Im Schatten der Laterne – Nachlese zur Aufführung des „Lili Marleen“-Historicals in der Hanns-Seidel-Stiftung München

Am Ende war das Publikum eingeladen, selbst „Lili Marleen“ zu singen, an der Gitarre begleitet von Artur Kolbe, Referatsleiter bei der Hanns-Seidel-Stiftung und Gastgeber des Abends, von dem auch die Idee stammte.

Artur Kolbe, Referatsleiter bei der HSS und Gastgeber des Abends; Foto: Julia Forbes

Zugegebenermaßen: Im Vorfeld stand ich diesem Vorhaben ziemlich skeptisch gegenüber – Publikumsreaktionen sind schwer einzuschätzen – und Toni Netzle befand, in der ihr eigenen, drastischen Art, das Lied im Publikum zu singen, sei ein „Sakrileg“. Mir hingegen bescherte es wider Erwarten einen hoch emotionalen Moment, den ich als Echo des Publikums auf das empfand, was wir zuvor hatten Revue passieren lassen: Die Geschichte des Liedes von „Lili Marleen“, ihrer Soldat_Innen und der an ihrem Erfolg beteiligten Künstler_Innen.

Toni Netzle und ich während der Präsentation; Foto: Julia Forbes

Einigen Gästen standen beim Singen Tränen in den Augen,  verbanden sich doch für sie, wie sie mir teilweise später erzählten, mit diesem Lied ganz persönliche und auch tragische Erinnerungen. Andere Zuschauer_Innen hingegen sahen in diesem Augenblick das Gespenst des Nationalsozialismus erneut heraufbeschworen, zu eng schien ihnen das Lied mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verwoben …

Vor der HSS: Filmemacherin Iovanka Gaspar, die die beeindruckende Dokumentation „Dui Rroma“  über die Begegnung zweier ziganer Generationen vor dem Hintergrund des Holocaust gedreht hat; neben ihr unsere Sinteza-Freundin Ramona Röder, Foto: Edith Grube

Einige unserer Gäste mit ziganem Hintergrund erinnerte „Lili Marleen“ nicht nur an das Leid, dass ihren Familien im Dritten Reich widerfahren war, sondern auch an die traumatische Zeit der Balkan Kriege vor zwanzig Jahren, denn dieses Lied ist weitaus mehr, als nur Relikt aus nationalsozialistischen Schreckenszeiten. Zwar trat es 1941, über den Wehrmacht-Sender Radio Belgrad, seinen internationalen Siegeszug an, der Text des Lieds  jedoch fügte sich in keiner Weise in die Diktion der Nazi-Propaganda ein:

(…) Alle Abend brennt sie, doch mich vergaß sie lang
Und sollte mir ein Leid gescheh’n
Wer wird bei der Laterne stehen
Mit dir, Lili Marleen?

Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund
Küßt mich wie im Traume, dein verliebter Mund

Eine so deutliche Anspielung auf den Soldatentod konnte einem Regime mit dauerhaftem Bedarf an Kanonenfutter nicht gefallen, insbesondere, weil in dem Lied auch noch die Sinnlosigkeit eines solchen Endes angesprochen wird: „(…) mich vergaß sie lang …“.  Goebbels befand, dem Lied „hafte Leichengeruch an“, konnte aber nichts gegen dessen Erfolg ausrichten! Der große Zuspruch, vor allem unter den Soldaten, erklärt sich unter anderem dadurch, das der Text von einem der ihren, einem Gardefüsilier, zwischen 1915 und 1935 geschrieben worden war, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, dem Autor und Grafiker Hans Leip.

„Lili Marleen“ Originalaufnahme des Orchesters Seidler-Winkler, gesungen von Lale Andersen

In dessen Worten, ergänzt durch die eingängige Musik von Norbert Schultze sowie den Zapfenstreich des Orchesters Seidler-Winkler, fanden im Zweiten Weltkrieg insbesondere die Soldaten sich selbst wieder und ein Stück Heimat in der Fremde –

Bis heute besteht diese Identifikation, wie zu Anfang und Ende meiner Produktion „Das Lied von Lili Marleen“ dargestellt und im anschließenden Vortrag von Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D.,  erläutert. Ohlert berichtete über seine Begegnung mit „Lili Marleen“ im Kosovo, wo das Lied inzwischen als Zapfenstreich diente, ausgestrahlt vom Bundeswehrsender Radio Andernach,  in der Originalfassung mit Lale Andersen, während Kollegin Marlene Dietrich, mit ihrer englischen Coverversion, die amerikanischen Soldaten ins Bett schickte.

Wolfgang Ohlert, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. während seines Vortrags, daneben ein Foto aus seinem Vortrag

Wie sehr das Lied bis heute die Soldat_Innen anspricht, schildert auch Hauptmann Cordula Hochstrate,  in einer O-Ton-Einblendung der Produktion: „… dass man damit konfrontiert ist, auch zu sterben.  Ich glaube, das ist das, was alle Soldaten verbindet,  was auch der Text mit vermittelt, dass es gerade eben auch nicht gut ausgeht in dem Lied. (…)  Jeder (von uns) der das Lied hört, hat seine Vorstellung davon, wie die Kaserne aussieht, wie er selber davor steht und wie er sein Mädchen oder (lacht) ich dann eben meinen Jungen in den Arm nehme und ich seh mich vor der Laterne …“

Solange diese Laterne nicht verlischt, wird das Lied auch weiterhin Kriegsschauplätze in aller Welt beschallen. Nur spielt sich das inzwischen weit entfernt von unserem Alltagsleben ab. Eine wenig zielführende Verdrängung von Tatsachen, wenn die Laterne eines Tages verlöschen soll. Insofern fand ich es schade, dass die Soldat_Innen der Bundeswehr, die an diesem Abend zu Gast waren, in Zivil erschienen, vermutlich der momentanen politischen Stimmung geschuldet. Camouflage einmal anders herum? Dabei ging es diesmal eben nicht um die große Politik selbst, sondern um diejenigen, die im Ernstfall dafür gerade stehen müssen, verewigt in einem Lied, das bis heute die Menschen in Uniform anspricht, deren Sehnsucht und Schicksal.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Das Lied von Lili Marleen“

Die Geschichte dieses Liedes enttarnt auch die Sinnlosigkeit des Krieges. In einem Feature des Hessischen Rundfunks „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith und Sabine Milewski, berichtet 2000 Komponist Norbert Schultze: „Ich bekam sehr viele Briefe von der Front. … Und zu diesen vielen Briefen gehörten vor allem solche aus Afrika … von der Afrikafront … Dass die gesagt haben: „Wir spielen abends Lili Marleen, und drüben, da lassen wir die Lautsprecher extra so, dass die drüben mithören können. Und es hat sich herausgestellt, dass wir eine Art Waffenruhe machen, damit wir in Ruhe unser Lied hören können. Das ist eine gegenseitige Vereinbarung, ohne, dass darüber gesprochen wird. Aber sie wird eingehalten. Und wir wissen genau: Nach dem letzten Ton von ‚Lili Marleen‘ geht die Ballerei wieder los. … „

Vor diesem Hintergrund  finde ich es inzwischen sehr, sehr gut, dass „Lili Marleen“ nach der Show vom Publikum gesungen wurde! Bleibt nur zu hoffen, dass das Lied nicht verstummen und seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten möge, bis die Laterne verlischt …


Die Titelcollage zeigt, zwischen Schauspielerin und Autorin Toni Netzle und HSS-Referatsleiter Artur Kolbe, die Betreuerin und Moderatorin der dortigen Filmseminare, Christine Weissbarth.


Verwandte jourfixe-Blogbeiträge:

Lili Marleen untot im Simpl       Mythos Lili Marleen


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„Mythos Lili Marleen – Ein Lied an allen Fronten“

Das Bild zeigt ein Pärchen auf dem Rückweg, zwischen Laterne und Kasernentor, verloren in einem verwunschenen Wald – einer zerbombten Kulisse aus dem Ersten Weltkrieg … Damals, 1915, nahm nämlich die Geschichte des kleinen Liedchens von der Lili Marleen ihren Anfang und trat eine lange, tragische Reise an, die an die Kriegschauplätze dieser Welt dieser Welt führte .. bis heute.

Dessen Etappen begleitet das Historical „Mythos Lili Marleen“ von Gaby dos Santos, eine Lesung zu historischen Bild-, Klang und Ton-Einblendungen, in denen zahlreiche Zeitzeuginnen wie Sängerin Lale Andersen und Komponist Norbert Schultze zu Wort kommen, unter Verwendung des Hörfunk-Features „Lili Andersen – Lale Marleen“ von Bettina Leder-Hindemith / Sabine Milewski (Hessischer Rundfunk/2000).

Wer aber war sie eigentlich, diese Lili Marleen und wie gelang es ihr, die Schicksale unterschiedlichster Künstler und Künstlerinnen bis heute zu verknüpfen? Und im Dritten Reich sogar Goebbels zu trotzen. Der mochte das Lied überhaupt nicht, befand, es hafte ihm Leichengeruch an. Zu Recht: Die Urfassung des Textes schrieb der Grafiker und Autor Hans Leip als junger Soldat 1915, wenige Tage bevor er an die Front musste. Die letzten Strophen fügte er nachträglich hinzu, noch unter dem Eindruck der Schreckensbilder, denen er im Krieg begegnet war. Sogar eine kleine Melodie schrieb der vielseitige Künstler, die im Historical zu hören ist.

Li: Rudolf Zink sen., Komponist der Urfassung von „Lili Marleen“, re: Cover von Leips „Kleiner Hafenorgel“, aus der der Text stammt

Der Text fand Eingang in sein Buchband „Die kleine Hafenorgel“, dessen Texte, darunter besagte „Lili Marleen“ gleich von mehreren Komponisten vertont wurden. Einer von ihnen, Norbert Schultze, schaffte mit seiner Version der „Lili“ den großen Durchbruch und spendete damit Freund und Feind via Radio Belgrad täglich ein paar Minuten Frieden. Gleichzeitig stand Schultze auf der Gehaltsliste von Goebbels, da er sich auf das Vertonen schmissiger Propaganda-Texte verstand; ein Makel, der nach dem Krieg an ihm haften blieb.

Auch Lale Andersen, die unvergessene Interpretin, blieb unter die Laterne gebannt – ein Leben lang – und ihr jüngster Sohn, Michael Wilke, gleich mit. Mit ihm war ich befreundet, ganz privat und schon lange bevor ich meine Bühnenarbeit begann. Michael verstarb vor kurzem. Ihm ist diese Reprise gewidmet … So schließen sich schicksalhaft Kreise, denn über ihn habe ich Toni Netzle kennengelernt, 2010, während der Uraufführung meines „Lili-Marleen-Historicals im Gasteig.

Gasteig-Premiere 2010: V.li: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten Rudolf Zink) Dorli Diehl (Tochter des Simpl-Wirts, 1935-1943, Theo Prosel), Brigitt Salvatori-Galland (Witwe von Komponist Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Lale Andersen), Toni Netzle halbverdeckt (Simpl-Wirtin 1960 – 1992), Gaby dos Santos, Mathias Deinert (Lale Andersen Archiv)

Gemeinsam mit der prominenten Münchner Schauspielerin, Autorin und ehemaligen Simpl-Wirtin Toni Netzle ging Gaby dos Santos (Buch/Produktion) im Mai 2017 mit ihrem Lili-Marleen-Historical in Reprise, aus Anlass des Todes von Lale Andersens Sohn Michael Wilke. Gezeigt wurde die Produktion im Rahmen der Filmseminar-Reihe der Hanns-Seidel-Stiftung, moderiert von Christine Weissbarth.

Im Anschluss referierte Oberstleutnant a.D. Wolfgang Ohlert über die Bedeutung des Liedes bis heute, für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, das leider immer noch gesungen wird – an den Kriegschauplätzen dieser Welt …

Dazu mehr in Kürze in einer Nachlese

Mehr auch im jourfixe-Blogbeitrag „Lili Marleen untot im Simpl“


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Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4. und Nachtrag zum Blogbeitrag 20.4.

Nach Absage bzw. „Vertagung“ der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik!“ nun, via SZ-Artikel vom 21.4.17,  geht es nun um die Gründe, die zur Absage einer Veranstaltung geführt haben, bei welcher der Dialog und das gemeinsame palästinensisch-israelische Ringen um Frieden im Vordergrund gestanden wäre. Mit der Evangelischen Akademie in Tutzing als stimmigem Veranstaltungsort:

Diese Gründe, die diesmal der Direktor der Evangelischen Akademie, Udo Hahn, der SZ gegenüber ausführt, erscheinen mir wie eine vertraute, gute alte Platte mit Sprung: Unter den Organisator_Innen der geplanten Tagung befand sich eine Person, die der Boykottkampagne „BDS“ („Boykott, Divestment and Sanctions“) gegen Israel nahe steht , mit dem Ziel, die Regierung zu einer Kursänderung in Bezug auf Palästina zu bewegen. Allerdings wäre das Thema „BDS“ in keiner Weise Gegenstand der Tagung gewesen, so dass für mich diese Absage – wieder einmal – unverständlich ist. Es stimmt mich bedenklich, mitzuerleben, dass hier in München und Umgebung Israel kritische Haltungen/Äußerungen dazu führen können, dass Menschen ausgegrenzt und Veranstaltungen abgesagt werden, wobei  Charlotte Knobloch und ihr Umfeld in der IKG München eine entscheidende Rolle spielen.
„Israel kritisch“ wird dabei automatisch mit „Israel feindlich“ gleichgesetzt und das wiederum mit „Antisemitismus“. Eine Argumentationskette, die ich für konstruiert halte. Können denn nicht Kritik und daraus abgeleitete Maßnahmen, gerade auch aus dem Wunsch heraus erfolgen, endlich den Frieden in Israel und damit auch nachhaltig dessen Existenz zu sichern? Abgesehen davon, dass sich durchaus auch israelische Staatsbürger_Innen und jüdische Mitbürger_Innen für BDS-Sanktionen aussprechen. Und sind nicht Boykott-Maßnahmen  (meiner Ansicht nach „leider“) weltweit als politisches Druckmittel verbreitet und akzeptiert?

Was die Wahl politischer Mittel anbelangt, muss um diese in einer demokratischen Gesellschaft gestritten werden dürfen, aber bitte in angemessener Form und ohne Repressalien für Andersdenkende! Genau das Gegenteil davon habe ich jedoch in letzter Zeit immer wieder erlebt, wenn es um Themen ging, zu denen die Vertreter_Innen der IKG München um Charlotte Knobloch herum ein Meinungsmonopol für sich beanspruchen. Was mich an deren Anspruch schockiert, ist nicht der – nachvollziehbare – Wunsch, eigene Vorstellungen durchzusetzen, sondern die Wahl der Mittel dazu, durch die der Ruf von Kontrahent_Innen massiv in Frage gestellt, wenn nicht gar nachhaltig beschädigt wird. (Details dazu in den unten aufgelisteten Blogbeiträgen)

Da werden Fluten von Mails an Entscheidungsträger_Innen versandt oder Beiträge in anonymen! Blogs lanciert, in denen in aggressivem Ton die Absage von nicht genehmen Veranstaltungen gefordert und immer wieder auch erreicht wird. So wie diesmal in Tutzing.

Auf der Strecke bleiben engagierte Mitbürger_Innen, anregende Veranstaltungen und auf Dauer auch ein gutes Stück Meinungsfreiheit. Leider blicken wir Bürger_Innen ja nicht bis in die Hinterzimmer unserer Entscheidungsträger_Innen, können also nicht genau benennen, welcher Druck von wem, wann, auf was ausgeübt wird. Dass aber Druck ausgeübt wird, zeigt sich spätestens, wenn wieder einmal, wie jetzt, eine Veranstaltung abgesagt bzw. auf Nimmerwiedersehen verschoben wird.


Im SZ-Artikel finden sich Details zur Absage, sowie der Link zu einem weiteren SZ-Bericht, der ähnliche Vorgänge in der Schwabinger Erlöserkirche im September letzten Jahres beschreibt, als dort ein Benefiz-Konzert abgesagt wude


Details zu meinen o.g. zusammengefassten Beobachtungen finden sich in meinen nachstehenden jourfixe-Blogbeiträgen:
April 2017: Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“
Juli 2016: Stolpersteine auch in München
Frühjahr 2016: Verliehen aber nicht vergeben – Zur Aberkennung des Anita-Augspurgpreises 2015
Herbst 2016: Terry Swartzbergs Steine des Anstosses


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Absage der Tagung „Nahost-Politik im Spannungsdreieck: Israelisch-palastinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik?“

Dass Versöhnung möglich ist, zeigen die israelisch-palästinensischen Friedensgruppen, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten und sich um Ausgleich der Interessen bemühen. Ihre VertreterInnen haben wir nach Tutzing eingeladen und wollen herausfinden, was von ihnen zu lernen ist (…), formulierte auf ihrer Homepage die Evangelischen Akademie in Tutzing. in ihrer Einladung zu obiger Tagung.

Für den 12. bis 14 Mai 2017 hatte die Akademie, in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie München und mit der Petra Kelly-Stiftung zu obigem Symposium geladen:

Herzliche Einladung, sich an einem Wochenende in der Evangelischen Akademie Tutzing auf einen Perspektivwechsel einzulassen und Wege jenseits der ausgetretenen Pfade kennen zu lernen.


 Als OrganisatorInnen unterzeichneten:
 
Dr. Ulrike Haerendel, Stellv. Direktorin, Evangelische Akademie Tutzing
Jutta Höcht-Stöhr, Direktorin, Evangelische Stadtakademie München
sowie
Judith Bernstein, Publizistin, Friedensaktivistin, München
Ralph M. Deja, Vorstand Chaverim und Diözesanvorstand Pax Christi, München
Alexandra Senfft, Schriftstellerin und Publizistin, Fuchstal 
Gesa Tiedemann, Geschäftsführerin, Petra-Kelly-Stiftung, München

Evangelische Akademie in Tutzing; Foto: Gaby dos Santos, Referentin bei der Tagung „Erster Weltkrieg – Eine europäische Erfahrung„, Dezember 2014

Diese Einladung klang vielversprechend. Es überraschte mich aber auch, dass eine solche Tagung überhaupt angesetzt war, nachdem in letzter Zeit thematisch ähnliche Veranstaltungen regelmäßig be– oder auch ganz verhindert worden waren. Immer wieder war dabei der Vorwurf des Antisemitismus erhoben worden, ein Vorwurf, dessen inzwischen inflationärer Gebrauch ich für gefährlich kontraproduktiv halte, wie ich auch schon in meinem Artikel Verliehen, aber nicht vergeben, 2016, geäußert habe.  Damals wurde der Münchner Sektion der Frauenliga für Frieden und Freiheit, (IFFF/WILPF), der bereits zugesprochene Anita-Augspurg-Preis 2015 in letzter Minute wieder aberkannt, auf massiven Druck seitens Charlotte Knobloch und ihrem Umfeld in der IKG München. Vorgeworfen wurde der IFFF, der BDS-Bewegung nahe zu stehen (“Boycott, Divestment, Sanctions“), die zum Boykott israelischer Waren als politisches Druckmittel aufruft. Von solchen Maßnahmen halte ich persönlich nichts, aber noch viel weniger halte ich von Eingriffen in unser demokratisches Gefüge, zu Lasten der freien Meinungsäußerung, mit der immer gleichen Unterstellung, dass eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Palästina-Politik Israels mit Antisemitismus gleichzustellen und daher in jeglicher (eben auch veranstalterischer) Form zu unterbinden sei.

Und so überrascht es nicht, dass die Vorfreude auf diesen überparteilichen, palästinensisch-israelischen Austausch nicht lange währte. Offensichtlich blieben Angriffe auch gegen diese geplante Veranstaltung nicht aus:

So heißt es – auszugsweise – in einer „Richtigstellung“  von Jutta Höchst-Stöhr auf der Homepage der Evangelischen Stadtakademie München, vom 6.4.17: (…) gibt es infame Verleumdungen im Internet. Dort wird behauptet, wir plädierten für den Boykott Israels, der unter dem Logo BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) von Palästinensern initiiert wurde und dem sich viele, auch Juden und Israelis, angeschlossen haben. Dies ist nicht der Fall. Als Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München habe ich mir bei mehreren Reisen und vielen Begegnungen in Israel und Palästina ein Bild über die Lage vor Ort gemacht. Dezidiert finde ich den Beziehungsabbruch von beiden Seiten keine Lösung, also auch nicht den kulturellen oder sonstigen Boykott, der die Zusammenarbeit unter Verdikt stellt. Deshalb haben wir die Tagung in Tutzing so angelegt, dass wir Friedensgruppen eingeladen haben, in denen Israelis und Palästinenser heute noch zusammenarbeiten. (…)

Veranstaltungsfoto „Struggle for a Just Peace in Palestine-Israel“ der East Liberty Presbyterian Church, Pittsburgh,  Quelle

Am 12. April folgte das offizielle – vorläufige? – Aus: Auf der Veranstaltungsseite teilt der Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing, Udo Hahn, mit: (…)Wir haben uns jetzt entschieden, diese Tagung zu verschieben, da es uns nicht gelungen ist, alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner in angemessener Zahl zu gewinnen. Wir werden das Thema zu gegebener Zeit wieder aufgreifen.

Judith Bernstein

Dazu schrieb mir die Publizistin und Friedensaktivistin, Judith Bernstein,  eine der OrganisatorInnen der Tagung, in einer ebenso bewegenden wie bewegten Mail: Es ist wirklich ein Skandal, vor allem wenn man überlegt, dass unter den Referenten z.B. Eltern sind, die ihre Kinder im Konflikt verloren haben und dennoch im Dialog stehen und zusammenarbeiten. Wir haben auch einen ehemaligen palästinensischen Widerstandskämpfer eingeladen, der zusammen mit seinem israelischen Partner für den Friedensnobelpreis nominiert ist. Alle Referenten gehören zu den letzten Stimmen, die aus Sorge um die Zukunft beider Völker auf der Suche nach Alternativen zum jetzigen Stillstand sind. Ich frage mich, was ist da „christlich“, wenn solche Leute ausgeladen werden.

„Christlich“ ist der Aspekt, der mich, als Mitglied der EKD, an diesem Vorkommnis besonders beschäftigt, und zu dem ich mich Judith Bernstein gegenüber, in Zusammenhang mit der Absage, geäußert hatte. Dass ein gewisses Taktieren im politischen Geschäft, mit bestimmten Mauscheleien und Rücksichtnahmen – sozusagen als Kollateralschaden – im demokratischen Miteinander dazu gehören, vermag ich nicht immer nachzuvollziehen, habe mich aber damit einigermaßen abgefunden. Von einer Institution wie die Evangelische Akademie wünsche ich mir jedoch  Unparteilichkeit in politisch-weltlichen Hinsicht, zugunsten eben jener Werte, die sie namentlich vertritt.

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, The Hebrew University Of Jerusalem, Foto:

„Dass eine deutsche evangelische Akademie in einem Land, dessen Verfassung die Meinungsfreiheit fest verankert hat, daran teilnimmt, die Meinungsfreiheit von Friedensbewegten aus dem Nahen Osten zu verletzen, bestürzt uns. Die israelische Besatzungspolitik zu kritisieren und das palästinensische Recht auf nationale Selbstbestimmung zu befürworten, ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen und somit durch die Meinungsfreiheit geschützt.“, schreibt am 19.4.2017 Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Koebner Chair, emeritus, Hebrew University Of Jerusalem, an den evangelischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford–Strom und an Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Diesen Offenen Brief schreibt er  im Namen aller „Wir, die zur Tagung eingeladenen ‚Intellektuellen aus Palästina und Israel‘ „ – und er schreibt ihn auch in meinem Namen.


Link zum vollständigen Brief von Prof. Dr. Zimmermann, datiert 19.4.2017

NACHTRAG: Gründe zur Absage der Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: Kommentar zum SZ-Artikel 21.4.2017


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ELLA FITZGERALD – Von der Obdachlosen zur Millionärin – Zum 100. Geburtstag der „First Lady of Swing“ ein Portrait von Marcus A. Woelfle

„Eines Abends machte ich einen Bummel durch Harlem und geriet zufällig in den Savoy Ballroom“, so erinnerte sich Mary Lou Williams, in den 30er Jahren die First Lady des Jazz. “Als ich ein paar Runden getanzt hatte, hörte ich plötzlich eine Stimme, die mir kalte Schauer über den Rücken jagte. Ich hatte nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Ich rannte fast zum Podium, um rauszukriegen, wem diese Stimme gehört – und entdeckte ein reizend aussehendes dunkelhäutiges Mädchen, das ganz bescheiden dastand und das Allerletzte sang. Man sagte mir, ihr Name sei Ella Fitzgerald und Chick Webb habe sie bei einem Amateurwettbewerb im Apollo entdeckt. Ella hat Chick nie vergessen, dass er ihr eine Chance gegeben hat, als die anderen ihr die kalte Schulter zeigten – jene anderen, die sie dann später, als der Erfolg kam, haben wollten.

Chick Webb

Die Chance, bei Webb zu singen, erhielt das 17jährige Waisenmädchen, das ursprünglich Tänzerin werden wollte, 1935, doch auch der begnadete Schlagzeuger hatte zunächst seine Zweifel. Was sollte dieser Teenager, der wesentlich jünger aussah, mit der fast noch kindlichen Stimme singen? Die üblichen Liebeslieder würde man ihr wohl doch nicht abnehmen! Eher aus Verlegenheit fand der erfahrene Bandleader die Erfolgsformel für die bereits 1937 laut Umfrage beliebteste Sängerin: Er sammelte für Ella ein Repertoire lustiger Songs, die oft wie ihr erster großer Hit „A-Tisket, A-Tasket“ im Gewand swingender Kinderlieder daherkamen oder zumindest zu ihrer unschuldig und rein klingenden Stimme passten.

Das Image des witzigen und zugleich bescheidenen Mädchens hat Ella Fitzgerald nie abgelegt. Noch im Alter bekannte sich die „First Lady Of Swing“ zum Lampenfieber und gab ihrem Publikum darum alles. wie in jenen Anfangstagen, als ihr Stil, heute zeitloser Inbegriff des Jazzgesanges, noch eine Novität war. Das war nicht der majestätische Blues einer Bessie Smith oder die zarte Melancholie einer Mildred Bailey, sondern zunächst einmal scheinbar naiv überschäumende Lebensfreude, gepaart mit untrüglichem rhythmischen Gespür und einer angenehm natürlichen Stimme. Als 1939 Chick Webb dreißigjährig starb, übernahm Ella Fitzgerald die Leitung seines Orchesters für die nächsten drei Jahre, eine Leistung, welche ihre Kräfte sicher überforderte. Als sie aufgab, konnte sie sich gänzlich ihrer Karriere als Sängerin widmen. Intonationssicherheit und Klarheit ihrer warmen Stimme konnte sie in den folgenden Jahren noch enorm steigern. Ihre Plattenfirma Decca, an die sie für einen Hungerlohn vertraglich für 20 Jahre (!) gebunden war, präsentierte sie mehr als Song-Interpretin, denn als Jazzsängerin im engeren Sinne – und das wurde die Basis ihrer enormen Popularität beim allgemeinen Publikum der amerikanischen Unterhaltungsmusik.

Zu Beginn der Bebop-Ära wurde Ella von Dizzy Gillespie [rechts im Bild] in die Geheimnisse des Bop-Gesangs eingeführt. Dabei half ihr der Bassist Ray Brown, mit dem sie einige Jahre verheiratet war. Singen war für sie Ausdruck reiner Freude. Lieder, die von negativen Gefühlen, den Schattenseiten des Lebens und den Qualen unerfüllter Liebe erzählten, also jenes Repertoire das die Domäne Billie Holidays war, lagen ihr weniger. Solche Songs sang sie mit zurückhaltendem Ausdruck. Es dauerte auch lange bis sie mit Blues auf Du und Du war. Daher entwickelte sie in den 40er Jahren den Scat-Gesang zur ihr gemäßen Ausdrucksform. Hier ging es um das rein Spielerisch-Musikalische. Ungebunden von einem verständlichen Text konnte sie da wie ein Instrumentalist improvisieren. So wurde sie zur Ahnherrin aller großen Scatterinnen, von Sarah Vaughan bis Betty Carter.

Von 1948 an war ihr Geschick untrennbar mit Norman Granz verbunden, der sie mit „Jazz At The Philharmonic“ auf Tourneen schickte und im Laufe der Jahrzehnte auf seinen diversen Labels (darunter Verve und Pablo) verewigte.

[Ella in einer für Norman Granz typischen Jam Session mit den Großen ihrer Zeit: Ella Fitzgerald – scat vocals; Lester Young „Prez“ – tenor sax; Harry Edison „Sweets“ – trumpet; Flip Phillips – tenor sax; Bill Harris – trombone; Hank Jones – piano; Ray Brown – bass; Buddy Rich – drums; Musik und Film wurden getrennt aufgenommen, doch mindert das die Freude nicht …]

Mit den Tourneen, die ihr Manager Norman Granz organisierte, wurde Ella Fitzgerald in den 50er Jahren, von Stockholm bis Tokyo, zum Liebling eines Publikums, das sich nie satt hören konnte an ihren Paradenummern, darunter „How High The Moon“, darunter „I Can’t Give You Anything But Love“, mit den Parodien von Satchmo und der bereits von Marilyn Monroe imitierten Rose Murphy.

Ab 1956 konnte Granz Ella Fitzgerald auch für seine Plattenfirmen (anfangs Verve, später Pablo) unter Vertrag nehmen und ein ambitioniertes Projekt verwirklichen, das Maßstäbe setzen sollte: die bislang unerreichte Reihe der „Great American Songbooks“ von Gershwin, Porter & Co. In diesem Genre trat die „First Lady Of Song“ als interpretierende Persönlichkeit ganz zurück. Durch diese noble Zurückhaltung entstanden Interpretationen von beeindruckender Objektivität. Kongeniale Partner standen ihr von nun an immer zur Verfügung: Ellington bzw. Basie als großorchestrale „Begleiter“, Louis Armstrong für Duette oder der Gitarrist Joe Pass für intime Dialoge.

1957 meinte Ella Fitzgerald, auf ihre Karriere zurückblickend: „Immer wenn ich depressiv werde, denke ich, wie glücklich ich eigentlich bin, dass mir Gott etwas gab, um die Leute glücklich zu machen.“

Ellas Radius, Einfluss und Popularität gingen natürlich, wie bei Ihrem Vorbild Louis Armstrong, weit über den Jazz hinaus. Sie ist eine Genre-übergreifende Erscheinung und als solche ein Rollenmodell in vielen Sparten. Ihre Platten hatten bis Mitte der 50er Jahre sogar überwiegend kommerziellen Charakter und bis in die 70er Jahre oft noch. Das lag zwar weitgehend an den Wünschen der Plattenfirmen, für die sie alle erdenkliche Arten von Schlagerchen und anderen musikalischen Eintagsfliegen aufnahm und teilweise zu Hits machte. Auch da geschah immer wieder ein kleines Wunder – Ella war sich nicht zu schade. In ihrem Wunsch, beim Singen Spaß zu haben und den Menschen damit etwas zu geben, trat sie hinter die Schmonzette zurück und bot sie überzeugend dar. Ja, auch das ist eine Kunst! Das unterscheidet sie von einigen „reinen“ Jazzsängerinnen, denen man geradezu Stirnrunzeln anhören kann, wenn sie Kitsch singen müssen.

Die optimistische Heiterkeit in Ella Fitzgeralds Musik ist keine Folge von Naivität, was selbst Autoren glauben, die es besser wissen müssten. Sie ist auch nicht der Ausdruck der Zufriedenheit eines vom Rampenlicht verwöhnten Menschen. Ella Fitzgerald hat bittere Kelche geleert, sie hat allerdings ihre Verwundungen nicht als Musik verpackt weitergereicht, ja sich auch sonst nicht darüber ausgelassen. Sie hat sich auf das Schönste in ihrem Leben konzentriert: den Gesang.

Ella um 1940

Sie habe „a very interesting young life“ gehabt, bekannte Ella einmal, ohne je alles zu verraten. Viele Ereignisse aus ihrer Kindheit liegen im Dunklen, über viele kursieren widersprüchliche Aussagen. Schon zu Beginn ihrer Laufbahn bei Chick Webb wurden romanhaft verklärende Geschichten in Umlauf gebracht, die das ganze Ausmaß an Desastern in ihrem bisherigen Leben verschleiern sollten, z. B. das heute noch zu lesende Märchen von der Adoption durch Chick Webb. Er hat sie auch nicht wirklich entdeckt. Als sie Webb erstmals vorgestellt wurde, sah sie so unattraktiv, abgerissen und verwahrlost aus, dass er zunächst nicht daran dachte, sie auch nur anzuhören.

Bis zu ihrem Auftritt bei einem Talentwettbewerb im Harlemer Apollo Theatre 1934, aber auch noch einige Zeit danach, muss das Leben für sie ein harter Kampf gewesen sein. Sie wuchs unter sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Am 25. April 1917 in Newport News im Staate Virginia geboren, kannte sie ihren Vater nur als Kleinkind. Als ihre Mutter 1932 starb, lebte das Mädchen beim Stiefvater. Sie wurde von ihm „schlecht behandelt“. Ihr Biograph Stuart Nicholson erwägt die Möglichkeit eines Kindesmissbrauchs, denn bald darauf lebten nicht nur sie, sondern auch ihre Halbschwester eine Zeit lang bei einer Tante. Sie trug früh zur Ernährung der Familie bei und schlug sich als Heranwachsende, die vorzeitig aus Geldgründen den Schulbesuch abbrach, mit allen erdenklichen Jobs durch. Darunter waren schon für Fünfzehnjährige so bedenkliche Tätigkeiten wie der Verkauf verbotener Lotterielose und das Schmierestehen für Prostituierte vor einem Bordell.

1934 entfloh Ella Fitzgerald einem Heim, dessen Härte sie nicht ertrug. Bis zu ihrer Entdeckung musste sie zusehen, wo sie unterkam. Der Waisen fehlten elterliche Zuwendung und ein echtes Zuhause. Wichtige Bezugspersonen waren in den frühen Jahren selbst Kinder, ihre Halbschwester und ihre Cousine, die in späteren Jahren auf Tourneen ihre rechte Hand war und ihr so ein Stück Geborgenheit vermittelte. Als das Mädchen 1935 zu Webb kam, war sie längere Zeit (mit weiß Gott welchen Erfahrungen) obdachlos gewesen und lernte erst als Bandmitglied wieder den Gebrauch von Wasser und Seife.

Es erstaunt nicht, dass sie später so fleißig war und so eifrig tourte. Das Arbeiten und das ständige unterwegs sein hatte sie früh gelernt, diese Unbehauste, die in ihrer Kindheit und Jugend keine Sicherheit kannte. Ebenso ist verständlich, dass sie sich später in Bezug auf ihr Privatleben bedeckt hielt, obwohl die psychischen Folgen ihrer Jugend zum Tragen kamen, darunter eine gewisse Bindungsunfähigkeit und einseitige Konzentration auf die Musikkarriere. Es heißt, sie habe Probleme mit Männern gehabt. Dennoch versuchte sie, die ihre Familie verloren hatte und wegen einer schon mit 19 oder 20 vorgenommenen Abtreibung keine Kinder bekommen konnte, eine Familie zu gründen und adoptierte mit Ray Brown in zweiter Ehe das Kind ihrer Halbschwester, Ray Jr. Trotz des Kindes, das freilich gut versorgt wurde, tourte sie fast das ganze Jahr. Dieses permanente, geschäftige Reisen war vielleicht auch eine Art Flucht vor der aufreibenden Begegnung mit den Wunden der Kindheit.

Unter dem Vorzeichen ihrer ersten Erfahrungen erscheint ihre Laufbahn von der Obdachlosen zur Multimillionärin wie ein kleines Wunder: Wie schafft es ein armes schwarzes Waisenkind, das nicht dem herrschenden Schönheitsidealen entsprach, zum Weltstar zu werden, und dies in einer Zeit, die nicht nur vom Rassismus geprägt war, sondern in der es für Sängerinnen wichtig war, ein Sexsymbol zu sein? Zunächst einmal durch ihr Credo: „Nicht woher du kommst, zählt, sondern wohin du gehst.“

War auch die Armut von Geburt an für lange Zeit Begleiterin in ihrem Leben gewesen, war das beim Rassismus interessanterweise nicht der Fall. Ihr Vorbild Louis Armstrong etwa war in einem Umfeld aufgewachsen, wo sonntags Jagd auf Schwarze gemacht wurde, in einer Zeit als Leute aus Hunger Erde aßen. Ganz andere Erfahrungen machte Ella im aufblühenden New York, das vergleichsweise viele Möglichkeiten bot und viele Hoffnungen weckte. Sie wohnte in der Arbeitervorstadt Yonkers, wo viele Zuwanderer, allen voran Italiener lebten, die ebenso arm waren wie die Schwarzen. Rassenzugehörigkeit spielte in ihrem Umfeld keine Rolle. Laut einer Version starb ihre Mutter bei der Rettung eines italienischen Jungen. Ihr Stiefvater war Portugiese.

In Yonkers hatte jeder Platz für seine Träume und man glaubte, sie verwirklichen zu können. So wollte Ella Fitzgerald schon als Kind berühmt werden. Der Kontakt unter den Menschen unterschiedlicher Hautfarbe war sehr gut. Kein Wunder, dass neben Satchmo und den Mills Brothers auch weiße Einflüsse prägend für Ella waren, darunter Bing Crosby und allen voran Connee Boswell, eine Sängerin, die sich wiederum von schwarzem Gesang inspirieren ließ. So erklärt sich auch, dass typische schwarze Musikformen wie Blues, den sie vor allem von Mamie-Smith-Platten kannte, sie zunächst einmal nur am Rande prägten. Sie war übrigens schon 11, als sie erstmals „Nigger“ genannt wurde, von einem Jungen, der bezeichnenderweise neu in der Schule war. Sie konterte resolut, indem sie ihn umstieß.

Wie so viele große Jazzsängerinnen sang die kleine Ella in der Kirche, doch dem Tanz galt die größere Leidenschaft. Mit Freunden veranstalte sie auf der Straße Tanzvorführungen und – Wettbewerbe. Als 1934 beim Talentwettbewerb im Apollo so viele hervorragende Tänzer antraten, sang Ella kurzentschlossen „Judy“ und „The Object Of My Affection“ im Stile Connee Boswells. Bei diesem Wettbewerb wurde sie begleitet von Benny Carters Orchester.

Den Wettbewerb im Apollo gewann Ella, doch der in Aussicht gestellte Preis, ein Engagement, wurde ihr wegen ihrer verwilderten Erscheinung verweigert. Erst ein späteres Vorsingen im Harlem Opera House brachte ihr einen Preis: Sie durfte sieben Tage bei Tiny Bradshaw singen. Spätestens da muss ihr Entschluss gefallen sein, sich vom Tanzen auf das Singen zu verlegen. Doch in etwa so wie Sarah Vaughan vom Klavierspielen geprägt blieb – Ellas Klavierstunden waren aus Armut abgebrochen worden – war „Lady Time“ auf ihre Weise immer auch Tänzerin, in der rhythmischen Souveränität, in ihren mutwilligen Intervallsprüngen, in der Beschwingtheit, Beweglichkeit und Gelöstheit ihres Gesanges. Und vergessen wir es nicht: Sie hatte ihren Durchbruch als Sängerin eines Tanzorchesters.

Der weitere Verlauf von Ella Fitzgeralds Karriere ist Gegenstand meiner „Jazztimes“  Sendungen auf BR-Klassik > am 27. April, 25.Mai und 22. Juni, jew. 23.05 Uhr

Ella Fitzgerald hat sehr bestimmt und ohne Rückgriff auf Rollen- und Rassenklischees Karriere gemacht. Sie verschaffte sich den gebührenden Respekt, begab sich nicht, wie manche Kolleginnen, in die Abhängigkeit ausbeuterischer „Kerle“, sondern wählte sich souverän ihre Liebhaber. Ihr Erfolg ist nicht nur die Verkörperung des amerikanischen Traumes, sie könnte auch von der feministischen Bewegung als frühes Beispiel der Emanzipation auf den Schild gehoben werden.



Dieser Gast-Beitrag stammt von Marcus A. Woelfle, Kulturjournalist (u.a. Bayererischer Rundfunk) und Jazz-Geiger sowie langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, für deren Blog er bereits weitere Jazz-Portraits geschrieben hat:

Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen 


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Vom Wirtschaftswunder in die Unsterblichkeit: Die Malerin Magda Bittner-Simmet und ihr Schwabinger Ateliermuseum

Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und fein …“ so lautete ein beliebter Eintrag in die Poesie-Alben meiner Generation. Ich bin Jahrgang 1958. Der Feminismus steckte da noch in den Kinderschuhen und mir wäre daher nicht in den Sinn gekommen, es doch besser mit der „stolzen Rose“ zu halten, „die immer bewundert will sein„. Das Streben nach Anerkennung und Erfolg kam in den Lebensentwürfen für Frauen lange nicht vor, ganz zu schweigen von dem Wunsch, das eigene Lebenswerk über den Tod hinaus präsent zu halten. Doch genau dafür hat sich eine Künstlerin entschieden, die in eine Zeit hineingeboren wurde, in der noch nicht einmal das Wahlrecht für Frauen galt: Magda Bittner-Simmet, „akademische Kunstmalerin“, gefragte Portraitistin, Globetrotterin, Netzwerkerin, bayerische Gesellschaftslöwin und schließlich Stifterin in eigener Sache.

1916 wurde sie in eine großbürgerliche Erdinger Familie hineingeboren, der sie sich in puncto „Vita“ aber nur insofern fügte, als dass sie sich zur Lehrerin für Kurz- und Schönschrift ausbilden ließ. Dem schloss sie, nicht gerade zur Freude des Vaters, ein Studium an der Münchner Kunstakademie an, an der erst seit 1920 auch Studentinnen zugelassen waren. Dort studierte sie unter anderem bei Elke Brauneis, selbst eine der ersten Kunstdozentinnen, eine Begegnung, die wegweisend für Magda Bittner-Simmets eigene künstlerische Karriere gewesen sein dürfte.

Magda Simmet 1935 – Ganz offensichtlich schon damals eine ungewöhnlich selbstbewusste junge Frau, Quelle: Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung

Zu ihrem Werdegang ist auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung/Leben nachzulesen: „Um sich ihr Studium zu finanzieren, arbeitete die zielstrebige Studentin gleichzeitig als Fachlehrerin für Kurz- und Plakatschrift sowie als Zeichen- und Werklehrerin. (…) 1944 schloss sie ihr Studium mit einem Erfolgsdiplom ab und verwendete ihren Titel ‚akademische Kunstmalerin‘ seitdem mit Stolz.

Nach Kriegsende suchte sie trotz der allgemein schweren Lebens- und Arbeitsumstände beharrlich weiter ihre eigene Sprache der Malerei, die nun ihrem persönlichen Ausdruckswillen entsprechen sollte. Um ihren Porträtstil weiter zu verfeinern, wurde sie 1951 nochmals Gaststudentin bei dem für dieses Genre hochgeschätzen Münchner Akademieprofessor Hans Gött.

Ihre Eigenständigkeit rettete sie über die Tragödie ihres Lebens hinweg, als 1947, noch im Jahr der Hochzeit, ihr Mann, der Arzt Max Bittner, überraschend an einer Infektion verstarb, wahrscheinlich nach der Gabe von gepanschtem Penicillin, wie sie in jenen Zeiten oft und mit fatalen Folgen erfolgte und im Film „Der Dritte Mann“ thematisiert wird. Kein Jahr verheiratet und Witwe mit gerade 31 Jahren! Eine solche Lebenssituation hätte viele andere Frauen in die Selbstaufgabe getrieben, nicht so Magda Bittner-Simmet.

Schnappschuss eines Selbstportraits

Die Autorin Gunna Wendt beschrieb sie in einem aktuellen Kurzportait als eine Mischung aus Scarlett O’Hara,  Franziska zu Reventlow, in deren Tradition sie sich stilisierte und dabei,  wie Fassbinders Maria Braun, die Chancen des Wirtschaftswunders für sich zu nutzen verstand. Deren Vertreter konnten sich wieder Kunst leisten und sahen sich auch selber gerne auf Leinwand verewigt, oft von der bekannten Malerin Bittner-Simmet.

Magda Bittner Simmet 1972 in ihrem Atelier in der Schwabinger Leopoldstraße; bei dem Oben-Ohne-Portrait oben rechts handelt es sich um ein Selbstbildnis, Foto: MBS

Im Künstlerviertel Schwabing, das noch immer vom Flair seiner legendären Vergangenheit zehrte, eröffnete Magda Bittner-Simmet ein eigenes Atelier und portraitierte schon bald das „Who is who“ der Münchner Gesellschaft, in einer Zeit, in der laut Dr. Oettker Werbung eine Frau doch angeblich nur zwei Probleme umtrieben: Was ziehe ich an und was koche ich heute? Der Bundesverband deutscher Stiftungen schreibt dazu in einem seiner Archivportraits:

Magda Bittner Simmet 1960 mit Schriftsteller Oskar Maria Graf  am Stammtisch des Seerosenkreises

Entgegen der Zeitströmung malte sie gegenständlich. Ihre bevorzugten Sujets waren Landschaftsdarstellungen und ganz besonders Porträts. Modell saßen ihr viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Kultur, u.a. der Bayerische Innenminister Wilhelm Hoegner, Landesbischof Hans Lilje und der Schriftsteller Oskar Maria Graf.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Magda Bittner-Simmet durch den damaligen Kultusminister H. Zehetmaier, April 1989

Im Gegensatz zu vielen, auch heutigen Künstler-Kolleg_Innen, ging Bittner-Simmet pragmatisch mit Beruf UND Berufung um, wohl wissend, dass Schöpfertum alleine noch keine Existenz zementiert: Die Künstlerin setzte sich in verschiedenen Organisationen für die soziale Absicherung von Künstlerinnen ein, war Vorsitzende der Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördererinnen e. V. (GEDOK) München und erhielt für ihr berufspolitisches Engagement das Bundesverdienstkreuz. (Bundesverband deutscher Stiftungen in einem Archivportrait)

Eine ihrer Leidenschaften war das Reisen, für sie auch Quelle neuer Bildmotive und Inspirationen. Sie organisierte auch Gruppenreisen für Kolleg_Innen, aber scheute sich dabei nicht, ihr „Revier“ energisch abzugrenzen und beispielsweise einen Maler auszuschließen, nachdem er, zumindest ihrer Auffassung nach, wiederholt Motive von ihr kopiert hatte, so Biografin Gunna Wendt in ihrem Kurzportrait.

Die Autorin Gunna Wendt trägt ein Kurzportrait zu Magda Bittner Simmet, in deren Ateliermuseum vor, März 2017, im Rahmen des Münchner Stiftungsfrühlings

Nunmehr 40 Jahre alt ist das Künstlerhaus, das Magda Bittner-Simmet am Schwabinger Bach errichten ließ. Das Dachgeschoss baute sie zu einer großzügigen, lichtdurchfluteten Atelierwohnung aus, die Wohneinheiten in den beiden unteren Etagen vermietete sie.

Magda Bittner-Simmet bei einem ihrer Künstlerfeste im Atelier am Schwabinger Bach

Heute fließen diese Mieteinnahmen in die nach ihr benannten und bereits zu Lebzeiten geplanten Magda Bittner-Simmet Stiftung.

Vorstand Verena Walterspiel bei einer Einführungsrede, März 2017

Dank einer testamentarischen Verfügung erfüllte sich posthum Magda Bittner-Simmets großer Wunsch dieser eigenen Stiftung, und die Atelierwohnung verwandelte sich in ein Ateliermuseum, in dem Kustodin Christiane von Nordenskjöld, anhand von Führungen und Vorträgen regelmäßig an Werk und Leben einer bewundernswert zielorientierten Künstler-Persönlichkeit erinnert.

Mich fasziniert jeder Besuch aufs Neue, denn mit Betreten des Ateliers fühle ich mich in die Zeit meiner Kindheit und Jugend zurück katapultiert, angesichts der vielen Exponate aus dem persönlichen Besitz der Künstlerin. In der Mitte des Hauptraumes befindet sich der erhöhte Sessel, in dem einst ihre illustre Klientel Platz nahm, um sich von der Künstlerin in Öl verewigen zu lassen. Doch ich empfinde dieses Möbelstück eher als Thron der Künstlerin selbst, deren unsichtbare Präsenz bis heute den Ort dominiert.

Kustodin Christiane von Nordenskjöld während einer Führung. Rechts  der Portraitier-Stuhl

Das Ateliermuseum im Künstlerhaus am Schwabinger Bach bietet einen ungewöhnlichen ErfahrungsOrt für das Lebensgefühl der Nachkriegszeit und Wirtschaftswunderjahre. Ein Besuch im ehemaligen Atelier von Magda Bittner-Simmet ist wie eine Zeitreise (…), beschreibt die Homepage der Stiftung treffend die ganz spezielle Atmosphäre des Ortes, die zwar vorwiegend, aber nicht nur vom Nachlass der Stifterin geprägt wird, sondern auch von der liebevollen Akribie und dem Einfallsreichtum, die, seitens Kustodin und Vorstand, das vielseitige Veranstaltungsangebot begleiten, das ebenfalls den künstlerischen Nachlass der Malerin Magda Bittner-Simmet als Bildgedächtnis der Münchner Kunst- und Zeitgeschichte zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte.

So führte beispielsweise kürzlich der Vortrag „Kunst und Käseigel“ die Besucher_Innen zurück in die erfolgreichen Wirtschaftswunderjahre der Stifterin, einschließlich einer stimmigen kulinarischen Begleitung … [s. obiges Foto]

Aber nicht nur die Stifterin und ihr Werk werden hier thematisiert, sondern auch Biografien anderer Künstlerinnen, die selbstbestimmt ihre Laufbahn verfolgten, wie beispielsweise die Schwabinger „Traumprinzessin“ Bele Bachem.

Im Gegensatz zu manchen anderen Museen und Kunsttempeln empfinde ich dieses Ateliermuseum als einen Ort, der Kunst und Kultur regelrecht atmet, weil er einen ganz nah an seine Schöpferin heran führt. Dazu findet sich auf der Homepage der Magda Bittner-Simmet Stiftung ein Zitat:

„Die Wohnung, das Milieu, die Gegenstände, mit denen sich ein Mensch umgibt, verraten fast alles über ihn…“ (Jean Baudrillard)


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Stiften gehen … Momentaufnahmen und Gedanken zur Eröffnung des Münchner StiftungsFrühling 2017 in der BMW-Welt

Bis 2013 die Münchner Kultur-GmbH den ersten Münchner Stiftungsfrühling ins Leben rief, hatte ich nur eine vage Vorstellung von den Begriffen „Stiftung/stiften„, und die war eher negativ belegt: Da gab es doch den Skandal um den Preis der „Gelbe-Engel-Stiftung“ des ADAC, in dessen Strudel dann auch noch die Stiftung Warentest geraten war ..? Letztere kennt natürlich jeder, spätestens als durch den Boulevard die Klage von Schauspielerin Uschi Glas geisterte, deren Kosmetik von der Stiftung verrissen worden war. Und nennen sich nicht Altersresidenzen für betuchte Senioren gerne „Wohnstift“, als begrifflich angenehmere Alternative zu „Altenheim“? Und apropos alt: Bewohnten nicht einst altjüngferliche Damen schon zu Luthers Zeiten religiöse „Stifte“, die von Königen, Herzögen oder begüterten Adelsfamilien gestiftet worden waren, die sich auf diesem Wege, neben politischen Vorteilen, ihr Seelenheil sichern wollten?

Der MünchnerStiftungsFrühling möchte mit dem Mythos der „verstaubten Stiftung“ brechen. Hier soll der Münchner Bevölkerung gezeigt werden, welch spannendes Handlungsfeld in einer Stiftung liegt, wie vielseitig die Projekte und die Förderungen der Stiftungen sind und wo das Wirken der Stiftungen überhaupt sichtbar wird. Und er möchte den Blick schärfen für diese Facette unserer Stadt, die vielen oft verborgen bleibt„, räumt Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Grußwort zum diesjährigen MünchnerStiftungsFrühling mit so manchem Vorurteil auf.

Marktplatz einmal anders, im Stiftungsforum der BMW-Welt: Stände und Besucher dicht an dicht, zum Auftakt des MünchnerStiftungsFrühlings 2017

In der Tat, so wie die Lange Nacht der Musik/Museen dazu beiträgt, die Kunst in unserer Stadt sichtbarer zu machen, verhält es sich seit sechs Jahren auch mit dem biennal abgehaltenen MünchnerStiftungsFrühling: Dann stellt das Team der Kultur GmbH, um Geschäftsführer Ralf Gabriel und Projektleiterin Julia Landgrebe, pünktlich zum Frühlingserwachen, ein breitgefächertes Programm-Angebot unterschiedlichster Stiftungen zusammen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: „Frühling bedeutet Aufbruch, Stiften auch. Wer stiftet, schafft Möglichkeiten und setzt damit den Keim für neue Wege, lässt Ideen sprießen und Projekte erblühen. Wieso also nicht diese bunte Wiese allen zugänglich machen? Und genau dieses Ziel verfolgt der MünchnerStiftungsFrühling. Wer weiß schon, wo überall in der Stadt Stiftung drin steckt? Dass Stiftungen unseren Alltag durchweben, weiß kaum einer – und doch sind sie unentbehrlich für unsere Gesellschaft,“ erklärt die Münchner Kultur GmbH die Idee hinter dahinter.

„Vorhang auf und Bühne frei!“ hieß es in der BMW-Welt für diesen Chor der Castringius Kinder- und Jugend-Stiftung München 

Das Herzstück der Veranstaltungswoche, die 2017 vom 24. bis 30 März läuft, bildet die BMW-Welt, Stiftungs-Forum und Schauplatz unterschiedlichster Veranstaltungen; ein kongenialer Standort dank seiner offenen Architektur und Glasfassaden. Bereits im Außenbereich empfing mich gestern ein erster Vorgeschmack der thematischen Bandbreite, in der Stiftungen aufgestellt sind:

Als erstes spazierte ich durch „das größte Darmmodell Europas„.

An den Innenwänden fanden sich zunächst die Innenansicht eines gesunden Darms, danach, in Übergröße, harmlose Polypen, dann Polypen im Grenzstadium zum Krebs und schließlich Krebsgeschwüre in fortgeschrittenem Zustand. Direkt abstoßend wirkten die Konstrukte zwar nicht, dezent in lachsfarbenen Schattierungen wuchernd, aber die erläuternden Texttafeln ließen mich schon darüber nachdenken, mich endlich einmal einer Darmkrebs-Vorsorge zu unterziehen, wofür sich die Felix-Burda-Stiftung seit 2001 einsetzt.

Neben den Superlativen, die der MünchnerStiftungsfrühling zu bieten hat, begeistern mich oft gerade kleinere, jedoch mit viel Herzblut geführte Stiftungen:

Dazu zählt die engagierte Magda Bittner–Simmet Stiftung: Kustodin ist Christiane von Nordenskjöld, die ich schon seit ihrer Zeit als Assistentin bei der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition kenne und als Kollegin über die Jahre ins Herz geschlossen habe. Nun betreut sie das künstlerische Erbe von Magda Bittner-Simmet mit, einer erfolgreichen Münchner Malerin. Deren Atelier unmittelbar am Englischen Garten, in dem sie einst Berühmtheiten portraitierte, dient heute als Museum, das die Besucher hautnah an die Welt der Kunstschaffenden im allgemeinen und an die von Magda Bittner-Simmet insbesondere heranführt. Darüber hinaus finden hier, ganz im Sinne der Stifterin, Veranstaltungen statt, die thematisch um starke, emanzipierte Frauenpersönlichkeiten kreisen, wie sie Bittner-Simmet selbst in den konservativen 50er und 60er Jahren darstellte.

Im Rahmen des MünchnerStiftungsFrühlings 2017 referieren hier u.a. die Autorinnen Renée Rauchalles sowie Gunna Wendt, die gerade den Schwabinger Kunstpreis 2017 zugesprochen bekommen hat.

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Am Montag, 27.03. 15:30 Uhr – 17:30 Uhr, Stiftung Seniorenarbeit im Diakoniewerk München-Maxvorstadt, lädt die Argula-von-Grumbach-Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu einem Vortrag über „Argula von Grumbach – eine bayerische Reformatorin“. Sie war eine mutige Adelige zur Zeit Luthers, mischte sich in die religiösen Dispute der Reformationszeit ein und war mit ihren Flugblättern eine Bestsellerautorin, die auch in Briefkontakt mit Luther stand, der sie ausdrücklich schätzte.

[Argula von Grumbach – Ausschnitt einer Münze – Quelle ELKB]

„Die Frauen in der Reformation“ möchte ich in einem Artikel in den nächsten Wochen aufgreifen und besuchte daher Dorothee Burkhardt (Foto), Erste Vorsitzende des Beirats der Argula-von-Grumbach-Stiftung an ihrem Stand. Sie hielt dort Stellung in einem Mantel, der dem von Argula auf historischen Abbildungen nachempfunden war. Sicherlich muss es ihr darin sehr warm gewesen sein, aber dieses Kleidungsstück zog viel Aufmerksamkeit auf sich, nicht zuletzt auf Grund von Details, wie Armlöcher, durch die man an unterschiedlichen Stellen schlupfen kann, je nachdem ob kurzärmlig oder langärmlig saisonal angesagt ist. Dennoch: Argulas häufige Langstrecken-Ritte dürften kaum in diesem Modell stattgefunden haben! Das Kostüm kann künftig ausgeliehen werden, die Leihgebühren kommen der Stiftung zugute. Diese fördert die Gleichstellung von Mann und Frau in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie will die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext unterstützen.“ 2007, unter Federführung von Kirchenrätin Dr. Johanna Beyer, wurde sie ins Leben gerufen: „Rund um die Person Argula von Grumbachs hat die Frauengleichstellungsstelle der ELKB viele Angebote und Aktionen entwickelt: von einer Radtour zu den Wirkungsstätten über eine eigene Stiftung bis hin zu einem nach ihr benannten Gleichstellungsförderpreis.“ (Quelle: ELKB)

Gute zwei Stunden habe ich das Stiftungsangebot der unterschiedlichsten Stände durchstöbert. Nachstehend einige Momentaufnahmen mit weiterführenden Links >

Die Münchner Schachstiftung: Bildungsförderung auf der Grundlage von Schach

Die Nemetschek Stiftung möchte als unabhängige, überparteiliche und gemeinnützige Stiftung einen Beitrag zur demokratischen Kultur in Deutschland leisten. Dafür setzt die 2007 gegründete Stiftung innovative Projekte um, die überraschende Perspektiven auf gesellschaftspolitische Fragen eröffnen. Im Foyer/Auditorium der BMW-Welt lud sie zu einer interaktiven „Reise zu den Grundrechten“, die das Geheimnis um DAS GEHEIMNIS zu lüften suchte …

Schlichtes Plakat, großes Anliegen und viel Herzblut steckt in der TuaRes Stiftung, deren Ziel es ist, besonders benachteiligte Mädchen in Afrika zu fördern

Dieser plüschige Vogel der Stiftung Kindergesundheit, c/o Dr. von Haunersches Kinderspital, brachte mehr als ein paar Kinderkulleraugen zum Strahlen und mich auch, als er mir so nett zuwinkte und einen Flyer in die Hand drückte … Dieser Kinderklinik ist, glaube ich, so gut wie jede/r verbunden, der in München Kinder großgezogen hat –

Und natürlich fehlte auch das wohl bekannteste Stiftungsmaskottchen Deutschlands nicht, der Drache Tabaluga, am Stand der Peter-Maffay-Stiftung

Mein Fazit? Dass es zwar leider an viel zu vielen Ecken auf unserer Erde und in unserer Gesellschaft brennt, dass sich aber auch unzählige Menschen, unterschiedlichster Couleur, helfend einbringen, im Rahmen ebenso unterschiedlicher Möglichkeiten und Motivationen, die jedoch alle etwas zum Besseren bewegen. Ein Lichtblick, den uns der MünchnerStiftungsFrühling alle zwei Jahre vor Augen führt …


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