empfang im nahegelegenen Jüdischen Museum am St.. Jakobsplatz, Foto: queerelations

Zum Schluss: Ich bedanke mich herzlich bei den Verantwortlichen, die diesen Festakt im Jüdischen Museum ermöglicht haben. Es ist ja nur ein kleiner Sprung vom neuen Mahnmal am Oberanger hinüber zum Jakobsplatz, wo an die Massenvernichtung der Juden erinnert wird. Im unterirdischen Verbindungsgang zur Synagoge sind die Namen der Münchner jüdischen Opfer zu lesen. Mit Sicherheit waren einige Schwule und Lesben darunter. Deren Namen sind uns unbekannt. Wichtig ist aber etwas ganz anderes: es gibt kein Gegeneinander der Opfer / des Opfergedenkens. Die heutige Raumwahl zeigt vielmehr, dass es ein Hand in Hand derjenigen gibt, die an diese brutalen Zeiten erinnern. Das ist wichtig, denn wie es sich in jüngster Zeit zeigt, die Verharmloser, die Verleugner und die Gegner eines Gedenkens, alte und neue Rechtsradikale formieren sich wieder und fordern uns alle, die wir entschlossen sind, die demokratischen Werte zu verteidigen, zum Handeln heraus. Mahnmale werden mutwillig beschädigt, Juden, Lesben und Schwule sehen sich zunehmend Beleidigungen und Gewalt ausgesetzt. Wir werden ein waches Auge darauf haben, damit Jakobsplatz und Oberanger weiterhin würdige Orte der Zusammenkunft und des Gedenkens bleiben.

Albert Knoll, links mit Thomas Niederbühl, Foto: Stephan Rescher

Soweit die bewegende Rede von Albert Knoll, bewegend besonders, wenn man bedenkt und wie auch von Thomas Niederbühl in seiner Eröffnungsrede erwähnt (s. Youtube-Beitrag am Ende),  dass der internationale Opferverband in Dachau lange Zeit verhinderte, dass ein Gedenkstein für die homosexuellen Opfer errichtet werden durfte. Auch in Hinblick auf die (meiner Meinung nach unsägliche) Diskussion, ob denn das neue Mahnmal auch verfolgten Lesben gewidmet werden solle, äußerte Thomas Niederbühl, dass es  keine Opferhierarchien geben dürfe! Recht hat er, finde ich, schließlich ist und bleibt jedes Opfer eines zuviel!

Gerade wenn es in der heutigen Zeit plötzlich dramatischerweise wieder gilt, sich üblen Anfängen brauner Gesinnung zu erwehren, dann ist die Geste des „Hand in Hand Gehens“, wie sie Albert Knoll anspricht, und wie man sie Dienstag an Oberanger und Jakobsplatz erleben durfte, in ihrer Symbolik nicht hoch genug zu bewerten.

Nachstehend nochmals die prägnantesten Momente der Feier am Oberanger, festgehalten in einem Video von Wolfgang Troescher

<p><a href="https://vimeo.com/223362203">Einweihung des Denkmals f&uuml;r die homosexuellen Opfer der NS-Zeit</a> from <a href="https://vimeo.com/troescher">Wolfgang Tr&ouml;scher</a> on <a href="https://vimeo.com">Vimeo</a>.</p>

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Künstlerisch „dazwischen“ – nicht „daneben“! Zur Dankesrede von Autorin Gunna Wendt, Schwabinger Kunstpreisträgerin 2017

Neben Schauspieler Thorsten Krohn und Wolfgang Schlick mit seiner Express Brass Band, war es Gunna Wendt, die den diesjährigen Schwabinger Kunstpreis erhielt, persönlich überreicht von einem wie immer geistreich launigen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers.

Autorin Gunna Wendt mit Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Gunna, seit letztem Jahr auch Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, nutzte ihre Dankesrede zu einer überfälligen Betrachtung bezüglich des Umgangs mit der „literarischen Biografie“, was sich leider genau so auf alle künstlerischen Genres übertragen lassen, die nicht in eine Schublade passen und deren Kernaussage ich, nach nochmaliger Lektüre, ungekürzt wiedergeben möchte:

„(…) Die literarische Biografie ist ein Genre, mit dem sich die Literaturkritik und Literaturwissenschaft schwer tut – im deutschsprachigen Raum. Sie ist fast aus allen Förderprogrammen – allen voran der Deutsche Literaturfonds – ausgeschlossen.

Man weiß sie nicht so recht einzuordnen: so zwischen Fiktion und Dokumentation. Werden Fußnoten verwendet, heißt es, das störe den Lesefluss. Wenn nicht, erfolgt oft der Vorwurf der mangelnden Wissenschaftlichkeit, obwohl diese gar nicht beansprucht wurde. Ja, die professionelle Rezeption tut sich schwer mit diesem Genre, aber die Leserinnen und Leser zum Glück nicht!

Als Biografin bewegt man sich immer so dazwischen – ein Raum, in dem ich mich – zugegeben – ganz wohlfühle, denn dann ist man in keiner Schublade. Und hatte nicht schon der argentinische Autor Julio Cortázar, der neben Thomas Bernhard, einer meiner großen literarischen Favoriten ist, sich selbst als „hartnäckigen Bewohner von Zwischenbereichen“ bezeichnet. Durch ihn habe ich viel zum Thema Biografie gelernt – genauso wie von dem französischen Philosophen Gilles Deleuze, dessen schmaler Band „Kafka – für eine kleine Literatur“ nach wie vor unerreicht ist, wenn man Elementares über Kafka und über Biografie erfahren will.

Aber die Zeiten ändern sich – „The times they are a-changing“ – Bob Dylan hat den Literatur-Nobelpreis bekommen, auch wenn die Diskussionen darüber, ob seine Songtexte Literatur sind, nicht abreißen. (…)“

First Row in der Verwaltungszentrale der Stadtsparkasse München: Schwabinger Kunstpreisträger_Innen 2017, vierte von links etwas verdeckt: Gunna Wendt, Stifter: ganz rechts Stefan Hattenkofer/Vorstand Stadtsparkasse München, daneben Kulturreferent Hans-Georg Küppers; Foto: SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Danke, Gunna, für Deine Bücher, die ich gerade deshalb so liebe, weil sie einer realen Vergangenheit entstammen, die Du zum Leben erweckst, danke, weil Deine Protagonist_Innen immer auch Querdenker_Innen sind, in denen ich mich oft und gerne wiederfinde und danke für obigen Ausschnitt aus Deiner gestrigen Rede, in der sich auch die Problematik meines künstlerischen Schaffens wiederspiegelt, das sich auch keinem festen Fördertopf zuordnen lässt – und, wie ich gerade sehe, auch auf eine ganze Reihe anderer Kolleg_Innen zutrifft.

Zur Verleihung des Schwabinger Kunstpreises 2017 an Gunna Wendt siehe auch meinen Ankündigungs-Beitrag mit der Jury-Begründung im jourfixe-Blog

Das Titelbild stammt von Journalist und Autor Johann Türk und wurde von mir durch das jourfixe-Logo ergänzt.


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Gottes verstoßene Kinder? – Über die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität, Gastbeitrag von Jon Michael Winkler >Teil 1: Die Bibel unterm Regenbogen

„Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast, denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Sprüche Salomos, 11,24-12,1)

Jon Michael Winkler, Komponist, Musiker und  Autor,  Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen

Vergleichsweise leben wir als schwule und lesbische BürgerInnen der westlichen Welt auf den „Inseln der Glückseligen“. Und es gibt viele Stimmen, die meinen, dass wir als Homosexuelle nun doch alles erreicht hätten und es eigentlich keine Gründe mehr gäbe, uns zu beklagen oder öffentliche Diskussionen zum Thema „queerer“ Gleichberechtigung zu führen. Das halte ich für einen Irrtum, denn eigentlich fangen wir erst damit an, die jahrhundertelange Geschichte der Ächtung und Verfolgung aufzuarbeiten, gesellschaftlich und im eigenen Innern. Was ist da schon ein halbes Jahrhundert öffentlich artikulierter Emanzipationsversuche im Vergleich zu fast 2000 Jahren der Unterdrückung? Immerhin ist die „freie Wahl der sexuellen Orientierung“ immer noch kein Bestandteil der Menschenrechtscharta und in über 70 Ländern der Erde werden Menschen dafür strafrechtlich verfolgt und sogar umgebracht. Wie könnten wir, die wir hier das Privileg haben, offen über das Thema zu sprechen, also darüber schweigen? Machten wir uns da nicht mitschuldig am Verbrechen an unseren Brüdern und Schwestern?

Verbrennung von Templern wegen angeblicher Sodomie; Anonym – Bibliothèque Municipale, Besançon, France. Erich Lessing/Art Resource, NY.

2011 scheiterte der letzte Vorstoß der Aufnahme dieser Rechte in die Charta am Widerstand religiös-fundamentalistischer Staaten, muslimisch wie christlich, hauptsächlich aus dem arabischen und afrikanischen Raum. Und daraus wird ersichtlich, dass das Urteil über Homosexualität oder richtiger gesagt, das Vorurteil im Bereich des Religiösen wurzelt, d.h. in der homophoben Interpretation der sog. „heiligen Schriften“, die sich über Jahrhunderte auch in der Gesetzgebung und damit auch im Verhalten der ihr untergeordneten Völker niedergeschlagen hat. Auch in unseren Breitengraden ist, trotz aller rechtlichen Errungenschaften zu Gleichstellung und gesellschaftlicher Akzeptanz, der Begriff der „Homosexualität“ immer noch dazu geeignet bei vielen diffuse Emotionen auszulösen. Diese verstärken sich noch, wenn er mit dem der „Spiritualität“ (auch als Synonym für „Religion“) in Verbindung gebracht wird. Spüren Sie doch einmal kurz in sich selbst hinein, wie Sie selbst das empfinden.

Erste Nennung der Worte „Monosexual“, „Homosexual“ und „Heterosexual“ in einem Brief vom 6. Mai 1868, aus Hannover

Nach wie vor haftet für viele dem Begriff der Homosexualität etwas „Schmutziges“ an, das mit den „reinen Gefilden“ der Spiritualität nicht vereinbar scheint. Doch ist diese Beurteilung auch berechtigt und wie ist es dazu gekommen? Und wenn sie es nicht ist, was ist dagegen zu tun? Diesen Fragen ging ich am Dienstag, 15.11.2016 in meinem essayistischen Vortrag im Münchner SUB  nach: „Gottes verstoßene Kinder? – Sind Homosexualität und Spiritualität wirklich unvereinbar?“. Essay heißt ja nichts anderes als Versuch und als solchen verstand ich auch meinen Vortrag. Es war ein erster Versuch meinerseits mich der Gestaltung dieser komplexen Fragestellung anzunähern, die Stofffülle auf ein verdauliches Maß zu komprimieren.

Jon Michael Winkler, Author dieses Essays, vor seinem Vortrag im Münchner SUB  mit Gaby dos Santos, die den Abend moderierte

Dabei war ich sehr gespannt, wie groß das Interesse am Thema überhaupt sein würde und wer zur Veranstaltung käme. Da ich die Fragestellung auf dem Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte abhandeln wollte und damit zwangsläufig die betreffenden Textstellen des Alten und des Neuen Testaments beleuchten musste, hatten Gaby dos Santos und ich Vertreter der katholischen und evangelischen Amtskirchen eingeladen: Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ–Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und Wolfgang Scheel, evangelischer Pfarrer der bayrischen Landeskirche, Mitglied im lesbisch–schwulen Konvent und im Redaktionsteam der Zeitschrift „Werkstatt Schwule Theologie„, sowie einen politischen Vertreter, Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe. Eine echte Herausforderung für mich als Nicht-Theologen…

Am Anfang der Betrachtungen stand der Versuch einer annähernden Definition der zentralen Begriffe der Homosexualität und der Spiritualität. Offen gesagt ist Begriff „Homosexualität“ aus verschiedenen Gründen ein völlig irreführendes Wort, für die Außenstehenden wie die Bezeichneten selbst. Dieses von Karl Maria Kertbeny 1868 geschaffene griechisch-römische Kunstwort betont in seinem Wortstamm eben nur das Sexuelle. Das emotionale und intellektuelle Innenleben eines „homosexuellen“ Menschen wird darin nicht abgebildet, als wäre es für den Unterschied zum sog. „Normalen“ nicht relevant oder gar inexistent.

Karl Maria Kertbeny, Lithographie von Eduard Kaiser, 1856

Dabei ist das Ausschlaggebende ja gerade nicht das von der Norm abweichende sexuelle Begehren, von dem der Heranwachsende oft selbst noch gar nichts weiß. Es ist sein Anderssein, das er meist von Kindesbeinen als unfreiwilliges Außenseitertum erlebt. Die Welt um ihn herum, Familie, Mitschüler, Lehrer, scheinen ihm oft fremd, weil er anders empfindet als sie. Durch seine besondere Sensibilität entwickle er oft ein hohes Maß an Reflexion und Skepsis, Dinge zu hinterfragen und nicht als gegeben zu nehmen. Da er aber sowohl die von der Mehrheit stillschweigend akzeptierte Sicht des „Mainstreams“ kennt, als auch seine eigene Perspektive, die mehr als die scheinbar festgeschriebenen Geschlechterrollen in Frage stellt, wird er zum Grenzgänger zwischen zwei Welten. Sein Blick reicht weiter und kann, sofern seine „Veranlagung“ nicht als „Makel“, sondern als „Begabung“ verstanden wird, auch die restliche Gesellschaft bereichern.

Das behaupten etliche Autoren zum Thema, wie z.B. Toby Johnson in seinem preisgekrönten Buch „Gay Spirituality“, wenn er vom Homosexuellen als „weird wall walker“ spricht und auf die besondere Achtung homosexueller Schamanen in primären Stammeskulturen aufmerksam macht. Auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung gesteht in seiner ansonsten ambivalenten Bewertung gleichgeschlechtlich Liebenden eine besondere Begabung für Spiritualität zu. Das erklärte auch den überdurchschnittlich hohen Anteil an schwulen Männern im katholischen Klerus – aber nicht nur dort, auch in buddhistischen Klöstern Japans und Chinas oder auch unter werdenden Mullahs islamischer Universitäten ist der Prozentsatz außerordentlich hoch.

Der alte und der junge Mönch zu Besuch beim reichen Mann (Ende der Ching Periode)

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über „Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Die bisherigen Begegnungen homosexueller Menschen mit den Amtskirchen und ihren Gemeinden war bis vor einigen Jahren allerdings nicht unbedingt von Sympathie und Offenheit geprägt. Kein Wunder also, dass sie sich hier nicht angenommen und geborgen gefühlt haben. Viele haben auch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und rundheraus alles abgelehnt, was mit dem Thema „Religion“ zu tun hat. Andere sind aufgrund ihres Glaubensbedürfnisses geblieben, dazu gezwungen ihre Neigungen zu verbergen und ein geradezu „schizophrenes“ Doppelleben zu führen. Der Rest suchte Zuflucht bei anderen Weltreligionen oder -anschauungen und fanden sich nicht selten mit den gleichen Vorurteilen konfrontiert, wegen derer sie die Heimat ihres früheren Bekenntnisses verlassen hatten und fühlten sich damit noch heimatloser.

Ich hatte für meinen Vortrag deshalb auch ganz bewusst den Begriff der „Spiritualität“ statt dem der „Religiosität“ verwendet. Spiritualität ist schlichtweg der weitere Begriff und verhält sich zur Religion, wie der Begriff der Ethik zu dem der Moral. Religion und Moral sind meist starr definierte, tradierte Normen und Werte einer Gesellschaft, wo hin gegen Ethik und Spiritualität eine Frage des individuellen Gewissens wie der persönlichen Erfahrung sind. Spiritualität kann ganz wie ihre begriffliche Vorgängerin, die „Frömmigkeit“, einem religiösen Bekenntnis entspringen.

Jiddu Krishnamurti (1895-1986)

Sie kann aber auch völlig losgelöst von jeglicher Religion sein – sie radikal infrage und sich sogar gegen sie stellen. Maßstab kann hier nur das eigene Gewissen sein oder wie der indische Denker und Lehrer Jiddu Krishnamurti es in seinem Buch „Vollkommene Freiheit“ formulierte: „Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität die Unbestechlichkeit des Selbst ist, denn diese ist zeitlos, sie ist die Harmonie zwischen Vernunft und Liebe. Das ist die absolute, unbedingte Wahrheit, sie ist das Leben selbst.“

Papst Franziskus 2015

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus darauf Bezug genommen, als er dieses Jahr äußerte, die katholische Kirche müsse sich bei den Homosexuellen entschuldigen, was in Anbetracht jahrhundertelanger Ächtung und Verfolgung eine ungeheure Kehrtwende darstellt. Und er fügte, passend zum Vorigen hinzu, dass Homosexuelle über Gaben und Qualitäten“ verfügten, die für die Christenheit sehr wertvoll seien. Gemeinsam mit der Bischofskonferenz beschloss er daher, dass alles getan werden müsse, dass sich Schwule und Lesben im Schoß der Kirche geborgen fühlen können. Ob diesen Worten auch Taten folgen werden und wie die konkreten Maßnahmen aussehen werden, ist dabei vorerst noch offen…

Dalai Lama – Foto: Christopher Michel

Und auch der Dalai Lama als Oberhaupt der tibetischen Buddhisten hat entsprechende Worte gefunden: „Alle großen Weltreligionen, mit ihrer Betonung der Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Vergebung können innere Werte fördern. Die Realität unserer heutigen Welt ist jedoch, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, unsere Ethik auf Religionen zu gründen…Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen, …einer Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich und brauchbar ist… In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden… Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.“

Diese Haltung als Basis eines über die Grenzen von Religion und Weltanschauung hinausgehenden Dialogs auf Augenhöhe kann ich dabei nur begrüßen und halte ihn für äußerst friedensstiftend. Wohin das wortwörtliche Festhalten an einer „heiligen Schrift“ und die Bekämpfung „Andersgläubiger“ führt können wir tagtäglich in betrübenden Nachrichten sehen. Dies kann keinesfalls der zukünftige Umgang der Menschheit mit dem Thema Religion sein oder wie Hermann Hesse in „Narziss und Goldmund“ so treffend formulierte: „Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.“

Die „Unbestechlichkeit des Selbst“, das Vertrauen auf das sich selbst prüfende Gewissen als letzte Instanz und die intellektuelle Redlichkeit werden sicherlich die Instanzen sein, mit dem wir uns dem Thema „Spiritualität“ zu nähern haben. Zusammen mit dem Verständnis der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Psychologie und speziell mit der von C.G.Jung entwickelten Tiefenpsychologie, in der wohl als erster der Zusammenhang zwischen traditionellen, spirituellen Entwicklungswegen und moderner Psychotherapie erkannt und formuliert wurden.

Sascha Schneider, Winnetous Himmelfahrt, 1904, Buchcover zu Winnetou III von Karl May

So gesehen steht am Anfang der Religionsgeschichte der Schamane oder Zauberer als Prototyp und Archetyp des Propheten, Priesters und Therapeuten. Das zentrale, ihn bezeichnende Motiv ist die Fähigkeit zur Verwandlung. In Tierfelle gehüllt kam er in Kontakt mit jenen überweltlichen Mächten, die über einen erfolgreichen Ausgang der Jagd entschieden und einen fortdauernd reichen Wildbestand sicherten. Doch es gibt noch eine ganz andere Art der Verwandlung von männlichen Schamanen, nämlich den Geschlechtswechsel oder die sog. „Transvestition“, das Tragen der typischen Frauenkleidung als äußerliches Merkmal der inneren Metamorphose, die vom Betroffenen als so real empfunden wird, dass er mitunter die Verbindung mit einem sog. „Geistergatten“ eingeht. Durch diese Affinität zum Weiblichen genießen diese Schamanen in den ursprünglich matrizentrischen Gesellschaften eine besondere Achtung. Ist die Transvestition total, übernimmt er auch die soziale und sexuelle Geschlechtsrolle und gibt männliche Tätigkeiten auf, gilt fortan in seiner Gruppe als Frau. Nicht selten geht er eine Ehe mit einem anderen Mann ein, sehr oft mit einem führenden Clanmitglied. Sein Prestige ist wahrscheinlich das höchste für einen Schamanen erreichbare schlechthin… (nach Gisela Bleibtreu-Ehrenberg)

Sexuell agieren transvestitische Schamanen dabei als – passive – Homosexuelle. Das heißt, sie übernehmen im Sexualverkehr die später als unterlegen betrachtete Stellung der Frau, in dem sie sich anal penetrieren lassen. Mit dem Niedergang dieser Gesellschaften und dem Aufstieg des Patriarchats, setzte mit der Geringschätzung der Frau und des weiblichen Prinzips auch seine Verachtung, Ächtung und zunehmende Verfolgung ein. Auch in den biblischen Überlieferungen taucht dieses Urbild in verzerrter Form als verachteter männlicher Tempelprostituierter wieder auf.

Grabrelief eines Hohepriesters des Kybele-Kults (Lavinium 200 n.Chr.)

Dies als kurze Vorbemerkung zu meinen Betrachtungen zum Alten Testament, von dem der deutsche Philosoph Erich Fromm sagt, dass es der „Triumphgesang der siegreichen Männerreligion, ein Siegeslied der Vernichtung der matriarchalischen Reste in Religion und Gesellschaft“ sei und die „die wichtigste literarische Grundlage dieser Gefühlseinstellung in der europäischen und amerikanischen Kultur wurde“. Es gibt nur wenige Stellen, die sich im Alten Testament explizit auf Homosexualität beziehen. In der heutigen Begrifflichkeit, gar als „schwuler Lebensstil“ existierte sie zu jener Zeit auch nicht. Namensgebend für homosexuelles Verhalten wird die Geschichte von Sodom und Gomorrha im 1. Buch Mose, Kapitel 19. Im heutigen sprachlichen Gebrauch auf den Geschlechtsverkehr mit Tieren verengt, bezeichnete die Sodomie ursprünglich jeden geschlechtlichen Umgang, der nicht der Fortpflanzung diente. Im christlichen Mittelalter bis in die Neuzeit hinein meinte man damit vor allem den Analverkehr zwischen Männern, daneben die „Bestialität“ mit Tieren, aber auch den Geschlechtsverkehr mit andersgläubigen Frauen.

Zerstörung Sodoms, Mosaik der Kathedrale Monreale in Palermo, 12. Jhdt.

Schlüsselszene der Sodom-Geschichte ist die versuchte Massenvergewaltigung der zwei Gäste Lots, Engel in Gestalt von zwei fremden Männern, die unter konservativen Exegeten zur Verdammung der Homosexualität führte, da ihr allein – oder zumindest vorzugsweise ihr – das Strafgericht über Sodom und der Untergang ihrer Bewohner geschuldet sei. Das ist aber unlogisch, weil die Zerstörung schon vor dem Besuch der Engel beschlossen war. Beachtet man außerdem andere Textstellen zu Sodom und Gomorrha im Alten Testament, kann man bei Jesaja, Jeremiah und Hesekiel eindeutig nachlesen, dass der Grund für die Zerstörung nicht Homosexualität war, sondern hemmungslose Hingabe an allgemeine Schlechtigkeit und Bosheit, vor allem die Missachtung des in der lebensfeindlichen Umgebung überlebenswichtigen Gastrechts führte in den Augen der frühen Kirchenlehrer zur Bestrafung, nicht der versuchte Übergriff auf die Engel.

Der finnische Historiker Martti Nissinen wies durch die Auswertung altorientalischer Quellen außerdem nach, dass Massenvergewaltigung von Männern durch – wohlgemerkt – heterosexuelle Männer im Altertum ein verbreitetes Mittel zur sexuellen Erniedrigung von Feinden war. Die Evangelische Kirche in Deutschland vertritt den gleichen Standpunkt und lässt die Geschichten um Sodom und Gomorrha in Stellungnahmen zur Homosexualität seit 1992 außer Betracht, weil es dort „um Demütigungen und um einen Gewaltakt geht“.

Erste Seite des Leviticus, Warschauer Ausgabe 1860 (Ausschnitt)

Die nächsten Passagen, die in der abendländischen Geschichte einen fatalen Einfluss auf das Leben homosexueller Männer hatte, sind die zwei Abschnitte aus dem 3. Buch Mose, dem sog. „Leviticus“, Kapitel 18, 22 und 20,13: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen, wie man beim Weibe liegt; solches ist eine Gräuel“ und die daraus folgende Sanktion: „Und wenn jemand bei einem Manne liegt, wie man beim Weibe liegt, so haben beide eine Gräueltat verübt; mit dem Tode sollen sie bestraft werden, ihr Blut soll über sie kommen.“ Um diese Aussagen richtig bewerten zu können, müssen wir ihren Kontext beachten: Der Leviticus ist eine Sammlung von Anweisungen, die die „rituelle Reinheit“ im Kult der Israeliten betreffen. Diese Reinheitsvorschriften spielten eine bedeutende, ja identitätsstiftende Rolle für die israelitische Gemeinde, mit der sie sich scharf von anderen Kulten und deren Angehörigen abgrenzte, speziell von den kanaanäischen Nachbarn mit denen sie über Jahrhunderte in engster Nachbarschaft lebten.

Betrachtet man weitere Verbote in unmittelbarer Nähe zu dem des Analverkehrs , findet man Merkmale, die zum orgiastischen Fruchtbarkeitskult der Kanaanäer und seiner Anhänger gehörten: Kreisrunder Haarschnitt, Tätowierungen, Wahrsagerei, Zauberei und Geschlechtsverkehr während der Menstruation. All dies war Jahwe ein „Gräuel“. – Das hebräische Wort dafür ist „to’ebah“, das dem ähnlich klingenden Wort „Tabu“ nahe kommt. Dabei handelte es sich nicht um den Begriff der Sünde oder eines moralischen Versagens, sondern um den „ritueller Unreinheit“ und das Gebot ihres Ausschlusses aus dem Umfeld des Kults – sagte daher nichts über gleichgeschlechtliche Liebe im gelebten Alltag jenseits des Kults.

Dies unterstreicht auch die folgende Stelle im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, 23. Kapitel: „Es soll keine Hure sein unter den Töchtern Israels und kein Hurer unter den Söhnen Israels. Du sollst keinen Hurenlohn noch Hundegeld in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen aus irgend einem Gelübde; denn das ist dem HERRN, deinem Gott, beides ein Gräuel.“ Der Begriff „Hure“ ist hier eine ungenaue Übersetzung, denn so wie das ähnlich klingende kanaanäische Wort „Quadishtu“ ähnelt, ist eine „quadesha“ eine weibliche Tempelprostituierte. Die männliche Entsprechung, in englischen Versionen ungenau als „Sodomit“ und im Deutschen als „Hurer“ übersetzt, wird „qadesh“ genannt und hat als Wortwurzel das hebräische Wort „quadash“, „heilig sein“.

Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis Erleuchtung

Auffällig ist auch, dass in keinem der alttestamentarischen Bücher ein einziger Fall der Ausführung der Todesstrafe nach Leviticus 20:13 erwähnt wird. Neben einigen Erklärungsversuchen ist die plausibelste Begründung, dass der Passus zur damaligen Zeit noch gar nicht im Tanach, dem biblischen Kerntext enthalten war. Er wurde erst im 6. vorchristlichen Jahrhundert zur Zeit der Entstehung des babylonischen Talmuds während des Exils der Judäer hinzugefügt oder sogar noch später. Zoroasters (Zarathustras) Leben von Geburt bis ErleuchtungAuch die judenfreundlichen Perser kannten strikte kultische Reinheitsgebote und trotz aller Bemühungen sich von fremden Kulten abzuschotten, gerieten wohl aufgrund vieler metaphysischer Gemeinsamkeiten zwischen der parsischen und jüdischen Religion auch dieses Gebote aus dem zoroastrischen Zendavesta in den Leviticus: „Wer ist ein Dämon?“Ahura Mazda antwortete: Der Mann, der mit einem Mann liegt, wie mit einer Frau oder der Mann, der wie eine Frau mit einem Mann liegt, der ist ein Dämon.“ Ein Indiz dafür ist, dass nur in diesen beiden Schriften beide Männer sich strafwürdig gemacht hatten und nicht der freiwillig Passive allein, wie in den umgebenden Kulturen. An anderer Stelle der parsischen Schriften wird auch die Erlaubnis gegeben Männer, die beim Analverkehr auf frischer Tat ertappt werden, sofort zu töten. Damit verfolgte man die Absicht die früheren Praktiken homosexueller Schamanen wie der späteren Tempelprostituierten und damit den alten Kult der großen Mutter, dem sie angehörten, mit Stumpf und Stil auszurotten.

Inwiefern die Bestimmungen des Leviticus oder des Deuteronomiums überhaupt noch von Bedeutung für die christliche Tradition sein kann oder soll, ist vor allem bei konservativen Kirchenvertretern und Theologen immer noch Ursache heftiger Diskussionen. Obwohl schon der Apostel Paulus immer wieder betonte, dass mit Jesu Tod das alte Gesetz „vollbracht“ und dadurch aufgehoben sei. In den Galaterbriefen 2 und 3 schreibt er :„Christus hat uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes“ und „Ich stoße die Gnade Gottes nicht um; wenn es eine Gerechtigkeit gäbe durch das Gesetz, dann wäre Christus umsonst gestorben.“ Ausgerechnet den Passus über homosexuellen Geschlechtsverkehr als für weiterhin gültig und andere Bestimmungen für nichtig zu erklären, ist reine Willkür. Eine Lesart, die den Inhalten der Bibel gerecht wird, ist es jedenfalls nicht.

David und Jonathan „La Somme le Roy“, illustrierte französische Handschrift, 13. Jhdt.

Denn es gibt darüber hinaus auch positiv bewertete, gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen im Alten Testament, deren homoerotische Untertöne nicht geleugnet, wenn sie auch nicht unbedingt als Beweis für ein homosexuelles Verhältnis gedeutet werden können. Die berühmteste Geschichte aus dem 10. Jhdt. vor unserer Zeit dazu, ist die von David und Jonathan, die zusammen mit dessen Vater, König Saul eigentlich eine Dreiecksgeschichte ist. Der bedeutsamste Hinweis auf das homoerotische Element in der Liebe zwischen David und Jonathan findet sich am Ende der Erzählung. Als David die Botschaft von Jonathans Tod überbracht wird, zerreißt er seine Kleider und dichtet er ein Klagelied auf den verlorenen Gefährten: “Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan: wie warst du mir so hold! Deine Liebe war mir wunderbarer als Frauenliebe!…“

Vertreter einer konservativen Sicht deuten das Verhältnis als „platonische“ Freundschaft in einem religiös-politischen Bund, sprechen dem Küssen mit Verweisen auf anderen Stellen des Alten Testaments jegliche sexuelle Konnotation ab. Ebenso dem Entkleiden Jonathans und der Übergabe seines Rocks, Mantels, Schwerts, Bogens und sogar des Gürtels an David, die lediglich als Abtretung des Thronanspruchs durch die Übergabe der Insignien der Macht und Würde gesehen werden. Dass sich nur Andeutungen einer körperlichen Intimität vorweisen lassen, ist keineswegs ein Beweis dafür, dass es keinen sexuellen Umgang gegeben hätte. Auch in anderen traditionellen Liebesgeschichten wird auf die Darstellung des konkreten Aktes verzichtet, weil er im Verständnis der Leserschaft stillschweigend vorausgesetzt werden kann.

Dafür spricht auch die Analyse der hebräischen Originaltextes: Als Jonathan nach Davids Sieg über Goliath und seiner Rede an seinen Vater David lieb gewinnt wie sein „eigenes Herz“, steht dort im hebräischen Original, dass sich die „nephesh“ Jonathans mit der Davids verbindet. Diese Bezeichnung im Gegensatz zur denen anderer seelischer Bereiche steht eindeutig für die vitale, sog. „Triebseele“, welche auch der Sitz erotischen Begehrens ist. Besonders die Übergabe des Gürtels, der sich in räumlicher Nähe zu den Genitalien befindet und kein Insignium königlicher Macht ist, unterstreicht dies.

Auch Sauls Wutausbruch seinem Sohn Jonathan gegenüber, kann durch diese Sicht eine sehr plausible neue Bedeutung gewinnen: „Du Sohn einer entarteten Mutter! Ich weiß wohl, dass du dem Sohne Isais anhängst, dir selbst und der Scham deiner Mutter zur Schmach!“ – Der Vorwurf ist, wie wir es auch heute noch von Vätern schwuler Söhne erleben, Ausdruck unverhohlener Homophobie, die die Verleugnung der eigenen weiblichen Seite beinhaltet, wie der eigenen, latent homoerotisch gefärbten Zuneigung zu David, der ihm „wohl gefiel“, den er „lieb gewann“ und den er deshalb an seinem Hof behalten hatte. So reagiert er wie viele Väter schwuler Söhne und gibt der Mutter die Schuld an dessen „Veranlagung“. Der Bund zwischen David und Jonathan wird im 1. Buch Samuel explizit dreimal bekräftigt und wenn es auch ein Bund vor Gott mit politischen Folgen ist, so liegt doch sein Ursprung in der tiefen Zuneigung der beiden Männer zueinander und nicht umgekehrt, wie es die dritte Bekräftigung dramatisch beschwört: „Und sie küssen einander und weinen aneinander überlaut…“ Der Geschichtsprofessor John Boswell macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass das althebräische Wort „ahaba“ für „Liebe“ speziell für einen solchen Freundesbund vor Gott verwendet wurde.

Die Märtyrer und Heiligen St. Sergius und St. Bacchus, Ikone 7. Jhdt.

Höchstwahrscheinlich war dies auch die Ursache, dass die christlichen Zeremonien beim Schließen eheähnlicher Bünde zwischen Freunden des gleichen Geschlechts Jahrhunderte vor den kirchlichen Riten zur Heirat von Mann und Frau existierten. Letztere hatten bis zum Ende des Mittelalters in den Händen von Lehensherren und der weltlichen Gerichtsbarkeit gelegen. Die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist also keineswegs etwas, was kirchlichen Traditionen entgegensteht.

Auch eine weitere berühmte Liebesgeschichte enthält Worte, die heute bei traditionellen Hochzeitszeremonien gern zitiert werden: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der HERR soll mir dies und jenes antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“

Philip Hermogenes Calderon (1833-1898): Ruth, Naomi und Boas

Die Moabiterin Ruth richtet sie an ihre verwitwete judäische Schwiegermutter, welche sie auffordert in ihrer Heimat zu bleiben. Doch die ebenfalls verwitwete Ruth besteht darauf sie nach Bethlehem zu begleiten. In Juda gelingt es Ruth, durch ihre Arbeit als Ährenleserin bei einem entfernten Verwandten Naomis, die beiden zu versorgen – und heiratet den Verwandten auf Naomis Anraten schließlich. Von der judäischen Gemeinde anerkannt bringt sie ein Kind zur Welt, das von allen als Sohn Naomis bezeichnet wird: Obed, den Großvater König Davids, der auch von den Evangelisten Matthäus und Lukas als direkter Vorfahr Jesu aufgeführt wird.

Das Buch Ruth aus dem 10. vorchristlichen Jahrhundert sticht aus dem Kanon alttestamentarischer Bücher auch deshalb so hervor, da es die Ereignisse aus weiblicher Perspektive beschreibt. Die emotionale Bindung der Frauen aneinander steht dabei im Vordergrund. Das belegt auch die, in einer patriarchalischen Gesellschaft äußerst provokative Aussage, dass „Naomi Ruth teurer war als sieben Söhne“. Bei genauerer Analyse aber fehlen unterschwellige erotische Anspielungen nicht. Als Naomi ihre Schwiegertöchter auffordert nach Moab zurückzukehren und sie zum Abschied küsst, da „hängt“ sich Ruth an sie. Dies ist aber dasselbe Wort, dass in der Paradiesgeschichte verwendet wird, als Adam und Eva sich vereinen, um ein Fleisch zu werden. Explizite, sexuelle Handlungen werden aber auch hier nicht beschrieben. Den biblischen Autoren scheint lesbische Sexualität auch völlig unbekannt gewesen sein, zumal etwas als Sexualität nur galt, wenn dabei Sperma abgeben wurde. Einig sind sich die meisten Bibelforscher aber darin, dass sexuelle Handlungen zwischen Frauen für die Israeliten nicht strafwürdig gewesen seien. Diese Haltung wird sich auch bis in die Neuzeit immer wieder finden.

Fragment des Codex Boernarianus, 9. Jhdt., Brief an die Römer 1:15

Womit wir beim neuen Testament angelangt wären. Eine explizite Äußerung Jesu zum Thema Homosexualität werden wir in den Evangelien nicht finden, wohl aber Andeutungen, auf die ich später eingehen werde. Zunächst aber möchte ich die wenigen, betreffenden Stellen in den Briefen Paulus beleuchten. – Im ersten Brief des Paulus an die Römer lesen wir im ersten Kapitel: „Aus diesem Grund hat Gott sie auch dahingegeben an schändliche Lüste…auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie sie es verdient haben) an sich selbst empfangen.“ Diese Stelle im neuen Testament wird und wurde von konservativen Interpreten gerne als eine Legitimation zur allgemeinen Verdammung von Homosexualität herangezogen. Das mag auf den ersten Blick auch ziemlich überzeugend scheinen, doch heißt es: „Aus diesem Grund hat Gott…“, d.h. man muss zum richtigen Verständnis auch die Sätze davor betrachten: „Sie haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und den Vögeln und den vierfüßigen und den kriechenden Tieren. Darum hat sie Gott auch dahingegeben… …zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst…“ Es geht also wieder um Götzenverehrung und den damit verbundenen sexuelle Riten in heidnischen Kulten, also die Tempelprostitution. Diese waren den frisch bekehrten Heidenchristen im religiös pluralistischen Vielvölkergemisch des Alten Roms natürlich präsent und Paulus musste den ehemaligen Heiden also erst beibringen, dass diese im christlichen Kult nichts zu suchen hatten.

Bronzestatue des kanaanitischen, ammonitischen und phönizischen Gottes Moloch aus dem Film Cabiria von Giovanni Pastrone im „Museo nazionale del Cinema“ (Turin)

Zum anderen gab es in der Gemeinde Roms, an die sich die Epistel ja explizit richtete, viele sog. Judenchristen, die stolz darauf waren sich noch an das mosaische Gesetz mit seinen Reinheitsgeboten aus dem Leviticus zu halten. Paulus wollte ihre Sympathie gewinnen, indem er gegen die Vorurteile seitens der Heidenchristen vorging und deren Toleranz forderte, zum anderen tadelte er sie genau für die Überheblichkeit, die sie aus ihrer Treue zur jüdischen Tradition bezogen. Im 14. Kapitel wird es dann vollends klar, warum er das Thema der „Reinheit“ aufgegriffen hat, als er sagt: „Ich weiß und bin es fest überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selber unrein ist; doch wird es so für den, der es so ansieht.“ Der ganze Diskurs diente also dem Zweck, dass die Gemeinde in Rom, bestehend aus Juden- und Heidenchristen nicht zersplitterte und in zwei unversöhnliche Lager zerfiel. Den gleichgeschlechtlichen Akt wählte er als Beispiel, um seine Haltung zu illustrieren. Er war deshalb ein geeignetes Thema, weil er den jüdischstämmigen Gemeindemitgliedern allbekannt war, aber offensichtlich kein so großer Zankapfel wie die Beschneidung oder die Speisevorschriften. Es war auch nicht dazu angetan, die Heidenchristen zu beleidigen, die die Eigenheiten der Judenchristen in diesen Dingen und Paulus eigenen Standpunkt als „Apostel der Heiden“ dazu kannten.

Missionsreisen des Apostel Paulus, Karte des Abraham Ortelius, 1598

Die zwei weiteren Stellen, die in einem Zug abgehandelt werden sollen, finden sich im im ersten Brief an die Korinther, im sechsten und im ersten Brief an Timotheus, im ersten Kapitel, wobei die Autorschaft Paulus bei letzterem insbesondere von der deutschen Bibelwissenschaft in Frage gestellt wird. Beide Textstellen sind dunkel und nicht eindeutig, weil es darin Begriffe gibt, deren Bedeutung nicht gesichert ist und durch verschiedene Übersetzer unterschiedlich gedeutet wurden, die griechischen Begriffe „arsenokoitai“ und „malakoi“.
Letzteres im Deutschen als „Weichling“ übersetzt, was dem originalen Wortsinn von „malakos“, nämlich „sanft“ entgegen kommt. Es wurde insbesondere benutzt, um die, im Patriarchat verächtlich betrachteten, angeblich minderen, weiblichen Qualitäten zu bezeichnen, die auf einen Mann angewandt, eine entehrende Beleidigung darstellten. Das noch weniger eindeutig bestimmbare Wort „arsenokoites“, wird im Englischen schlicht als „homosexuals“ und auf Deutsch als „Männerschänder“ übersetzt. Dabei kann man nur spekulieren, dass es sich um eine nicht genauer definierte sexuelle Praxis unter Männern gehandelt hat, bei der auch betrügerische, finanzielle Absichten eine Rolle gespielt zu haben scheinen. Nach David Helminiak könnte es sich dabei um eine bestimmte Formen der Prostitution, sexuellen Missbrauch von Jungen und/oder Handel mit ihnen als Lustsklaven gedreht haben, wie er im ersten nachchristlichen Jahrhundert im römischen Reich gang und gäbe war. John Boswell weist außerdem darauf hin, dass das wenig gebräuchliche Wort leicht mit dem gebräuchlicheren, nur in einem Buchstaben abweichenden „arrenokoites“ verwechselt worden sein könnte, welches Männer mit einer natürlichen Neigung zum eigenen Geschlecht bezeichnete. „Arsenokoites“ hingegen wurden seiner Auffassung nach nur männliche Tempelprostituierte genannt und nur diese hätte Paulus in seinem Brief gemeint, was den Tenor dieser Betrachtungen zu den Episteln abrunden würde.

Moderne Bibelverkündung: Ein „Truth Truck„, 2009, Ohio

Auch wenn Jesus sich scheinbar nicht direkt zur gleichgeschlechtlichen Liebe geäußert hat, so gibt es in der Bergpredigt. Matthäus 5:22 doch einen versteckten Hinweis. „…wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig“. Was aber bedeutet „Racha“? Erst nach dem Fund einiger Papyri in Ägypten konnte der deutsche Experte in altaramäischen Dialekten, Friedrich Schultheiß, 1922 die Bedeutung des aramäischen Lehnworts ermitteln: In der Vulgärsprache der griechischen Siedler wurde es als abwertender Begriff, vergleichbar dem heutigen Schimpfwort „Tunte“ benutzt. Jesus verbat seinen Jüngern und Anhängern nicht nur die physische, sondern auch die verbale Gewalt. Verbale Attacken waren und sind im vorderen Orient immer noch häufig das Vorspiel zu brutalem Blutvergießen, besonders dann, wenn die „Ehre der Männlichkeit“ eines Kontrahenten beleidigt wird. Daher sollte jeder, der behauptet Jesu Spuren zu folgen, auch tunlichst jede Form von „gay bashing“ unterlassen!

Rembrandt, Die Taufe des Eunuchen, 1626, Museum Catharijneconvent, Utrecht

Es ist ja geradezu ein Markenzeichen Jesu, dass er sich – gegen die Gepflogenheit seiner Zeit – für ausgestoßene Randgruppen einsetzt. Verachteten Zöllnern und Prostituierten, ausgegrenzten Leprakranken, religiös abweichenden Samaritern und auch den verabscheuten Eunuchen (mit denen in dieser Umschreibung auch Homo-sexuelle gemeint sein können) wendet er sich zu und verspricht ihnen einen bevorzugten Platz im Königreich Gottes.

Selbst einem Besatzer, einem römischen Zenturion hilft er, wie wir es im unmittelbaren Anschluss an die Bergpredigt bei Matthäus und Lukas lesen können und heilt den „Knecht“, der ihm wert war. Bei Matthäus steht dort aber nicht „Knecht“ – „doulos“ wie bei Lukas, sondern „pais“, ein Begriff der einen Jungen bezeichnet. „Pais“ findet sich nicht umsonst als Wortwurzel im Begriff „Päderastie“ wieder und da ein Zenturion in der Fremdenlegion nicht heiraten durfte, war solch ein Verhältnis in Militärkreisen sehr üblich.
Jesus kommt der Bitte ohne Zögern nach, doch der Zenturion lehnt den „Hausbesuch“ mit den bekannten Worten ab: „Herr, ich bin nicht würdig, dass Du unter mein Dach tretest; aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht geheilt werden.“

Jesus heilt den Knecht des Zenturio, Gemälde von Paolo Veronese, 16. Jhdt

Und ergänzt, dass er darauf vertraut, dass so, wie seine Soldaten seine Befehle ausführen, auch Jesu Wort aus der Ferne seine heilende Wirkung tun wird.Jesus machte auch keine Anstalten die vermeintliche „Krankheit“ des Zenturions und seines Knechts, sprich ihre Homosexualität, „auszutreiben“. Nein, er heilte den Knecht, der zur selben Stunde wieder gesund wurde und sprach sich darüber hinaus lobend vor den Versammelten über den Zenturion aus: „Wahrlich ich sage euch, bei niemand in Israel habe ich solchen Glauben gefunden.“
Doch wie hielt Jesus selbst es mit der Liebe? Tatsächlich spricht er in besonders hohem Maß nur im Johannesevangelium von ihr. Ja, nur hier erfahren wir, dass er Gott oder gar ein anderes menschliches Wesen liebte. An fünf Stellen ist hier die Rede vom „Jünger, den Jesus liebte“, der dadurch aus der restlichen Schar der Jünger hervorgehoben wird. War Jesus selbst homophil oder gar homosexuell? Darüber schweigen sich die Evangelien als einzige Quelle über sein Leben aus. Auszuschließen ist es nicht, aber auch nicht unbedingt anzunehmen. Auf keinen Fall aber war Jesus homophob, wie der Umgang mit seinem Lieblingsjünger beim letzten Abendmahl zeigt, der „zu Tische in dem Schoß Jesu lag“ und sich „an seine Brust lehnte“. Diese intime körperliche Nähe unterscheidet eindeutig diese besondere Liebe Jesu von der, die er für die anderen Jünger empfand.

Der Apostel Johannes an der Brust Christi (Johannesminne), Bodenseegebiet, um 1310

Dies wird auch von den folgenden Stellen unterstrichen, in denen vom „Jünger, den Jesus liebte“ die Rede ist: Bei der Kreuzigung bleibt er als einziger Jünger mit den drei Marien auf Golgatha. „Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, welchen er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.“ In jener Zeit war es der Brauch, dass beim Tod eines Familienmitglieds die „angeheiratete“ Familie eine verwitwete Schwiegertochter bzw. -mutter bei sich aufnahmen. Und wie würden wir heute die Verhältnisse interpretieren, hätte Jesus seine Worte an Maria Magdalena statt an seinen Lieblingsjünger gerichtet? Dieser ist noch vor Petrus bei der Gruft. Er erkennt den auferstandenen Jesus am See Tiberias vor allen andern Jüngern. Und obwohl ihm im Gegensatz zu Petrus kein besonderes Amt verliehen wird, so fragt Jesus ihn nicht wie diesen nach seiner Liebe zu ihm, denn „der Jünger, den Jesus liebte“ ist sich dessen Liebe gewiss und folgt ihm aus eigenen Stücken. Als Petrus ihn bei seiner Nachfolge hinter sich entdeckt, spricht er zu Jesus: „Herr, was soll aber dieser?“ Jesus antwortet ihm: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach.“
Interessant ist hier, dass auf Petrus Nachfrage und die Spekulation der übrigen Jünger über die Unsterblichkeit des Lieblingsjüngers, zweimal der gleiche Satz gesagt wird: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ – Das klingt in Anbetracht der unter diesen Umständen besonders hervortretenden Bevorzugung des Lieblingsjüngers fast schon trotzig, nach dem Motto „was gehen dich meine privaten Angelegenheiten an?“ Kein Wunder, dass auch die anderen Jünger über die Ursache seiner besonderen Bevorzugung zu spekulieren beginnen.

Ich will hier der „intellektuellen Redlichkeit“ die Ehre gebend nicht das Spekulieren beginnen. Eines aber kann ich aber zum Abschluss meiner Betrachtungen zu den, die Homosexualität betreffenden Passagen der Bibel mit Sicherheit sagen und schließe mich darin der Sicht des Autors und Theologen Theodore W. Jennings an. Er postuliert, dass eine homophobe Deutung der Bibel, wie sie sich die letzten Jahrhunderte als christliche Tradition etabliert hat, die Bedeutung besonders exponierter Textstellen sträflich verzerrt. In seinem Buch „Plato oder Paulus?“ schreibt er: „Dieser unnatürliche Bund von Christenheit und Homophobie muss aufgelöst werden, wenn die Christenheit sich nicht weiterhin des wahren Verbrechens Sodoms schuldig machen will: des Missbrauchs der Verletzlichen. Zu viele Menschenleben sind durch diese unheilige Allianz schon zerstört oder irreparabel geschädigt worden. Es gab eine Zeit, bevor sich die Homophobie ins Christentum eingeschlichen hatte. Es ist schon lange höchste Zeit, dass wir in eine neue Ära eintreten, die Ära der Posthomophobie.“ 

Nicolas Beatrizet,* 1515 in Thionville  † 1565  in Rom – Der Raub des Ganymed, Kupferstich nach einem Motiv von Michelangelo, 16. Jhdt.

Darüber herrschte auch bei allen Diskutanten im Münchner SUB Einigkeit. Die evangelische Kirche hat diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten gewaltige Schritte getan, sowohl lesbische und schwule Gläubige als auch Geistliche sind, mit Ausnahme einiger evangelikaler Vertreter, in Kirche und Gemeinde voll akzeptiert und integriert. Es gibt inzwischen entsprechende Bibelkreise, Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare und sogar einen lesbisch-schwulen Konvent, der offen für die sexuelle Gleichbehandlung eintritt. In der katholischen Kirche vollzieht sich der Emanzipationsprozess noch immer sehr langsam. Seit Jahrzehnten würde die Homosexualität in den eigenen Reihen zwar geduldet, aber nur so lange sie nicht öffentlich gemacht würde, wie Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe aufgrund seines Berufsverbots als Religionslehrers schmerzlich erfahren musste … Es bleibt zu hoffen, dass den Worten Papst Franziskus nun auch Taten folgen, die über seine Amtszeit hinaus nachhaltige Wirkung zeigen. Wie die praktische Umsetzung des von ihm geäußerten Integrationswunsches, dass sich Lesben und Schwule im Schoß der Kirche rundherum angenommen und akzeptiert fühlen können, aussehen könnte, ist dabei offen. Diese Frage wird nach Meinung einiger der hier zitierten schwulenfreundlichen Interpreten der Bibel aber entscheidend für die weitere Entwicklung und die zukünftige Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche sein.


(Bruder Robert Lentz OFM über seine Ikone von Harvey Milk)

Ende von Teil 1; Fortsetzung folgt… Ein Gastbeitrag von  Jon Michael Winkler


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Im Schatten der Laterne – Nachlese zur Aufführung des „Lili Marleen“-Historicals in der Hanns-Seidel-Stiftung München

Am Ende war das Publikum eingeladen, selbst „Lili Marleen“ zu singen, an der Gitarre begleitet von Artur Kolbe, Referatsleiter bei der Hanns-Seidel-Stiftung und Gastgeber des Abends, von dem auch die Idee stammte.

Artur Kolbe, Referatsleiter bei der HSS und Gastgeber des Abends; Foto: Julia Forbes

Zugegebenermaßen: Im Vorfeld stand ich diesem Vorhaben ziemlich skeptisch gegenüber – Publikumsreaktionen sind schwer einzuschätzen – und Toni Netzle befand, in der ihr eigenen, drastischen Art, das Lied im Publikum zu singen, sei ein „Sakrileg“. Mir hingegen bescherte es wider Erwarten einen hoch emotionalen Moment, den ich als Echo des Publikums auf das empfand, was wir zuvor hatten Revue passieren lassen: Die Geschichte des Liedes von „Lili Marleen“, ihrer Soldat_Innen und der an ihrem Erfolg beteiligten Künstler_Innen.

Toni Netzle und ich während der Präsentation; Foto: Julia Forbes

Einigen Gästen standen beim Singen Tränen in den Augen,  verbanden sich doch für sie, wie sie mir teilweise später erzählten, mit diesem Lied ganz persönliche und auch tragische Erinnerungen. Andere Zuschauer_Innen hingegen sahen in diesem Augenblick das Gespenst des Nationalsozialismus erneut heraufbeschworen, zu eng schien ihnen das Lied mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verwoben …

Vor der HSS: Filmemacherin Iovanka Gaspar, die die beeindruckende Dokumentation „Dui Rroma“  über die Begegnung zweier ziganer Generationen vor dem Hintergrund des Holocaust gedreht hat; neben ihr unsere Sinteza-Freundin Ramona Röder, Foto: Edith Grube

Einige unserer Gäste mit ziganem Hintergrund erinnerte „Lili Marleen“ nicht nur an das Leid, dass ihren Familien im Dritten Reich widerfahren war, sondern auch an die traumatische Zeit der Balkan Kriege vor zwanzig Jahren, denn dieses Lied ist weitaus mehr, als nur Relikt aus nationalsozialistischen Schreckenszeiten. Zwar trat es 1941, über den Wehrmacht-Sender Radio Belgrad, seinen internationalen Siegeszug an, der Text des Lieds  jedoch fügte sich in keiner Weise in die Diktion der Nazi-Propaganda ein:

(…) Alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang
Und sollte mir ein Leid gescheh’n
Wer wird bei der Laterne stehen
Mit dir, Lili Marleen?

Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund
Küßt mich wie im Traume, dein verliebter Mund

Eine so deutliche Anspielung auf den Soldatentod konnte einem Regime mit dauerhaftem Bedarf an Kanonenfutter nicht gefallen, insbesondere, weil in dem Lied auch noch die Sinnlosigkeit eines solchen Endes angesprochen wird: „(…) mich vergaß sie lang …“.  Goebbels befand, dem Lied „hafte Leichengeruch an“, konnte aber nichts gegen dessen Erfolg ausrichten! Der große Zuspruch, vor allem unter den Soldaten, erklärt sich unter anderem dadurch, das der Text von einem der ihren, einem Gardefüsilier, zwischen 1915 und 1935 geschrieben worden war, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, dem Autor und Grafiker Hans Leip.

„Lili Marleen“ Originalaufnahme des Orchesters Seidler-Winkler, gesungen von Lale Andersen

In dessen Worten, ergänzt durch die eingängige Musik von Norbert Schultze sowie den Zapfenstreich des Orchesters Seidler-Winkler, fanden im Zweiten Weltkrieg insbesondere die Soldaten sich selbst wieder und ein Stück Heimat in der Fremde –

Bis heute besteht diese Identifikation, wie zu Anfang und Ende meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“ dargestellt und im anschließenden Vortrag von Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D.,  erläutert. Ohlert berichtete über seine Begegnung mit „Lili Marleen“ im Kosovo, wo das Lied inzwischen als Zapfenstreich diente, ausgestrahlt vom Bundeswehrsender Radio Andernach,  in der Originalfassung mit Lale Andersen, während Kollegin Marlene Dietrich, mit ihrer englischen Coverversion, die amerikanischen Soldaten ins Bett schickte.

Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. während seines Vortrags, daneben ein Foto aus seinem Vortrag

Wie sehr das Lied bis heute die Soldat_Innen anspricht, schildert auch Hauptmann Cordula Hochstrate,  in einer O-Ton-Einblendung der Produktion: „… dass man damit konfrontiert ist, auch zu sterben.  Ich glaube, das ist das, was alle Soldaten verbindet,  was auch der Text mit vermittelt, dass es gerade eben auch nicht gut ausgeht in dem Lied. (…)  Jeder (von uns) der das Lied hört, hat seine Vorstellung davon, wie die Kaserne aussieht, wie er selber davor steht und wie er sein Mädchen oder (lacht) ich dann eben meinen Jungen in den Arm nehme und ich seh mich vor der Laterne …“

Solange diese Laterne nicht verlischt, wird das Lied auch weiterhin Kriegsschauplätze in aller Welt beschallen. Nur spielt sich das inzwischen weit entfernt von unserem Alltagsleben ab. Eine wenig zielführende Verdrängung von Tatsachen, wenn die Laterne eines Tages verlöschen soll. Insofern fand ich es schade, dass die Soldat_Innen der Bundeswehr, die an diesem Abend zu Gast waren, in Zivil erschienen, vermutlich der momentanen politischen Stimmung geschuldet. Camouflage einmal anders herum? Dabei ging es diesmal eben nicht um die große Politik selbst, sondern um diejenigen, die im Ernstfall dafür gerade stehen müssen, verewigt in einem Lied, das bis heute die Menschen in Uniform anspricht, deren Sehnsucht und Schicksal.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Das Lied von Lili Marleen“

Die Geschichte dieses Liedes enttarnt auch die Sinnlosigkeit des Krieges. In einem Feature des Hessischen Rundfunks „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith und Sabine Milewski, berichtet 2000 Komponist Norbert Schultze: „Ich bekam sehr viele Briefe von der Front. … Und zu diesen vielen Briefen gehörten vor allem solche aus Afrika … von der Afrikafront … Dass die gesagt haben: „Wir spielen abends Lili Marleen, und drüben, da lassen wir die Lautsprecher extra so, dass die drüben mithören können. Und es hat sich herausgestellt, dass wir eine Art Waffenruhe machen, damit wir in Ruhe unser Lied hören können. Das ist eine gegenseitige Vereinbarung, ohne, dass darüber gesprochen wird. Aber sie wird eingehalten. Und wir wissen genau: Nach dem letzten Ton von ‚Lili Marleen‘ geht die Ballerei wieder los. … „

Vor diesem Hintergrund  finde ich es inzwischen sehr, sehr gut, dass „Lili Marleen“ nach der Show vom Publikum gesungen wurde! Bleibt nur zu hoffen, dass das Lied nicht verstummen und seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten möge, bis die Laterne verlischt …


Die Titelcollage zeigt, zwischen Schauspielerin und Autorin Toni Netzle und HSS-Referatsleiter Artur Kolbe, die Betreuerin und Moderatorin der dortigen Filmseminare, Christine Weissbarth.


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Lili Marleen untot im Simpl       Mythos Lili Marleen


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„Mythos Lili Marleen – Ein Lied an allen Fronten“

Das Bild zeigt ein Pärchen auf dem Rückweg, zwischen Laterne und Kasernentor, verloren in einem verwunschenen Wald – einer zerbombten Kulisse aus dem Ersten Weltkrieg … Damals, 1915, nahm nämlich die Geschichte des kleinen Liedchens von der Lili Marleen ihren Anfang und trat eine lange, tragische Reise an, die an die Kriegschauplätze dieser Welt dieser Welt führte .. bis heute.

Dessen Etappen begleitet das Historical „Mythos Lili Marleen“ von Gaby dos Santos, eine Lesung zu historischen Bild-, Klang und Ton-Einblendungen, in denen zahlreiche Zeitzeuginnen wie Sängerin Lale Andersen und Komponist Norbert Schultze zu Wort kommen, unter Verwendung des Hörfunk-Features „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith / Sabine Milewski (Hessischer Rundfunk/2000).

Wer aber war sie eigentlich, diese Lili Marleen und wie gelang es ihr, die Schicksale unterschiedlichster Künstler und Künstlerinnen bis heute zu verknüpfen? Und im Dritten Reich sogar Goebbels zu trotzen. Der mochte das Lied überhaupt nicht, befand, es hafte ihm Leichengeruch an. Zu Recht: Die Urfassung des Textes schrieb der Grafiker und Autor Hans Leip als junger Soldat 1915, wenige Tage bevor er an die Front musste. Die letzten Strophen fügte er nachträglich hinzu, noch unter dem Eindruck der Schreckensbilder, denen er im Krieg begegnet war. Sogar eine kleine Melodie schrieb der vielseitige Künstler, die im Historical zu hören ist.

Li: Rudolf Zink sen., Komponist der Urfassung von „Lili Marleen“, re: Cover von Leips „Kleiner Hafenorgel“, aus der der Text stammt

Der Text fand Eingang in sein Buchband „Die kleine Hafenorgel“, dessen Texte, darunter besagte „Lili Marleen“ gleich von mehreren Komponisten vertont wurden. Einer von ihnen, Norbert Schultze, schaffte mit seiner Version der „Lili“ den großen Durchbruch und spendete damit Freund und Feind via Radio Belgrad täglich ein paar Minuten Frieden. Gleichzeitig stand Schultze auf der Gehaltsliste von Goebbels, da er sich auf das Vertonen schmissiger Propaganda-Texte verstand; ein Makel, der nach dem Krieg an ihm haften blieb.

Auch Lale Andersen, die unvergessene Interpretin, blieb unter die Laterne gebannt – ein Leben lang – und ihr jüngster Sohn, Michael Wilke, gleich mit. Mit ihm war ich befreundet, ganz privat und schon lange bevor ich meine Bühnenarbeit begann. Michael verstarb vor kurzem. Ihm ist diese Reprise gewidmet … So schließen sich schicksalhaft Kreise, denn über ihn habe ich Toni Netzle kennengelernt, 2010, während der Uraufführung meines „Lili-Marleen-Historicals im Gasteig.

Gasteig-Premiere 2010: V.li: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten Rudolf Zink) Dorli Diehl (Tochter des Simpl-Wirts, 1935-1943, Theo Prosel), Brigitt Salvatori-Galland (Witwe von Komponist Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Lale Andersen), Toni Netzle halbverdeckt (Simpl-Wirtin 1960 – 1992), Gaby dos Santos, Mathias Deinert (Lale Andersen Archiv)

Gemeinsam mit der prominenten Münchner Schauspielerin, Autorin und ehemaligen Simpl-Wirtin Toni Netzle ging Gaby dos Santos (Buch/Produktion) im Mai 2017 mit ihrem Lili-Marleen-Historical in Reprise, aus Anlass des Todes von Lale Andersens Sohn Michael Wilke. Gezeigt wurde die Produktion im Rahmen der Filmseminar-Reihe der Hanns-Seidel-Stiftung, moderiert von Christine Weissbarth.

Im Anschluss referierte Oberstleutnant a.D. Wolfgang Ohlert über die Bedeutung des Liedes bis heute, für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, das leider immer noch gesungen wird – an den Kriegschauplätzen dieser Welt …

Dazu mehr in Kürze in einer Nachlese

Mehr auch im jourfixe-Blogbeitrag „Lili Marleen untot im Simpl“


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