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jourfixe-News vom 17.18.11: Artrock mit PROGNOSTIC im Rockmuseum / Gunna Wendt liest aus „Erika & Therese“, Im SALON-LiteraturVerlag „Plötzliche Hunde“ von Tania Rupel Tera, TV-Clip zur Vernissage von Dirk Schiff

Andreas Gabalier vs. Prognostic am 17.11.18 im Münchner Olympiapark. Er in der OlyHalle, wir im OlyTurm. Für die Programmgestaltung haben wir uns mit ihm abgestimmt: Er spielt nix von Genesis und wir verzichten dafür auf Hulapalu 🤗verspricht unser jourfixe-Mitglied Artur Silber, seines Zeichens Musik/PR–Manager, Mit-Inhaber der Downtown-Studios und Herzblut-Schlagzeuger, aktuell bei der Progressive Rock Band Prognostic, bei dessen Welturaufführung in unplugged-Variante ich die Ehre hatte, letzten Dezember anwesend zu sein …

Nachdem Lead-Sänger Charles Logan überraschend in seine Heimat USA zurück gekehrt ist, um sich um seine betagten Eltern zu kümmern, wartet die Band (Keyboards: Martin Stellmacher auf dem Foto in der Mitte und Bass: Arno Baum, rechts ) bei bei diesem Konzert gleich mit drei Gast-Vocals auf: Präsentiert Artrock forever mit Rockröhre CLAUDIA CANE, PETER GIELGEN und GEORG KLEESATTEL. Komplexe Kompositionen wie „Tarkus“ von Emerson, Lake & Palmer wechseln sich ab mit Songs u.a. von Genesis, Yes, David Bowie, Peter Gabriel und Jethro Tull.

SA, 17.11., um 20:00 Uhr Rockmuseum im Olympiaturm
Karten: € 22;– inkl. Auffahrt auf den Olympiaturm NUR ÜBER  München Ticket


SO, 18.11., um 11 Uhr  im KIM Kino im Einstein, Einsteinstr. 42

Gunna Wendt liest aus ihrem Buch „Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg“: Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erika Mann, talentierte Tochter Thomas Manns, und Therese Giehse, beliebte Theaterschauspielerin. Als sie sich kennenlernten, waren beide bereits etabliert und wagten kurz darauf dennoch einen Neubeginn: Am 1. Januar 1933 gründeten sie das politische Kabarett »Die Pfeffermühle«. Erika verfasste die Szenen, in denen Therese brillierte. Doch schon zwei Monate später mussten die beiden Frauen, die nicht nur das gemeinsame Projekt, sondern auch eine problematische Liebesbeziehung verband, ins Schweizer Exil, bis ihre Wege sich 1937 schließlich trennten. Gunna Wendt verarbeitet diese Schicksalsjahre zweier ungleicher Frauen zu einem einmaligen Doppelporträt, das Tabus und Traumata einer Generation nicht ausspart. (Quelle: Piper Verlag)


Literarisch weiter geht es mit einer Meldung von Franz Westner – SALON LiteraturVerlag, zur Buch-Neuerscheinung unseres jourfixe-Mitglieds, der Malerin und Autorin Tania Rupel Tera: „Plötzliche Hunde“:

52 Prosageschichten – Erzählungen, Motive, Impressionen. Und immer geht es um den Menschen, die Liebe, Träume und die Reise nach Innen. „Plötzliche Hunde“ ist ein Buch voller Überraschungen. Sie alle führen den Leser unverhofft in menschliche Höhen und Tiefen, in allem lauern Erfüllung und Abgrund dicht nebeneinander. Warum? Weil der Minotaurus vermutlich der Alltag ist? Tera schreibt ihre Literatur wie ein Jazzmusiker seine Songs – sie moduliert Motive, Geschehnisse, hebt Szenarien wie Soli heraus, nuanciert mit Wortspielen und schafft zwischen den hellen und dunklen Tönen des Lebens Raum für Interpretationen. Natürlich gibt es auch in den „Plötzlichen Hunden“ wieder Bilder und Zeichnungen der Autorin und Malerin!

Neugierig geworden? Dann einfach beim Verlag zum Subskriptionspreis von 15 EUR (regulär 21 EUR) – anfordern: bestellen@salonline.de
(In Kürze auch bei Ihrem Buchhändler und allen Online-Händlern erhältlich).

Die Buch-Präsentation im Literaturhaus am 22.11. musste leider aus familiären Gründen abgesagt werden – aber die „Plötzlichen Hunde“ lassen sich davon nicht abschrecken! Gestern stürmten sie ins Büro, machten es sich auf der Heizung bequem und warten nun auf fachkundige, verspielte und neugierige Frauchen und Herrchen … 😉  (Siehe obiges Foto)


Virtuelle „Nachlese“ der Red-Carpet-Vernissage 2018 „Münchner & Zuogroaste“ von Fotograf Dirk Schiff/portraitiert.de  im Hotel Le Meridien Munich zugunsten von Jutta Speidels Verein HORIZONT e.V. auf TV-München >


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„Warnung für die Zukunft“ … Zu den T4-Morden und der Verlegung von 32 weiteren Stolpersteinen in München

Ich weiß nicht, ob ich ihn gemocht hätte, sagte Margareta Flygt am Ende einer bewegenden Ansprache, aber Opfer sind auch nicht dazu da, um Heilige zu sein. So oder so – er hätte das Recht zu leben gehabt. Diese Worte galten Dr. Anton Braun, dem der erste Stolperstein der großen Münchner Verlegung am 12. November 2018 gewidmet war. Um der Verlegung für ihren ermordeten Angehörigen beizuwohnen, war Margareta von weit her, aus Malmö/Schweden angereist. Sie schilderte in einer sehr persönlichen Rede, wie sie selbst in der Schule, auf Grund ihrer deutschen Wurzeln, als „Nazi-Schwein“ beschimpft wurde, obgleich ihre Familiengeschichte die von Opfern des Nationalsozialismus ist.

Margareta Flygt aus Malmö mit dem Stolperstein für Dr. Anton Braun, 1910 – 1940

Dennoch sprach auch sie ein Verhalten an, das ich leider ebenfalls immer wieder beobachte, ein (unwillkürliches) Bewerten von Opfern, als gäbe es solche erster und solche zweiter Klasse. In Margaretas Familie sei lieber über den Großvater gesprochen worden, der aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt worden sei, oder über das Schicksal des jüdischen Onkels, als über den Tod im Gas des Cousins, denn dieser zählte zu den Opfern der sogenannten T4-Aktion, eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und  seelischen Behinderungen im Dritten Reich, unter Leitung der Zentraldienststelle T4, Abkürzung für Tiergartenstr. 4, in Berlin. (> MEHR)

Der Stolperstein für Dr. Anton Braun, verlegt von Bildhauer Gunter Demnig am 12.11.2018 in der Franziskaner Str. 41, in München-Haidhausen

Wie ich, lebte Anton Braun in Haidhausen, wurde 1910, sozusagen drei Ecken von mir entfernt, in der Schornstraße 1 geboren und promovierte als Chemiker. Möglicherweise ausgelöst durch den Prüfungsstress, erkrankte er mit 28 Jahren an Schizophrenie und wurde mehrfach in die psychiatrische Anstalt Eglfing-Haar eingeliefert. Vermutet wird auch, dass eine homosexuelle Orientierung erschwerend (nach NS-Maßstäben) hinzu kam. (Hierzu s. im jourfixeblog.wordpress.com den Beitrag > Rosa Winkel)

Schloss Harteim, heute Gedenkstätte, Quelle

Es folgten mehrere Einweisungen in die Psychiatrie – mit ihren damals brutalen „Heilmethoden“. In Folge wurde Braun einer Zwangssterilisation unterzogen und schließlich, am 24. Oktober 1940, nach Schloss Hartheim überstellt. Für Anton Braun bedeutete das die „Endstation“ seines Lebens, mit gerade 30 Jahren … denn noch am selben Tag kam er dort zu Tode. Der Familie wurde als Ursache eine Sepsis angegeben, erläuterte Prof. Michael von Cranach. Der Mediziner (…) hat wesentliches zur Aufarbeitung der Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus geleistet und ist bei seinen Forschungen auch auf die Krankenakte von Anton Braun gestoßen, neben dessen Name sich vielsagend der Stempel „arbeitet nicht!“ befand.

Transportbus für die Invaliden nach Schloss Hartheim; Quelle

Die rigorose Entsorgung aller Menschen, die der Allgemeinheit nicht (länger) dienlich sind … Ein Horrorszenario auch für mich persönlich, da ich wegen meiner psychosomatischen Beschwerden schon seit 2014 Frührente (+ HartzIV) beziehe. Und doch gelingt es mir, mich auf vielfältige Weise in die Gesellschaft einzubringen. Dr. Braun hätte das möglicherweise auch gekonnt, wenn er nur eine Chance dazu erhalten hätte. Inklusion als Chance nicht nur für die Betroffenen, sondern ebenso für die Gesellschaft zu begreifen, sehe ich als einen vielversprechenden Ansatz, der ausgebaut und vor allem behütet sein will: In seiner Rede zeigte sich Professor von Cranach erschüttert über den Umstand, dass nicht etwa eine Auswahl finsterer NS-Doktoren hinter der T4-Aktion gestanden sei, sondern schlichtweg die honorige ärztliche Elite jener Zeit! Bei T4  habe es sich um Höhepunkt und Umsetzung einer Diskussion gehandelt, die bereits seit der Jahrhundertwende in Gang gewesen sei, bezüglich des Umgangs mit „lebensunwerten“ Elementen in der Gesellschaft. Das nationalsozialistische Regime habe lediglich dem sogenannten „Gnadentod“ (Welch zynischer Euphemismus!) endgültig die Tür aufgestoßen. Professor von Cranach schloss mit dem Appell, dass die Kenntnis der Vergangenheit noch aktiver in die Gegenwart getragen werden müsse, als Warnung für die Zukunft!

Momentaufnahme der Rede von Professor Michael von Cranach, ganz links im Bild

Vor diesem Hintergrund, beziehungsweise in diesem Zusammenhang irritiert mich sehr, dass die Münchner Abendzeitung noch am selben Tag, in einem Artikel von Myriam Siegert Wieder Debatte um Stolpersteine, einmal mehr die deutsch-israelische Fotografin und vehemente Stolperstein-Gegnerin Gabriela Meros zu Wort kommen lässt: Meine Mutter fragt immer wieder: Warum verstehen es die anderen nicht, dass uns (jüdische Bürger*Innen) das verletzt?“, sagt Gabriella Meros. Eine Frage, die München seit langem umtreibt. „Was haben die Stolpersteine bisher gebracht?“, fragt sie. „Der Antisemitismus steigt.“ (> MEHR)

Den Sinn der Stolpersteine unmittelbar der Bekämpfung des aktuellen Antisemtismus zuzuordnen, empfinde ich als einseitige, da aus dem Gesamt-Kontext gerissene Betrachtung.

Aktivistin Edith Grube mit ihrem Stolpersteine-für-München-Anstecker, den sie nie ablegt

Vielmehr stellen doch die Stolpersteine eine von den Nachkommen freiwillig gewählte Form – unter mehreren Möglichkeiten – des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus dar und zwar gleichermaßen für ALLE OPFERGRUPPEN! Nun ist ja gerade über die sogenannten „Euthanasie-Programme“ noch vergleichsweise wenig bekannt, so dass für mich die Konfrontation mit dieser Thematik, zum Auftakt der Stolperstein-Verlegungen vom 12.11.2018, eine wichtige neue Erfahrung bedeutet hat, sowohl von der menschlichen Tragik, wie auch von der medizinisch historischen Seite her. Davon zeugt für mich von nun an der Stolperstein für Dr. Anton Braun, in der Franziskaner Str. 41, in München-Haidhausen.

Dr. Monika Offenberger, Vorstandsmitglied „Stolpersteine für München“

Verlegt wurden diesmal insgesamt 32 Stolpersteine, so viele, wie nie zuvor in München – und auch diesmal eigenhändig von ihrem Schöpfer, dem Bildhauer Gunter Demnig, der die Stolpersteine als ein Kunstprojekt für Europa konzipiert hat. Federführend bei den Münchner Verlegungen, so auch diesmal, ist der Verein Stolpersteine für München. Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How und – noch wichtiger: Leidenschaft für die Sache, wie er selbst bekundet.

„Der Mr. Stolperstein aus München“ nannte ihn Deutschland Radio Kultur schon 2015 – Terry Swartzberg, mit der Politikerin Claudia Stamm, Gründungsvorsitzende der Partei MUT

Dass die Anzahl (!90 aktuell) der in München verlegten Stolpersteine stetig wächst, erklärt sich aus der pfiffigen Lösung, die der Verein gefunden hat: Die Stolpersteine werden so platziert, dass sie sich gerade noch auf privatem Grund befinden, aber dennoch, so betonte auch Stolpersteine-München Vorstand Dr. Monika Offenberger in ihrer Ansprache, öffentlich gut sichtbar liegen. > Mehr zu den Standorten in ganz München. Hinzu kommt, dass sich erfreulicherweise immer mehr Hauseigentümer*Innen zur Verlegung von Stolpersteinen auf ihrem Grund bereit finden.

Bildhauer Gunter Demnig hat fast alle der inzwischen 70.000 Stolpersteine europaweit eigenhändig verlegt

Mehr zu den Verlegungen vom 12. November 2018 findet sich aktuell auf der Homepage des Vereins Stolpersteine für München e.V., unter > „NEWS“


Presse/Medien:


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

sowie ein Beitrag zum neu gegründeten Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V., dem die aktuelle Kompromisslösung, Stolpersteine auf privatem Grund zu verlegen, nicht weit genug greift: > Auch Heilige liegen am Boden


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jourfixe-News: „Starke Frauen“ Festkonzert unter Schirmherrschaft von Dr. Angela Merkel

Ein nachdrückliches Zeichen hinsichtlich der Forderung nach Gleichstellung von Frauen in der Musik setzt das Festkonzert „Starke Frauen“ in der Münchner Philharmonie, am 11.11./19 Uhr, aus Anlass von „100 Jahren Wahlrecht für Frauen“ mit dem Frauenorchester „Europamusicale“, unter der Leitung der estnischen Dirigentin Kristiina Poska (s. Titelbild) und mit Lauma Skride als Klaviersolistin. „Europamusicale“ steht in einer feministischen Traditionslinie: Vor mehr als hundert Jahren wurde bereits dazu aufgerufen, Frauenorchester zu gründen, da große Orchester keine Frauen einstellten, schreibt dazu die Neue Musikzeitung in der Ausg.: 11/2018: „Vom Ende der Unsichtbarkeit“

Lauma Skride, Klaviersolistin beim Festkonzert „Starke Frauen“ in der Münchner Philharmonie, 11. November 2018

Starke Frauen in der Musik hat es immer gegeben, allen Widerständen zum Trotz, ergänzt der veranstaltende Müchener Konzertverein e.V. Als vor ca. 100 Jahren ernsthaft aufgerufen wurde Frauenorchester zu gründen, war es eine Verzweiflungstat, da Musikerinnen zwar in den Musikhochschulen ausgebildet wurden, aber die Orchester keine Frauen einstellten. Hundert Jahre später, 1997 brachen die Wiener Philharmoniker nach weltweitem Protest ihre Tradition als reiner Männerverein öffentlich aufzutreten. Ihre Frauenquote lag 2006 bei 0,86 %. Auch die Berliner Philharmoniker, die 1982 erstmals Madeleine Caruzzo als erste Geige aufnahmen, hatten ein Jahr später mit der Klarinettistin Sabine Meyer ihren Skandal im Kampf um die Geschlechtergleichheit. Ähnliche Formen der Diskriminierung fanden in fast allen hoch bezahlten Orchestern statt. 
Heute sieht die Situation für Frauen deutlich besser aus, aber von Gleichberechtigung kann noch lange keine Rede sein wie die Studie des Deutschen Kulturrats mit Unterstützung von Staatsministerin Prof. Monika Grütters aus dem Jahr 2016 dokumentiert. (MEHR)

Über die noch immer unbefriedigende Situation der Frauen in der Musikwelt habe ich schon des öfteren hingewiesen, u.a. in meinem Beitrag „Die feminine Saite“, in Kooperation mit dem Verein mfm musica femina münchen, der sich dem Andenken früherer und der Förderung aktueller Komponistinnen und Dirigentinnen widmet. Neben dieser Basisarbeit bietet ein Festkonzert wie „Starke Frauen“ jene Art hochkarätiger Plattform in der breiten Öffentlichkeit, die für eine nachhaltige Förderung von „Frauen in der Musik“ unverzichtbar ist:

So steht das Konzert unter Schirmherrschaft der deutschen Bundeskanzlerin und das Grußwort spricht die Bayer. Staatsministerin Kerstin Schreyer, MdL. Auch das Festkomitee ist glänzend besetzt, mit: Prof. Susanne Porsche (Vorsitzende), Prof. Dr. Dr. Ann-Kristin Achleitner, der bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Prof. Dr. med. Marion Kiechle sowie Regine Sixt

Ergänzend zum Konzert interviewt W-Plan (ein Magazin der SZ) vor dem Konzert um 18.15 Uhr die Dirigentin Silvia Caduff, die erste GMD in Deutschland (Solingen).


Sonntag, 11. November 2018, 19 Uhr Philharmonie im Gasteig/München

„Starke Frauen“ – Festkonzert anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
Europamusicale Frauenorchester
Lauma Skride, Klavier
Kristiina Poska, Leitung
Sofia Gubaidulina (*1931) „Märchenpoem“ („Fairytale Poem“) für Orchester (1971)
Clara Schumann (1819-1896)  Klavierkonzert Nr. 1 op. 7 a-Moll (1835)
Emilie Mayer (1812-1883)  Symphonie Nr. 5 f-Moll (1862)

Karten: € 30;– bis € 62;–
München Ticket
oder
www.konzert–verein.de


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„Münchner & Zuagroaste“ – Vorschau auf die Red Carpet Vernissage 2018 von Fotograf Dirk Schiff

Mosaikartig kristallisiert sich aus den Portraits und Stadt-Ansichten von Fotograf Dirk Schiff jenes Flair heraus, das die bayerische Landeshauptstadt und deren Bewohner charakterisiert: Eine aussterbende, aber noch einflussreiche Gruppe lupenreiner Münchner Urgesteine, wie die ehemalige Prominentenwirtin, Schauspielerin und Autorin Toni Netzle oder Großbuchhändlerin Nina Hugendubel, zu denen sich Zuagroaste in wachsender Überzahl und unterschiedlichster Couleur gesellen, ob nun Tresenfürst Charles Schumann oder Serienhauptdarsteller Sebastian Fischer (Sturm der Liebe), Unternehmer und Nobelgalerist Dirk Kronsbein oder Fußball-Legende Lothar Matthäus, Influencer*Innen wie Alexandra Polzin und internationale Leinwandhelden, wie Mario Adorf.

Dieses Portrait von Gunna Wendt stammt aus dem Fotoshooting 2018 in der Monacensia, dem „literarischen Gedächtnis der Stadt“. Auf Gunnas Biografie beruht mein Historical „Franziska zu Reventlow – Zum 100. Todestag“.

Beispielhaft für die enge Bindung einer aus dem Hohen Norden Zuagroasten zu ihrer Wahlheimatstadt München ist die Schriftstellerin Gunna Wendt, in deren Biografien sich eine Reihe Schwabinger Legenden so lebensnah verewigt finden, dass sie dafür mit dem Schwabinger Kunstpreis auszgezeichnet wurde. Ein Foto für Peymann Amin, Ex-Juror von Germany’s Next Topmodel hielt Dirk Schiff auch bereit – und selbstredend 😉 für mich, als Leiterin der Kulturplattform jourfixe-muenchen, der Dirk angehört.

Ansicht des Nymphenburger Schlosses in München; Foto Dirk Schiff

Womit wir beim Stichwort „Seilschaften“ angelangt wären, die hier besonders gut funktionieren, zumal die Stadtgesellschaft, obgleich aus einem Mix kontrastierender Charaktere zusammen gewürfelt, sich eines gemeinsamen Nenners erfreut: Dem des allgemeinen Selbstverständnisses „mia san mia“ – wer oder was auch immer … Man feiert und inszeniert sich gerne und oft, anhand eines barocken Lebensstils, der den nahen Süden erahnen lässt …

Wies’n Madl Anne Schiff, Ehefrau des Künstlers, Oktoberfest 2018

Dabei kleidet man das Münchnerische mitunter neu ein, buchstäblich bei den fantasievollen Oktoberfest-Outfits, die mit Tracht wenig, mit Zuckerguss umso mehr zu tun haben, zur großen Freude von Designern und Betrachtern, hinreißend festgehalten in einem Foto, das Anne Schiff, ironisch verschämt, in einem pinkfarbenen Dirndl dominiert. Die Biotope intellektueller Askese vertritt in dieser München-Ausstellung Rainer Langhans, 68-er Ikone und Ex-Bewohner des RTL Dschungel-Camps. Der US-amerikanische Jude Terry Swartzberg engagiert sich derweil für die Verlegung von Stolpersteinen in München und für Bürgerrechte, während Jutta Speidel sich seit Jahren für obdachlose Mütter einsetzt. An ihre Verein HORIZONT e.V. geht daher auch ein Teil des Erlöses der Fotos. Dirk Schiff schreibt dazu auf der Homepage von portraitiert.deDie Schauspielerin Jutta Speidel habe ich bereits für meine erste Fotoausstellung We are all the same! portraitiert. Daraus ist eine tolle Zusammenarbeit entstanden. Ich konnte Einblicke in die wundervolle Vereinsarbeit von Frau Speidel gewinnen und habe mich dazu entschlossen, HORIZONT e. V. mit meiner Ausstellung zu unterstützen. Sie können jetzt bereits Fotos der Ausstellung in unserem Shop erwerben. Mit jedem Kauf spenden Sie 25 Prozent des Kaufpreises an HORIZONT e.V.

Im Pressetext des veranstaltenden Hotels Le Méridien München heißt es entsprechend: Die Münchner verbindet seit jeher ein besonderes Verhältnis zu Vielfalt, zu Engagement – und vor allem auch zu ihren Neu-Münchnern. „Das haben wir in bewegender Form 2015 erlebt, als die Stadt tausende Flüchtlinge willkommen hieß“, so der Fotokünstler Dirk Schiff. Bereits im letzten Jahr sendete er mit den 80 Porträts von Prominenten, Flüchtlingen und Menschen von nebenan, im Rahmen von We are all the same! – Wir sind alle gleich! eine eindrucksvolle Botschaft über den Wert von Offenheit in unserer Gesellschaft.

Geben und Nehmen bei der Kulturplattform jourfixe-muenchen: Mitglied Franz Westner​, Kulturmanager und Verleger (SALON LiteraturVerlag) verbrachte seinen Feiertag bei den Vorbereitungen zu Dirks Ausstellung 2018 im Showroom des Le Méridien zu helfen.

Den Musikteil des Abends bestreiten der Sänger und Schauspieler Ben Blaskovic, (sein Portrait ist links auf dem Foto zu sehen) mit Songs seines aktuellen Albums Those who dig  sowie Tuija Komi, bekannt aus The Voice of Germany und kürzlich von der Süddeutschen Zeitung als echte finnische Jazz-Diva bezeichnet. Sie wird Titel ihrer neuen CD Land Of The Midnight Sun vorstellen.

Bei beiden Musikern handelt es sich natürlich um Künstler, für die Dirk Schiff in seiner Ausstellung ebenfalls „ein Foto hatte“.

Theresa Klamert, Schauspielerin

„Mich interessieren die Geschichten, die hinter den Gesichtern von Menschen stecken.“ erläutert Dirk Schiff auf seiner Homepage. Und einmal mehr ist es ihm gelungen, diese hinter den ausdrucksstarken Portraits durchschimmern zu lassen. Auch der Stadt selbst begegnet man in dieser Ausstellung, eingefangen in Momentaufnahmen, die durch ungewöhnliche Details und Perspektiven bestechen.

Inzwischen hängen die Bilder, hier eine kleine Foto-Dokumentation:

Geschafft! Die erste  Die erste Wand mit Bildern von Wahl/Münchnern für die Red-Carpet-Vernissage 2018 von jourfixe-Mitglied, Fotokünstler Dirk Schiff steht im großzügigen Showroom des Hotels Le Méridien München 

Geschafft! Die erste Wand mit jener Auswahl an Münchnern & Zuagroasten, die Dirk Schiff für seine diesjährigeRed-Carpet-Vernissage zusammengestellt hat:  Beispielsweise der „Stadtschreiber“ – jawohl, München gönnt sich so etwas nach wie vor  Andriano Riegerhof, Filmlegende Mario Adorf oder auch der vielseitige jourfixe-Künstler Albrecht von Weech, oben rechts im Bühnen-Outfit zu sehen. bei einem Shooting zu „Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz“, ein Historical, in dem Albrecht die UFA-Hits von Zarah Leander & Co. singt. Die Aufführung findet übrigens 2 Tage nach Dirks Vernissage, also am 7.11./19.30 Uhr, in der Pasinger Fabrik statt …


Dirk Schiffs Vernissage Münchner & Zuagroaste findet am Montag, 5. November, um 19 Uhr statt, wie immer im Hotel Le Méridien München.


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„Schlägerbobbe mit Herz“ – Portrait der Münchner Aktivistin Edith Grube, die im Oktober 2018 vor Gericht muss

Als ich im September 2018 meiner Freundin Edith zum Geburtstag gratulieren wollte, lies sie mal eben die neueste Bombe aus ihrer bewegten Vita als Kultur- und Politaktivistin platzen: Am 17. Oktober steht sie in München vor Gericht! Dazu schreibt erläutert der deutsch-türkische Blogger und Polit-Aktivist Kerem SchambergerEdith Grube soll 2250;- € Strafe zahlen, weil sie von meiner Facebookseite zwei Beiträge mit YPG-Symbolen* geteilt hat. Dies hat sie natürlich nicht akzeptiert und nun kommt es zum ersten Prozess in diesem Fall in München. Es wird der Auftakt einer langen Reihe von Prozessen in diese Richtung sein*. Umso wichtiger ist es dem Gericht zu zeigen, dass wir alle solidarisch an der Seite von Edith und allen anderen Verfolgten stehen. (…) Ebenso berichtet das investigative Magazin MONITOR über diesen Fall. *(Bei der YPG handelt es sich um die mit den USA verbündete kurdische Miliz, nicht etwa um die verbotene PKK)
Wer aber ist eigentlich diese Frau, Freundin und Weggefährtin, deren Aktivitäten ich erst seit zwei Jahren begleite und die mir dennoch in vielerlei Hinsicht so nahe steht? Erstmals getroffen haben wir uns bei einer Führung durch die neue Münchner Synagoge am St. Jakobsplatz im Frühsommer 2016 und kurz darauf bei der ersten großen Verlegung von Stolpersteinen auf privatem, aber öffentlich gut einsehbarem Grund. Diese Aktion führte uns kreuz und quer durch das Münchner Zentrum und bot ausgiebig Zeit für erste Gespräche. Dabei erläuterte mir Edith, dass sie zwar aktiv die Initiative „Stolpersteine für München e.V.“ unterstütze, bewusst dort aber nicht Mitglied sei, um unabhängig  von jenen Rücksichtnahmen zu bleiben, die die Mitgliedschaft in einem Verein mehr oder weniger beinhaltet. Ebenso wenig liegt ihr die verzwirbelte und alles weich spülende Rhetorik, die, im Namen politisch erforderlicher Kompromisse, unsere Volksvertreter*Innen zwangsläufig kennzeichnet. Meiner Meinung nach muss es ebenso „political correctness“ wie außerparlamentarischen Klartext geben, das eine jeweils als Korrektiv des anderen, wobei Edith, ebenso wie ich, uns letzterem verschrieben haben. – Weil wir gar nicht anders können 😉

Die große Stolperstein-Verlegung im Juli 2016 auf privatem Grund in München hat Edith Grube und mich zusammen geschweißt … Foto: Terry Swartzberg, Vorstand „Stolpersteine für München e.V.“

Leidenschaftlich engagiert, mit fundiertem Sachwissen und dabei mitunter im Ausdruck herzerfrischend baiuwarisch-krachert, so lesen sich im Internet die Posts von Edith Grube, auf die ich vor einiger Zeit aufmerksam wurde, nicht zuletzt, weil Edith weitestgehend die selben politischen Standpunkte und Werte wie ich vertritt, seinerzeit vor allem allem in Bezug auf das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen in München und der Sorge wegen des wachsenden Rechtsrucks in unserer Gesellschaft. Allerdings positioniert sich Edith kompromissloser, ist sie doch im Schatten des Holocaust aufgewachsen:

1938 lebten die Grubes in einer Wohnung der jüdischen Gemeinde. Bevor sie von dort vertrieben wurden, erlebten sie vom Wohnzimmerfenster aus noch die Zerstörung der Alten Hauptsynagoge

Ihr Vater Werner und ihr Onkel Ernst Grube waren, als Söhne einer Jüdin, die in die protestantische Familie Grube eingeheiratet hatte, noch am 21. Februar 1945, gemeinsam mit der Mutter, von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert worden. Der späte Zeitpunkt der Deportation rettete ihnen das Leben und war der Charakterstärke des „arischen“ Vaters zu verdanken. Dieser hatte sich stets einer Scheidung von seiner jüdischen Frau widersetzt, trotz massiven Drucks des Regimes. Ernst Grube äußerte gegenüber Edith, dass ihm dadurch von seinem Vater zum zweiten Mal das Leben geschenkt worden sei. Wer kann das schon von  seinem Papa sagen, kommentierte Edith, als sie mir einmal die Geschichte ihrer Familie erzählte. Zivilcourage bewies Großvater Grube auch im alltäglichen Umgang mit nationalsozialistischen Verfügungen. So unternahm er mit seinen Buben Werner und Ernst einen Ausflug in den Tierpark Hellabrunn , obwohl jüdischen Kindern der Zutritt zum Zoo verboten war. Der Vater zog den Kindern einfach einen Mantel über deren Judenstern und ermöglichte ihnen einen Nachmittag voller kindlicher Freude und einem Hauch Normalität. Die Notwendigkeit zu Zivilcourage und politischer Wachsamkeit ergibt sich für Edith entsprechend schon aus der Chronik ihrer Familie …

Ernst Grube während seiner bemerkenswerten Dankesrede zum Georg-Elser-Preis 2017 im NS-Dokumentationszentrum München. Sehr traurig für Edith, dass ihr Vater diesen Augenblick, im Kreis der Familienangehörigen, nicht mehr erleben durfte; Foto: Titelmotiv meines entsprechenden Blogbeitrags

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich die Brüder Grube nach dem Krieg für die Aufklärung über den Holocaust, für  Menschenrechte und Demokratie engagierten. Ediths Vater Werner Grube starb bereits vor einigen Jahren, ihr Onkel Ernst Grube jedoch ist aktuell Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau sowie Landessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes. 2017 wurde er von der Landeshauptstadt München mit dem Georg-Elser-Preis ausgezeichnet. Dabei heißt es unter anderem in der Begründung der Jury:  Nicht die Bequemen verteidigen die Demokratie …

Seltener Freizeit-Spass: Werner Grube beim Tanz mit der Ex-Schwiegertochter, um 1980

…. und oft erweisen sie sich auch im Familienkreis als keine ganz einfachen Zeitgenossen … Der Gedanke, einmal hinter die Kulissen einer solchen Familie blicken zu dürfen, beschäftigte mich schon einige Zeit, und so bat ich Edith um ein Interview darüber, was es für sie bedeutet, „eine Grube“ zu sein. Tochter eines Vaters zudem, dessen Jähzorn ihm den Spitznamen „Louis de Funes“ eingebracht hatte. Edith skizzierte das Familienbild konsequenter Linker. Ediths Mutter Josepha teilte das politische Engagement ihres Mannes. Beide Eltern verbanden sich mit politisch Gleichgesinnten, um gemeinsam dafür kämpfen dass Nazis nicht wieder an die Macht kommen. Mama hat mit vielen Jugoslawinnen zusammen gearbeitet, war Personal-Rätin und in der Gewerkschaft.

Klein-Edith (ganz rechts) als „Heidenkind“ bei einer Prozession; Foto Anfang der 1960er Jahre, Haidhausen

Edith fühlte früh, dass ich nicht gleich war mit den anderen. Ich war die kleinste, nicht getauft, besuchte aber den angegliederten Kindergarten eines katholischen Knabenheims am Johannisplatz, denn beide Eltern mussten arbeiten, Mama als Putzfrau im Deutschen Museum und mein Vater als selbstständiger Malergehilfe, erinnerte sich Edith, die damals mit ihren Eltern im Herzen Haidhausens wohnte. Bereits dort zeigte sich ihr ausgeprägter Eigensinn. Weil ich mich so aufgeführt habe, gelang es Klein-Edith sogar, vom eigentlich obligatorischen Mittagsschlaf entbunden zu werden, was einzigartig in der Geschichte aller Kindergärten dieser Welt sein dürfte … 😉

Wildfang Edith auf dem Spielplatz vor der Kirche St. Johann Baptist in Haidhausen, Anfang der 1960er Jahre

Dass sie sich ständig auf Konfrontationskurs begab, führt Edith auch darauf zurück, dass sie 10 Jahre nach ihrem Bruder Bernhard geboren wurde, dem sie die vielen Freiheiten des Älteren neidete. Aber vor allen dürfte sich die traumatische Vergangenheit des Vaters und der Großeltern auf sie ausgewirkt haben. Schon mit circa sechs, sieben Jahren begleitete sie den Vater zu Mai-Kundgebungen, Demos sowie Gedenkveranstaltungen im KZ-Dachau, ohne damals die Zusammenhänge zu begreifen. Vielmehr blieben ihr solcherart Veranstaltungen als Remmidemmi mit Fahnen in Erinnerung, bei denen wir Kinder fangen gespielt haben.

Die Brüder Ernst (li) und Werner Grube, Holocaust-Überlebende und sehr verschiedene Seiten einer Medaille

Damals lagen hinter den Grube-Brüdern bereits bewegte Jahre der Nachkriegszeit, in die das Schicksal zwei blutjunge traumatisierte Männer entlassen hatte, die dafür brannten, der Welt die Augen zu öffnen, für das Schreckliche, das sie erlebt hatten. Doch die Nachkriegsgesellschaft zeigte kein Interesse, wollte in die Zukunft blicken. Im Haus der Grubes hingegen standen der persönliche Einsatz dafür, dass sich sowas nie wiederholt und die damit verbundene politische Arbeit, immer an erster Stelle. Dabei orientierten sich die Brüder, als Gegenreaktion zum NS-Regime, politisch nach links, obgleich zu der Zeit bereits ein Amerika-Aufenthalt hinter Werner lag, aber da war er ja noch Jude und noch nicht Kommunist, kommentiert im Nachgang die Tochter.

Babyfoto von Edith Grube, die 10 Jahre nach ihrem Bruder Bernhard zur Welt kam

Die Vergangenheit des Vaters nahm in ihrer Kindheit zunächst nur zögerlich Gestalt an. Auf dem Firmenschild der Grubes prangte neben dem Namenszug Malerbetrieb – Werner Grube öfter mal ein hingeschmierter Davidstern … Zu Hause gab es auch einen Kasperl, den hatte Werner Grube von seinem Kindheitsfreund Bernhard Ostertag geschenkt bekommen, mit der Zusicherung: „Wir sehen uns wieder.“ Doch stattdessen fuhr der kleine Bernhard nichts ahnend in den Tod. Dass sein Sohn nach dem Freund aus Kindertagen benannt werden würde, stand für Werner Grube noch vor seiner Eheschließung fest und so kam es dann auch. Für Nachzüglerin Edith hatte der sowohl beruflich wie auch politisch stark eingebundene Vater wenig Zeit. Im Rückblick kann sie sich nicht daran erinnern, jemals auf dem Schoss meines Vaters gesessen zu sein. Eine einzige Kino-Vorstellung besuchte er mit ihr, die daher unvergessen blieb: „Walt Disneys Dschungelbuch“. Vielmehr wurden der kleinen Edith – zwar nicht ganz kindgerecht, aber auch nicht verkehrt – praktische Kenntnisse vermittelt, wie der Umgang mit einer Laubsäge und das Tapezieren. Er lehrte sie aus dem, was Du hast, mit dem geringsten Aufwand das Beste zu machen.

Edith Grube kurz vor dem Teenager-Alter

Auf Grund der DKP-Beziehungen des Vaters ging es ab 1970 für Edith jedes Jahr zur Jungpionier-Erholung in die DDR. Sie berichtete mir in schillernden Farben von einem gemeinschaftlichen Klo auf Donnerbalken, Bungalows mit Stockbetten, – ich immer im obersten -, Pioniertüchern in Rot und in Blau, zu binden mit einem bestimmten Knoten und dem obligatorischen Morgenappell. Die Aufenthalte erstreckten sich immer über zwei bis drei Wochen und machten Edith anfangs großen Spaß. Sie spielte zusammen mit den anderen Kiddies von Parteigenossen. Man war gut beschäftigt, aber irgendwann empfand Edith ihre DDR-Kameraden als zu aufdringlich: Die wollten von mir Jeans und Mickey Mouse und so, und das hat mir die Luft genommen. An ihren letzten Aufenthalt im Ferienlager,1977, erinnert Edith sich noch besonders gut: Da ist der Elvis gestorben. Das war vielleicht ein Geheule im Bungalow! Mädchen und Jungens schliefen in getrennten Bungalows – und ich bin dann nachts immer zu den Jungs rüber …

Edith in jungen Jahren

Über seine Jugend in der NS-Zeit sprach der Vater nie; es gab genug anderes zu tun, zum einen als selbstständiger Handwerker, sowie auf Kundgebungen, gegen den  Vietnam-Krieg, es gab die Spannungen um Israel, die Friedensbewegung der Hippie Flowerzeiten. Die Schatten der Vergangenheit gewahrte die junge Edith weiterhin nur am Rande, wenn bei uns das Firmenschild mit dem wieder einmal mit Schmierereien verunstaltet worden war. Als dann noch auf der Plakatwand gegenüber der Satz „Judas verrecke“ zu lesen war, reichte es Werner Grube. Erwandte sich an die Polizei und stellte sich als „Werner ISRAEL Grube“ vor.– Israel ist doch ein Staat? wunderte sich die kleine Edith. Der Vater klärte auf. Die Polizeit tat – nichts! Mit den Jahren schlichen sich verstärkt Anzeichen eines neu aufkeimenden Rechtsextremismus in das Leben der Grubes ein: Da haben wir im 2. Stock einen von der Wehrsportgruppe Hofmann wohnen gehabt, den hab ich verprügelt, nachdem dieser antisemitische Tiraden zum besten gegeben hatte. Beschwerden bei der Polizei seien weiterhin sinnlos gewesen – Eine Erfahrung, aus der heraus Edith ihre zupackende Art entwickelt hat, frei nach dem Motto: „Hilf Dir selbst zu Deinem Recht, dann wird Dir geholfen!“ Und die ihr in jüngeren Jahren den Spitznamen „Schlägerbobbe“ einbrachte.

Edith in der für sie so typischen kämpferischen Pose, in den späten 1990er Jahren als Bedienung in Haidhausen

Der DKP vermochte Edith mit zunehmendem Alter nicht mehr viel abzugewinnen, so dass sie sich später der Eingliederung in die SDAJ (Soziale Deutsche Arbeiter Jugend) verweigerte, weil man in solchen politischen Zirkeln nur zusammen hockt und diskutiert, und das alles ganz ohne Gaudi. Auf Dauer erschien dem kritisch beobachtendem Teenager das alles zu doktrinär, so dass sie sich häufiger Grundsatz-Debatten mit ihrem Vater lieferte. Warum er denn im Westen lebe, wenn ihm das DDR-System soviel mehr zusagte? Mit der Zeit wurden Edith aber auch die Zusammenhänge klar, die zum politischen Tunnelblick des Vaters geführt hatten: Seine Befreiung aus dem Konzentrationslager, in letzter Minute, durch die Rote Armee. Als umso bedrückender erlebte er den Zusammenbruch des Kommunismus, blieb aber Zeit seines Lebens dieser Ideologie verbunden. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst trat er in späteren Jahren häufig als Zeitzeuge auf und sprach von jenen Erlebnissen, über die er daheim schwieg. Ich habe immer darauf gewartet, dass er mir  freiwillig etwas erzählt, war mit ihm auf diversen Veranstaltungen, habe gesehen, wie sein Mund schmal und sein Gesicht fahl wurde, sich Schweißperlen bildeten … Ich denke, es fällt einem leichter, Fremden gegenüber von schockierenden Erlebnissen und Eindrücken zu sprechen, weil der Rahmen dort kein persönlicher ist.

Edith mit Ehemann Robert am 60. Geburtstag von Gaby dos Santos,, im Haus von Terry Swartzberg, Juni 2018

Es gab jedoch einen Menschen, dem sich Werner Grube vor seinem Tod doch etwas mehr zu öffnen vermochte: Robert, Ediths späterer Ehemann, der mit seiner mentalen Nähe zu ihrem Vater die Weichen für die Nähe auch zu ihr stellte … Viele ihrer politischen und kulturellen Aktivitäten teilt er; allerdings mit Edith bei allem mitzuhalten, würde kein Mensch schaffen. Ich am allerwenigsten, doch hat mir Edith, im Rahmen meiner gesundheitlichen Möglichkeiten, gleich nach unserem Kennenlernen bei den Stolperstein-Aktionen, Zugang zu einer weiteren, für mich bis dahin unbekannten Welt verschafft: Die der unter uns, oft inkognito bzgl. ihrer ethnischen Abstammung, lebenden Minderheit der Sinti und Roma, über die unsere Mehrheitsgesellschaft bis heute kaum Konkretes weiß. Eines Tages „schleppte“ – anders lässt es sich im Nachgang kaum formulieren – mich Edith zu einer Institution namens „Madhouse„. Allein schon der Name verwirrte mich. Ich erfuhr, dass es sich hierbei um das Familienberatungszentrum für Sinti und Roma in München handelte, quasi im Alleingang vom Sinto Alexander Diepold vor 30 Jahren gegründet; eine dringend nötige Maßnahme, denn während die jüdische Minderheit gleich nach dem Krieg Reparationen erhielt, blieben die Lebensumstände der ziganen Ethnien in Deutschland lange prekär.

2.10.2016: Edith Grube, vorne, hat mich mit den Sinti-Schwestern Silvana und Ramona bekannt gemacht, sowie mit (ganz rechts) der Roma-Soziologin und Filmemacherin Iovanca Gaspar, Madhouse-Mitarbeiterin

Und da Edith keine Freundin halber Sachen ist, begann sie tatkräftig, Alexander Diepold bei seinem Anliegen zu unterstützen, einen festen Gedenktag für die in der NS-Zeit aus München deportierten und ermordeten Sinti und Roma zu etablieren. Seit 2018 steht nunmehr der 13. März als fester Termin in der Erinnerungs-Agenda der Landeshauptstadt München fest: Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen … Nach Monaten als Ehrenamtliche arbeitet Edith inzwischen offiziell als Verwaltungsangestellte bei Madhouse und koordiniert zudem die kulturelle Zusammenarbeit von Alexander Diepold, in Fragen der Sinti- und Roma-Kultur, mit der Kulturplattform jourfixe-muenchen, bei der er jetzt Mitglied ist.

Red Carpet und Promis? Kein Thema fur Edith, die gerade Chansonnier Albrecht von Weech (rechts sitzend) („Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz„) über die Lebenssituation der Sinti und Roma aufklärt; Oktober 2017, bei der Benefiz-Vernissage „We Are All The Same“ von jourfixe-Mitglied, Fotokünstler Dirk Schiff

Neben Angelica Fell, geschäftsführender Vorstand der inklusiven Freien Bühne München, empfinde ich Edith als die begnadetste und eloquenteste – manchmal fast zu sehr 😉 – Netzwerkerin überhaupt! Immer wieder erlebe ich, wie Edith die Fäden – respektive Menschen – zu irgendeiner neuen, politisch und oder kulturell wirksamen Task Force zusammen führt. Widerspruch zwecklos! Dabei stattet sie alle von ihr Auserkorenen mit dem jeweils erforderlichen Hintergrundwissen aus. Kein Wunder, sondern folgerichtig, dass ich kurz nach unserem Kennenlernen feststellen durfte, dass sich mein bester Freund und jourfixe-Vorstand Jon Michael Winkler und Edith bereits seit den 1990er Jahren kennen und schätzen, als sie in Jons Stammkneipe als Bedienung arbeitete. Dank Edith haben sich in meinem Leben in letzter Zeit viele Kreise geschlossen … Hinzu kommt ihre große Hilfsbereitschaft: Wann auch immer in den beiden letzten Jahren Not am Mann bzw. an mir Frau herrschte, fand sich Edith ohne Umschweife bereit, ob als Begleitperson nach einer Gastroskopie oder als ehrenamtliche Kassenkraft bei meinem letzten Auftritt im Gasteig.

Kennen und mögen sich schon lange: Jon Michael Winkler und Edith als ehrenamtliche Kassierer, im Sommer  2018 im Gasteig, zur Aufführung des Historicals  „Franzsiska zu Reventlow

Auf Grund ihres angeborenen Selbstverständnisses als Aktivistin, liest Edith ununterbrochen, recherchiert, vergleicht und analysiert Posts und Prints jedweder Art und leitet im Netz weiter, wie viele andere auch, was ihr wissenswert erscheint. Geprägt durch die Biografie ihrer Familie, hat dabei für Edith jedes Thema Priorität, das sich mit Menschenrechten und deren Beschneidung auseinander setzt. Ein für die Tochter eines halbjüdischen Holocaust-Überlebenden und politischen Aktivisten nachvollziehbares Verhalten. So jemand gehört meiner Meinung nach nicht wegen irgendwelcher juristischen Spitzfindigkeiten vor ein Strafgericht gestellt! Obwohl – oder gerade weil – in Bayern und insbesondere in München, mitunter die Uhren etwas anders zu ticken scheinen …

Edith Grube mit Gaby dos Santos 2017 im NS-Dokumentationszentrum in München

Edith Grubes erster Prozess-Termin ist Mittwoch, 17.10.18, 11:30 Uhr, Amtsgericht München, Nymphenburger Str. 16, Raum A124


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„Auch Heilige liegen am Boden“ Zum „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München“ eine Pressenkonferenz – Zu Gast: Avi Primor, von 1993 – 1999 Israelischer Botschafter in Deutschland

Nach seiner Meinung zu den Stolpersteinen befragt, fand Avi Primor auf der Pressekonferenz der neuen Initiative  BÜRGERBEGEHREN für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München deutliche Worte: Er verneige sich vor dieser Form des Gedenkens. In Israel sei es von Bedeutung, wie Deutschland sich heute darstelle und inzwischen könnten andere europäische Länder in Bezug auf das „Wiedergutmachen“ von Deutschland lernen. Im übrigen gehe es nicht darum, israelische Bräuche nach Deutschland zu bringen, sondern darum, dass sich Gedenken in Landessitte vollziehe. Und führte als Beispiel die in steinernen Sarkophagen in den Boden eingelassenen Heiligen unserer Kathedralen an. „Auch Heilige liegen in Deutschland am Boden …“

Avi Primor, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999, zu Gast auf der Pressekonferenz des Vereins „Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V.„, mit den Vorstandsmitgliedern, v.l. RALPH DEJA, Berater und Aktivist für interreligiöse und interkulturelle Dialoge, DOROTHEE PIERMONT, ehem. Mitglied im Europäischen Parlament (vorm. b. Die Grünen), HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker und DAGMAR FÖST-REICH, Dipl. Kauffrau

„Durch das Lesen der Inschriften der Messingsteine verbeugen wir uns wortwörtlich vor den Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen,“ heißt es auf der Homepage des Zentralrats der Juden auf die Frage

UNTERSTÜTZT DER ZENTRALRAT DER JUDEN DIE VERLEGUNG VON STOLPERSTEINEN?

Und weiter: Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, und das Präsidium des Zentralrats, halten die Stolpersteine für eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa. Durch die Stolpersteine kommen die Menschen im Alltag mit dem Thema für sie überraschend und unvorhergesehen in Berührung. Stolpersteine verdeutlichen, dass jene Menschen, die grausam ermordet wurden, mitten unter uns gelebt haben und dass ihre Entrechtung und Verfolgung vor aller Augen passiert ist. > MEHR

Wartet auf seine Verlegung: Ein Stolperstein für Hans Scholl, Gallionsfigur der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, gezeigt bei der PK

Damit bezieht der Zentralrat eine gegensätzliche Position zu Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in deren Augen durch Stolpersteine die Opfer des Holocaust erneut mit Stiefeln getreten würden. Nicht zuletzt auf Grund ihrer Interventionen bleibt in München, anders als in unzähligen Städten bundes- und europaweit, das Verlegen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt, nach zwei entsprechenden Stadtratsbeschlüssen, 2005 und 2015.

Stattdessen schlägt München einen kostspieligen Sonderweg ein. Statt Stolpersteinen (120 €, Fläche 10×10 cm) sollen Stelen (1.000 €, 6×6 cm) oder Tafeln an Hauswänden (500 €, 16×16 cm) an die Opfer erinnern. Stelen machen u.a. wegen ihrer tiefen Verankerung im Boden ein aufwendiges Genehmigungsverfahren und Tafeln die Zustimmung jedes einzelnen Miteigentümers eines Gebäudes erforderlich. Es ist daher abzusehen, dass nur wenige Stelen und Tafeln installiert werden. So wird aber das ungeheure Ausmaß der Massenvernichtung von Menschen nicht erkennbar, führt der neu gegründete Verein Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund in München e.V. auf seiner Homepage an und beginnt ab nächster Woche mit dem Sammeln der für ein Bürgerbegehren erforderlichen Mindestzahl von 35.000 Unterschriften. Bei diesem Verein handelt es sich um eine überparteiliche Gruppierung, die, mit dem demokratischen Instrument eines Bürgerbegehrens, das Thema „Stolpersteine auch in München“ erneut vor den Stadtrat bringen möchte.

Juni 2017, alles bereit zur Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße; Quelle: Christian Michelides, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60453194

Für eine Aufhebung dieses Verbotes setzt sich seit vielen Jahren bereits unermüdlich die Initiative Stolpersteine auch für Münchenein, unter Vorsitz von Terry Swartzberg und hat zwischenzeitlich eine ganze Reihe von Verlegungen auf privatem Grund durchgeführt. Eine weitere und bislang größte Verlegung von Stolpersteinen ist für Montag, den 11. November 2018 angesetzt, mit 34 weiteren Stolpersteinen an 11 unterschiedlichen Verlegungsorten! Ein Meilenstein, doch ist die Verlegung von Stolpersteinen auf privatem Grund meiner Meinung nach nur als  Interimslösung geeignet, denn, wie der Münchner Drehbuchautor Peter Probst, nach einer Verlegung von Stolpersteinen für Holocaust-Opfer aus seiner Verwandschaft anmerkte: Für uns Angehörige ist heute ein Tag der Erleichterung. (…) Es gibt wieder einen Ort, an dem wir gedenken können, einen Ort auch, der andere zum Nachdenken bringen kann (…)

Juni 2017: Autorin und Moderatorin Amelie Fried blieb nur das Fotografieren der Zeremonie ihres Mannes Peter Probst. Ihr wurde bislang die Verlegung von Stolpersteinen für ihre Angehörigen verwehrt.

Aber wir bleiben traurig und empört. Empört wegen des nach wie vor geltenden Verbots der Stadt, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen. Neben mir steht meine Frau Amelie Fried. Auch aus ihrer Familie wurden Mitglieder aus München deportiert und von den Nazis umgebracht. Auch sie würde sich für Max und Lilli Fried, die in Auschwitz starben, von Herzen Stolpersteine wünschen. Sie hat beim Besitzer des Hauses im Färbergraben nachgefragt – der letzten freiwilligen Adresse der beiden – und eine mehr als unfreundliche Absage bekommen. Das ist die brutale Folge des städtischen Verbots: Angehörige, die nichts Anderes wollen, als auf eine Art zu gedenken, die in über 1000 deutschen Städten möglich ist, werden erneut gedemütigt. (…) MEHR

Umso mehr freut mich, dass sich jetzt in München eine weitere Initiative anschickt, das Verbot der Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund, diesmal mit politischen Mitteln, zu kippen und hoffe auf eine Bündelung von Kräften seitens beider Münchner Stolperstein-Initiativen, die dringend benötigt wird, angesichts einer äußerst engagierten Opposition.

Dem Sammeln von Unterschriften für das Bürgerbegehren sehe ich deshalb auch aus statistischer Neugier gerne entgegen, da mich brennend interessiert, ob es sich bei den Stolperstein-Gegner_Innen um tatsächlich eine Mehrheit innerhalb unserer Stadtgesellschaft handelt, wie teilweise kolportiert, oder vielmehr um die persönliche Einstellung einzelner, aber umso einflussreicher Bürgerinnen und Bürger … So äußert der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude am Ende eines Interviews 2017 in der ZEIT: Das Thema Stolpersteine hat mich lange belastet. Schließlich war mir aber die Freundschaft und Zustimmung von Charlotte Knobloch und der israelitischen Kultusgemeinde, die ich jedes Jahr bei der Chanukka-Feier am Jakobsplatz in München spüren durfte, unendlich wichtiger. MEHR

Eine derart einseitige Darstellung und Entscheidungsfindung seitens des vormals Ersten Vertreters unserer Stadt, in mehreren Passagen des Interviews, empfinde ich, als jemand, die die Vorgänge um die Stolpersteine ausgiebig recherchiert und verfolgt hat, schon bedenklich! Und unfair gegenüber uns Stolperstein-Befürwortern! Gedenken an sich ist doch ein sehr individueller, emotionaler und daher subjektiver Vorgang, dessen Wahrnehmung sich entsprechend schwer auf sachlicher Ebene erfassen oder gar bewerten lässt.

AVI PRIMOR, israelischer Botschafter in der BRD von 1993 – 1999 zwischen HILDEBRECHT BRAUN, Rechtsanwalt und liberaler Politiker, RALPH DEJA, Berater und aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog sowie Dorothee Piermont, ehemaliges Mitglied im Europäischen Parlament für DIE GRÜNEN, alle drei Vorstandsmitglieder des „Bürgerbegehrens“

Somit bleibt für mich auch unverständlich, dass gerade München, die ehemalige Hauptstadt der Bewegung, heute den Nachkommen von Holocaust-Opfern verwehrt, sich für eine Form des Gedenkens zu entscheiden, die sie sich wünschen, und die in anderen Städten und Ländern Gang und Gebe ist, nämlich die der Stolpersteine, als ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig konzipiert.

Bildhauer Gunter Demnig ist nicht nur der Schöpfer der Stolpersteine – Ein Kunstprojekt für Europa, vielmehr reist er auch persönlich zur Verlegung an, hier im August 2018, in Pitten; Quelle: Wikipedia

Zumal die Genehmigung, Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, IN KEINEM FALL bedeuten würde, dass diese gegen den Willen von Nachkommen und ohne eingehende vorherige Prüfung seitens einer zeitgeschichtlich kompetenten Kommission erteilt würde.

Längst ist die Debatte zu einem Politikum geworden, zu dessen Leidtragenden leicht die Betroffenen werden können, wie im Fall von Peter Jordan. Seine Eltern hat er zuletzt als 15jähriger gesehen und im Holocaust verloren. Nachdem in Berlin, in den späten 1990er Jahren, erstmals Stolpersteine verlegt worden waren, die zwar erst im Nachhinein, dann aber problemlos vom Senat genehmigt wurden, folgte Peter Jordan in München diesem Beispiel und verlegte in der Mauerkircher Straße, dem letzten Domizil seiner Eltern Fritz und Paula Jordan, Stolpersteine. Die Stadt jedoch ließ diese postwendend, da nicht genehmigt, wieder herausreißen, was bei mir die Frage nach Pietät aufwirft: Muss denn etwas unbedingt ausgeführt werden, nur weil einem die Macht dazu gegeben ist? Erst im Sommer dieses Jahres wurden für die ermordeten Eltern des mittlererweile 96jährigen Peter Jordan, seitens der Landeshauptstadt München, Stelen aufgestellt.

26. Juli 2018: Eine Stele für seine ermordete Mutter! Dass er diesen Moment noch erleben durfte … Der 96jährige Peter Jordan war extra aus London angereist.

Auch wenn es gut gemeint ist. München braucht keinen Streit über die richtige Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, kommentiert postwendend nach der Pressekonferenz Martin Bernstein, Polizeireporter bei der Süddeutschen Zeitung, in der Ausgabe vom 04.09.2018, unter dem Titel Das Bürgerbegehren für Stolpersteine ist falsch.  Als „falsch“ empfinde ich vielmehr, dass in München, was die Gedenkkultur anbelangt, nicht nur Verbote noch immer Persönlichkeitsrechte beschneiden, sondern dass darüber hinaus oft verunglimpft wird, wer dagegen hält! Solche Mittel der Auseinandersetzung zeugen nicht von Demokratieverständnis, ein Bürgerbegehren anzustreben hingegen schon!


Das Bürgerbegehren für Stolpersteine auf öffentlichem Grund auch in München e.V.

wird telefonisch betreut von Vorstandsmitglied Dorothee Piermont. Unter Tel. (089) 33 03 78 04 beantwortet sie gerne Frage zu Punkten, die möglicherweise aus der, weil brandneuen, Homepage http://www.buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de noch nicht hervorgehen.

Natürlich können Anliegen auch via Email übermittelt werden: info@buergerbegehren-stolpersteine-muenchen.de


Wir bitten um Ihre Mithilfe, vor allem um Ihre Unterschrift
Wenn Sie uns weiter unterstützen und spenden wollen, bitte auf das Konto:

IBAN: DE95 7015 0000 1005 3156 74

Wir sind gemeinnützig und stellen Spendenbescheinigungen aus. (O-Ton der Homepage)


Weitere Beiträge zum Thema „Stolpersteine in München“ im jourfixeblog.wordpress.com:

–   Stolpersteine auch in München
–   Terry Swartzbergs Steine des Anstosses
–   Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben!

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