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Die runden Ecken der Balalaika – 25 Jahre MIR – Zentrum für russische Kultur in München!

Blut und Klang im Doppelpack … Ausgerechnet die Tartaren sollen im 13. Jahrhundert die Domra als Musikinstrument nach Russland eingeführt haben. domra_jourfixe-blogDort avancierte sie schnell zum bevorzugten Instrument fahrender Spielleute, die ein ganze Land mit diesem der Laute verwandten Instrument verzauberten. Dermaßen verzauberten, das es das Volk an Sonntagen eher zum Open Air auf den Marktplatz zog, als in die Messe. Die Reihen der Gläubigen bei den sonntäglichen Gottesdiensten sollen sich unaufhaltsam gelichtet haben. Schließlich beschwerte sich die Kirche bei der Obrigkeit im Namen des Herren. Darauf erging ein Erlass, alle Domras zu konfiszieren und alle runden Saiteninstrumente künftig zu verbieten. Nur wollte das Volk sich diese Art von Klang-Genuss auf Dauer nicht verbieten lassen. Dies war die Geburtsstunde der – nicht länger runden – sondern nunmehr dreieckigen Balalaika.

Maria Belanovskaya, Domra-Spielerin aus St. Petersburg auf unserem Zimmer im Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Maria Belanovskaya übt auf ihrer Domra, Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Diese faszinierende Geschichte erzählte mir die Domra-Spielerin Maria (Mascha) Belanovskaya, meine Zimmergenossin beim russischen Festival in Coburg. Sie selbst gilt als eine der besten russischen Domra-Spielerinnen, wie mir MIR-Präsidentin Tatjana Lukina später verriet. Dass dieses Instrument inzwischen wieder Kernbestandteil der russischen Volksmusik ist, verdanken wir  Wassili Wassiljewitsch Andrejew, der  die Domra um 1896 auf der Basis von alten Zeichnungen und Instrumentenfragmenten rekonstruierte. Doch war dieses traditionelle Instrument für Mascha keineswegs erste Wahl. „Ich wollte Klavier spielen“, gestand sie mir. „Und ich war begabt!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. Doch die Mutter drängte sie, wohlmeinend, sich an der Domra ausbilden zu lassen. Damals bestand noch der Eiserne Vorhang und die Chancen auf internationale Tourneen, auch in den Westen, schienen mit diesem traditionellen russischen Instrument aussichtsreicher, als mit dem Klavier, das weltweit beherrscht wird. Die gleiche Mascha, die mir eben noch mit blitzenden Augen die Entstehungsgeschichte ihres Instruments geschildert hatte, wirkte plötzlich traurig, als sie fragte: „Aber heute? Wer braucht denn schon heute noch eine Domra-Spielerin?“

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

In Deutschland lebt die St. Petersburger Künstlerin erst seit Ende letzten Jahres, ist hier frisch verheiratet, spricht jedoch bereits hervorragend Deutsch. – Und erwies sich im Verlauf unseres langen Pyjama-Talks ganz unerwartet als Bindeglied zu einer entscheidenden Phase in meinem Leben: Mascha berichtete nämlich, dass ihr geschiedener Mann, der Balalaika-Spieler Alexander Kutschin, mit dem sie bis heute im Trio arbeitet, 1991 für kurze Zeit in einer russischen Datscha in München aufgetreten sei. „In der Paradiesstraße 8“, ergänzte sie, worauf es bei mir „klick“ machte. Zu jener Zeit hatte ich um die Ecke im Lehel gewohnt und mich in die Atmosphäre dieses Lokals verliebt, das in seiner Anfangszeit viele kleine und auch größere Besonderheiten „made in Russia“ auszeichnete: So fanden sich fast dreißig verschiedene Vodka-Sorten auf der Getränkekarte, und das geleerte Glas durfte man in eine eigens dazu eingerichtete Ecke schleudern, was sich nicht nur als idealer Blitzableiter bei aggressiven Befindlichkeiten erwies, sondern auch zu so manchen Exzessen verführte. Die schummrige Atmosphäre des Lokals und die sentimentale Stimmung, in die mich russische Klänge seit jeher versetzen, sollte für mich zur Kulisse einer Reihe von Begegnungen und Erlebnissen werden, die die Weichen für meinen weiteren Werdegang stellten … Rückblickend bezeichne ich diese Zeit als meine „russische Phase“ , begleitet natürlich vom entsprechenden Soundtrack an russischer Livemusik.

Natalia Lupina in "Herr Ober bitte!"

Natalia Lupina in
„Herr Ober bitte!“

Deren nostalgischer Schmelz wurde in dieser Datscha anfangs von der rauchigen Stimme der Sängerin und Schauspielerin Natalia Lapina dargeboten, einem ebenso liebenswürdigen wie verführerisch-kapriziösem Geschöpf … Wenn sie bei uns im Lehel unterwegs war, stach sie mit ihrem Aussehen sofort ins Auge. Blond, kurvig, in einem ganz eigenwilligen Stil gekleidet … Damals lag bereits eine heftige Affäre mit einem internationalen Tennisstar (nein, nicht Boris) hinter ihr, sie hatte die Rolle der Geliebten in Gerhard Polts „Herr Ober, bitte!“ ergattert, verdrehte jedem den Kopf und zeigte sich zugleich von ihrer warmherzigsten Seite, als ich mich einmal um Rat an sie wandte. Schon bald versuchte jedoch der Besitzer des Lokals das Trio zu übervorteilen; das Arbeitsverhältnis endete vor Gericht und ich verlor die drei aus den Augen. Mascha berichtete mir nun in Coburg, dass Natalia inzwischen in den USA lebe, sich aber die Erwartungen an das Leben für sie wohl nicht erfüllt hätten.

Natalia Lapina stellt für mich, mit den vielen verschiedenen,  oft  kontrastierenden doch stets schillernden Facetten ihrer Persönlichkeit eine Russin par exellence dar.

Die Statue des Dichters Fjodor Tjutschew im Münchner Dichtergarten schmückt das Herbstprogramm von MIR

Die Statue von Fjodor Tjutschew (Münchner Dichtergarten) auf dem MIR Herbstprogramm

Auf das ganze Land übertragen, formuliert es der große russische Dichter Fjodor Tjutschew so:

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen, Gewöhnlich Maß misst es nicht aus: 

Man muss ihm sein Besond’res lassen – Das heißt, dass man an Russland glaubt.

Diese so anrührend treffende Beschreibung wählte die Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina zum Motto jenes Vereins, den sie im selben Jahr meiner Datscha-Abenteuer ins Leben rief: MIR (Russisch für „Frieden“) – Verein für kulturelle Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, gegründet 1991.

Tatjana Lukina Präsidentin MIR

Tatjana Lukina
Präsidentin MIR

Nur wer selbst mit Kulturarbeit in Berührung gekommen ist, kann ermessen, was es heißt, eine kulturelle Institution über einen so langen Zeitraum mit immer neuen Inhalten zu füllen und am Leben zu halten. Verdientermaßen erhielt sie dafür

  • 2006 die Puschkin-Medaille für Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung sowie der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker.
  • 2011 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Und Tatjana Lukinas Arbeit scheint mir nie wichtiger gewesen zu sein, als heute, denn sie vermag kulturell Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland leider wieder auf eine neue Eiszeit zuzusteuern scheint. Als gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1958, stimmt mich das besonders traurig, noch zu präsent ist mir das Schreckensszenario meiner Kindheit, das da lautete: „wenn der Russe kommt …“.

Die Gründung von MIR fiel mit dem Fall der Sowjetunion zusammen, auf die eine kurze Phase politischen Tauwetters folgte. Der bedrohliche Russe meiner Kindheit schien endgültig Makulatur. Um die Jahrtausendwende setzte sogar ein kurzer Putin-Hype in Deutschland ein, schließlich wirkte er drahtig, beherrschte eine asiatische Kampfsportart und sprach sogar fließend Deutsch … Nun fällt Volkes Meinung ja gerne von einem Extrem ins andere und so ist zwischenzeitlich wieder viel Porzellan zertrümmert worden, international, quer durch alle politischen Lager und insbesondere seinerzeit seitens der Bush-Administration. Inzwischen genügt es hierzulande, lediglich für eine ausgewogenere Berichterstattung in puncto Russland/Putin zu plädieren, um einen halben Shit Storm im Netz auszulösen. Um so härter muss es für Tatjana Lukina sein, in solcherart Stimmungslage unbeirrt russische Kultur auf hohem Niveau zu präsentieren …

Tatjana Lukina bei einer Anmoderation im "Riesensaal" von Schloß Ehremburg im Rahmen des Festival russischer Kultur am 3./4.9.2016, Coburg

Tatjana Lukina, Gründerin und Präsdidentin von MIR, bei einer Anmoderation im „Riesensaal“ von Schloß Ehrenburg, im Rahmen des Festivals russischer Kultur am 3./4.9.2016 in Coburg

Leider fühlen sich viele Menschen im Moment, so scheint es mir, auf Grund ihrer Ablehnung gegenüber der Politik Putins auch zu einer Ablehnung Russlands insgesamt genötigt.  Dabei wird leicht übersehen, dass ganz Europa historisch verwoben ist, so auch, beispielsweise, die russische Geschichte mit der bayerischen. So hat MIR im Jahr seines 25. Jubiläums konsequenterweise eine kulturhistorische Spurensuche ausgerufen:

Schirmherr des Festivals: Der Coburger Oberbürgermeister Norbert Tessner (SPD)

Schirmherr des Festivals: Der Coburger OB Norbert Tessner (SPD)

Bereits Anfang September lud MIR zu einem Kulturwochenende nach Coburg. Anlass war der 140. Geburtstag von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876 – 1936), der späteren Großfürstin Victoria Fjodorowna von Rußland. Diese Dame blickt auf eine  Vita zurück, die bezüglich ihrer Dramatik Caroline von Monaco und den gesamten Grimaldi-Clan – damals wie heute – blass aussehen lässt. Victoria, eine der zahllosen Enkel_Innen von Europas Queen Victoria, verlor schon früh ihr Herz an den russischen Großfürsten Kyril Romanov, ein Cousin. Auf Grund dieser familiären Verhältnisse verbot sich laut dem orthodoxen Glaubenskodex eine Ehe. Stattdessen heiratete sie in das Haus Hessen ein. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor. Diese Ehe jedoch nicht glücklich.

Victoria Melita mit ihrem ersten Mann, Großherzog Ludwig von Hessen

Victoria Melita mit ihrem 1. Mann Großherzog Ludwig von Hessen

Als Victoria ihren Mann schließlich in Flagranti mit einem Kammerdiener ertappte, trennte sie sich von ihm, ein für damalige Zeiten unerhörter Schritt. Dennoch blieb ihr zunächst eine Scheidung verwehrt, maßgeblich seitens ihrer mächtigen englischen Großmutter, der eine Scheidung in der Familie als „no go“ galt. Erst nach deren Ableben erfüllte sich für Viktoria ihr Herzenswunsch und sie wurde Kyrils Frau Vicoria Fjodorowna, Großfürstin von Russland und später Zarin im Exil. „Prinzessin Ducky, eine Europäerin mit drei Schicksalen“ lautete der Titel der ihr gewidmeten literarisch-musikalischen Lesung, der der Oberbürgermeister, Norbert Tessner (SPD), beiwohnte, der auch die Schirmherrschaft des Festivals, das bereits zum dritten Mal in in Coburg stattfand, übernommen hatte.

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für ihren Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für den Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Um Schicksalsschläge und die Dramatik großer Gefühle ging es auch in den weiteren Programmpunkten. Einer davon war die weltberühmte Liaison des jungen Rainer Maria Rilke mit der älteren Russin Lou Andreas Salome, die in einer Collage aus historischen Dokumenten und Briefen von Schauspielerin Karin Wirz und ihrem Partner intensiv nachempfunden wurde. Für mich noch spannender, weil mir das Thema dank der Biografie von Gunna Wendt: Lou Andreas Salome und Rilke, „Eine amour fou“ bereits vertraut war. »War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist« schrieb diese starke Frauenpersönlichkeit an ihren Geliebten. Als aus ähnlich hartem Holz geschnitzt erwies sich auch die St. Petersburger Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitskaja. Ihretwegen drehte sich Walzerkönig Johann Strauß Sohn, normalerweise ein notorischer Frauenheld, regelrecht im Karree  und schrieb ihr 100 Liebesbriefe.

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Dieser weiteren Romanze hauchten Anna Sutyagina und Artur Galiandin an diesem Abend Leben ein.

Der bedingungslosen Hingabe, mit der Ehefrauen ihren Männern zu Weltruhm verhalfen und dabei selbst weitgehend im Schatten blieben, widmete sich die Lesung aus dem Buch „Am Anfang war die Frau“ von Tatjana Kuschtewskaja, wobei mich während der Lesung die Frage beschäftigte, inwieweit diese Bedingungslosigkeit der Tatsache geschuldet war, dass sich Frauen damals nur über ihren Ehegatten definieren konnten und ihnen daher gar keine andere Wahl geblieben war.

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Nicht zufällig trugen Frauen früher die Titel des Gatten mit im Namen.  In ihrer Reihe biografischer Miniaturen kommt Tatjana Kuschtewskaja auch auf die unglückliche Liebe von Antonina Iwanowna Miljukowa zu sprechen, die eine aussichtslose Leidenschaft zu dem großen Pyotr Iljitsch Tschaikowski hegte. Zwar mündete ihre Liebe 1877 in eine Ehe, doch war auf Betreiben des Komponisten von Anfang an vereinbart, dass beide lediglich „in geschwisterlicher Verbundenheit“ zusammenleben würden. Dennoch verließ Tschaikowski bereits nach drei Monaten das eheliche Heim. Tschaikowski, dem sich auch die abschließende Soirée „Tschaikowski und der Kini“ widmete, war aller Wahrscheinlichkeit nach schwul und daher zu einem Doppelleben gezwungen, das sein nach außen hin so erfolgreiches Leben dramatisch überschattete, bis zu seinem unerwarteten und Geheimnis umwitterten Tod. Hierzu fasst Wikipedia zusammen:

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowski starb überraschend im Herbst 1893, im Alter von 53 Jahren in St. Petersburg. Wenige Tage zuvor hatte er noch seine Pathétique dirigiert. Die Todesursache konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. (…) Die eine besagt, er habe sich mit der damals in St. Petersburg grassierenden Cholera, infinziert, als er ein Glas unabgekochten Wassers (…) trank.  (…)  Nach der anderen These hat sich Tschaikowski mit Arsen vergiftet (…) Angeblich war er von einem „Ehrengericht“, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, an der er selbst studiert hatte, mit dem Hinweis auf seine Homosexualität aufgefordert worden, sich das Leben zu nehmen. 

Auf beide Thesen ging Artur Galiandin in der Soiree ein; eine von vielen historischen Randnotizen, die mir während des Kultur-Wochenendes in Coburg begegneten und sehr berührten, sind es doch solche Details, die Geschichte wieder nachvollziehbar in Form lebendiger Geschichten machen. Nicht mehr und nicht weniger strebt auch unser Team bei der Produktion von jourfixe-Collagen an, mit einem Konzept, das dem von MIR-Präsidentin Tatjana Lukina sehr nah kommt. Sie wolle Wissen vermitteln, dies aber auf eine unterhaltsame Art und vor allem dabei im Publikum auch Emotionen wecken, erklärte sie mir. Gerade letzteres Anliegen teile ich und finde es bei MIR-Veranstaltungen immer wieder wunderbar umgesetzt, nicht zuletzt auf Grund der Musik-Beiträge, die fester Bestandteil von Lukinas Programmen sind, zu denen sie auch stets selbst das Skript formuliert; ein zusätzlicher kreativer Kraftakt, den Lukina auch dank eines festen Ensembles aus versierten Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig stemmt. Dank dieser festen Konstante wirkte die breit aufgestellte Themenpalette des Festivals wohltuend „wie aus einem Guss“ und sorgte auch jenseits der Veranstaltungen für eine familiäre Bindung zwischen dem künstlerischen Ensemble und dem mitgereisten Teil des Publikums, weitgehend MIR-Stammpublikum, wie mir schien. Grundsätzlich erlebe ich das Umfeld von MIR wie eine große Familie, die sich in regelmäßigen Abständen, vor und auf der Bühne, der russischen Kunst und Kultur widmet.

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen:

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen: v. li.: Anna Sutyagina, Frits Kamp, Maria Belanovskaya, Vladimir Panteleev, Ekaterina Medvedeva, Arthur Medvedev, Alexej Kudryashov, Michael Tschernov und Cornelia Pollak

Flair „für mau“ bot der Veranstaltungsort selbst, das prächtige Schloss Ehrenburg in der Coburger Altstadt. Oft verströmt das Interieur von Schlössern tote Pracht. Nicht so die Räumlichkeiten dieses Schlosses, in dem ich mir am Sonntag Vormittag in der Künstlergarderobe einen improvisierten Arbeitsplatz geschaffen hatte.

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art ...

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art …

Vom Aufenthaltsraum aus, in dem barockes Weiß, Silbergrau und Gold dominierten, führten verschachtelte Gänge in immer neue Räume, ausgekleidet in farblich wechselnden Seiden-Tapeten, ausgestattet mit großformatigen Portraitbildern in Öl, die von anderen Zeiten erzählten, deren Sitten und Moden.

Schauspielerin Cornelia Pollak vor illustrer Kulisse

Schauspielerin Cornelia Pollak

Die Werke, unter denen Bassbariton Frits Kamp auch einen Rembrandt vermutete, wie mir meine improvisierte Schlossführerin, Schauspielerin Cornelia Pollak berichtete, zeigten hochwohlgeborene Familien, die einst hier wohnten, lebten und natürlich auch ausgiebig – sonst wären einige von ihnen nicht Protagonist_Innen eines russischen Festivals – liebten …

Schloss Ehrenburg

Schloss Ehrenburg

Später setzte ich meinen Rundgang alleine fort, wann hat man schon ein ganzes Schloss für sich, von dem Gefühl begleitet, die früheren Bewohner_Innen seien nur eben einmal ausgeritten und bald wieder zurück.

Auch als Kulisse für die Vorstellungen erwies sich der Ort als kongenial, besonders bei Auftritten von  Sopranistin Tatjana Furtas, deren Roben sich optisch perfekt in das Gesamtbild einfügten.

Arthur Medvedev, Tatjana Furtas, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva

Arthur Medvedev, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva Tatjana Furtas

Lichtregie führten die Tages- und Abendzeiten, die den Festsaal in wechselnde aber stets intensive Stimmungen tauchten. Neben den Darbietungen selbst faszinierte mich auch die Atmosphäre Backstage, zwischen den Veranstaltungen. Meine Eindrücke habe ich vor Ort festgehalten: Glockenhelle Sopranstimmen, vereinzelte Klavier-Klänge aus dem Festsaal, von anderswo her vernehme ich Fragmente russischer Volksmusik, russische Sprachfetzen mischen sich unter deutsche Konversation, hier geht jemand noch seinen Text durch, dort wird gebügelt, die typische Backstage-Szenerie in Barock-Version, heimelig in das schummerige Licht eines verregneten Mittags getaucht. Das ist meine – Künstler – Welt, hier fühle ich mich ganz bei mir …

Das "Stille Örtchen" anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett ...

Das „Stille Örtchen“ anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett …

Entsprechend melancholisch war mir während der Heimfahrt zumute, zumal die beständige Abfolge von Programmen während der beiden Festival-Tage eine Art poetischen Sog entwickelt hatten, den ich nun jäh vermisste. Nach zwei hauptsächlich in den Gemächern eines Schlosses, mit Geschichten aus vergangenen Zeiten und klassischer Musik verbrachten Tagen, kam ich mir vor, als würde ich nach einer durchzechten Nacht in das grelle Licht der Realität zurück kehren. Gnädigerweise zeigte sich der Himmel allerdings wolkenverhangen und der Vorplatz des Schlosses hatte sich in eine Budenlandschaft mit kulinarischen Angeboten von A bis Z verwandelt, was mir den Weg zurück in die Sachlichkeit des Alltags erleichterte. Während der Bus sich ein letztes Mal einen Weg durch die Altstadtgassen bahnt, fühle ich mich, abgesehen von einer leisen Melancholie, glücklich und erfüllt.

Das Coburger Festival endete mit einem berühmten Zitat von Tschaikowski:

Musik beginnt dort, wo Worte enden …

Ein Seele und Geist bereicherndes Wechselspiel, das an diesem September-Wochenende, 24./25.9.2016, im Münchner Kulturzentrum Gasteig fortgesetzt wird:

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Wieder hat Tatjana Lukina mit ihrem Ensemble und einigen Gästen aus Kunst und Kultur ein opulentes Programm für zwei Festival-Tage vorbereitet, zur Feier des 25. Jubiläums bei freiem Eintritt! Auch hinsichtlich dieses Programmes bleibt MIR sich treu; erzählt in der Veranstaltung: „Ein Schwiegersohn für den Zaren“ von der Romanze von Maximilian Herzog von Leuchtenberg (1817-1852) – Sohn von Napoleons Stiefsohn, Eugène de Beauharnais und Enkel des ersten bayerischen Königs Maximilian I. – und der Tochter des Zaren Nikolaus I., Großfürstin Maria Romanowa (1819-1876). Mit ihrer Heirat 1839 gründeten sie die einzige bayerisch-russische Dynastie (…)

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Ebenfalls in München unterschrieb ein Russe zum ersten Mal mit einem Pseudonym: Lenin! Über seinen zweijährigen Aufenthalt in unserer Stadt berichtet die Lesung: „Wladimir Uljanows (Lenin) Exil in München“. Weitere Veranstaltungen sind so unterschiedlichen russischen Persönlichkeiten gewidmet, wie Väterchen Timofej, bekannt, bis zu seinem Tod 2004, als DER Eremit von München oder Alexander Schmorell (seit 2012 Hl. Alexander von München). Über sein Leben und Sterben berichtet  der Dokumentarfilm  „Widerstand der Weißen Rose„. An der Diskussion nach dem Film nimmt u. a. der Biograf von Schmorell, Dr. Igor Chramow (Orenburg) teil. Regie: Sergej Lintsow und Roman Saulskij, Direktor Alexej Egorytschew (Filmgesellschaft „Sozwezdije Kino“, Produzent Wadim Aslanjan, 2015).

Samstag, 24.9. 16.00 Uhr Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

MIR präsentiert: SA, 24.9. 16 Uhr, Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig
Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

Selbstverständlich stehen auch Portaits russischer Frauen wieder im Mittelpunkt: Besonders schöne, wie UFA-Star Olga Tschechowa, besonders Geheimnis umwitterte, wie Anna Anderson-Manahan, die als angebliche Zarentochter Anastasja weltweit für Aufsehen sorgte oder besonders begabte, wie Malerin Marianne von Werefkin in dem Dokumentarfilm „Ich lebe nur durch das Auge“ von Stella Tinbergen, mit Lena Stolze in der Hauptrolle … Alle Programmpunkte finden sich im virtuellen MIR-Flyer

Russische Spuren in Bayern

Am Ende meiner Ausführungen zu 25 Jahren MIR und den damit verbundenen aktuellen Festivitäten, gestatte ich mir aus dem Grußwort des damaligen Generalkonsuls der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, zu zitieren, geschrieben 2010, für die Festschrift zum 20jährigen MIR-Bestehen:

Mich als Generalkonsul der Ukraine in München freut es sehr anzumerken, dass viele kulturelle Veranstaltungen und Gedenkabende der Ukraine gewidmet waren. (…) Viele haben noch in Erinnerung: Gogol-Tage in München, die unter der Schirmherrschaft der ukrainischen und russischen Generalkonsule durchgeführt wurden und dem 200 Geburtstag des Schriftstellers gewidmet waren. Mein besonderer Dank gilt für die Aufführungen der ukrainischen Theater(Stücke), die dank Ihren Bemühungen auf den angesehenen Theaterbühnen Münchens vorgestellt werden konnten. Heute setzen Sie Ihre mühsame Arbeit zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen fort. Die neuen Ideen, Veranstaltungen und Publikationen gewährleisten eine lebendige Verbindung zwischen den Ländern, Zeiten und Kulturen.

Hier findet sich auf den Punkt gebracht, was Kultur leisten kann und das Team von MIR, allen voran Tatjana Lukina, über ein Vierteljahrhundert geleistet hat und hoffentlich noch lange leisten wird,  wenn es sich mit Veranstaltungsreihen und Publikationen wie „Russische Spuren in Bayern“ und „Das russische München“ (beide von MIR), auf die Spuren dessen begibt, was uns verbindet und uns hier in München am vielfältigen Erbe der Kulturnation Russland teilhaben lässt.

Samstag, 24.09.
Sonntag, 25.09.
„Das russische Bayern“


Festival des russischen Kulturzentrums MIR
aus Anlass des 25. Jubiläums

Vortragssaal der Bibliothek/Gasteig

Details s. auch     jourfixe–News

Programm

Eintritt frei!

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Das russische München“
ISBN: 978-3-98-05300-9-5

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 22,-

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Russische Spuren in Bayern“
ISBN: 3-9805300-2-7

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 20,-

Fotos: Raissa Konovalova, Elena Weich/MIR und Gaby dos Santos

Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

Standard

Was hat die Besatzung mit uns hier in Deutschland zu tun? Viel.

Gestern Abend in den 20 Uhr Nachrichten wurde ein Bericht ausgestrahlt, der den unerträglichen Wassermangel betraf, dem sich die palästinensische Bevölkerung ausgesetzt sieht. Es mag nicht immer leicht sein, mit einem Blick aus der Ferne politisches „Schwarz und Weiß“ in die gebotenen Grau-Schattierungen dazwischen aufzulösen. Anders verhält es sich dort, wo schlichtweg humanitäre Not herrscht. Die lässt sich sehr genau festmachen: Am Leid der Menschen. Wenn uns schon der Glaube oder ein ethisches Selbstverständnis nicht aufzurütteln vermögen, so sollte es doch wenigstens der warnende Gedanke, dass in einer immer globalisierteren Welt alle alles etwas angeht ..!“

https://bibjetzt.wordpress.com/2016/08/12/was-hat-die-besatzung-mit-uns-hier-in-deutschland-zu-tun-viel/

BIB JETZT BLOG

Immer wieder hört man derzeit Leute sagen, in Israel sei es gerade wohl „sehr ruhig“. Gemeint ist, dass die Nachrichten nicht unaufhörlich von Messerattacken, einem „Gazakrieg“ oder anderen Katastrophen berichten. Leider sieht die Realität vollkommen anders aus. Das Maß der Katastrophe sollte am individuellen und kollektiven Schicksal gemessen werden und nicht an der Sensation, die die Nachricht in die Schlagzeilen katapultiert. Aber offensichtlich sind alltägliche, sich ständig wiederholende Ereignisse – seien sie noch so katastrophal und schicksalhaft für die Geschädigten – selten eine Meldung wert.

So ist es etwa mit den geschätzten 2.000 Hauszerstörungen, die Jahr für Jahr durchgeführt werden, denen ausschließlich palästinensische „illegal gebaute“ Häuser zum Opfer fallen und die in der Weltöffentlichkeit kaum mehr Beachtung finden. Nur einige Menschenrechtsorganisationen wie Jewish Voice for Peace oder B’Tselem berichten darüber, rufen zum Protest auf; wenige individuelle Anschreiben erreichen die Vorzimmer von Ministern, vereinzelt erscheint eine Nachricht in einem online-Portal.

Die…

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2016_07_04_Stolpersteine_auch_in_Muenchen_jourfixe-Blog_Beitragsbild

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter http://www.stolpersteine-muenchen.de – ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


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2016_07_02_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe_Blog_Titel

Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

2016_07_02_Maria_Maschenka_Gaby_dos_Santos_Jour_Fixe_im Nachtcafe_1999-2002

Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

2016_07_02_Hannes_Beckmann_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe

Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

2016_07_02_Kanzleirat_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

2016_07_02_Gaby_dos_Santos_Requiem_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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2016_05_24_Krista_Posch_Glaube_Liebe_Hoffnung_Theater_am_Tisch_jourfixe-Blog-Titel

Krista Posch: Ein Tisch, ein Stuhl und großes Theater

Man kennt sie aus dem TV, von den großen Bühnen des deutschsprachigen Raumes und als Synchronstimme der wunderbaren Charlotte Rampling: Schauspielerin und Sängerin Krista Posch. Ebenso aber schlägt ihr Herz für die künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten, die nur ein intimer Bühnenrahmen bieten kann.

Krista_Posch_Glaube_Liebe_Hoffnung_Theater_am_Tisch

Ö. v. Horváth 1919

Darauf zugeschnitten hat sie ihr Format „Theater am Tisch“ entwickelt und Ödön von Horváths Drama „Glaube, Liebe, Hoffnung – Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ adaptiert und schreibt dazu: „Ich habe mir dieses berührend-absurde, immer aktuelle Stück für mein THEATER AM TISCH  ausgesucht. Horváth hat „Glaube Liebe Hoffnung“ 1932 nach Informationen von Gerichtsreporter Lukas Kristl geschrieben. 

Es ist eine ‚Lesung‘ der anderen Art … Eine SpiellesungWie schon in Felix Mitterers STIGMA spreche lese spiele ich das ganze Theaterstück.

Theater_am_Tisch_Krista_Posch_Ödön_von_Horvath_Glaube_Liebe_Hoffnung_jourfixe-Blog

Krista Posch 2016 in der Adaption von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ für ihr „Theater am Tisch“; Foto: P. Ludwig

Mit dem ganzen Körper schlüpfe ich in alle Rollen und so entsteht das Theaterstück vor dem inneren Auge des Zuschauers und er sieht / hört / erkennt ( auch sich )  wieder / lächelt / nimmt Anteil an den verschiedenen Figuren : 

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Elisabeth, die ihren Wandergewerbeschein dringend wieder braucht…

Alfons Klostermeyer, der Schupo, der Liebe und Pflicht nicht auf die Reihe bekommt –

Die Ober-, Vize- und einfachen Präparatoren des Anatomischen Instituts –

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Maria, die sich auf ihre Lebenserfahrung beruft und reingelegt wird –

Der Baron mit dem Trauerflor –

Irene Prantl mit ihrer Büstenhalter- und Korsettfirma –

Foto: P. Ludwig, 2016

Foto: P. Ludwig, 2016

Joachim, der tollkühne Lebensretter –
und nicht zu vergessen die Frau Amtsgerichtsrat, die auch mal mit ihrem Mann ins Kino möchte …

Für die „BühnenMusik“ zum Theater am Tisch sorgt diesmal der Komponist Peter Ludwig, der die musikalischen Bühnen – Bilder erstellt und mich live am Klavier begleitet …“

Kürzlich durfte ich nun endlich selbst erleben, was BÜHNE KANN, sobald die künstlerischen Voraussetzungen bei den Interpreten gegeben sind: In diesem Fall, zum einen Pianist und Komponist Peter Ludwig, der ebenso sparsam wie wirkungsvoll den Live-Soundtrack zu Ödon von Horvaths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ in der Pasinger Fabrik spielte.

Mai 2016 - Theaterbühne, Pasinger Fabrik; Foto: K. Posch

Mai 2016 – Theaterbühne, Pasinger Fabrik; Foto: K. Posch

Zum anderen verkörperte Krista Posch Horváths „Totentanz in fünf Bildern“, so der Untertitel, mit einer Intensität, die mich von Anfang bis Ende derart gebannt hielt, dass keinerlei Längen aufkamen, obgleich diese Adaption  mit einem einzigen Tisch als Requisite auskam – gemäß Krista Poschs Konzept eines „Theaters am Tisch“, mit ihr selbst als einziger Darstellerin aller Figuren des Stücks.

„Diese Art von Theater ist ein eigenes Genre, leider viel zu selten angeboten,“ lautet ein Gästebuch-Eintrag auf der Website von Theater am Tisch. Und fährt fort: „Ich habe durch die ‚konzertante Aufführung‘ das Stück neu erlebt und erstmals schätzen gelernt. Es ist durch Kristas Poschs Sprache und Spiel, ergänzt um Gesang und Klavierbegleitung, auf sein Eigentliches reduziert. Diese Reduktion schafft Freiraum. Ich kann mir die Personen vorstellen. Dadurch komme ich ihnen nahe. ich könnte mich hernach sogar mit ihnen unterhalten. Die Absturzgefahr bei einer solchen Inszenierung ist hoch, aber nicht bei Krista Posch. Sie hielt den Spannungsbogen. Was für eine Leistung! H.v.V.“

Auch mein Freund und Kollege Jon Michael Winkler und ich stimmten überein, dass uns dieses Stück mit großem Ensemble wohl kaum gleichermaßen berührt hätte, wie in der Darbietung des zierlichen Power-Pakets Krista Posch, die hier ihr ganzes Können und ihre ganze Liebe zum Schauspiel einfließen ließ.

Krista Posch, Foto: Janine Guldener

Krista Posch, Foto: Janine Guldener

Gerade wegen der reduzierten Umsetzung des Stücks  trat die Ausweglosigkeit, in der sich Protagonistin Elisabeth von Anfang an befindet, besonders hervor, gefangen in einem Strudel schicksalhafter Verkettungen und bitterböser Dialoge.  Ebenso erschien uns, durch dieses Format, die innere Zerrissenheit der einzelnen Charaktere besonders nachvollziehbar. Ergänzend kommentiert wurde die Handlung durch einige, wirkungsvoll platzierte Gänsehaut-Chansons. Lange wirkte auf mich noch das letzte Lied nach, Zeilen von Ödön von Horváth , vertont von Peter Ludwig.

Von Anfang an chancenlos: Horvaths Elisabeth in "Glaube, Liebe, Hoffnung"; Foto: P. Ludwig

Von Anfang an chancenlos: Horváths Elisabeth in „Glaube, Liebe, Hoffnung“; Foto: P. Ludwig

„Ein wirklich toller Abend!!!!! Ein Stück, das unter die Haut geht, ein wunderbares Lese-Spielen durch Krista Posch, bescheiden aber präzise kongenial begleitet und unterstützt durch Peter Ludwig! Kunst, ganz egal welche, sollte die Essenz in uns berühren. Diesen Anspruch erlaube ich mir, auch in unserer Zeit! Der Abend gestern hat es bei mir getan!!!!! Super! G.R.“

Auch ich bin sehr nachdenklich nach Haus gefahren. Mir war, als würde mich das Leben, mit all seiner Wucht, die ich auf der Bühne erlebt hatte, nun auf dem Heimweg begleiten …

Den Soundtrack zu Krista Posch's Horvath-Adaption liefert in kongenialer Weise Peter Ludwig; Foto: Posch

Reduzierte Bühnenausstattung, darstellerische Intensität in Krista Poschs Format „Theater am Tisch“; Foto: Posch

(…) Wir haben noch den Rest der Nacht damit verbracht, über dieses Ereignis zu diskutieren. Das war in diesem Fall sinnvoller, als schlafen. Danke Krista Posch. So soll Theater sein. R.T.“, heißt es in einem Auszug aus einem weiteren Eintrag.

Krista Poschs Theater am Tisch empfinde ich als wunderbar moderne Interpretation der Kunstform „Theater“, allerdings wirklich gut erlebbar nur in der Intimität kleinerer Bühnen. Umso dankbarer bin ich dafür, dass die Liebe zum Schauspiel Krista Posch von den großen Bühnen und TV-Bildschirmen ab und an in die sogenannte „Freie Bühnenszene“ lockt.

Liebe_Glaube_Hoffnung_Horvath_Krista_Posch_Theater_am_Tisch

Was „Glaube, Liebe, Hoffnung“ anbelangt so wünsche ich Krista Poschs Inszenierung und Peter Ludwigs musikalischer Begleitung, eine breite und nachhaltige Würdigung von 90 Minuten wirklich großer Kunst! Hinsichtlich „Theater am Tisch“ hoffe ich auf ein baldiges Da Capo mit weiteren Bühnenstücken. Das wäre eine wirkliche Bereicherung der Kleinkunstbühnen-Landschaft, die sich allzu oft, um rentabel zu bleiben, in Comedy-Endlosschleifen um Leib und Seele lacht ….


Zu Krista Poschs BLOG


Zu Krista Posch: Ole Schultheis – Kunst.Projekt.Agentur


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Gesine Schwan – Genossin mit europäischem Profil – kommentiert von Dr. Roland Jerzewski

Gesine Schwan wirkte auf Anhieb wie Balsam auf meine derzeit politisch wunde Genossinnen-Seele. Vor Beginn ihres Vortrags vor Schülerinnen und Schülern der Europäischen Schule München (ESM), hatten sich Lehrkräfte und Ehrengäste in der Direktionsetage um die Politikerin versammelt, die dort vorab ihre Ansichten klar zum Ausdruck brachte, Lösungsvorschläge inklusive.

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Gesine Schwan, Mai 2061, neben Rudolph Ensing, Direktor der ESM vor Veranstaltungsbeginn; Foto: C. Neudeck

Nachdem es unserer Parteispitze, durch Zickzack-Kurse und öffentlich gewordene Unwahrheiten sowie durch halbherzig angegangene Reformen und  als unbefriedigend bis faul empfundene Kompromisse gelungen ist, die SPD derart zu kompromittieren, dass man schon als einfaches Mitglied scharf angegriffen wird – „IHR habt doch …, IHR habt nicht …, IHR seid schuld …“, bot der Auftritt von Genossin Schwan eine willkommene Abwechslung, was den Polit-Stil anbelangte. Sicher lässt sich solcher außerhalb einer Regierungsverantwortung auch wesentlich leichter vertreten; gut tat es mir trotzdem, ihren Ausführungen zu folgen, zumal mir Gesine Schwan aus der Seele sprach, sowohl was ihre Haltung und Vorschläge in der Flüchtlingsfrage anbelangte, wie auch durch ihre leidenschaftliche  Hinwendung zum Vereinigten Europa. Die klare Kante, die Prof. Schwan in ihren Ausführungen zeigte, verdeutlichte mir einmal mehr, wie gleichgespült Politik an der Spitze heutzutage geworden ist, den Medien und der Unvernunft mancher Bürger_Innen sei dank: Nur nichts äußern, was fehlinterpretiert werden, sich als Fehler entpuppen oder der Masse missfallen könnte. Spätestens seit Angela Merkel beinahe die Wahl 2005 verloren hätte, weil sie den Wähler_Innen schon im Vorfeld die Erhöhung der Mehrwertsteuer wahrheitsgemäß angekündigt hatte, hat sich die Spitzenpolitik von ihren Ecken, Kanten und jedweder unangenehmen Wahrheit verabschiedet, so sehr, dass dieses Verhalten schon gar nicht mehr weiter auffällt, außer in der kontrastierenden Begegnung mit Politiker_Innen vom Schlag einer Gesine Schwan, die der Politik ein Stück Profil und Glaubwürdigkeit zurück erstatten. Um europäische Überzeugungsarbeit vor dem jungen Publikum der ESM zu leisten, hatte die Politikerin es sich nicht nehmen lassen, für einen zweistündigen Auftritt extra nach München einzufliegen, denn Europa ist ihr, wie ja auch mir, ein Herzensanliegen. Schwan vertritt es mit einer solchen Leidenschaft, dass die Europa-Hymne, die von ESM-Schüler_Innen aus allen Nationen zum Europatag gesungen wurde, mir im Rückblick etwas weniger nach Farce klang …

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Schüler_Innen singen am Europa-Tag 2016 die Hymne im Foyer der Europäischen Schule München, Foto: Carolin Neudeck

Überraschend war für mich nur Gesine Schwans relativ positive Einstellung zu TTIP, die sie mit ihrer Befürwortung eines vernünftig regulierten Welthandels begründete. Leider fehlte die Zeit, um nachzufragen, wie denn ein solcher, angesichts der wiederholten Vertrauensbrüche – ich sage nur „NSA“ – zu gewährleisten wäre, zumal den Bürgerinnen und Bürgern von Anfang an ein unerträgliches Mass an Intransparenz bzgl. der Verhandlungen zugemutet wurde. Honni soit, qui mal y pense? Nicht unbedingt, glaube ich … 

An dieser Stelle übergebe ich die Berichterstattung an Dr. Roland Jerzweski, Koordinator der Reihe „Europäische Identitäten“ an der Europäischen Schule München (ESM) und langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen:

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Dr. Roland Jerzewski mit Prof. Gesine Schwan; Foto: C. Neudeck

Ein Paukenschlag zum Abschluss der Europäischen Identitäten: Ehrengast bei der Festveranstaltung des Europatages war, nach Guido Westerwelle und Edmund Stoiber, in diesem Jahr Gesine Schwan, eine der profiliertesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik.

Die Politikwissenschaftlerin war von 1999-2008 Präsidentin der Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder, von 2004-2009 deutsch-polnische Koordinatorin zweier Bundesregierungen und wurde durch ihre Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin bundesweit bekannt. Prof. Dr. Gesine Schwan ist mehrsprachig, ihre Forschungsarbeit hat sie nach Frankreich, Polen und in die USA geführt. Als SPD-Politikerin setzt sie immer wieder eigene Akzente. Selbst jetzt im wohlverdienten Ruhestand ist sie präsenter denn je, engagiert sich unermüdlich zivilgesellschaftlich und weiß gleichermaßen, wie „die da oben“ und die übrigen Menschen im Lande „ticken“.

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Prof. Gesine Schwan, zweimalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Europäerin und SPD-Politikerin in der Europa-Halle der ESM. Foto: Carolin Neudeck

In ihrer kurzen Europa-Rede nimmt sie kein Blatt vor den Mund, schilt kräftig die Bundeskanzlerin, deren prinzipiell richtige Flüchtlingspolitik anfangs unreflektiert gewesen sei und nunmehr inkonsequent, so als ob man den Hebel einfach wieder umlegen könnte. Aber Gesine Schwan belässt es nicht bei kritischen Anmerkungen, sondern sie macht konkrete Lösungsvorschläge: Warum sollten die europäischen Städte und Gemeinden nicht eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise übernehmen, schließlich trügen viele von ihnen ja ohnehin schon die Hauptlast, seien allerdings abhängig von Grundsatzentscheidungen ihrer Staaten. Es gebe z.B. Kommunen in Spanien und Polen, die gern Flüchtlinge aufnehmen würden und dafür bereits Kapazitäten geschaffen hätten, aber von ihren Regierungen zurückgepfiffen wurden. Ein mit 30 Milliarden Euro ausgestatteter europäischer Solidaritätsfonds könnte die Kommunen unterstützen oder sie für Hilfsprogramme fit machen.

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Europa-Tag 2016: Gesine Schwan mit Schüler_Innen der ESM, Foto: Neudeck

Sechs Schüler der Höheren Schule diskutieren mit Gesine Schwan auf dem Podium über „Europa am Scheideweg“, über die Flüchtlingskrise und das Abkommen mit der Türkei, über europäische Werte und faule Kompromisse, über Willkommenskultur und deren Ablehnung, innenpolitisch und als Streitpunkt zwischen den EU-Staaten, schließlich auch über Brexit und TTIP und über die neue Regierung in Polen. Was unser östliches Nachbarland angeht, so vertraut Schwan der langerprobten Aufsässigkeit der polnischen Zivilgesellschaft, das Freihandelsabkommen lehnt sie nicht pauschal ab und hinsichtlich des britischen Europareferendums bleibt sie „cool“. Selbst für Zusatzfragen aus dem Publikum nimmt sie sich Zeit, obgleich am späten Nachmittag schon der nächste Termin in Düsseldorf ansteht: „Quo vadis Polen?“ Zum Schluss appelliert sie an die Schüler aus über 28 Ländern, vor lauter Detailkritik und angesichts der Fliehkräfte, die eine EU-Desintegration auslösen könnte, nicht den Glauben an das vereinigte Europa zu verlieren, sondern sich mutig einzumischen, sich für die eigene europäische Zukunft zu engagieren und diese nicht anderen zu überlassen.

Die Veranstaltung mit Gesine Schwan, an der neben dem polnischen Generalkonsul auch Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Patentamts, der Elternvereinigung und über 200 Schüler teilnahmen, bildet den Schlussakkord des Großprojekts „Europäische Identitäten“, das unter der Leitung von Dr. Roland Jerzewski in den vergangenen Jahren namhafte Europäer an die ESM lockte, u.a. die Schriftsteller Peter Schneider, Klaus Kordon, Holly-Jane Rahlens, Sylvie Germain und Mathias Énard (Prix Goncourt 2015), den griechisch-orthodoxen Metropoliten Augoustinos von Deutschland, den Diplomaten und Protokollchef des spanischen Königshauses Alonso Álvarez de Toledo oder den Budapester Historiker Andreas Opłatka. In enger Kooperation mit Stiftungen, Kulturinstituten und diplomatischen Vertretungen und der Kulturplattform „Jourfixe-München“ weitete die Schule ihren Blick auf die Vielfältigkeit ganz Europas, was auch in Begegnungsprojekten mit Polen, Ungarn, Rumänien, Slowenien und der Türkei zum Ausdruck kam. Hauptsponsor des Identitätsprojekts war die Elternvertretung der Europäischen Schule München.

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Direktor Rudolph Ensing am Rednerpult, Koordinator Dr. Jerzewski geht ab; Foto: Neudeck

ESM-Direktor Rudolph Ensing würdigt Prof. Gesine Schwan als Vollbluteuropäerin und Kosmopolitin, HS-Leiter Anton Hrovath betont ihren Vorbildcharakter für junge Europäer. Die Schüler sprechen im Nachhinein von einer „Grande Dame in Form und Inhalt“, hochkompetent und sehr sympathisch (Clara).

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Dr. Jerzewski, Direktor Ensing verabschieden Gesine Schwan; Foto: Neudeck

Gesine Schwan habe gezeigt, dass Politik ebenso interessant wie menschlich rüberkommen könne und kein langweiliger Smalltalk sein müsse, dass Jugendliche auf diese Art und Weise Lust auf Politik bekämen und dieses Fach auch im europäischen Schulsystem zum Pflichtfach werden müsste (Vlad). Während Philipp Schwans Vorschlag zur Lösung der Flüchtlingskrise skeptisch sieht, lobt Simeon ihr Abrücken von ausschließlich nationalstaatlichen Regelungen. Diskussionsmoderator Adriano findet den Ehrengast angesichts des ebenso komplizierten wie brisanten Themas „schlichtweg erfrischend“. Das gilt auch für den strahlenden Sonnenschein nach Verlassen der Europahalle, regelrechtes Kaiser-, pardon Schwan-Wetter!


Übersicht der wichtigsten Gäste und Kooperationspartner_Innen der Projektreihe „Europäische Identitäten


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2016_05_29_Jon_Michael_Winkler_zum_Requiem_von_Michaela_Dietl_jourfixe-Blog_Titelbild

Jeder Handgriff ein Gebet – Michaela Dietls „Requiem“ aus Sicht ihres Musiker-Kollegen Jon Michael Winkler

Eigentlich hatte ich Komponist Jon Michael Winkler darum gebeten, in einigen Zeilen seine Eindrücke des neues Werks von Michaela Dietl – „Requiem – Gedenken in Liebe, ein Tango“ – zu schildern. Tatsächlich aber hat ihn die Musik derart inspiriert, dass daraus, wie Winkler es bezeichnet,  „eine persönliche Rhapsodie“ entstanden ist, eine Rhapsodie in Worten, die einen direkt in  die Klangwelt von Michaela Dietls Requiem hinein zu katapultieren scheint … Für mich die ideale Einstimmung zur Uraufführung am Sonntag, 29. Mai 2016. Weiterlesen

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