2017_02_26_wohnzimmerkonzerte-salon_petra_windisch_thomas_de_lates_titelmotiv_jourfixe-blog

Salon reloaded: Wohnzimmerkonzerte von Petra und Thomas de Lates in München-Schwabing

Immer wieder träumt jemand davon, gerade in einer Stadt wie München, die auf eine große Bohème-Tradition zurückblickt, eines Tages als Salonnier/e große Kreative und faszinierende Zeitgenoss_Innen um sich zu scharen, wie das Licht die Motten … Ein nachvollziehbarer Traum, der aber heutzutage meist unsanft auf dem Boden unserer schnelllebig gewordenen Gesellschaft zu landen droht und/oder an der Konkurrenz von TV und Social Medias zu scheitern! An mir selber beobachte ich, dass ich abends regelmäßig, nach dem Overkill an Daten und Kommunikation des Tages, kapituliere und mich in meinen heimischen Kokon zurück ziehe. Das höchste meiner noch vorhandenen Gefühle ist ein Abend in kleinster Runde, bei guten Gesprächen.

Einem Duo jedoch gelingt es regelmäßig, mich aus meiner selbst gewählten privaten Isolation zu locken: Das Ehepaar Petra und Thomas de Lates. Dem Klischee entsprechend, leben sie in Schwabing, zwar in einem modernen Hochhaus, aber in einer Wohnung, die, ausgestattet mit einer Unzahl Büchern und CD’s, Kunst und Kultur an allen Regal/Wänden verströmt.

Petra Windisch de Lates habe ich vor ! 33 Jahren in der Jazz-Szene kennen und schätzen gelernt, und seitdem waren wir beide fleißig in München und darüber hinaus unterwegs: Petra ist Mitbegründerin und Vorsitzende der Hilfsorganisation „Deutsche Lebensbrücke e.V.“ und zudem mit der Förderung des Jazz befasst, sowohl als langjähriges (Vorstands)Mitglied der Jazzmusiker Initiative München (JIM), wie auch als Programmchefin der Reihe „Jazz and Beyond“ im Münchner Künstlerhaus. Obgleich der Jazz in den letzten Jahrzehnten leider an Popularität verloren hat, ist Petras Reihe inzwischen etabliert und rege besucht. Da sie darüber hinaus zu den wenigen mir bekannten Personen gehört, die es schaffen, ganz ohne Anfeindungen aus zu kommen und zudem eine charismatische und anregende Gesprächspartnerin ist, erfreut sie sich eines entsprechend großen und vor allem schillernden Freundeskreises, den zu pflegen sie sich auch die Zeit nimmt, mit welchem Energie spendendem Perpetuum Mobile auch immer ihr das, wie vieles mehr, gelingt!

Sängerin Linda Jo Rizzo

Sängerin Linda Jo Rizzo

An ihrer Seite Ehemann Thomas, dessen gesangliches Talent von einer anderen Szene-Figur vor einigen Jahren erst entdeckt wurde: Von Entertainerin Linda Jo Rizzo. (Dazu s. auch u. „Linda & die Februarvögel„.) Seitdem singt Thomas … Der obligate Aufschrei in der Szene „Da könnte doch jeder kommen ...“ ist schnell verstummt, da er rasch und mit Unterstützung seiner Frau, einiges mehr an Auftrittsmöglichkeiten etc. auch für Kolleg_Innen aufgetan hat. Hinzu kommt der augenzwinkernde, unnachahmliche K & K-Charme, der ihn durch Vita und Gigs begleitet.

Sänger Thomas de Lates

Sänger Thomas de Lates

Da seine Auftritte zudem stimmig besetzte Bands und Repertoire auszeichnen, besuche ich gerne seine Konzerte, zumal auch diese, ebenso wie die „Jazz & Beyond“-Konzertreihe seiner Frau, immer dieser „Petra und Thomas de Lates“-Flair umweht.

Beim ersten Wohnzimmerkonzert von Petra und Thomas de Lates

Wenn ein solches Powerpaar dann zu Soiree oder Brunch zu sich einlädt, darf man von eben solcher Atmosphäre mit LebensART ausgehen, von schmackhaftem Essen und vor allem von spannenden Gesprächen und Bekanntschaften, dank der Gäste unterschiedlichster Couleur, die hier verkehren und mit denen man von den Gastgebern schnell und intensiv in Gespräch verwickelt wird. Bei „P und T“ habe ich letztes Jahr die wunderbare finnische Sängerin Tuija Komi kennengelernt, deren Auftritte ich seitdem regelmäßig verfolge. Bei „P und T“ bin ich auf den Allround-Künstler Albrecht von Weech aufmerksam geworden, der den Gesangspart in der Reprise „Kann denn Liebe Sünde sein?- Bruno Balz“ übernehmen wird, mit Lutz Bembenneck als Rezitator und Thomas Erich Killinger als musikalischer Leiter und Pianist.

Edgar Wilson spielte das 1. Wohnzimmerkonzert bei Petra und Thomas

Und apropos Piano: Das haben sich Thomas und Petra kürzlich auch noch besorgt, somit der Entwicklung ihres Salons folgend, den sie allerdings noch nie als solchen zu bezeichnen nötig hatten. Nun steht bereits das zweite Wohnzimmerkonzert bevor:

Mit Pianist Daniel Vasiljev, der ein ehemaliger Schüler von Leonid Chizhik war und Band Leader von Honest Talk ist, sowie dem Sänger Julian Williams alias J–Luv, verspricht der Musikteil spannend zu werden. Ich freue mich jedenfalls schon sehr! Details zu dieser Veranstaltung am Sonntag, den 26. Februar, 11 Uhr bis 15.30 Uhr, s. Homepage der Kultuplattform jourfixe-muenchen, unter „Kalender„.


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2017_02_15_tuba_isik_kopftuchtraegerin_mit_doktortitel_jourfixe-blog_titel

Kopftuchträgerin mit Doktor-Titel, ein Paradox? Diskussionsabend der Arbeitsgruppen „Kirche und Frauen“​ in der BayernSPD-Landtagsfraktion

Die Ingenieurin, die an diesem Abend neben mir sass, brach am Ende der Debatte in Tränen aus. Zuvor hatte sie in gebrochenem Deutsch sehr eindringlich um mehr Akzeptanz gegenüber Kopftuch tragenden Musliminnen in unserer Gesellschaft gebeten. Einen Satz, der ihr besonders am Herzen lag, hatte sie sich vorher auf Deutsch ausformulieren lassen. Sinngemäß lautete der, dass sie zwar Kopftuch trage, dieses aber keinesfalls ihren Verstand einenge. Sie beklagte des weiteren, dass sie weitestgehend über ihr Kopftuch definiert würde, statt über ihre Persönlichkeit …

Organisiert von den Arbeitsgruppen Kirche und Frauen in der BayernSPD-Landtagsfraktion, fand vergangene Woche ein spannender und zeitweilig hitzig geführter Diskussionsabend zum Thema „frauenfeindliche Gesellschaftsbilder“ statt. Diese schloss sich einer Veranstaltung des Forums Kirche und SPD an (INTEGRATION IST KEINE EINBAHNSTRASSE – EIN EUROPÄISCHER ISLAM KANN GELINGEN), die ich leider aus zeitlichen Gründen nicht hatte wahrnehmen können.

In der aktuellen Einladung stand: „Wenn es um das Thema „Gleichberechtigung“ und „Emanzipation“ geht, prallen häufig unterschiedliche Vorstellungen zwischen religiös orientierten muslimischen Frauen und westlich orientierten Frauen aufeinander. Allerdings bestehen auf beiden Seiten auch „Vorurteile“, die lediglich darauf beruhen, dass beide wenig voneinander wissen – weder über die geschichtlichen noch über die religiösen und kulturellen Hintergründe. Darüber wollen wir sprechen, mit einander und mit Dr. Tuba Isik“.

Dr. Isik (Foto) ist eine der Vorsitzenden des AK Musliminnen und Muslime in der SPD und Mitglied im Aktionsbündnis muslimischer Frauen. Letzterer versteht sich als ein bundesweiter Interessenverband von Musliminnen in Deutschland:Viel zu oft wird nur über uns, aber nicht mit uns geredet. Das wollen wir ändern. Dazu wollen wir eine möglichst breite Basis gewinnen, damit alle Frauen sich vertreten fühlen. (…)

Das AmF wurde aus der Erfahrung gegründet, dass muslimische Frauen eine bessere Vernetzung untereinander, eine stärkere Interessenvertretung innerhalb der (in sich breit gefächerten) muslimischen Community sowie in der nicht muslimischen deutschen Mehrheitsgesellschaft brauchen“. Daraus ergeben sich ein an Toleranz und Kooperation orientiertes Selbstverständnis und das Interesse, in diesem Sinne an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen mitzuwirken.“ (Quelle der Zitate: Die AmF-Homepage, ebenso für nachstehendes Bildmotiv/Logo)

In ihrer einleitenden Rede griff Frau Dr. Isik die oben zitierten Anliegen auf und betonte, wie ebenfalls auf der Homepage nachzulesen, dass es dem AmF NICHT um „die Positionierung zu bestimmten theologischen Fragestellungen“ ginge, vielmehr dienten „das Grundgesetz, die Menschenrechte sowie im Islam fundierte Leitprinzipien der Menschenwürde, des verantwortlichen Handelns vor Gott und den Menschen sowie des Zusammenlebens aller Menschen in Frieden und Gerechtigkeit“ als Basis für die Aktivitäten des Vereins.

logo_kirche_und_spdAuf solche Grundlagen beruft sich auch das mit veranstaltende „Forum Kirche und SPD“, dem ich angehöre, unter Vorsitz der SPD-Landtagsabgeordneten Diana Stachowitz, die die Veranstaltung ebenfalls mit: „Für mich gilt miteinander reden, nicht übereinander“, kommentiert. Ein frommer Wunsch an diesem Abend, denn schnell entbrannte eine Debatte, die sich teilweise, da sehr emotional ausgetragen, weit von Dr. Isiks einleitenden Ausführungen entfernte, ja diese mitunter sogar überging. Einmal mehr zeigte sich, was für einen Reiz-Faktor das muslimische Kopftuch nach wie vor darstellt.

Auch ich habe lange gebraucht, um mir eine Meinung zum Thema zu bilden, so sehr schwillt mir als Feministin ungewollt noch immer der Hals, wenn ich einer dieser verhuschten Frauen auf der Straße begegne, die Tuba Isik als „Kopftuch-Ayse“bezeichnete. Diese gebeugt und mit gesenktem Blick schleichenden Gestalten, deren Körperhaltung und Kleidungsstil Selbstverleugnung pur auszudrücken scheinen, gepaart mit resignierter Demut gegenüber einem Patriarchat, das sich im Kielwasser einer Glaubensrichtung komfortabel eingerichtet hat. Wie in unserem viel beschworenen „christlich-jüdisches Abendland“ übrigens bis vor kurzem auch …

Vielleicht tun gerade deshalb wir Feministinnen uns so schwer damit, das Tragen von Kopftüchern seitens muslimischer Geschlechtsgenossinnen zu tolerieren. Zu lange und zu hart haben wir selbst den Kampf für unsere Gleichberechtigung ausfechten, uns demonstrativ die Röcke abschneiden, Hosen anziehen und BH’s vom Leib reißen müssen, um nun den Anblick mehr oder minder verhüllter Frauen in unserer Mitte so einfach akzeptieren zu können.

SPD-Powerfrauen, mit und ohne Kopftuch, im Bayerischen Landtag, am 15.02.2017: Referentin Dr. Tuba Isik mit den Organisatorinnen, v.li: Ruth Müller, Dr. Tuba Isik, Simone Strohmayr, Diana Stachowitz, Angelika Weikert

Bei der Diskussion zeigte sich, wie oft sich die Kopftuch-Debatte in Deutungen erschöpft. Eine Landtagsabgeordnete äußerte, dass es sich bei dem Kopftuch um ein Symbol der Unterdrückung handele und leitete daraus die Forderung ab, Dr. Isik möge deshalb doch bitte das Kopftuch „wenigstens mal für vierzehn Tage“ ablegen, aus Solidarität mit den solcherart unterdrückten Frauen. Dieser Logik mag ich nicht folgen. Sich auf das Kopftuch einzuschießen, lenkt meiner Meinung nach von den tatsächlichen Missständen darunter ab, gegen die es sich in Wirklichkeit zu engagieren gilt: Die Unterdrückung vieler Frauen in muslimischen Kulturkreisen, in Bezug auf deren körperliche, geistige und berufliche Selbstbestimmung! Diese Unterdrückung ist in der Tat noch immer, leider auch hierzulande, verbreitet und stellt das eigentliche Übel dar. Das Tragen eines Kopftuchs kann ein äußeres Zeichen dafür sein, muss es aber keineswegs.

In einem Rundumschlag Frauen zu diskriminieren, die sich bewusst und aus freien Stücken für das Kopftuch entschieden haben, scheint mir daher nicht nur nicht zielführend, sondern stellt in meinen Augen einen Akt zusätzlicher Ausgrenzung dar. Wenn wir tatsächlich Frauen beistehen wollen, die im Namen eines willkürlich ausgelegten Islams unterdrückt werden, sollten wir meiner Meinung nach dazu das Wissen von Fachfrauen wie Dr. Isik nutzen, statt ihr das Tragen des Kopftuches anzulasten. Als Islamwissenschaftlerin und Theologin hat sie sich schließlich, im Gegensatz zu den meisten von uns, akribisch mit dem Islam auseinander gesetzt, zumal ihr der Vater, ein Iman, schon in frühester Jugend zu kritischen Fragen Rede und Antwort stehen musste, wie sie uns schmunzelnd erläuterte.

Doch leider gehörten an diesem Abend eine ganze Reihe Wortmeldungen für mich unter die Rubrik „keine Ahnung, aber davon umso mehr“ und enthüllten zudem, wie wenig bzw. wie oberflächlich die Ausführungen der Referentin von einigen Anwesenden aufgenommen, beziehungsweise gar nicht weiter beachtet worden waren. Bei allem Verständnis für die Erfahrungen, die wohl dem einen oder anderen heftigen Einwand zugrunde liegen mochten, bei manchen der Anwesenden hätte ich mir etwas weniger Schwarz-Weiß-Malerei, weniger taube Ohren und mehr emotionale Distanz in der Sache gewünscht!

olivia_jones_bundeskanzlerin-angela-merkelIn unserer multikulturell angelegten Gesellschaft, die, wie Diana Stachowitz in ihrer Begrüßungsrede zu Recht bemerkte, Punk-Irokesen ebenso zulässt, wie Richter mit Bärten, orthodoxe Juden mit Schläfenlocken, etc., sollte doch auch Platz sein dürfen für das Kopftuch auf dem Haupt einer bekennenden und im übrigen gesellschaftlich integrierten Muslima, wie Tuba Isik?! Erst recht jetzt, wo die Anwesenheit eines Travestie-Paradiesvogels wie Olivia Jones bei der honorigen Wahl des Bundespräsidenten einmal mehr bewiesen hat, wie bunt sich inzwischen unser gesellschaftliches Selbstverständnis gestaltet. (Foto oben links, Bild-Quelle „Neues Deutschland„)

Warum dann immer noch diese Ablehnung gegenüber Kopftuch tragenden Musliminnen? „Wegen der Haltung, die dahinter steckt!“ lautete die Begründung einer Landtagsabgeordneten, die ich als etwas selbstgerecht empfunden habe. Drücken wir nicht alle durch unseren Kleidungsstil irgendeine Haltung aus – oder verbergen uns sogar dahinter? Was mich zu der Frage veranlasst, wen denn was befugt, darüber zu entscheiden, welche Haltung sich im Styling wiederspiegeln darf und welche nicht? Natürlich spielt für mich dabei die Verhältnismäßigkeit eine Rolle, die ich durch eine vollkommene Vermummung als ebenso strapaziert empfinde, wie durch den nackten Flitzer … Aber zwischen solchen Extremen sollte doch jede/r nach seiner Facon selig werden dürfen, dem guten alten Fritz sei dank!

EPILOG: Für diesen Beitrag habe ich Tuba Isiks Begriff der „Kopftuch-Ayse“ gegoogelt und bin tatsächlich fündig geworden, allerdings in einem ganz unerwarteten Zusammenhang: Die Fotodesignerin Ayse Tasci (Foto links, Quelle: Ayse Tasci) hat für ihre Diplomarbeit an der Folkwang-Hochschule in Essen Musliminnen mit Kopftuch fotografiert, um endlich die Frauen dahinter sichtbar zu machen. Die Durchführung ihres Projektes erwies sich als keineswegs einfach, da viele dieser Frauen, wenn sie nicht gar aus Angst vor Repressalien längst das Kopftuch widerwillig ablegt haben, sich zumindest im Hintergrund halten möchten.

„Ein Kopftuch-Verbot, das ist der eigentliche Zwang.“ lautet das Fazit von Ayse Tasci. „Man redet von Freiheit und Demokratie, dann muss man den Frauen auch die Möglichkeit lassen, selbst zu entscheiden“, äußert sie in einem Internet-Beitrag.

„Kopftuchträgerin mit Dr. Titel hält ein Vortrag zur Rolle der Frau im Islam? Paradoxer geht es wohl nicht mehr. Sorry.“ kommentierte nachträglich, mit verwundertem Amüsement, ein Facebook-User die Veranstaltung im Landtag und zeigt damit – und das meine ich keinesfalls wertend – wie sehr uns festgefahrene Sichtweisen noch immer auf dem Weg zu jener weltoffenen Gesellschaft behindern, die wir meinen, längst errungen zu haben. Zu der gehört für mich auch die Akzeptanz jenes moderaten Islam, der unseren demokratischen Werten keineswegs widerspricht. Gerade – und nur -mit Hilfe unserer muslimischen Mitbürger_Innen kann uns die Integration muslimischer Migrant_Innen gelingen und die Auflösung jener bedauerlichen Parallelgesellschaften, die in vielerlei Hinsicht unseren demokratischen Werten tatsächlich entgegen stehen.

Titelbild des jourfixe-Blogbeitrags „Kommt herbei zu einem gleichen Wort“

Hierzu siehe auch meinen jourfixe-Blogbeitrag: „Kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns …“ – Muslimisches Leben in München als gesellschaftliche Chance


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2017_02_11__bernd_fischerauer_signiert_burli_lustspielhaus_fuer_gaby_dos_santos_titel_jourfixe-blogbeitrag

„Burli“ – Regisseur Bernd Fischerauer präsentiert einen beeindruckenden Roman vor prominentem Publikum

Es verbirgt sich einiges aus Bernd Fischerauers persönlicher Biografie in der Titelfigur seines Debüt-Romans „Burli“, den der bekannte Regisseur und Drehbuchautor vergangene Woche in Till Hoffmanns Schwabinger Lustspielhaus vorstellte.

Das Lustspielhaus erwies sich als atmosphärisch kongeniale Spielstätte für das Klassentreffen der Münchner TV- und Filmfamilie

Bernd Fischerauer, Jahrgang 1943, wuchs wie sein „Burli“, im Graz der Nachkriegsjahre und des Wirtschaftswunders auf, als sich noch so mancher brauner Filz unter sorgfältig ausgekämmten Teppichfransen verbarg. Die gradlinige, gleichermaßen unschuldige wie schelmische „Ich“-Perspektive des jugendlichen Erzählers entlarvt jedoch die kleinen und großen Lebenslügen der Erwachsenen. Besonders berührt hat mich dabei die liebevolle Darstellung der Gefühls- und Gedankenwelt eines typischen Teenagers, dem die Ungeheuerlichkeiten des Lebens – sein Vater wird unter anderem als Kriegsverbrecher gesucht – nicht weniger aber auch keinesfalls mehr bedeuten, als erste erotische Abenteuer und seine erste große Liebe! Intensiv hat sich der Autor dabei in diesen frühen Lebensabschnitt zurück empfunden und ihn literarisch neu belebt: „Burli“ erlebt und reflektiert die Ereignisse mit instinktivem Gespür für die Handlungsweisen und Motivationen der Menschen in seinem Umfeld, ohne dass dahinter jemals ein erhobener Zeigefinger des Autors spürbar würde.

Gebannt bin ich seinen detailliert skizzierten Momentaufnahmen gefolgt, aus denen sich mosaikartig Handlungsstrang und Rückblenden entwickeln, vor der Kulisse einer nur scheinbar idyllischen Gutbürgerlichkeit, die mit Ritualen sorgsam bewahrt wird, wie das „Abendbrot um Punkt Sieben“ – das viele Leser_Innen sicher selbst noch erinnern. Dazu lautet ein für Burli typischer Kommentar: „Als ob ein Butterbrot kalt werden könnte (…)“ Auch drakonischen Strafen seitens seiner Eltern sieht er sich immer wieder ausgesetzt, wie dem berüchtigten „Scheitelknien“, was bedeutet, stundenlang auf der Kante eines Brennholzscheites knien zu müssen. Entsprechend fühlt sich „Burli“ bei Abwesenheit seiner Eltern stets befreit. Das geschieht im Verlauf der Geschichte immer öfter, denn da ist ... die Sache mit der Vergangenheit seines Vaters, die sich Adolf, von allen „Burli“ genannt, nach und nach erschließt. Da gibt es geheimnisvolle Fremde, die plötzlich an der Tür klingeln, (…) Erwachsene, die immer ein Geheimnis mehr haben, als Burli durchschaut, aber auch (…) seinen Onkel Hubert, den Antifaschisten und Kinobetreiber. Am Ende kommt es zu einem großen Showdown. (Zitate aus dem Klappentext des Romans) Doch zu guter Letzt erweist sich der ganze Sturm, der durch das Leben des „Burli“ und seines Umfelds fegt, als ein Sturm im Wasserglas, denn 1957 werden auch die durch das Dritte Reich „Schwerbelasteten“ amnestiert. „Es gibt nach 1957 keine ehemaligen Nazis mehr in Österreich!“ so Dieter Stiefel, ein österreichischer Experte für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Bernd Fischerauer, Foto: Wikipedia, 2009

Bernd Fischerauer, Foto: Wikipedia, 2009

Genau das macht den Roman von Bernd Fischerauer in meinen Augen umso wichtiger. Über die NS-Vergangenheit in Österreich und deren Aufarbeitung nach dem Krieg, ist mir bislang nur wenig bekannt gewesen, ganz zu schweigen von einem Roman zu diesem Thema. Ein entsprechend großes Anliegen muss Bernd Fischerauer die Präsentation seines Werkes gewesen sein. Und auch ein drängendes, denn Bernd Fischerauer ist seit einiger Zeit schwer erkrankt. Daher wusste er auch nicht, ob er selbst einer Lesung gewachsen sein würde. Diesen Part übernahm für ihn in Wien niemand geringerer als der Burgschauspieler Peter Simonischeck, der derzeit weltweit als „Toni Erdmann“ im gleichnamigen Film gefeiert wird.

In München und Salzburg las der Schauspieler Johannes Silberschneider (rechts im Bild) und wurde der Qualität des Buches mit seinem Vortrag mehr als gerecht. Leider habe ich während der gesamten Lesung die Augen geschlossen gehalten, um mich ganz auf die Sprache des Autors zu konzentrieren und dabei Mimik und Gestik des Darstellers verpasst, wie mir Toni Netzle später berichtete …

Einen Roman muss man so schreiben, dass Bilder entstehen„, äußert Bernd Fischerauer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Ich finde, dass ihm das wirklich gelungen ist, ebenso wie der Spagat, bei allem Detailreichtum in den Schilderungen, Spannung und Wortwitz nicht zu vernachlässigen. Das durfte ich bei meiner anschließenden Lektüre des Romans immer wieder feststellen. „Burli“ hat mich gepackt, und nur ungerne habe ich mich von dieser ebenso derb wie pointiert formulierenden Teenager-Figur verabschiedet. Deren Abenteuer auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen hätte ich gerne noch länger verfolgt; auch wegen des angenehm unsentimentalen Stils des Buches, in dem es auch endet: Eine Amnestie – und Schwamm über die Vergangenheit …

Bernd Fischerauer hat bei seiner Buchpräsentation am Eingang des Saals alle Gäste persönlich begrüßt und es sich später nicht nehmen lassen, jedes Buch – und es wurden viele – zu signieren, wofür die zahlreich erschienenen und mehrheitlich prominenten Gäste aus der Münchner TV- und Filmfamilie geduldig anstanden. Auf obigem Foto, zweite von links, ist die Schauspielerin Kathrin Ackermann zu sehen und ganz rechts Kommissar a.D. Horst Schickl, alias Wilfried Klaus aus der TV-Serie SOKO 5113.

Zur Matinée erschienen war Bernd Fischerauer mit seiner Frau, der Schauspielerin Rita Russek,(auf obigem Foto links), bekannt u.a. aus der Krimiserie Wilsberg. Bei seinem Anblick bin ich ein wenig erschrocken, hatte ich ihn doch vor einem Jahr in der Hanns-Seidel-Stiftung kennen gelernt, wo er die Aufführung einer der Simpl-Collagen von Toni Netzle und mir besucht hatte. Schmal ist er inzwischen geworden, die Behandlungen haben Spuren hinterlassen, aber er wirkte gut aufgelegt. Kein Wunder, stand doch eine Menschenmenge schon einige Zeit vor Einlass in der Occamstraße Schlange!

Uschi Glas und Toni Netzle

Uschi Glas und Toni Netzle

 Großes Hallo auch im Publikum; man kannte sich weitestgehend persönlich und ansonsten zumindest vom Sehen oder aus der Presse.Toni erläuterte mir später, dass gut zwei Drittel des Publikums ehemalige Gäste von ihr gewesen wären. Lange unterhielt sie sich mit Uschi Glas und wirbelte ansonsten fast die ganze Zeit vor und nach der Vorstellung durch das Publikum: Hier ein Küsschen vom Münchner Tatort-Kommissar Miroslav Nemec, dort ein Plausch mit TV-Star Peter Fricke, ein herzliches Wiedersehen mit dem Komponisten Eberhard Schoener, den ich auch gerne kennen gelernt hätte, da ich seine Arbeit schätze und mich seine Ausstrahlung „in echt“ ziemlich beeindruckte. Auch freute ich mich, den Regisseur Erich Neureuther, erwartungsgemäß bei einem solchen „Klassentreffen“, zu begegnen. Ihn kenne ich inzwischen recht gut, da er mir als Zeitzeuge für meine Produktion zum 450 Jubiläum des Alten Südfriedhofs ein ausführliches Interview zu seiner Familiensaga gegeben hat, die noch viel bewegter ist, als die über „Die Glückliche Familie“, mit Maria Schell, Maria Furtwängler,  Siegfried Rauch und Susanna Wellenbrinck, für die er seinerzeit reichlich TV-Lorbeeren erntete.
Bernd Fischerauer signiert mein Buch-Exemplar

Bernd Fischerauer signiert mein Buch

Die Liste der Promi-Gäste ließe sich noch endlos fortsetzen, war aber für mich nicht das Besondere an dieser Veranstaltung. Abgesehen von der Lesung beeindruckte mich vielmehr, dass sich hier, jenseits aller Roten Teppiche, einfach Menschen versammelt hatten, um die Arbeit eines Kollegen, Freundes und Wegbegleiters von Herzen zu würdigen. Dem schloss sich auch die „BUNTE“ an.Tanja May und Celia Tremper widmeten Autor, Buch und Lesung die Titelstory der Woche, inklusive eines Abdrucks des Buch-Covers, obgleich Berlinale & Co. sicher genug anderen Stoff geboten hätten. Celia Trempers Sohn Terence hatte bereits bei der Veranstaltung eine ganze Reihe Pressefotos dazu geschossen. Aber „Boulevard“ ist und bleibt von Amts wegen eben „Boulevard“ und so wurde als Titelbild das große Portrait-Foto einer ernst blickenden Rita Russek gewählt und daneben ein kleineres von ihr und Bernd.„Rita Russek – Große Angst um ihren Mann“ lautet dazu die Schlagzeile. Darunter heißt es: „Star-Regisseur Bernd Fischerauer ist schwer erkrankt. Bewundernswert, wie seine Frau ihm jetzt beisteht. Er ist die Liebe ihres Lebens„.

Melancholische Stimmung im Lustspielhaus nach der Veranstaltung

Bleibt zu hoffen, dass diese vielfältige und hochkarätig besetzte Aufmerksamkeit nicht davon ablenkt, dass mit „Burli“ ein wertvoller neuer Beitrag auf dem Buchmarkt erschienen ist, dem in Kürze übrigens das nächste Buch folgen wird, Offensichtlich kann Bernd Fischerauer, ganz wie zeitweise sein „Burli“ im Roman, nicht mehr vom Schreiben lassen …

Im SZ-Interview von Eva-Elisabeth Fischer Bekenntnisse eines Apolitischen, 9.2.17, „über seinen ersten Roman „Burli“, politische Altlasten und die Lügen nach der Stunde Null in Österreich„, räumt der Regisseur und Drehbuchautor ein: „Ich hatte immer den großen Wunsch und andererseits auch den großen Bammel davor, mich an Prosa zu wagen. (…) Du kennst so viel gute Bücher, warum sollst Du jetzt auch noch ein schlechtes schreiben?‘ „

Das „Warum“ beantwortet Konstantin Wecker in einer Würdigung zum Buch: Bernd Fischerauer weiß zu bewegen, zu verzaubern, zu erschrecken und zu berühren …“


Bernd Fischerauer / Burli / Roman ISBN: 978-3-7117-2046-7 /

288 Seiten, gebunden / €24,00 inkl. MwSt. / Picus Verlag /

auch als Ebook erhältlich


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2016_02_03_10_jahre_august_dreesbach_verlag_champagner-pyramide_titel_jourfixe-blog

Pyramidale Party zum 10jährigen Bestehen des August Dreesbach Verlags

Am Freitag, den 3. Februar 2017, feierte der August Dreesbach Verlag sein 10jähriges Jubiläum; Grund zum gratulieren, in einer Zeit in der, wie es der Publizist Christian Nürnberger einmal formulierte, „immer mehr Menschen Bücher schreiben“ (möchten) „doch immer weniger Menschen Bücher lesen“. Der Don-Quichottismus, sich gerade in einer solchen Zeit mit einem kleinen, feinen Verlag auf dem enger werdenden Literaturmarkt zu engagieren, zeugt von Kampfgeist und einem Individualismus, der sich auch in der Gästeschar wiederspiegelte, die meine Freundin, die Autorin und ehemalige Simpl-Wirtin Toni Netzle und ich stundenlang mit Gusto beobachteten.

Die Münchner Autorin, Schauspielerin und ehemalige Prominentenwirtin im Alten Simpl, Toni Netzle (re) zusammen mit Gaby dos Santos, 03.02.17,  August Dreesbach Verlag, Foto: Elisabeth Sorger

Nicht der gewohnte Einheitsbrei aus der bildungsbürgerlichen Kulturelite unserer Stadt, die sich vor lauter „elitär“ nicht einmal selbst zu zelebrieren traut, bevölkerte die Verlagsräumlichkeiten, sondern eine bunte Mischung ausgeprägter Persönlichkeiten, mit viel Nonchalance in Kleidung und Auftreten, dem Kosmos von Historie und Literatur entsprungen; darunter eine ganze Reihe Autor_Innen des Verlags, die sich hier einer individuellen Betreuung in einem Umfang erfreuen dürfen, den ein großer Verlag so gar nicht zu leisten imstande oder auch willens wäre, da sich dort die Betreuung auf die jeweiligen Top-Literaten des Hauses konzentrieren muss. Entsprechend formuliert auch der Verlag in der Selbstdarstellung auf der Homepage: Gemeinsam mit unseren Autoren wollen wir ansprechende Bücher machen: gründlich recherchiert und gut geschrieben, sorgfältig lektoriert, ästhetisch gestaltet und professionell hergestellt.

Benannt wurde der Verlag nach dem deutschen Poltiker August Dreesbach (1844 – 1906), wozu der Verlag auf seiner Website schreibt: (…) 1890 zog er als erster badischer Sozialdemokrat in den Reichstag ein. Als Geschäftsleiter der Mannheimer Volksstimme und Redakteur des Pfälzisch-Badischen Volksblattes war ihm zudem das Recht der freien Meinungsäußerung ein Anliegen, außerdem setzte er sich für den Zugang aller Schichten zu Bildung und Wissen ein. August Dreesbach starb am 25.11.1906 in Berlin. Geradlinigkeit und das Einstehen für die eigenen Ansichten, gepaart mit politischem Idealismus – diese Eigenschaften machten August Dreesbach im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem individuellen, starken Charakter, dessen Vorstellungen und Bestrebungen in der damaligen Zeit manches Mal aneckten.

Gründe genug, August Dreesbach ein Denkmal zu setzen und unseren von Optimismus und Idealismus geprägten Verlag nach ihm zu benennen, der sich zunächst das Verlegen historischer Bücher zur Aufgabe machte. Dass wir mit den neu hinzugekommenen Schwerpunkten Kunst und Typografie neue Wege beschreiten, wäre sicherlich auch im Sinne von August Dreesbach gewesen! (…)

Nomen est omen … und so steht an der Spitze des Verlags die junge, charismatische Leiterin Dr. Anne Dreesbach, die sich auch als Autorin einbringt. Als Gastgeberin der Jubiläumsfeier empfing sie ihre Gäste in stimmungsvoll dekoriertem Ambiente und mit einer Büffetbandbreite an – vor allem – süßen Sünden, die durchaus mit dem Catering der legendären Lambertz-Parties konkurrieren konnten … Das Auge aß und trank, via Champagner-Pyramide, eifrig mit. Nur Toni Netzle widerstand, erlag statt dessen einer Biografie über König Otto I. von Bayern, dem unglücklichen Bruder von „Kini“ Ludwig II. und verzog sich in eine Ecke, um sofort mit der Lektüre zu beginnen. Das Buch hat sie seitdem nicht mehr verlassen 😉

Natürlich war auch dessen Autor Jean Louis Schlim zugegen, ein Luxemburger, der sich ausgerechnet dem königlich-bayerischen Colorit verschrieben hat: (…) Im Besonderen befasst er sich mit der Technikbegeisterung des bayerischen Königs Ludwig II., zu der er mehrere Publikationen veröffentlicht hat … „ und über eine mehr als umfangreiche Sammlung über den unvergessenen bayerischen Kini verfügt.

Autor Christian Sepp, Foto

Es war unser Freund, Autor Christian Sepp (Foto) gewesen, der einen Teil unserer jourfixe-Clique eingeladen hatte. Beim Verlag brachte er vor einiger Zeit seine vielbeachtete Biografie über „Sophie Charlotte – Sisis leidenschaftliche Schwester“ heraus.“ Die Prinzessin verbrannte an ihrer Leidenschaftlichkeit buchstäblich mit Seele und Leib. In Kürze kommt die dritte Auflage dieser spannenden Biografie auf den Markt. Details zu Autor und Buch habe ich vor einiger Zeit in dem jourfixe-Blogbeitrag „Sophie Charlotte -eine Frau, die zu früh lebte“ zusammengefasst.

Dazu habe ich Christians Sepps Biografie geradezu verschlungen, weil sie gleich zwei meiner persönlichen Themen-Schwerpunkte abdeckt: (Bayerische) Geschichte und das Schicksal von Frauen, die, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, tragischerweise zu früh lebten und/oder denen es tatsächlich gelang, sich in einer von Männern dominierten Geschäftswelt durchzusetzen, wie die frühere Grande Dame des Filmgeschäfts Ilse Kubaschewski (1907 – 2001). Der Co-Gastgeber, Autor und Historiker Dr. Michael Kamp (www.historische-projekte.de) hat für seine Biografie über Kubaschewski kürzlich Toni Netzle als Zeitzeugin interviewt, da es kaum prominente (deutsche und punktuell internationale) Protagonist_Innen des 20. Jahrhunderts gibt, denen Toni nicht begegnet ist. Aus diesem Grund nutze auch ich meine Freundin des öfteren als Haut überzogenes Nachschlagewerk der Zeitgeschichte. Auch auf die Biografie von Dr. Kamp, die in Kürze vorgestellt werden wird, bin ich schon sehr gespannt. Eine Frau im Filmgeschäft der UFA und der Adenauer-Ära? Beide Epochen standen nun wahrlich nicht für emanzipierte Frauenbilder!

„Na, wo soll ich denn jetzt bloß hingucken?“ Gaby dos Santos etwas desorientiert neben Malerin Elisabeth Sorger

Mit von der Partie (obiges Foto) an diesem Abend war auch unsere jourfixe-Freundin, die Malerin Elisabeth Sorger, Pressesprecherin der MKG (Münchner Künstlergenossenschaft). Auch in diesem Jahr ist sie wieder mit Exponaten unter den ausstellenden Künstler_Innen bei der MKG Jahresausstellung 2017 (3. 3. – 26. 3.) im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München vertreten. Auf der Party ging es uns allerdings mal nicht um die unser aller Leben so sehr bestimmende Kunst, vielmehr testete ich Spaßes halber mit Elisabeth die Foto-Box vor Ort, ein herrlicher aber auch irritierender Zeitvertreib, denn: Elisabeth groß, ich klein und die Technik bzw. der Fokus der Linse nicht ganz nachvollziehbar 😉 Entsprechend desorientiert wirkt mein Blick im fotografischen Endergebnis, siehe Fotostrecke oben.

Ein herzliches „merci“ für eine in vielerlei Hinsicht pyramidale Party, alles Gute und vor allem noch ein langes erfolgreiches Bestehen dem August Dreesbach Verlag und viel Fortune bei seinem individuellen Kampf gegen alle Windmühlen unserer virtuellen Welt!


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Bayerns Justitia hinter Gittern – Hintergründe und Details zur Kunstperformance des „Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“

Diesmal kannte ich das Gesicht hinter den Schlagzeilen – Es ging um den Mord an der milionenschweren Parkhaus-Besitzerin Charlotte Böhringer: Einst war sie mir persönlich begegnet, in einer dieser frühmorgendlichen Absturzkneipen am Viktualienmarkt, in denen, jenseits aller gesellschaftlichen Schranken, Halbwelt, Bohème und Schickeria sich jene Theke teilen, die noch ein paar Stunden Aufschub vor der Ernüchterung bietet. Ganz offensichtlich war Charlotte Böhringer, ebenso wie ich zu jener Zeit, nicht zum ersten Mal in dieser Milieu-Kneipe zu Gast. Wer hier und zu solcher Uhrzeit des öfteren abstürzt, führt kein geerdetes Leben und hat ein Alkoholproblem. Umso mehr erstaunte mich später, dass sich die Polizei so schnell auf Böhringers Neffen als ihren Mörder festlegte. Allein der Umgang, dem sich das Opfer während ihrer Alkohol-Touren ausgesetzt hatte, verwies auch auf andere denkbare Tatumstände hin, zumal ich selbst Böhringer abwechselnd als sehr schutzbedürftig und dann wieder sehr aggressiv erlebt hatte …

Auf Grund meiner persönlichen Bekanntschaft verfolgte ich den Verlauf des Prozesses besonders aufmerksam und das Urteil „Lebenslänglich unter Anerkennung der besonderen Schwere der Tat“ stimmte mich betroffen, denn es stützte sich ausschließlich auf Indizien, was für mich immer eine problematische Form der Wahrheitsfindung darstellt, erst recht angesichts des ur-demokratischen Anspruchs unserer Gerichtsbarkeit: „Im Zweifel für den Angeklagten“ zu entscheiden. Dem aber widerspricht meiner Meinung nach das Urteil im Fall Böhringer in besonderem Maße, da es trotz einer ganzen Reihe von Ungereimtheiten gefällt wurde. Für mein Empfinden werfen diese zu viele Zweifel auf – Die Bürgerinitiative Pro Bence sieht das ähnlich und hat auf ihrer Homepage eine ganze Reihe von Kritikpunkten zusammen getragen, siehe auch nachstehende Grafik:

Indizienring, Lügendektektortest, Tathergang

Quelle: Homepage der Bürgerinitiative PRO BENCE /  www.probence.de

Hältst Du ihn denn für unschuldig?“, fragte mich heute meine Tochter, als ich ihr bei unserem täglichen Telefonat vom Fall Böhringer/Benedikt Toth erzählte. Neben den vielen kriminalistischen Ungereimtheiten spricht für mich noch ein anderer Punkt für Benedikt Toth, nämlich die vielen treuen Freund_Innen, die von seiner Unschuld überzeugt sind. Ein übler Charakter, der seine Tante um des Erbes willen erschlägt, versammelt meiner Meinung nach nicht eine derart treue Clique über Jahre hinter sich.

Diese Solidarität hielt Daniela Agostini in ihrem Dokumentarfilm von 2010 fest: „Anklage Mord: Ein Freund vor Gericht„. Im Pressedossier des Bayerischen Rundfunks heißt es da: „Ein junger Mann wird des Mordes angeklagt. Seine Freunde und seine Verlobte halten diesen Vorwurf für ein absurdes Versehen. 

Eine kleine Gruppe junger Menschen, alle studiert und in ordentlichen Berufen, hält fest zu ihrem unter Mordanklage stehenden Freund. Unter ihnen ist auch Frauke, Bences Verlobte. Keiner von ihnen mag an die Schuld des Freundes glauben. Sie kennen ihn seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Einen Mord, und noch dazu so brutal, traut ihm keiner zu. Wie hätte er sie so täuschen, sein wahres Gesicht verbergen können? Wie könnte jemand, der keiner Fliege ein Haar krümmt, einer, der immer zuvorkommend, höflich und bescheiden war, so eine Tat begehen? Und das in der Anklage festgehaltene Motiv „Habgier“ kann Frauke und die Freunde erst recht nicht überzeugen. Am Ende, da sind sie sicher, wird ihr Freund den Gerichtssaal als freier Mann verlassen …“

30.1.2017 Bei der Kunstaktion "Justice In Jail" auf dem Münchner Marienplatz wird auch an Bence Toth erinnert ...

30.1.2017 Bei einer Kunstaktion auf dem Münchner Marienplatz wird auch an Benedikt Toth erinnert

Den Film habe ich seinerzeit gesehen. Er hat mich tief bewegt, und ich habe mit den Protagonist_Innen mitgebangt, obwohl ich den Ausgang des Prozesses ja schon vorher kannte: Am Ende wurde der Freund, der Geliebte, der Sohn, eben nicht frei gesprochen! Der Mutter von Bence habe ich heute in die Augen geschaut. Während der ganzen Aktion kämpfte sie mit den Tränen, vor allem, als sie das weiß-blaue Poster mit dem Namen ihres Sohnes am Käfig fixierte.  Ihr zur Seite steht die Bürgerinitiative Pro Bence mit dem Anliegen, laut Website: „(…) eine breite, kritische und aufgeklärte Öffentlichkeit über den Fall Bence Toth zu informieren.

Dabei bilden die neutralen Vertreter der Presse als „vierte Gewalt“ eine wesentliche Zielgruppe. Waren wir bisher davon überzeugt, auf dem formalen juristischen Weg – unter der Voraussetzung, bei den Verantwortlichen auf unvoreingenommenes Gehör und das Streben nach Wahrheit zu stoßen – zum Erfolg zu kommen, zwingen uns die Umstände und der aktuelle Zeitdruck nun zu diesem Schritt. Wir hoffen, auf diesem Wege eine ähnliche Reaktion zu erzeugen, die auch Harry Wörz und Gustl Mollath zur Rehabilitation geholfen hat. (…)

Justizopfer Gustl Mollath am 30.1.2017 auf dem Marienplatz

Justizopfer Gustl Mollath, Münchner Marienplatz, 30.1.17

Gustl Mollath, der selbst zu Unrecht acht Jahre lang in die Psychiatrie gesperrt worden war, appellierte bei der Kundgebung an das Engagement von uns Bürger_Innen und zitierte Plato (sinngem.):“ Das größte Unrecht ist eine (nur) scheinbare Gerechtigkeit.“  Eine Erfahrung, die er selbst hatte erleiden müssen. Erst großer öffentlicher Druck und eine nicht länger zu übersehende Fülle an Beweismaterial zu seinen Gunsten, zwangen die Justiz zum Einlenken. Und er ist kein Einzelfall.

Ilona Haselbauer beschrieb in einem Gedicht ihr jahrelanges Martyrium in der Psychiatrie

Ilona Haselbauer (li. Terry Swartzberg) schildert, wie sie als Opfer eines  Fehlurteils in der Psychiatrie litt

Viele Jahre saß Ilona Haselbauer auf Grund eines Fehlurteils in der Psychiatrie. Diese Erfahrung hat sie in einem Gedicht verarbeitet, das sie heute mitten in den Touristen-Auftrieb zum Glockenspiel am Marienplatz vortrug. Erschütternd!

Terry Swartzberg, Kopf der Kunstaktion "Justice in jail"

Terry Swartzberg, Kopf der Aktion „Justice in jail“

Erst einmal gar nicht erkannt habe ich den Kopf der heutigen Kampagne, Terry Swartzberg, PR-Berater, Journalist und Aktivist. Vergeblich hatte ich nach einer seiner bunten Kippas Ausschau gehalten, ohne die er seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Haus geht. Dass er seine traditionelle jüdische Kopfbedeckung heute unter einer richterlichen Perücke verbergen würde, konnte ich nicht wissen und erkannte ihn daher erst nach einigen Minuten. Wie immer, schien mir auch seine heutige Aktion Medien gerecht durchdacht. Viele Bildmotive, für viele große Kameras – in die sich, wie so oft bei solchen Events, eine kleine Handy-Kamera einreihte: meine  😉

Musiker Matthi Birkmeyer / Bürgerinitiative Pro Bence , Gustl Mollath, Terry Swartzberg (als bayerische Gerichtsbarkeit), Justizia Eva Martin bei der Kunstaktion "Justice in Jail", veranstaltet am 30.1.2017, auf dem Münchner Marienplatz vom Bündnis "Gerechte Justiz in Bayern"

V. li.: Musiker Matthi Birkmeyer / Bürgerinitiative Pro Bence , Gustl Mollath, Terry Swartzberg (als bayerische Gerichtsbarkeit) mit Justitia Eva Martin, bei der Kunstaktion „Justice in Jail“, veranstaltet am 30.1.2017, auf dem Marienplatz, vom „Bündnis für gerechte Justiz in Bayern“

Angehörige befestigen Plakate mit Namen von Fehl/Verurteilten am Käfig, in den kurze Zeit später die Gerichtsbarkeit - alias Terry Swartzberg - die Justitia - alias Eva Martin - symbolisch zerren wird. Eine Klamotte mit Symbolik

Angehörige befestigen Plakate mit Namen von verurteilten Angehörigen an dem Käfig, in den die Gerichtsbarkeit (Terry Swartzberg), die Justitia (Eva Martin) symbolisch zerren wird. Eine Klamotte voller Symbolik!

Justitia sitzt im Käfig ...

Justitia sitzt im Käfig …

„Ich habe meine Tante nicht umgebracht“, sagt Toth und presst die gespreizten Finger fest auf den Tisch. „Ich sehe ein, dass die Ermittler nach dem Mord unter Druck standen. Es kann ja nicht sein, dass mitten in München ein Kapitalverbrechen diesen Umfangs unaufgeklärt bleibt. Ich weiß auch, dass überall Fehler gemacht werden. Aber in meinem Fall handelt es sich nicht um einen Justiz-Irrtum, sondern um volle Absicht – weil sie keinen Blöderen gefunden haben.“ (…)  vermut Benedikt Toth in seinem Interview mit John Schneider, 13.04.2015, AZ, im Böhringer-Mord: Benedikt Toth: „Ich bin kein Mörder“.

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Bildausschnitt des Plakates, das Aktivisten des „Bündnisses für gerechte Justiz in Bayern“ heute auf dem Münchner Marienplatz entrollten

Erschwerend kommt hinzu, wie sich auch im Fall Mollath gezeigt hat, dass in der Justiz oft der (unrealistische) Anspruch einer richterlichen Unfehlbarkeit vorherrscht, allen Fakten und vor allem der Wahrheit zuwider. Die belegte Rate an Justizirrtümern ist nicht unbeträchtlich und die Hindernisse, die der Wahrheitsfindung mitunter in den Weg gelegt werden, bedingt durch politisches, finanzielles und sonstiges Kalkül, sind traurige Realität, wie sich u.a. am NSU-Skandal ebenso zeigt, wie bei den verschleppten Ermittlungen im Fall des Oktoberfest-Attentats. Über letzteres habe ich bereits in meinem jourfixe-Blogbeitrag „Herr und Frau Müller heißen anders“ berichtet.

2017_01_30_buendnis_gerechte_justiz_bayern_marienplatz_muenchenDiese Häufung von Unregelmäßigkeiten in der bayerischen Justiz bietet, wie mir Terry Swartzberg heute darlegte, hinsichtlich eines Wiederaufnahme-Verfahrens im Fall von Benedikt Toth eine kleine Chance, die Unfehlbarkeit des Systems  in Frage zu stellen. Daher gründete Swartzberg das „Bündnis für gerechte Justiz in Bayern“, das heute via einer Kunstaktion sein Anliegen öffentlich inszenierte. Keine Frage, bei den heute angemahnten Vorgängen handelt es sich um „rechtskräftige Urteile“, ob dabei aber mehr das Recht oder mehr die Kraft, im Sinne gerichtlicher Willkür überwiegt hat, bleibt mehr als zweifelhaft und sollte zumindest gerichtlich dringend überdacht werden.

In nachstehendem Video-Cartoon, mit dem zur heutigen Kundgebung geladen worden war, finden sich nochmals die einzelnen Namen/Vorfälle dargestellt …


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„Vergiss das Theater und sieh auf das Nô!“ Zur Aufführung der Nô-Trilogie im Meta Theater von Axel Tangerding

„Vergiß das Theater und sieh auf das Nô“, lautete das Motto des Abends, doch – fernöstliche Weisheit hin oder her – an diesem Ort begegnete mir „Theater“ auf so unmittelbare Weise, dass es mir unvergesslich blieb … Ähnlich erging es seinerzeit wohl dem italienischen Regisseur Andrea Paciotto, der sich in der Festschrift „Take A Risk“ erinnert: „We were welcomed into his home and into his theatre, elegant and essential, privileged observers of the work and of the life. The border between the two levels did not exist at all, the theatre merged into the life and vice versa, one nurturing the other. (…)“ An anderer Stelle äußert er, dass jedes Heim ein Herz habe, den Eigenschaften der Bewohner entsprechend … In der Tat schuf Architekt Axel Tangerding ein faszinierend eigenwilliges Heim rund um sein Meta Theater: Im Bauhausstil errichtet und mit viel Holz und weiten Glasfassaden ausgestattet, empfand ich das Gebäude als großzügig Raum spendend, im reellen ebenso, wie im ideellen, kreativen Sinn.

Masako Ohta spielt vor Programmbeginn privat auf dem Flügel

Masako Ohta übt vor Programmbeginn am Flügel

Nach Betreten des Hauses stand ich sofort inmitten jener einzigartigen Mischung aus Alltags- und Theaterleben, die Axel Tangerdings italienischer Kollege so treffend beschrieben hatte: Rechts befand sich ein Küchenbereich, in dem gerade die Getränke für die Gäste bereit gestellt wurden, und an den sich links der Zuschauerbereich anschloss, der über breite Stufen, in einer Art Arena, hinunter bis zum Bühnenbereich führte. Dieser bestand aus einem schlichten, beheizbaren Fußboden, wie mir Axel erläuterte, der vor einer großen weißen Wand endete. Seitlich davon saß die japanische Pianistin Masako Ohta am Flügel und spielte versunken vor sich hin.

Masako Ohta performed mit Stäbchen

Musikalische Performance mit Stäbchen

Mit ihr war ich zufällig kurz zuvor über Facebook in Kontakt getreten und freute mich nun über unser Kennenlernen in ganz realem Theater-Ambiente und über die Gelegenheit, mich ein wenig in das vielseitige Spiel dieser Künstlerin einzuhören, die im Verlauf des Abends unter anderem asiatische Stäbchen einsetzen würde, mit denen sie zunächst das Klavier bediente, um sich dann dieser effektvoll einzeln zu entledigen, ohne dabei die Musik zu unterbrechen.

Jetzt aber, gut eine Stunde vor Programmbeginn, herrschte  jene konzentrierte Geschäftigkeit, die ich im Vorfeld von Veranstaltungen so liebe, weil sie sich ganz im Hier und Jetzt abspielt: Nur der vorbereitende Moment zählt, geprägt von der unausweichlichen Spannung vor dem nächsten Da Capo im Wechselspiel von Bühne und Zuschauerraum. Dessen Ausgang bleibt, auch nach jahrelanger Bühnen-Routine, stets unberechenbar. Daher erlebe ich persönlich auch jeden Auftritt, als handle es sich um mein Bühnendebüt. Sicher habe ich mit der Zeit eine gute Portion Lampenfieber abschütteln können, dank einer gewissen Routine und dem erfolgreichen Coaching von Naomi Isaacs. Die existentiellen Fragen im Vorfeld einer Aufführung beschäftigen mich jedoch, gleichlautend, bis heute: Was wird mir diese Vorstellung  bescheren, menschlich, geschäftlich, künstlerisch? Und wie werde ich mich in den Stunden nach dem Schlussapplaus fühlen? Beseelt? Oder wird mich wieder jene bedrückende Leere erfüllen, die sich so dramatisch anfühlt, obwohl sie, biochemisch betrachtet, nur einem Abbau von Hormonen geschuldet ist?Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen-ev-de

„Die Stille schluckt den Schlussapplaus“ lautete, in Form eines bitteren Chansons, das Fazit meines Herzensfreundes und langjährigen künstlerischen Wegbegleiters, Jon Michael Winkler, mit dem er  sich vom Bühnenbetrieb verabschiedete. 2013 war das, nachdem ihn die Arbeit an unserer städtischen Auftrags-Collage zum Thema „450 Jahre Alter Südlicher Friedhof“ endgültig ausgebrannt hatte. Bei dieser Jubiläumsveranstaltung waren übrigens auch Axel Tangerding und ich uns zuletzt begegnet, wie wir nun bei der Begrüßung in seinem Theater feststellten. Den lange schon geplanten Gegenbesuch zu einer von Axels thematisch stets besonderen Veranstaltungen hatte ich bislang nicht auf die Reihe bekommen, vor allem, weil sich das Meta-Theater außerhalb Münchens, in Moosach bei Grafing, befindet.

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Das Meta-Theater ist auch mit MVV gut erreichbar. Anfahrt (Quelle: Meta Theater)

Von Grafing aus hatte mich ein Regionalbus eine Viertelstunde lang querfeldein durch bayerische Ländlichkeit chauffiert, bevor er mich an einer Haltestelle im Nirgendwo absetzte. Auf der Straße keine Menschenseele, dafür hübsche kleine Häuschen und ein Gewässer, Bach oder Teich, das mit der Dunkelheit verschmolz … Es ging eine kurze Wegstrecke bergauf, vorbei an Weihnachtslichtern, bis zu einem Gebäude mit der Hausnummer 8, an das sich ein Feld und der Anfang eines Walds anschlossen. Vergeblich hielt ich nach einer Leuchtreklame Ausschau oder irgend einem anderen Hinweis darauf, dass sich hier ein Theater befand, wie es, der Hausnummer entsprechend, der Fall sein musste. Lediglich zwei Plakate rechts und links von einer Haustür, die die -Trilogie ankündigten, wiesen darauf hin, dass ich am Ziel angelangt war. In der Tür steckte ein Schlüssel, so dass ich das Gebäude problemlos betreten konnte.

Schnell stellte ich fest, dass sich die etwas umständliche Anfahrt zum Theater gelohnt hatte, denn von Anfang an empfand ich diese Spielstätte als ausgesprochenes Erlebnis, womit ich mich in die Schlange all derer einreihte, die Axels Theaterarbeit über die Jahre beeindruckt hat:

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, von Donnerstag, 15. Dezember .2016

Das Foto (SZ,  15.12.16) zeigt Tangerding mit Dieter Dorn in der Akademie der Schönen Künste

Am Tag nach meinem Theaterbesuch zeichneten in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste die Kulturlegenden Michael Krüger und Dieter Dorn Axel Tangerding mit der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung aus, ein weiterer hochkarätiger Preis, nachdem ihm u.a. bereits 2002, vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, das Verdienstkreuz am Bande der BRD verliehen worden war, sowie 2012 der Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

Two working spotlights on a club stage in clots of a smoke

Chapeau! Mir hatten seinerzeit drei Jahre Betrieb meiner im Vergleich unaufwändigen WerkstattBühne (1996 – 1999/Gabelsbergerstr.) so zugesetzt, dass ich bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit die Theaterleitung an den Nagel gehängt hatte, aufgerieben durch den Opportunismus und das kulturelle Unverständnis des eigentlichen Pächters, die Allüren so mancher Künstler und die ständigen finanziellen Engpässe. Das Rampenlicht, das auf Außenstehende so verlockend wirkt, strahlt immer nur flüchtig, so dass man es vor lauter Stress oft nicht einmal richtig wahrnimmt. Arbeit rund um die Uhr für „mau“, inklusive übrigens einer Menge administrativer und so gar nicht künstlerisch-kreativ anmutender Aufgaben, prägen jenen Alltag hinter den Kulissen, den ich gerne mit einem Rodeo-Ritt vergleiche: Früher oder später schmeißt es jede/n oder zumindest fast jede/n… Die Kunst – im doppelten Wortsinn – besteht darin, sich überhaupt eine Weile zu halten und nur einer verschwindend kleinen Gruppe gelingt dies längerfristig mit ihrer Bühne.

Zu diesen wenigen zählt Axel Tangerding. Bei Gründung seines Theaters, 1979, brachte er offensichtlich einen sehr, sehr langen Atem mit, der ihm bis heute nicht ausgegangen ist. Als ich ihm zu seinem Lebenswerk gratulierte, merkte er sinngemäß an: „Nicht auf die Erfolge kommt es an, sondern auf die Rückschläge!“ Ein Teil seines Erfolges lässt sich wohl auf  die Vorzüge eines eigenen, dazu auch noch selbst gestalteten Hauses zurückführen, sowie auf  ein eigenes Konzept, mit dem es ihm nach wie vor gelingt, reichlich Zuschauer_Innen anzuziehen, sogar regelmäßig Münchner Kulturpublikum in die bayerische Pampa zu locken. Das konzeptionelle Anliegen des Hauses findet sich klar formuliert auf dessen Homepage wieder:

"Take A Risk" - akutalisierte Festschrift von 2016, mit vielen Fotos, € 10,- inkl. Versand ISBN 978-3-00-034948-5

„Take A Risk“ – Festschrift -aktualisierte Version von Dez. 2016, Preis € 10,- inklusive Versand-Kosten ISBN 978-3-00-034948-5

Mit seinen Produktionen hat das Meta Theater einen Stil entwickelt, der durch äußerst präzises Zusammenspiel von konzentrierter Bewegungssprache, experimenteller Musik, Sprachpoesie und Lichtraum gekennzeichnet ist. Begegnung im Spannungsfeld eigener und fremder Kulturen findet durch Vermittlung zwischen experimentellen Formen und außereuropäischen Traditionen statt. (…)

Die Produktionen des Hauses münden oft in internationale Tourneen. Im Gegenzug gastieren Künstler_Innen aus aller Welt in diesem entlegenen Theater-Idyll. Untergebracht werden sie weitestgehend im Haus selbst, was sicher die Probenarbeit intensiviert. Entsprechend findet, wer in der Festschrift „Take A Risk“ blättert, dort nicht nur Beiträge einheimischer Kultur- oder Polit-Prominenz, sondern auch einen weltweiten Querschnitt von Vertreter_Innen unterschiedlichster Theaterformen: Axel Tangerding spricht in diesem Zusammenhang in einem BR-Interview von „glokal“. Seine Bühne bezeichnet er auch als „Theaterlabor“, in dem er seit jeher mit sehr reduzierten Formen des Theaters experimentiert.

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei der Einführung zur NO-Trilogie

Theaterchef Axel Tangerding am 11.12.16 bei seiner Einführung zur NO-Trilogie

Diesem Anliegen kommt das japanische Nô-Theater entgegen. Zwar handelt es sich bei „Nô“ um eine 600 Jahre alte Theatertradition, aber: “ (…) Im Kern ist für mich Nô-Theater Avantgarde, das ist die Reduzierung, die wir ja auch im Westen suchen, in der Kunst (…) Im Westen wurde dies erfunden aus einem eher intellektuellen Ansatz (…) In Japan ist es eben aus einer langen Tradition gewachsen“ , so Tangerding im BR-Interview. Er vergleicht Nô-Theater mit einem Eisberg: „Sie sehen nur die Spitze, aber in den kleinen Bewegungen an der Spitze können Sie die Masse erahnen, die unter Wasser dümpelt und sich träge dahin bewegt. Und so ist es beim Nô-Spieler auch: Mit minimalen Bewegungen, Gesten, bringt er eine Fülle auf die Bühne, die aber nicht gezeigt wird. (…)“

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Akira Matsui in „Takasago“

Obgleich es Sonntag und somit bereits der dritte Aufführungsabend der Nô-Trilogie war, füllte sich das Theater, ein Umstand, von dem so manche Münchner Bühne, an so manchem Abend, nur träumen kann … Allerdings bekommt man auch nicht jeden Tag Einblicke in diese exotische Theaterform geboten, noch dazu mit einem Nô-Meister, wie Akira Matsui, dem 1998  von der japanischen Regierung der Titel „wichtiges immaterielles Kulturgut“ verliehen wurde! Akira Matsui möchte in seinen Darbietungen “… den Stil des Nô unversehrt lassen, doch ich will Nô in einer anderen Form aufführen, so wie es noch nie zuvor gemacht wurde, ich will Nô konfrontieren mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten.”  

Akira Matsui, John Oglevee und Ki in "Takasago - Die Zwillingskiefern"

Akira Matsui, John Oglevee und Kinuyo Kama in „Takasago – Die Zwillingskiefern“

Matsui will die Wandlungsfähigkeit des Nô zeigen, vom traditionellen bis hin zu einem zeitgenössischen Stil. Die Handlungen des Nô-Theaters sind mannigfaltig, eine davon ist das „Göttliche Thema“. (…). Der Held oder Heldin ist Kami (Gott oder Göttin im Shinto), ein Buddha oder eine andere himmlische Gestalt, was am Anfang des Dramas aber noch nicht bekannt ist. Am Ende enthüllt der Held seine Identität und segnet die anderen Handelnden, das Land und die Betrachter. (…)  Mehr > Wikipedia. Entsprechend entpuppte sich in dem Nô-Klassiker Takasago“ – die Zwillingskiefer, der die Trilogie eröffnete, ein altes Ehepaar als Geister der Zwillingskiefern Takasago and Sumioe, Sinnbild für eheliche Verbundenheit. Vor der Projektion einer typischen Nô-Kulisse tanzte Akira Matsui zu Gesängen und Trommel (Kotsuzumi/Chorus) von John Oglevee sowie der Nô-Flöte von Kinuyo Kama.2016_12_11_no_trilogie_kinuyo_kama_no-floete_meta-theater_axel_tangerding

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Akira Matsui/Marion Niederländer in Samuel Becketts „Rockaby“

Darauf folgte der Einakter „Rockaby“, den Samuel Beckett dem Nô-Theater gewidmet hat, und der vom  Sterben einer alten Frau und dem Schaukelstuhl ihrer Mutter handelt. Den Tanz begleitete Marion Niederländer mit Text-Rezitationen, deren gewollt monotoner Vortrag, mit ständigen Wiederholungen, die Performance von Akira Matsui noch intensivierte.

NO-Meister Akira Matsui während einer Szene im Meta-Theater, 11.12.16

Akira Matsui in „Yuki-Onna“

Den Abschluss bildete Matsuis „Yuki-Onna“, (Die Schneefrau), begleitet von Kinuyo Kama (Flöte) und Masako Ohta am Flügel, eine zeitgenössische Variante des Nō-Theaters.

Langanhaltender Schluss-Applaus

Schluss-Applaus, von links: Marion Niederländer, Masako Ohta, Akira Matsui, Kinuyo Kama und John Oglevee

Vor Antritt meiner Expedition in Axel Tangerdings Theaterwelt hatte mich natürlich sehr die Frage beschäftigt, wie ich anschließend zurück nach München kommen sollte, denn der letzte Bus zur S-Bahn fuhr bereits um 21 Uhr. Axel beruhigte mich. Notfalls würde er selbst seine „auf der Strecke“ gebliebenen Gäste zur S-Bahn fahren; dies sei aber in all den Jahren noch nie erforderlich gewesen, da sich im Publikum immer motorisierte Münchner Gäste fänden. Und tatsächlich trieb er in kürzester Zeit eine Mitfahrgelegenheit auf, die mich nicht nur direttissima bis Haidhausen und fast vor meine Haustür brachte, sondern auch noch anregende Gespräche mit den Autobesitzern, dem Regisseur Martin Kindervater und seiner Frau Franziska mit lieferte.

Nun bin ich gespannt, was das Publikum, zu dem ich mich jetzt auch zähle, in der neuen Saison in Axel Tangerdings kulturellem Hotspot erwartet. Wer sich ebenfalls für das Programm des Meta Theaters interessiert, findet hier den Link zur Newsletter-Anmeldung.


Ende 2016 ist die Broschüre TAKE A RISK, über das Meta Theater,  in aktualisierter und erweiterter Fassung erschienen.

Preis: € 10,- inklusive Versand-Kosten  SOWIE  ISBN 978-3-00-034948-5  sind unverändert geblieben. Baldige Bestellung direkt beim Meta-Theater empfiehlt sich, da bereits die ersten 100 Exemplare bei der Wilhelm–Hausenstein–Ehrung in der Akademie der Schönen Künste unmittelbar verkauft wurden.

Erstmalig herausgebracht wurde die Festschrift „Take A Risk“ 2011 anlässlich von „30 Jahre Meta Theater“. 


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Klangbegegnungen der Dritten Art mit den „Interaktionen“ des Neuen Kollektivs München

Schon der Name des Ensembles NKM „Neues Kollektiv München“ deutete darauf hin, dass dessen Konzert „Interaktionen“ nicht mit altbewährter Melodik aufwarten, sondern mir ungewohnte musikalische Welten präsentieren würde. Blieb nur die Frage, ob sich diese Welten mir überhaupt erschließen würden?

"NKM - Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Textwissenschaftlern", Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

„NKM – Neues Kollektiv München ist eine Formation für zeitgenössische Musik. Avantgarde und Klassik, Komposition und Improvisation, Theorie und Praxis vereinen sich in diesem Zusammenschluss aus Musikern, Komponisten und Musikwissenschaftlern“ Quelle: NKM Programm-Flyer 30.11.2016

Musikalische Laien wie ich assoziieren gemeinhin mit Begriffen wie „Neue Musik“, „Musik-Avantgarde“, „zeitgenössische Musik“ endlose Abfolgen undefinierbarer Geräusche, die ohne jeden Zusammenhang in den Raum katapultiert scheinen. Da andererseits konstant neue musikalische Schöpfungen dieser Art nicht nur entstehen, sondern auch Publikum, Fördermittel und Medieninteresse finden, durfte ich davon ausgehen, dass es sehr wohl auch in der zeitgenössischen Musik Klangerlebnisse zu entdecken gibt, aber würde das auch für mich, als musikalisch nicht vorgebildete Zuhörerin gelten?

Muffatwerk_NKM_Laura_Konietky_jourfixe-Blog

Muffatwerk (Ampere) vor Konzertbeginn, 30.11.16

Auch das auf der Bühne reichlich vorhandene Instrumentarium versprach mir Klang-Begegnungen der Dritten – sprich „unbekannten“ Art. Als „Greenhorn“, dem zeitgenössische Musik bislang fremd war, staunte ich nicht schlecht über eine ganze Reihe exotisch anmutender musikalischer Requisiten, wie Wassereimer, mit Saiten ausgestattete Tische etc., die ich zwar nicht einzuordnen wusste, deren Anblick mich aber zuversichtlich stimmte: Ihrem Einsatz zuzusehen, würde mich auf jeden Fall vor Leerlauf bewahren, falls mein Musikverständnis tatsächlich  im Niemandsland enden sollte

Laura Konietzky

Laura Konjetzky

Nachdem auch meine Vereinsfreundin von musica femina München, die Pianistin und Komponistin Laura Konjetzky als Gastmusikerin im Programm vertreten war, hatte ich ich mir ein Herz gefasst und war ins Muffatwerk gekommen, fest entschlossen, mich einfach dem hinzugeben, was mich dort erwarten würde. Das erwies sich als ausgezeichnete Idee, denn es verhalf mir zu äußerst anregenden zwei Stunden:

Besonders spannend gestaltete sich für mich der Einsatz von Computer-Software, der neue Formen der Darstellung und des künstlerischen Dialogs eröffnete, eine Technik, auf die ich in meinen eigenen Produktionen ebenfalls zurück greife – wenn auch in einem vollkommen anderen Kontext. Mit „Interaktionen“ – nomen est omen – standen hier Werke im Mittelpunkt, „die bewährte Kommunikationswege des Musizierens verlassen und innerhalb ganz neuer, digitaler Strukturen agieren, die von den Komponisten als spontane Interaktionen angelegt sind. (…)“ formulierte es die SZ in einer Vorankündigung.

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Percussive Vielfalt: Stefan Blum

Welche Klangpassagen nun vorgegeben, verfremdet, eingespielt oder improvisiert waren, vermochte ich mit meinem ungeschulten Gehör nicht zu unterscheiden, fand mich aber unvermittelt in einem persönlichen Austausch mit den Klängen wieder, denen mein inneres Auge assoziativ Bilderwelten entgegen stellte, während ich neugierig auf den nächsten Ton, die nächste Verfremdung – gewissermaßen die nächste Herausforderung – wartete. Sehr beeindruckt hat mich dabei die Präzision mit der die Einsätze der Musiker_Innen in einander griffen. Und: Obgleich von keiner Melodik getragen, empfand ich zu meiner eigenen Verwunderung die Stücke als harmonisch in sich geschlossen. Auch überforderten sie mich nicht durch Überlängen oder solistische Selbstdarstellungen der Musiker_Innen, wie leider bei Jazz-Soli öfter einmal der Fall …

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, Ensemble-Mitglieder vom NKM, 30.11.16, Muffatwerk

Percussionist Stefan Blum und Bläser Christoph Reiserer, 30.11.16, im Muffatwerk

Apropos „Jazz“: Auch dieser kam, auf faszinierende Art, gleich zu Konzertbeginn zum Einsatz: „Ein Bebop-Zitat als Reminiszenz an diesen hektischen Prestissimo-Jazz der Nachkriegszeit. Ähnliches mag auch an Bord der US-Kriegsschiffe am Bikini-Atoll  erklungen sein“ , so der erläuternde Text im Programm zu der Komposition „Bikini . Atoll“ (2009) von Gerhard E. Winkler, die an die damaligen Atombombentests erinnerte. Ohne Programm hätte ich zwar nicht erraten, welche Thematik dieser Komposition zugrunde liegt, der Intensität von Winklers Komposition tat das aber keinen Abbruch. Die Jazz-Fragmente wirkten auf mich wie eine geisterhafte Zeitmaschine, die mich zurück an jene Schwelle versetzte, die nach dem Zweiten Weltkrieg geradewegs in eine neue, Technik dominierte Dimension geführt hat, kompositorisch skizziert durch „Spaltungsphänomene und Live-Klang-Splitter, die das Stück phasenweise immer stärker kontaminieren und zum Schluss in rein technischem Geräusch untergehen lassen.“

Laura Konietzky (li) und Julia Schmölzel bei der UA ihrer Komposition "The Space Behind", 2016

Laura Konjetzky/Julia Schmölzel bespielen den Flügel von 2 Seiten

In ihrer Komposition „The Space Behind“, die an diesem Abend uraufgeführt wurde, nahmen die beiden Pianistinnen und Komponistinnen Laura Konjetzky und Julia Schölzel das Publikum mit auf Entdeckungstour in „verborgene, unbekannte Klangräume des Flügels, (…) die nur zu zweit mit einem Flügel betretbar“ aber weit entfernt vom herkömmlichen vierhändigen Piano-Spiel sind, denn nicht das Bedienen der Tasten stand im Vordergrund ihrer Darbietung. Vielmehr legten sie klanglich, von wechselnden Stellungen aus, vor allem das Innenleben des Flügels frei, durch Zupfen und Anschlagen, spannungsgeladenes Pausieren und wirkungsvolle Wiederholungen. Des öfteren habe ich diese Art des Pianospiels ansatzweise erlebt, aber noch nie im Duo und mit soviel Konsequenz. 2016_11_30_interaktionen_muffatwerk_laura_konietzky_julia_schoelzel_ua_the-space-behind_zweihaendiges_afinaleDass diese beiden Künstlerinnen harmonieren, war dabei weder zu übersehen noch zu überhören; schön, dass sie beschlossen haben, ihr erstes gemeinsames Werk nunmehr zu einer abendfüllenden Komposition zu erweitern!

Ebenfalls eine Uraufführung war das letzte Werk des Abends: „All We Need Is Money“ von Zoro Babel, in dem sich mir nun auch der Sinn der „saitenbespannten Tische“ eröffnete:

Auf Tischgitarren spielen, bis die Kreditkarte brennt,, bei der Uraufführung von Zoro Babels "All We Need is Money", links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Auf Tischgitarren spielen, „bis die Kreditkarte brennt“, bei der Uraufführung von Zoro Babels „All We Need is Money“, links Mugi Takai, rechts Stefan Blum

Es handelte sich um von Zoro Babel und David Fennessy gebaute, elektronische Tischgitarren, die zu Beginn des Stückes von den Musiker_Innen mit einer Kreditkarte groovig, das Thema ironisierend, bespielt wurden, bis nach und nach jede/r erneut auf sein eigentliches Instrument zurück griff.

Mugi Takai

Gastmusiker Mugi Takai

Mein Problem an diesem Abend stellte keinesfalls das zuvor befürchtete musikalische Unverständnis dar, sondern der dauernde Zwiespalt zwischen dem Bedürfnis, die Musiker_Innen beobachten zu wollen und der Notwendigkeit, sich durch Schließen der Augen mit jener Konzentration der Musik zu widmen, die diese erst so richtig auf mich wirken ließ. Beides gleichzeitig erwies sich als unmöglich …

Was Bauer nicht kennt, das isst er in der Regel nicht, und so wird zeitgenössische Musik wohl auch weiterhin ein Nischendasein innerhalb der Musikwelt fristen. Umso dankbarer bin ich, dass nicht zuletzt staatliche und städtische Institutionen – in diesem Fall das Kulturreferat München – ein Konzert wie dieses, jenseits aller kommerziellen Erwägungen, ermöglichen, ein Konzert für das ich keineswegs, wie zuvor immer angenommen, einer musikalischen Vorbildung bedurfte, um es zu schätzen. Mit dem Verstand erfasst habe ich an diesem Abend zwar kaum etwas, dafür aber umso mehr erspürt …

(Bei den kursiv geschriebenen Textpassagen handelt es sich, mit Ausnahme des SZ-Zitates, um Ausszüge aus dem Programm)


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