Was hat die Besatzung mit uns hier in Deutschland zu tun? Viel.

Gestern Abend in den 20 Uhr Nachrichten wurde ein Bericht ausgestrahlt, der den unerträglichen Wassermangel betraf, dem sich die palästinensische Bevölkerung ausgesetzt sieht. Es mag nicht immer leicht sein, mit einem Blick aus der Ferne politisches „Schwarz und Weiß“ in die gebotenen Grau-Schattierungen dazwischen aufzulösen. Anders verhält es sich dort, wo schlichtweg humanitäre Not herrscht. Die lässt sich sehr genau festmachen: Am Leid der Menschen. Wenn uns schon der Glaube oder ein ethisches Selbstverständnis nicht aufzurütteln vermögen, so sollte es doch wenigstens der warnende Gedanke, dass in einer immer globalisierteren Welt alle alles etwas angeht ..!“

https://bibjetzt.wordpress.com/2016/08/12/was-hat-die-besatzung-mit-uns-hier-in-deutschland-zu-tun-viel/

BIB JETZT BLOG

Immer wieder hört man derzeit Leute sagen, in Israel sei es gerade wohl „sehr ruhig“. Gemeint ist, dass die Nachrichten nicht unaufhörlich von Messerattacken, einem „Gazakrieg“ oder anderen Katastrophen berichten. Leider sieht die Realität vollkommen anders aus. Das Maß der Katastrophe sollte am individuellen und kollektiven Schicksal gemessen werden und nicht an der Sensation, die die Nachricht in die Schlagzeilen katapultiert. Aber offensichtlich sind alltägliche, sich ständig wiederholende Ereignisse – seien sie noch so katastrophal und schicksalhaft für die Geschädigten – selten eine Meldung wert.

So ist es etwa mit den geschätzten 2.000 Hauszerstörungen, die Jahr für Jahr durchgeführt werden, denen ausschließlich palästinensische „illegal gebaute“ Häuser zum Opfer fallen und die in der Weltöffentlichkeit kaum mehr Beachtung finden. Nur einige Menschenrechtsorganisationen wie Jewish Voice for Peace oder B’Tselem berichten darüber, rufen zum Protest auf; wenige individuelle Anschreiben erreichen die Vorzimmer von Ministern, vereinzelt erscheint eine Nachricht in einem online-Portal.

Die…

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2016_07_04_Stolpersteine_auch_in_Muenchen_jourfixe-Blog_Beitragsbild

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter http://www.stolpersteine-muenchen.de – ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


Zum Verzeichnis aller bisherigen Blog-Beiträge mit jeweiligem Link

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2016_07_02_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe_Blog_Titel

Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

2016_07_02_Maria_Maschenka_Gaby_dos_Santos_Jour_Fixe_im Nachtcafe_1999-2002

Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

2016_07_02_Hannes_Beckmann_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe

Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

2016_07_02_Nachtcafe_Wolfi_Kornemann_Collage_Pierre_Ittner

Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

2016_07_02_Kanzleirat_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

2016_07_02_Gaby_dos_Santos_Requiem_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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2016_05_24_Krista_Posch_Glaube_Liebe_Hoffnung_Theater_am_Tisch_jourfixe-Blog-Titel

Krista Posch: Ein Tisch, ein Stuhl und großes Theater

Man kennt sie aus dem TV, von den großen Bühnen des deutschsprachigen Raumes und als Synchronstimme der wunderbaren Charlotte Rampling: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch. Ebenso aber schlägt ihr Herz für die künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten, die nur ein intimer Bühnenrahmen bieten kann.

Krista_Posch_Glaube_Liebe_Hoffnung_Theater_am_Tisch

Ö. v. Horváth 1919

Darauf zugeschnitten hat sie ihr Format „Theater am Tisch“ entwickelt und Ödön von Horváths Drama „Glaube, Liebe, Hoffnung – Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ adaptiert und schreibt dazu: „Ich habe mir dieses berührend-absurde, immer aktuelle Stück für mein THEATER AM TISCH  ausgesucht. Horváth hat „Glaube Liebe Hoffnung“ 1932 nach Informationen von Gerichtsreporter Lukas Kristl geschrieben. 

Es ist eine ‚Lesung‘ der anderen Art … Eine SpiellesungWie schon in Felix Mitterers STIGMA spreche lese spiele ich das ganze Theaterstück.

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Krista Posch 2016 in der Adaption von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ für ihr „Theater am Tisch“; Foto: P. Ludwig

Mit dem ganzen Körper schlüpfe ich in alle Rollen und so entsteht das Theaterstück vor dem inneren Auge des Zuschauers und er sieht / hört / erkennt ( auch sich )  wieder / lächelt / nimmt Anteil an den verschiedenen Figuren : 

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Elisabeth, die ihren Wandergewerbeschein dringend wieder braucht…

Alfons Klostermeyer, der Schupo, der Liebe und Pflicht nicht auf die Reihe bekommt –

Die Ober-, Vize- und einfachen Präparatoren des Anatomischen Instituts –

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Maria, die sich auf ihre Lebenserfahrung beruft und reingelegt wird –

Der Baron mit dem Trauerflor –

Irene Prantl mit ihrer Büstenhalter- und Korsettfirma –

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Joachim, der tollkühne Lebensretter –
und nicht zu vergessen die Frau Amtsgerichtsrat, die auch mal mit ihrem Mann ins Kino möchte …

Für die „BühnenMusik“ zum Theater am Tisch sorgt diesmal der Komponist Peter Ludwig, der die musikalischen Bühnen – Bilder erstellt und mich live am Klavier begleitet …“

Kürzlich durfte ich nun endlich selbst erleben, was BÜHNE KANN, sobald die künstlerischen Voraussetzungen bei den Interpreten gegeben sind: In diesem Fall, zum einen Pianist und Komponist Peter Ludwig, der ebenso sparsam wie wirkungsvoll den Live-Soundtrack zu Ödon von Horvaths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in der Pasinger Fabrik spielte.

Mai 2016 - Theaterbühne, Pasinger Fabrik; Foto: K. Posch

Mai 2016 – Theaterbühne, Pasinger Fabrik; Foto: K. Posch

Zum anderen verkörperte Krista Posch Horváths „Totentanz in fünf Bildern“, so der Untertitel, mit einer Intensität, die mich von Anfang bis Ende derart gebannt hielt, dass keinerlei Längen aufkamen, obgleich diese Adaption  mit einem einzigen Tisch als Requisite auskam – gemäß Krista Poschs Konzept eines „Theaters am Tisch“, mit ihr selbst als einziger Darstellerin aller Figuren des Stücks.

„Diese Art von Theater ist ein eigenes Genre, leider viel zu selten angeboten,“ lautet ein Gästebuch-Eintrag auf der Website von Theater am Tisch. Und fährt fort: „Ich habe durch die ‚konzertante Aufführung‘ das Stück neu erlebt und erstmals schätzen gelernt. Es ist durch Kristas Poschs Sprache und Spiel, ergänzt um Gesang und Klavierbegleitung, auf sein Eigentliches reduziert. Diese Reduktion schafft Freiraum. Ich kann mir die Personen vorstellen. Dadurch komme ich ihnen nahe. ich könnte mich hernach sogar mit ihnen unterhalten. Die Absturzgefahr bei einer solchen Inszenierung ist hoch, aber nicht bei Krista Posch. Sie hielt den Spannungsbogen. Was für eine Leistung! H.v.V.“

Auch mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich stimmten überein, dass uns dieses Stück mit großem Ensemble wohl kaum gleichermaßen berührt hätte, wie in der Darbietung des zierlichen Power-Pakets Krista Posch, die hier ihr ganzes Können und ihre ganze Liebe zum Schauspiel einfließen ließ.

Krista Posch, Foto: Janine Guldener

Krista Posch, Foto: Janine Guldener

Gerade wegen der reduzierten Umsetzung des Stücks  trat die Ausweglosigkeit, in der sich Protagonistin Elisabeth von Anfang an befindet, besonders hervor, gefangen in einem Strudel schicksalhafter Verkettungen und bitterböser Dialoge.  Ebenso erschien uns, durch dieses Format, die innere Zerrissenheit der einzelnen Charaktere besonders nachvollziehbar. Ergänzend kommentiert wurde die Handlung durch einige, wirkungsvoll platzierte Gänsehaut-Chansons. Lange wirkte auf mich noch das letzte Lied nach, Zeilen von Ödön von Horváth , vertont von Peter Ludwig.

Von Anfang an chancenlos: Horvaths Elisabeth in "Glaube, Liebe, Hoffnung"; Foto: P. Ludwig

Von Anfang an chancenlos: Horváths Elisabeth in „Glaube, Liebe, Hoffnung“; Foto: P. Ludwig

„Ein wirklich toller Abend!!!!! Ein Stück, das unter die Haut geht, ein wunderbares Lese-Spielen durch Krista Posch, bescheiden aber präzise kongenial begleitet und unterstützt durch Peter Ludwig! Kunst, ganz egal welche, sollte die Essenz in uns berühren. Diesen Anspruch erlaube ich mir, auch in unserer Zeit! Der Abend gestern hat es bei mir getan!!!!! Super! G.R.“

Auch ich bin sehr nachdenklich nach Haus gefahren. Mir war, als würde mich das Leben, mit all seiner Wucht, die ich auf der Bühne erlebt hatte, nun auf dem Heimweg begleiten …

Den Soundtrack zu Krista Posch's Horvath-Adaption liefert in kongenialer Weise Peter Ludwig; Foto: Posch

Reduzierte Bühnenausstattung, darstellerische Intensität in Krista Poschs Format „Theater am Tisch“; Foto: Posch

(…) Wir haben noch den Rest der Nacht damit verbracht, über dieses Ereignis zu diskutieren. Das war in diesem Fall sinnvoller, als schlafen. Danke Krista Posch. So soll Theater sein. R.T.“, heißt es in einem Auszug aus einem weiteren Eintrag.

Krista Poschs Theater am Tisch empfinde ich als wunderbar moderne Interpretation der Kunstform „Theater“, allerdings wirklich gut erlebbar nur in der Intimität kleinerer Bühnen. Umso dankbarer bin ich dafür, dass die Liebe zum Schauspiel Krista Posch von den großen Bühnen und TV-Bildschirmen ab und an in die sogenannte „Freie Bühnenszene“ lockt.

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Was „Glaube, Liebe, Hoffnung“ anbelangt so wünsche ich Krista Poschs Inszenierung und Peter Ludwigs musikalischer Begleitung, eine breite und nachhaltige Würdigung von 90 Minuten wirklich großer Kunst! Hinsichtlich „Theater am Tisch“ hoffe ich auf ein baldiges Da Capo mit weiteren Bühnenstücken. Das wäre eine wirkliche Bereicherung der Kleinkunstbühnen-Landschaft, die sich allzu oft, um rentabel zu bleiben, in Comedy-Endlosschleifen um Leib und Seele lacht ….


Zu Krista Poschs BLOG


Zu Krista Posch: Ole Schultheis – Kunst.Projekt.Agentur


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Gesine Schwan – Genossin mit europäischem Profil – kommentiert von Dr. Roland Jerzewski

Gesine Schwan wirkte auf Anhieb wie Balsam auf meine derzeit politisch wunde Genossinnen-Seele. Vor Beginn ihres Vortrags vor Schülerinnen und Schülern der Europäischen Schule München (ESM), hatten sich Lehrkräfte und Ehrengäste in der Direktionsetage um die Politikerin versammelt, die dort vorab ihre Ansichten klar zum Ausdruck brachte, Lösungsvorschläge inklusive.

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Gesine Schwan, Mai 2061, neben Rudolph Ensing, Direktor der ESM vor Veranstaltungsbeginn; Foto: C. Neudeck

Nachdem es unserer Parteispitze, durch Zickzack-Kurse und öffentlich gewordene Unwahrheiten sowie durch halbherzig angegangene Reformen und  als unbefriedigend bis faul empfundene Kompromisse gelungen ist, die SPD derart zu kompromittieren, dass man schon als einfaches Mitglied scharf angegriffen wird – „IHR habt doch …, IHR habt nicht …, IHR seid schuld …“, bot der Auftritt von Genossin Schwan eine willkommene Abwechslung, was den Polit-Stil anbelangte. Sicher lässt sich solcher außerhalb einer Regierungsverantwortung auch wesentlich leichter vertreten; gut tat es mir trotzdem, ihren Ausführungen zu folgen, zumal mir Gesine Schwan aus der Seele sprach, sowohl was ihre Haltung und Vorschläge in der Flüchtlingsfrage anbelangte, wie auch durch ihre leidenschaftliche  Hinwendung zum Vereinigten Europa. Die klare Kante, die Prof. Schwan in ihren Ausführungen zeigte, verdeutlichte mir einmal mehr, wie gleichgespült Politik an der Spitze heutzutage geworden ist, den Medien und der Unvernunft mancher Bürger_Innen sei dank: Nur nichts äußern, was fehlinterpretiert werden, sich als Fehler entpuppen oder der Masse missfallen könnte. Spätestens seit Angela Merkel beinahe die Wahl 2005 verloren hätte, weil sie den Wähler_Innen schon im Vorfeld die Erhöhung der Mehrwertsteuer wahrheitsgemäß angekündigt hatte, hat sich die Spitzenpolitik von ihren Ecken, Kanten und jedweder unangenehmen Wahrheit verabschiedet, so sehr, dass dieses Verhalten schon gar nicht mehr weiter auffällt, außer in der kontrastierenden Begegnung mit Politiker_Innen vom Schlag einer Gesine Schwan, die der Politik ein Stück Profil und Glaubwürdigkeit zurück erstatten. Um europäische Überzeugungsarbeit vor dem jungen Publikum der ESM zu leisten, hatte die Politikerin es sich nicht nehmen lassen, für einen zweistündigen Auftritt extra nach München einzufliegen, denn Europa ist ihr, wie ja auch mir, ein Herzensanliegen. Schwan vertritt es mit einer solchen Leidenschaft, dass die Europa-Hymne, die von ESM-Schüler_Innen aus allen Nationen zum Europatag gesungen wurde, mir im Rückblick etwas weniger nach Farce klang …

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Schüler_Innen singen am Europa-Tag 2016 die Hymne im Foyer der Europäischen Schule München, Foto: Carolin Neudeck

Überraschend war für mich nur Gesine Schwans relativ positive Einstellung zu TTIP, die sie mit ihrer Befürwortung eines vernünftig regulierten Welthandels begründete. Leider fehlte die Zeit, um nachzufragen, wie denn ein solcher, angesichts der wiederholten Vertrauensbrüche – ich sage nur „NSA“ – zu gewährleisten wäre, zumal den Bürgerinnen und Bürgern von Anfang an ein unerträgliches Mass an Intransparenz bzgl. der Verhandlungen zugemutet wurde. Honni soit, qui mal y pense? Nicht unbedingt, glaube ich … 

An dieser Stelle übergebe ich die Berichterstattung an Dr. Roland Jerzweski, Koordinator der Reihe „Europäische Identitäten“ an der Europäischen Schule München (ESM) und langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen:

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Dr. Roland Jerzewski mit Prof. Gesine Schwan; Foto: C. Neudeck

Ein Paukenschlag zum Abschluss der Europäischen Identitäten: Ehrengast bei der Festveranstaltung des Europatages war, nach Guido Westerwelle und Edmund Stoiber, in diesem Jahr Gesine Schwan, eine der profiliertesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik.

Die Politikwissenschaftlerin war von 1999-2008 Präsidentin der Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder, von 2004-2009 deutsch-polnische Koordinatorin zweier Bundesregierungen und wurde durch ihre Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin bundesweit bekannt. Prof. Dr. Gesine Schwan ist mehrsprachig, ihre Forschungsarbeit hat sie nach Frankreich, Polen und in die USA geführt. Als SPD-Politikerin setzt sie immer wieder eigene Akzente. Selbst jetzt im wohlverdienten Ruhestand ist sie präsenter denn je, engagiert sich unermüdlich zivilgesellschaftlich und weiß gleichermaßen, wie „die da oben“ und die übrigen Menschen im Lande „ticken“.

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Prof. Gesine Schwan, zweimalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Europäerin und SPD-Politikerin in der Europa-Halle der ESM. Foto: Carolin Neudeck

In ihrer kurzen Europa-Rede nimmt sie kein Blatt vor den Mund, schilt kräftig die Bundeskanzlerin, deren prinzipiell richtige Flüchtlingspolitik anfangs unreflektiert gewesen sei und nunmehr inkonsequent, so als ob man den Hebel einfach wieder umlegen könnte. Aber Gesine Schwan belässt es nicht bei kritischen Anmerkungen, sondern sie macht konkrete Lösungsvorschläge: Warum sollten die europäischen Städte und Gemeinden nicht eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise übernehmen, schließlich trügen viele von ihnen ja ohnehin schon die Hauptlast, seien allerdings abhängig von Grundsatzentscheidungen ihrer Staaten. Es gebe z.B. Kommunen in Spanien und Polen, die gern Flüchtlinge aufnehmen würden und dafür bereits Kapazitäten geschaffen hätten, aber von ihren Regierungen zurückgepfiffen wurden. Ein mit 30 Milliarden Euro ausgestatteter europäischer Solidaritätsfonds könnte die Kommunen unterstützen oder sie für Hilfsprogramme fit machen.

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Europa-Tag 2016: Gesine Schwan mit Schüler_Innen der ESM, Foto: Neudeck

Sechs Schüler der Höheren Schule diskutieren mit Gesine Schwan auf dem Podium über „Europa am Scheideweg“, über die Flüchtlingskrise und das Abkommen mit der Türkei, über europäische Werte und faule Kompromisse, über Willkommenskultur und deren Ablehnung, innenpolitisch und als Streitpunkt zwischen den EU-Staaten, schließlich auch über Brexit und TTIP und über die neue Regierung in Polen. Was unser östliches Nachbarland angeht, so vertraut Schwan der langerprobten Aufsässigkeit der polnischen Zivilgesellschaft, das Freihandelsabkommen lehnt sie nicht pauschal ab und hinsichtlich des britischen Europareferendums bleibt sie „cool“. Selbst für Zusatzfragen aus dem Publikum nimmt sie sich Zeit, obgleich am späten Nachmittag schon der nächste Termin in Düsseldorf ansteht: „Quo vadis Polen?“ Zum Schluss appelliert sie an die Schüler aus über 28 Ländern, vor lauter Detailkritik und angesichts der Fliehkräfte, die eine EU-Desintegration auslösen könnte, nicht den Glauben an das vereinigte Europa zu verlieren, sondern sich mutig einzumischen, sich für die eigene europäische Zukunft zu engagieren und diese nicht anderen zu überlassen.

Die Veranstaltung mit Gesine Schwan, an der neben dem polnischen Generalkonsul auch Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Patentamts, der Elternvereinigung und über 200 Schüler teilnahmen, bildet den Schlussakkord des Großprojekts „Europäische Identitäten“, das unter der Leitung von Dr. Roland Jerzewski in den vergangenen Jahren namhafte Europäer an die ESM lockte, u.a. die Schriftsteller Peter Schneider, Klaus Kordon, Holly-Jane Rahlens, Sylvie Germain und Mathias Énard (Prix Goncourt 2015), den griechisch-orthodoxen Metropoliten Augoustinos von Deutschland, den Diplomaten und Protokollchef des spanischen Königshauses Alonso Álvarez de Toledo oder den Budapester Historiker Andreas Opłatka. In enger Kooperation mit Stiftungen, Kulturinstituten und diplomatischen Vertretungen und der Kulturplattform „Jourfixe-München“ weitete die Schule ihren Blick auf die Vielfältigkeit ganz Europas, was auch in Begegnungsprojekten mit Polen, Ungarn, Rumänien, Slowenien und der Türkei zum Ausdruck kam. Hauptsponsor des Identitätsprojekts war die Elternvertretung der Europäischen Schule München.

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Direktor Rudolph Ensing am Rednerpult, Koordinator Dr. Jerzewski geht ab; Foto: Neudeck

ESM-Direktor Rudolph Ensing würdigt Prof. Gesine Schwan als Vollbluteuropäerin und Kosmopolitin, HS-Leiter Anton Hrovath betont ihren Vorbildcharakter für junge Europäer. Die Schüler sprechen im Nachhinein von einer „Grande Dame in Form und Inhalt“, hochkompetent und sehr sympathisch (Clara).

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Dr. Jerzewski, Direktor Ensing verabschieden Gesine Schwan; Foto: Neudeck

Gesine Schwan habe gezeigt, dass Politik ebenso interessant wie menschlich rüberkommen könne und kein langweiliger Smalltalk sein müsse, dass Jugendliche auf diese Art und Weise Lust auf Politik bekämen und dieses Fach auch im europäischen Schulsystem zum Pflichtfach werden müsste (Vlad). Während Philipp Schwans Vorschlag zur Lösung der Flüchtlingskrise skeptisch sieht, lobt Simeon ihr Abrücken von ausschließlich nationalstaatlichen Regelungen. Diskussionsmoderator Adriano findet den Ehrengast angesichts des ebenso komplizierten wie brisanten Themas „schlichtweg erfrischend“. Das gilt auch für den strahlenden Sonnenschein nach Verlassen der Europahalle, regelrechtes Kaiser-, pardon Schwan-Wetter!


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten


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Jeder Handgriff ein Gebet – Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Musiker-Kollegen Jon Michael Winkler

Eigentlich hatte ich Komponist Jon Michael Winkler darum gebeten, in einigen Zeilen seine Eindrücke des neues Werks von Michaela Dietl – „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ – zu schildern. Tatsächlich aber hat ihn die Musik derart inspiriert, dass daraus, wie Winkler es bezeichnet,  „eine persönliche Rhapsodie“ entstanden ist, eine Rhapsodie in Worten, die einen direkt in  die Klangwelt von Michaela Dietls Requiem hinein zu katapultieren scheint … Für mich die ideale Einstimmung zur Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016. Weiterlesen

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Vom Gschdanzl zum Requiem – Tonkünstlerin Michaela Dietl, Portrait und Interview

„(…) geprägt durch ihre Heimat, ist das Bayerische ihre Sprache und sie gibt ihm seine Schönheit zurück,“ schrieb Petra Finsterle, vom Club Voltaire München, über die bayerische Tonkünstlerin Michaela Dietl. Wobei die Stücke, die sie singt und spielt, fast ausschließlich aus eigener Feder stammen. An der LMU hat sie Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, auf den Straßen Europas das Musizieren und Komponieren mit ihrem Akkordeon, das ihr in bester Familientradition schon als Kind unter den Christbaum gelegt wurde. Die härteste Entertainment­-Schule der Welt, das Trottoir, formte sie zu einer Musikerin, die, bei aller Vielfalt, ein sehr persönlicher Stil charakterisiert. Ihre künstlerische Vita umfasst inzwischen zahlreiche Musiken für Bühne, Funk und Fernsehen, neben eigenen Solo­-Programmen und CD’s eigener Lieder. Nun hat sie ein Requiem komponiert.

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Michaela Dietl, Artist Studio, März 2016

Um darüber mehr zu erfahren, traf ich mich mit Michaela Dietl  zu einem Gespräch im  Artist Studio, im Münchner Künstlerhaus. Mit ihrem Akkordeon erläuterte sie mir „live“, anhand von Hörbeispielen, ihre Arbeitsweise und künstlerische Konzeption und trug allererste Ausschnitte aus ihrem Requiem vor, wobei sie die gesamte Komposition für 16-köpfiges Akkordeonorchester, Alphorn und Sopran  in ihrem Spiel auf dem  Akkordeon  hörbar machte.

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Flyer zur Uraufführung (Tim Walter, Carola Dietl)

Umso gespannter bin ich jetzt auf die  Uraufführung ihres Requiems, am 29. Mai 2016, um 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling.

Vorlage – und zugleich Inspiration –  für „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ war ein Text von Felix Eder, den Michaela Dietl in Worten und Klängen zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens erweitert hat. Über die sparsam gehaltenen Liedtexte hinaus, setzt Dietl mit dem Klang ihres Akkordeon-­Ensembles ihre Vision des „Stirb und Werde“ um, punktuell ergänzt durch den Lebensatem eines Alphorns (Roswitha Pross), immer dort, wo die Komposition fast unerträglicher Tiefe bedarf, aus der sich wiederum die Gesänge zweier Sopranistinnen emporschwingen (Beatrice Greisinger und Irmengard Zehrer). Das Wissen um die Endlichkeit ihres Lebens verarbeitet Dietl in Tango-Rhythmen, die hier den „kleinen Tod“symbolisieren, als Generalprobe für den „großen Tod“. Dessen Endgültigkeit verkörpert im Finale Tänzerin Viorica Prepelita, mit einem kontrastierenden „Tanz des Lebens“.

GdS:  In der Regel verbindet man ja mit Leuten, die ein Requiem schreiben, die Klassik-Ecke und nicht Künstler_Innen, die aus der kleinen großen  Kleinkunstszene kommen, sag ich jetzt mal … Was würdest Du darauf antworten?

MD: Äh … (überlegt)

GdS: Vielleicht … „Denkt doch nicht immer in Schubladen!“ ..?

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Michaela Dietl fotografiert 2016 von Roswitha Pross

MD:  Ja, das trifft es. Ich hatte dabei immer einen Satz von Schopenhauer, von dem ich vieles nicht mag, aber für den Satz liebe ich ihn – im Kopf. Er hat gesagt: „Welcher Schmerz ist größer? Wenn du es tust oder wenn Du es nicht tust?“ Ich wusste, wenn ich das Requiem komponiere, wird das schmerzlich werden, denn dazu muss ich sehr tief in mir graben, was mir nicht leicht fallen wird, aber wenn ich es nicht tue, dann würde ich auf ewig etwas vermissen; nämlich, dass ich es nicht probiert habe. Dass ich mich, einschließlich meines Akkordeons und allem, was noch daran hängt, der Herausforderung nicht gestellt habe. Denn für mich war das Thema einfach da. Aus. Und zwar sehr privat. Und weil mein Instrument das Akkordeon ist, habe ich das Requiem also auch für dieses Instrument geschrieben.

GdS: Glaubst Du, dass weil Du von der Straßenmusik kommst, in die Komposition mehr Leben hineingeschrieben hast, als Requiem-Komponisten, die dem Elfenbeinturm der klassischen Musik entstammen?

MD: Ich hab mir halt beim Requiem vorgenommen, mich nicht irgendwelchen Erwartungen anzupassen, nach dem Motto: „Das muss jetzt alles sehr großartig sein.“ Mein Kernanliegen war: „Ich möchte die Musik fühlen.“ Daher hab ich auch nicht darauf geachtet, ob es kompliziert werden könnte, sondern überlegt: „Was passt für mich auf dem Akkordeon zum Thema ‚Requiem‘? Was spüre ich?“ Deshalb habe ich auch nicht auf einem Computer komponiert, nicht einmal die einzelnen Stimmen, sondern gleich auf dem Instrument probiert, ob der Klang passt oder nicht und dann einzelne Elemente hinzugefügt. Echt mühsam für die heutige Zeit. Aber ich wollte eben nicht technisch abliefern, einfach sagen: „Das passt dazu, da drücke ich drauf …“ Das kann man ja alles machen und es ist auch praktisch, aber für mich passt diese Arbeitsweise nicht. Für mich muss die Musik unmittelbar spielbar sein, für mich ganz alleine. Das bildet die Grundlage meiner Komposition, auch wenn in Folge mehr an Instrumenten und Gesang dazu kommt.

GdS: Würdest Du sagen, Du lebst Deinen Traum?

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Roswitha Pross bei Proben zu Michaela Dietls „Requiem“, Foto: Stießberger

MD: Dadurch, dass ich Musik mache? Ja, das würde ich schon. Dass sich der Traum aber auch verändert hat, das ist ebenfalls klar. Diese Einsicht gab und gibt mir Halt, auch während der ganzen Anstrengung des Komponierens. Ich wusste, in dem Requiem steckt Musik, die ich schon immer schreiben wollte, und bei der es darum geht, das Publikum anders zu fesseln, und einmal nicht dieser ganze  Unterhaltungs-Zirkus gefordert ist, wo man also auch einmal mit langen Tönen arbeitet … für die oft keine Ruhe vorhanden ist … die ich ganz tief in mir gehört habe.

Gds: Mit „Zirkus“ meinst Du den Bühnenzirkus?

MD: Ja und ich verstehe es auch – wenn ein Fest stattfindet, wenn von Anfang feststeht: „Jetzt muss es wieder a Gaudi werden“, dann geht man da hin und weiß worum es geht. Aber es gibt im Leben auch diese anderen Komponenten, es gibt die Traurigkeit, es gibt die Tränen, und  wenn ich diese Komponenten andauernd abspalten muss, dann drohen sie sich irgendwann zu verselbstständigen. Jetzt, mit dem Requiem, habe ich das Gefühl, dafür einen eigenen Raum geschaffen zu haben und dadurch werden auch alle anderen Facetten klarer, für mich ein sehr reinigender Prozess insgesamt.

GdS: Wenn Du sagst „reinigen“ oder auch „Requiem“, gibt es bei Dir eine Glaubenskomponente, die in die Komposition mit hinein spielt?

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer "Requiem"-Probe in der Himmelfahrtskirche 2016

Das 16-köpfige Akkordeon-Orchester bei einer „Requiem“-Probe in der Himmelfahrtskirche, im Mai 2016, Foto: Klaus Stießberger

MD: Also, das hat nichts mit Konfession zu tun, sondern wenn ich beispielsweise einen Teil des Requiems als „Demut“ bezeichne, dann handelt es sich einfach um die Demut vor dem Leben und damit auch um die Demut vor dem Tod. Die Blume stirbt … Das gehört halt dazu. Es gibt einen schönen Satz von Woody Allen: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Das finde ich super aufgelöst, mit Humor. Es gilt, die Endlichkeit anzunehmen. Mir fällt das nicht leicht. Wenn ich aber in die Natur blicke und mir deren Werdegang anschaue, dann gelingt es mir, mich ein Stück weit wieder in den Fluss hinein zu begeben, in diesen Kreislauf von „Stirb und werde“. Ich gebe zu, dass ich noch vor fünf Jahren anders gedacht habe. Und das ist ja auch eine Art von Sterben, von Vergänglichkeit – die gehört dazu. Was Altes loslassen und was Neues beginnen …


„Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“, wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München sowie von Lisl Funder, Kärnten

Die Eintrittskarten (€ 15,-/erm. € 12;-)  für die Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016, 20 Uhr, in der Himmelfahrtskirche (München-Sendling), sind an der Abendkasse erhältlich. > Wegbeschreibung

Platz-Reservierungen: requiem–gedenken–in–liebe@web.de


Jeder Handgriff ein Gebet“ – Michaela Dietls Requiem aus Sicht ihres Kollegen Jon Michael Winkler 


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