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„Alles wird anders, aber nichts ändert sich“: Jazz-Reminiszenzen mit einem Gastbeitrag von Jörn Pfennig

Dieses Jahr besuchte ich, nach längerer Abstinenz, wieder einmal das Jazzfest München. Für mich war es in vielerlei Hinsicht eine Heimkehr – zu den Zeiten, als ich mich der Jazz-Szene eng verbunden betrachtete. Nicht zuletzt war ich ja mit Edir dos Santos verheiratet, der viele Jahre Schlagzeuger in den Formationen des Jazz-Geigers Hannes Beckmann war. Zudem hat mich ein Großer der Münchner und internationalen Jazzszene überhaupt erst mit Jazz „angefixt“ …

Dass ich Kunst- und Kulturschaffende werden würde, wusste ich schon als Kind, mein konkreter Einstieg erfolgte jedoch über die Jazzszene, nach einem kleinen Umweg über  Münchens Bar- und Kneipenlandschaft. Nach einer behüteten Jugend in Norditalien, trieb mich damals Nachholbedarf an „wildem Leben“ um, als ich 1979 in München aufschlug. Geplant war ein Studium der Theaterwissenschaften, aus dem sich jedoch ein Intensivkurs in „Kneipologie“ entwickelte. In dieser Zeit begegnete mir Joe Haider, seines Zeichens begnadeter Jazzpianist und einer DER zentralen Figuren der Münchner Jazzszene in den 60er und 70er Jahren. Wir becherten das eine ums andere Mal in schönster Eintracht und legten damit einen hochprozentigen Paarlauf hin, der für mein weiteres Leben Weichen stellen sollte, denn damals interessierte mich Joe und Joe stand für Jazz, und so begann ich mich mit dieser Musik und ihrer Münchner Szene näher zu befassen. Beides war mir bis dato weitgehend fremd geblieben, da ich aus der „Generation Rock“ stamme, der Musik, die in den 60er und 70er Jahren den Jazz immer mehr zurück gedrängt hatte, zumal „Modern Jazz“ ja nun auch nicht gerade die „auf erstes Hinhören“ eingängigste aller Musikformen ist.

jourfixe-Blogbeitrag von Marcus Woelfle "Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen" https://jourfixeblog.wordpress.com/…/sepp-werkmeister-doye…/

Joe Haider, der große Jazzpianist, 1970 im Münchner Domicile; Foto: Sepp Werkmeister

Dank meinem Faible für Joe Haider jedoch nahm ich mir die Zeit, auch ein zweites und drittes Mal „hinzuhören“ und schließlich eröffnete sich mir eine neue Art von Musikerlebnis: Die konzentrierte und differenzierte Einlassung auf Klangreisen, deren Wendungen niemand vorhersagen kann, weder auf, noch vor der Bühne. Ich lernte den improvisierten Dialog der Instrumente schätzen, der sich bei Jazz-Konzerten unter den Musiker_Innen entwickelt und ihnen ein spitzbübisches Lächeln auf ihre Gesichter zaubert; ich entdeckte die Faszination gelungener Übergänge von freien Solo-Improvisationen zurück in das Zusammenspiel der Band. Im Grunde lernte ich damals bewusster „Musik hören“, eine Fähigkeit, die mir bis heute bei meinen Produktionen zugute kommt, ebenso wie die Tatsache, dass ich zwar „besser hören“ gelernt habe, dies aber zwangsläufig noch immer aus der Warte des Publikums tue, um das es ja letztendlich bei jeder Veranstaltung geht – oder, meiner Meinung nach, zumindest gehen sollte.

Die Zeit meiner Ankunft in München fiel mit dem Sterben der Münchner Kleinkunst-Szene zusammen, mit fatalen Folgen für die Künstler_Innen. Ohne Spielort keine Gigs und ohne Gigs wiederum lassen sich kein Ensemble und erst recht keine Band dauerhaft zusammen halten. Die Jazzszene traf es besonders hart: Die glamouröse Oberflächlichkeit der 80er Jahren ließ die Jazzszene, mit ihrem Anspruch an die  Zuhörerschaft, immer mehr zur kulturellen Randerscheinung schrumpfen. Schließlich ergriffen eine Reihe Münchner Jazzmusiker_Innen die Initiative zu einer Jazzmusikerinitiative, die die Situation des Jazz in München verbessern sollte. Über  das musikalische Handwerk hinaus zeichneten und zeichnen diese Jazz-Aktivist_Innen konzeptionelle, administrative und verbale Fähigkeiten aus, womit ich das virtuelle Wort nun an den Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig übergebe, der die Anfänge der Münchner Jazzinitiative mitgestaltet  und aufschlussreich zu Papier gebracht hat:

Jazzmusiker, Autor und Lyriker Jörn Pfennig, Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Jörn Pfennig, Jazzmusiker, Autor und Lyriker Mitbegründer von JIM, der Jazzmusikerinitiative München

Es war wohl eher die Stunde eins oder anderthalb, in der ich zu dem stieß, was sich da im Jazzclub Unterfahrt zusammenbraute, -traute, -staute. Noch namenlos, ungeordnet, liebenswürdig, aber mit grandioser Entschlossenheit, es nun endlich einmal aufzunehmen mit den Verwaltern jener exorbitanten Summen, die eine einohrig hochkulturell ausgerichtete Politik auf ein Segment ohnehin nicht darbender Bürger kübelt, während Musiker und Veranstalter, die sich der Subkultur/Abteilung Jazz verschrieben haben, ständig über den Rand der Existenz in einen feindselig gurgelnden Abgrund schauen. Das schrie nach gerechterer Verteilung, und das tat es denn auch bei den ersten Versammlungen, in denen – makellos basisdemokratisch – jeder zu Wort kam, der es nur lauthals genug vortrug. Doch eh wir’s uns versahen, hatte uns eine göttlich ordnende Hand eine Sitzungsleitung geschenkt, welche die Wortmeldungen bis ins zehnte Glied akkurat vermerkte. Das Chaos ging zurück, die Organisierung schritt fort – vorerst allerdings gut verträglich.
Um eine Initiative zu gründen, braucht es nichts als den beherzten Beschluss der Beteiligten, dass man von nun eine solche sei. Und natürlich einen Namen, der dem Außenstehenden möglichst besagt, worum es dieser Neugründung geht. JazzmusikerInitiative-München – auch einfachere Geister, als dies gemeinhin der Selbsteinschätzung von Jazzmusikern entspricht, hätten wohl zu dieser Bezeichnung gefunden, aber die Wucht des Schlichten entwickelt ja gerade auf politischem Terrain ihre besondere Kraft. Und dort wollten wir hin. Schon gab es einen Termin beim Kulturreferat, zu dem aus basisdemokratischen Gründen jeder mitkommen konnte, der sich davon einen Sinn versprach. Dieses traf immerhin auf neun Personen zu, und so herrschte beim Vorbringen unserer Anliegen haufenweise Sinn und recht wenig Platz. Da wir aber nicht nur Anliegen vorzutragen hatten, sondern auch eine preiswerte Idee, wurde aus dem Termin beim Referat ein Termin beim Referenten, dem wir besagte Idee dann sinnvollerweise bloß noch zu viert referierten.
In immer geordneteren Sitzungen hatten wir uns unterdessen nicht nur das einleuchtende Kürzel J.l.M herbeidiskutiert, sondern auch ein Projekt, mit dem wir sowohl uns, als auch dem Kulturreferat und dem Rest der Welt Gutes tun konnten: Ein Festival der Münchner Jazzmusiker, also unserer selbst, wollten wir auf die Beine stellen, aber – und das war das Schlaue daran – unter schmerzhaftem Verzicht eben dieser Unsererselbst auf ein Honorar. So zu Märtyrern geworden, musste uns der Kulturreferent Gnade erweisen, was er denn auch tat. Irgendwann, irgendwie war es dann da: das Organisationstriumvirat Hannes Beckmann-Rudi Martini– Jörn Pfennig. Keiner weiß genau, wie es dazu kam. Vermutlich waren es aber ganz natürliche Gründe wie überbordendes Engagement, unbezähmbarer Fleiß und eine fast schon gottlose Kühnheit. Verlockende Summen, die mancher Misstrauische für die Motivation verantwortlich wähnte, waren jedenfalls nicht in Sicht. Da der unterzeichnende Chronist ein Drittel des denkwürdigen Trios darstellte, könnte er mit Fug und Recht noch manch anderer falschen Vermutung den Garaus machen. Beispielsweise der, dass hinter der ungeheuren Effizienz dieses Teams eine ebenso ungeheure Harmonie steckte. Um dieses zurecht zu rücken, gleichzeitig der Gefahr des Anekdotischen auszuweichen und es dabei dann auch zu belassen, sei hier nur folgende Grundkonstellation grob skizziert:

Kandidat Martini läuft in den Morgenstunden zwischen neun und zehn zur Bestform auf.

Kandidat Beckmann erlebt dagegen seinen mental-kreativen Schub nachts zwischen drei und vier.

Folglich sind beide Kandidaten telekommunikativ inkompatibel und bedürfen eines Mittlers. Kandidat Pfennig bangt nun morgens viel zu frühen und nachts viel zu späten Telefonaten entgegen, die aber alle sein müssen, denn schließlich gilt es, ein Festival auf die Beine zu stellen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Flyer des 1. Jazzfests, gestaltet von Alexander Fischer

Als am Mittwoch, den 19. September 1990 um 18 Uhr der Kulturreferent der Landeshauptstadt München das erste J.l.M.-Jazzfest eröffnete, waren für insgesamt 5 Tage insgesamt 32 Konzerte mit insgesamt mehr als 200 Musikern organisiert. Ein wunderbares, altgedientes Zirkuszelt stand auf dem Olympiagelände inklusive Versorgungstrakt in Sachen Essen und Trinken. Alles war vorhanden, was ein brausendes Fest brauchte, bloß kein Publikum – zumindest nicht in einer Anzahl, die komfortabel gewesen wäre für die ersten auftretenden Künstler. Das Gefühl war mulmig, die Parolen waren durchhaltend und der wiederholte Hinweis auf die bekannten Eigenarten des Münchner Publikums klang hilflos. Aber siehe da: allmählich füllte sich das Zelt tatsächlich bis zur Rammelvollheit, und der Stimmungszeiger landete im roten Bereich der Euphorie.
So sollte es Gottseidank dann auch bleiben. Wir erlebten aber darüber hinaus noch einen herrlichen Schub in Richtung gemeinsam erlebter Katastrophen, die einander ja näher bringen sollen. Am übernächsten Tag nämlich fing es derartig an zu unwettern, dass dem würzigen Kürzel J.l.M. alsbald die galgenhumorige Interpretation „Jazz im Morast“ zugedacht war. Da jedoch nicht nur der Regen strömte, sondern auch das Publikum, da im Zelt nicht nur der Sumpf dampfte sondern auch der Jazz, wurde es ein unvergessliches Fest.
Unvergesslich? Na ja, möglicherweise fand der eine oder andere Musikant die nachfolgenden Jazzfeste doch wesentlich erinnerungswürdiger – da gab’s dann nämlich schon eine ordentliche Gage. (Soweit der Bericht von Jörn Pfennig)

1993, nach unserer Hochzeit in Rio, schlossen Edir und ich uns J.I.M. an. Die Vereinstreffen, die damals einmal im Monat im Jazzclub Unterfahrt abgehalten wurden, beeindruckten mich. Zum ersten Mal begriff ich, dass das „Kunst schaffen“, neben der kreativen, auch eine starke kulturpolitische Komponente beinhaltet, sobald man auf Fördermittel angewiesen ist … Fasziniert lauschte ich daher den Argumentationen der Wortführer_Innen, die vom Wesen her unterschiedlicher kaum hätten sein können:

Foto von Hannes Beckmann (+ 2016) für eines der Jazzfeste

Hannes Beckmann (+ 2016) um 2000, im Programm des Jazzfests München

Der ideenreiche, aus dem Bauch agierende Jazzgeiger Hannes Beckmann, der stets dazu neigte, alles an sich reißen zu wollen, der empfindsame und erfolgreiche PR-Stratege Rudi Martini, der rhetorisch brilliante Analytiker Jörn Pfennig, der strukturierte Wolfgang Schmid, damals Erster Vorsitzender des Vereins und viele, viele mehr.

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Bassist Wolfgang Schmid (u.a. KICK, PASSPORT/Doldinger)

Weibliche Aktivistinnen waren – und sind es leider bis heute – in dieser Szene unterrepräsentiert. Neben Jazz-Sängerin und Gesangscoach Naomi Isaacs nahm an den JIM-Treffen hauptsächlich Sängerin Jenny Evans teil, damals bereits mitten in jener Metamorphose, aus der sie als eine von Deutschlands „Leading Jazz-Ladies“ hervorgehen sollte.

Selbst beteiligte ich mich nicht an den Diskussionen, zu neu war mir die Materie. Dafür lernte ich aber  umso mehr über kulturpolitisches Taktieren, Revier-Kämpfe und das Spannungsfeld zwischen der visionären und der konkreten Planungsphase künstlerischer Projekte. Noch mehr lernte ich über das Wesen von Künstlervereinen, deren Vorteile und Tücken; Erfahrungswerte, die in Folge in die Satzung der von mir initiierten Kulturplattform jourfixe-muenchen e.V. eingeflossen sind …

Mit der Zeit habe ich mich künstlerisch in eine andere Richtung entwickelt, aber die Erinnerung an meine überbordende  Jugend und an die ersten Berührungen mit der Künstlerwelt, bleiben mit der Jazzszene eng verbunden. Schon das Intro eines Jazz-Standards genügt mir, um mich zurück in diese swingende Phase meines Lebens zu beamen, die sich mir im Rückblick voller nostalgischer Anklänge zeigt, ganz so,  wie in dem alten Schlager „Those Were The Days my friend …“, nur eben halt gescattet statt geträllert.

Am Ende einer langen Jazznacht mit der finnischen Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts) und meiner Freundin Petra Windisch de Lates. Petra gehört zusammen mit Michael Wüst und Andy Lutter zum Organisationsteam der Jazzmusiker Initiative München, der wir nun schon zum 27. Mal ein solches Jazzfest verdanken

Jazzfest München 2016, Carl-Orff-Saal/Gasteig: Gaby dos Santos, Petra Windisch de Lates (JIM Vorstand) und Sängerin Tuija Lahti-Klein(rechts)

So erging es mir auch kürzlich wieder, als ich das Jazzfest besuchte:

Joe Haider spielte auf dem Jazzfest 2016

Joe Haider, Jazzfest 2016

Das diesjährige Motto lautete „Legendary“ und präsentierte als ersten Programmpunkt des Abends Joe Haider, meinen indirekten Jazz-Mentor von einst . Über zwanzig Jahre hatte ich ihn weder persönlich getroffen noch auf der Bühne erlebt. Nun dominierte er als Grandseigneur den Carl-Orff-Saal und erinnerte mich zunächst nur vage an meinen Kompagnon aus den frühen 80er Jahren. Doch im Verlauf seiner Moderationen offenbarte sich wieder sein spezieller, mir noch immer vertrauter Schalk. Während ich mich in den Sound dieses spannenden Ensembles – Bläser zu Streich-Quartett – versenkte, spürte ich, dass sich diesbezüglich ein Kreis in meinem Leben geschlossen hatte, und dass es nun an der Zeit ist, den Jazz wieder stärker in mein Leben einzubeziehen, gemeinsam mit all den jazzenden Weggefährt_Innen aus den 80er und 90er Jahren, die mir – noch – geblieben sind …  Eine Art Fazit lieferte mir an diesem Abend Jörn Pfennig, den ich ebenfalls zu lange schon nicht mehr gesprochen hatte, mit einem russischen Zitat:

„Alles wird anders, aber nichts ändert sich.“


Fotos: J.I.M./Künstlerfotos aus den Programmen diverser Jazzfeste / Foto Joe Haider jung: Sepp Werkmeister / Schnappschuss Jazzfest 2016: Gaby dos Santos


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2016_11_12_grosse_politik_am_simpl-tresen_titel

Hochprozentig politisch im Alten Simpl – Drei Jahrzehnte Bonner Republik aus der Tresenperspektive

„Man sollte auch mit seinen politischen Feinden immer ein Bier trinken können!“ , so lautet bis heute das Credo von Toni Netzle, der ehemaligen Prominentenwirtin im historischen Münchner Lokal Alter Simpl. „Der Simpl war hochpolitisch“, erinnert sich auch CSU-Politiker Peter Gauweiler und berichtet, wie dennoch die energische Toni es verstand, die Diskussionen stets über der Gürtellinie und in zivilisiertem Rahmen zu halten. O-Ton Gauweiler: „Schließlich wollte jeder wiederkommen.0000elefantenrunde_titel

Toni Netzle ging dabei mit gutem Beispiel voran und suchte, obgleich politisch links eingestellt, beispielsweise den Kontakt zu Franz-Josef Strauß. Zwar lieferten sich der damalige bayerische Ministerpräsident und die schlagfertige Toni mehr als einen rhetorischen Schlagabtausch, blieben einander aber zeitlebens herzlich verbunden. Vor laufenden Kameras verriet Franz-Josef Strauß Toni sogar, dass er von ihrem Vor-Vorgänger Theo Prosel Lokalverbot auf Lebenszeit erhalten habe.

Marianne Strauß mit dem noch blutjungen Peter Gauweiler (CSU) im Alten Simpl

Marianne Strauß mit dem noch blutjungen Peter Gauweiler (CSU) im Alten Simpl

Dieser Umstand wurde natürlich in Folge schleunigst bereinigt, so dass Marianne Strauß ihre Kinder im Teenager-Alter in die Obhut des Alten Simpls geben konnte, „denn irgendwohin ausgehen müssten Kinder ja schließlich …“ Im Simpl, unter Tonis Ägide, wusste die besorgte Mutter sie gut aufgehoen.

Toni Netzles Dialogbereitschaft und gelebte Toleranz kamen jedoch nicht überall gut an. Dazu schreibt sie schmunzelnd in der Autobiografie „Mein Alter Simpl“: “ (…) Gäste kamen und berichteten stotternd, um mich nicht zu verletzen, dass in jener Kneipe um die Ecke, dem »Chez Margot«, eine riesige Wandzeitung mit einem ganz fiesen Text über mich hängt. Ich sei eine »Kapitalistensau«, ein »Arbeitgeber-Bonze« und noch so einiges mehr.  Eine kurze Diskussion mit Freunden und Mitarbeitern schloss sich an. Das Fazit: Mein Bruder Peter und ein Freund beschlossen, die Wandzeitung zu klauen und im SIMPL an einem besonders prominenten Platz aufzuhängen. (…)“

Horst Ehmke (SPD) flippert im Alten Simpl, rechts neben ihm Wirtin Toni Netzle

Das hielt aber selbst angehende RAF-Terroristen nicht davon ab, das eine oder andere Mal ihr Herz der Simpl-Wirtin auszuschütten – einige ganz und gar unrevolutionäre Tränen inklusive … Ebenso machte das politische Bonn, ganz gleich welcher Couleur, bei Besuchen in München gerne Station im Simpl, allen voran Horst Ehmke, der sich fernab der Medien, blendend mit dem damaligen CSU-Hardliner Gauweiler verstand, der privat ein ebenso kluger wie humorvoller Gesprächspartner ist.

Axel Springer und Journalist Peter Böhnisch planten konspirativ im Simpl mit Karsten Peters (AZ) ein "Linkes Blatt"

Axel Springer und Journalist Peter Böhnisch planten konspirativ im Simpl mit Karsten Peters, (AZ) ein „Linkes Blatt“

Politisch besonders abenteuerlich gestaltete sich ein Projekt, das Journalist Peter Böhnisch, im Auftrag Axel Springers, mit Karsten Peters, dem damaligen Feuilleton-Chef der Münchner Abendzeitung austüftelte: Ein Linkes Blatt! Besprochen wurde das Projekt „top secret“ in einer von Toni Netzles Simpl-Nischen …

Was daraus wurde und wie sie an einem Vormittag im Wiener Café Demel mit den zukünftigen Protagonisten der mörderischen Lucona-Affäre in Berührung kam, wie Willy Brand im Simpl das Scheitern des Münchner SPD-Kandidaten gegen Erich Kiesl bei den Oberbürgermeister-Wahlen von 1978 voraussagte und was die Stasi im Simpl verloren hatte, sowie einige Geschichten mehr, schildert

Toni Netzle am 12.Novemer 2016, um 19.30, Münchner Künstlerhaus, in einer Lesung zu Bild- und Tonprojektionen von Gaby dos Santos:  „Große Politik am Simpl Tresen“ aus ihrer Lesereihe „Nicht immer Simpl“

Aktuelles Bild von Toni Netzle in ihren „Alten Simpl“  montiert …

Toni Netzles Lesungen beruhen alle auf ihrer liebevoll illustrierten Autobiografie Mein Alter Simpl

Mehr über Toni Netzle findet sich auch in den jourfixe–Blogbeiträgen:
Toni Netzle zum 85. Geburtstag   und   Lili Marleen untot im Simpl


Die Fotos und Foto-Ausschnitte des Beitrags stammen von  München-Foto, Heinz Gebhardt

Das Bildmotiv „Die Elefantenrunde“  ist ein Cartoon, den Dieter Olaf Klama für die Simpl-Wahlparty 1972 gestaltet hat.


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2015_10_20_gedenkmarsch_schwulenverfolgung_1934_albert_knoll_forum-homosexualitaet_jourfixe-blog

Rosa Winkel – Zum Gedenken an die homosexuellen NS-Opfer, Blog-Beitrag mit einer Rede des Historikers Albert Knoll sowie Präsentation der gleichnamigen Themenreihe

Die Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1934 wurde für viele schwule Männer in Bayern und vor allem in München zu einem Schock, der ihr Leben verändern sollte. Damals fand die erste massive Razzia gegen Schwule statt, die im nationalsozialistischen Deutschland durchgeführt wurde. Sie wurde der Auftakt zu einer jahrelangen massiven Drangsalierung und Bedrohung, der Auftakt zu Denunziation unter Kollegen und Nachbarn, der Auftakt zur Inhaftierung in Gefängnissen und Konzentrationslagern, der Auftakt zu medizinischen Versuchen, Kastrationen und schließlich Morden, die in vielen Fällen ungesühnt bleiben sollten. München war auch in dieser Hinsicht eine unrühmliche „Hauptstadt der Bewegung“.

SA Chef Ernst Röhm Ernst Röhm mit Eisernem Kreuz und Hakenkreuzarmbinde im August 1933 bei einer SS-Veranstaltung auf dem Truppenübungsplatz Döberitz Von Bundesarchiv, Bild 102-15282A / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12685396

SA Chef Ernst Röhm im August 1933; Quelle

Bereits am 3. Juli 1934, vier Tage nach der Ermordung des homosexuellen SA-Stabschefs Ernst Röhm, fasste der Münchner Gauleiter Adolf Wagner den Plan zu einem brutalen Vorgehen gegen männliche Homosexuelle in München und ganz Bayern.

Im Wortlaut hieß es: „Zur Gesunderhaltung unseres Volkes muß künftig gegen jede Art der Betätigung widernatürlicher Unzucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingeschritten werden. Zur gründlichen Säuberung und Befreiung unseres Volkskörpers von dieser Pest ist nun für die allernächste Zeit ein schlagartiges Vorgehen in ganz Bayern beabsichtigt.“

Wagner gab vor, die Jugend schützen zu wollen. In Wahrheit wollte er sich auf Kosten einer Opfergruppe, die ohnehin schon mit wenig Rückhalt aus der Bevölkerung rechnen konnte, weder von der Familie, noch von Arbeitskollegen, Nachbarn oder der Kirche, wollte er sich auf Kosten eines schwachen Gegners profilieren. Lesbische Frauen waren zwar nicht durch den § 175 RStG unmittelbar bedroht, sie waren aber gleichwohl der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt.

Allein in München waren mehr als 50 Polizei­beamte im Einsatz. Die Razzia erstreckte sich auf Parkanlagen, den Engli­schen Garten und auf Bedürfnisanstalten. Vier Gefangenentransportwagen fuhren vor die beiden noch bestehenden Schwulenloka­le „Schwarzfischer“, der sich hier an der Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger befand und den „Arndthof“ und sämtliche Besucher, es waren fast 100, wurden abtransportiert. Das Ergebnis dieser bayernweiten Razzia: mehrere hundert Personen wurden vorläufig festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt, davon allein in München 145. Sofort nach dem Eintreffen bei der Polizeidirektion wurden die Festgenommenen verhört, womöglich gefoltert. Am nächsten Vormittag wurden viele wieder entlassen. Jedoch 39 Männer aus München und 9 weitere aus Nürnberg, die bereits in der Rosa Liste gespeichert waren, wurden in das KZ Dachau gebracht.

Die Razzia traf vor allem Schwule aus der Unterschicht, Arbeiter und auch Strichjungen, für die der öffentliche Raum der Kneipen und Klappen die einzige Möglichkeit des Kennenlernens war. Der Gauleiter war verstimmt, denn er wollte mit seiner Aktion vor allem Intellektuelle und das gehobene Bürgertum treffen. Doch damit war die Razzia noch nicht beendet. Bereits Monate vorher suchte die Sittenpolizei aus der Kartei von ca. 5000 Personen – der berüchtigten Rosa Liste – zahlreiche Opfer heraus, die sie als „Gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ markierte. Sie alle waren bereits einmal nach § 175 verurteilt worden.

Bildtafel zum § 175 aus der Multimedia-Collage "Kann denn Liebe Sünde sein? - Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Bruno Balz – eines von unzähligen Opfern des „Schwulenparagraphen 175“ Bildtafel  aus der Multimedia-Collage „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Am 21. Oktober morgens um sechs Uhr wurden deren Wohnungen durchsucht. So stürmte die Polizei die Wohnung von Franz Kopriva in der Seidlstraße nahe dem Münchner Hauptbahnhof ohne Vorankündigung und ging äußerst rabiat vor. Sie traf ein schwules Liebespaar an. Der jüngere versuchte sich noch zu verstecken. Es war zwecklos. Die Beamten stöberten den 18-jährigen unter dem Bett auf. Sein Partner war der 34-jährige Franz Kopriva. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und kam 1930 aus Österreich nach München. Hier fand er Arbeit. An bekannten Treffpunkten lernte er junge Männer kennen. Seit 1931 wurde er immer wieder zu geringen Haftstrafen verurteilt. Verhängnisvoll war, dass er nun in der Homosexuellen-Liste der bayerischen Polizei als Wiederholungstäter eingetragen war. Robert und Franz wurden sofort festgenommen. Franz, der ältere, galt als der Verführer und sollte schwer bestraft werden: Er wurde nach Dachau gebracht und wie seine Leidensgenossen isoliert in einer Baracke untergebracht. Sie war auch in der Nacht hell erleuchtet und scharf bewacht, so daß kein Kontakt zwischen den Häftlingen möglich war. Die SS im Konzentrationslager glaubte mit Essensentzug und besonders schwerer Arbeit Homosexuelle zu Heterosexuellen umerziehen zu können.
Was hier vor 82 Jahren begann, war der Auftakt zur offenen Hatz auf Schwule. 1935 wurde der § 175 verschärft. Sexualität musste sich dem Staatsziel der Bevölkerungsvermehrung unterwerfen. Von nun an galten Homosexuelle als Staatsfeinde. Ihre Todesrate in den Konzentrationslagern stieg in den 1940er Jahren auf über 50%. 

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion "Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber"

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion „Kann denn Liebe Sünde sein?–  Bruno Balz, Hitlers Hitschreiber“

Die mit dem Leben davongekommen sind, warteten vergeblich auf eine Entschädigung oder auf ein Wort der Entschuldigung. Die Verfolgung von erwachsenen Männern, die einvernehmliche sexuelle Kontakte hatten, ging weiter und endete erst nach weiteren 20 Jahren. 

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Albert Knoll, Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München und Archivar der Gedenkstätte Dachau

Soweit im Wortlaut die Rede, die Albert Knoll am 20. Oktober 2009 am Münchner Oberanger hielt, an genau jener Stelle, an der 75 Jahre zuvor in der Schwulenkneipe „Schwarzfischer“ die Verfolgung der Münchner Schwulen begonnen hatte. Knoll ist Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München, Archivar der Gedenkstätte Dachau und widmet sich seit Jahren der historischen Aufarbeitung der Ausgrenzung und Verfolgung (Münchner) homosexueller Männer. Entsprechend beendete er damals seine Rede mit einem Appell: „Die Stadt München hat eine Verpflichtung, ihre Bürger an diese „vergessene Opfergruppe“ zu erinnern. Sie sollte sie in das „offizielle Gedächtnis“ einbinden und ihr ein würdiges Angedenken gestalten, wenn möglich an einem authentischen Ort wie diesem.“

Die Stadt reagierte. Bereits im letzten Herbst sollte am Oberanger eine Gedenkstätte eingeweiht werden: Mahnmal und Erinnerung an die Menschen verachtenden Vorgänge, die an diesem Ort 1934 eine noch grausamere Dimension gegenüber schwulen Mitbürgern annahmen. Die Einweihung wurde in Folge auf 2016 verschoben, für unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen Anlass, in diesem Herbst unter dem Titel „Rosa Winkel“ eine begleitende Themenreihe zu konzipieren. Inzwischen steht die Themenreihe fest, das Einweihungsdatum des Mahnmal jedoch nicht (mehr). Es wurde auf noch unbestimmte Zeit verschoben. Natürlich habe ich keinen Einblick in die Gründe, die die Landeshauptstadt veranlasst haben, diese Einweihung ein weiteres Mal kurzfristig zu vertagen. Allerdings hoffe ich darauf, dass sie in allernächster Zeit nachgeholt werden möge, denn die Zeiten stehen politisch derart auf „Sturm“, wie ich es mir vor einigen Jahren noch nicht hätte träumen lassen.

Noch 2004 empfand ich eine Vita, wie die des schwulen Textdichters „Bruno Balz“, der von den Nazis sowohl verfolgt, wie auch als Hitschreiber instrumentalisiert wurde, als eine Art tragisches historisches Kuriosum. Entsprechend inszenierte ich es damals gemeinsam mit Sängerin Andrea Giani als Kapitel aus einer  – glücklicherweise – vergangenen Zeit. Auch noch 2012, als ich gemeinsam mit dem Historiker Christian Sepp (Autor der Biografie über Sophie Charlotte, Sisis unglücklicher Schwester) die Produktion um eine Reihe historischer Fakten und Musiken ergänzte, ordnete ich sie für mich unter „Episode aus der NS-Historie“ ein.

In diesem Herbst nun wird die „Bruno-Balz“-Collage im Münchner NS-Dokumentationszentrum erneut in Reprise gehen, mit dem Schweizer Schauspieler Andreas Michael Roth als Sprecher sowie Peter John Farrowski als Interpret der unvergessenen Chansons von Bruno Balz, vorwiegend in Vertonungen von Michael Jary. Schon 2012 hatte ich mich bewusst dafür entschieden, die wunderbare Stimme von Andrea Giani durch eine männliche Stimme zu ersetzen, um so die Doppelbödigkeit der Balz’schen Liedtexte erfahrbar zu machen, auf die mich Jürgen Draeger, Lebensgefährte und Nachlassverwalter von Bruno Balz (www.bruno-balz.com) wiederholt aufmerksam gemacht hatte. So textete Balz, kaum aus Gestapo-Haft entlassen, für den Zarah-Leander-Blockbuster „Die große Liebe“ munter: „Mein Wahlspruch heißt: Erlaubt ist, was gefällt: Mein Leben für die Liebe, jawohl! Mein ganzes Glück ist Liebe, jawohl! Ich kann nun mal nicht anders, ich muss nun mal so sein, ein Herz wie mein Herz ist nicht gern allein – Und Nächte ohne Liebe, oh nein!“ 

In Zusammenhang mit meinen Recherchen zu der „Bruno-Balz-Collage“ habe ich immer schon den nahtlosen Übergang von einer toleranten Weimarer Republik in die Enge der NS-Diktatur als erschreckend empfunden. Inzwischen, 2016, bei nochmaliger Durchsicht meiner Produktion, macht mir dieser damals so rasant vollzogene Bruch freiheitlicher Werte richtiggehend Angst. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages in unserer Gesellschaft erschreckende Parallelen zum „Marsch ins Dritte Reich“ feststellen würde. Dabei können wir für uns noch nicht einmal jene katastrophalen wirtschaftlichen Zustände reklamieren, die u.a. Deutschland damals in die NS-Diktatur trieben. Wer hier und heute jammert, tut dies im historischen Vergleich auf äußerst hohem Niveau. Für viele BürgerInnen scheint ein (historisch mitverursachter) Flüchtlingsstrom auszureichen, alle Unsäglichkeiten unserer jüngeren Vergangenheit ganz schnell unter einen Tisch zu kehren, der längst dem Stammtisch „böser Volkes Stimmen“ wieder gefährlich nahe kommt. Und die richten sich immer und zuallererst gegen jene Minderheiten, die sich in puncto Herkunft und/oder Lebensentwurf von der Masse unterscheiden.

Dagegen gilt es für mich anzugehen, unter anderem ganz konkret beim alljährlichen Gedenkmarsch für die verfolgten Münchner Schwulen, veranstaltet vom  Forum Homosexualität München und gefördert durch das Kulturreferat München,

am Donnerstag Abend, 20.Oktober 2016, um 19 Uhr, am historischen Treffpunkt Dultstraße Nr. 2, Ecke Oberanger

Auch die „Rosa Liste“ München ruft zu diesem Marsch auf. Diese kommunal-politische Gruppierung hat in unserer Stadt erfolgreich seit den 90er Jahren die negativ besetzte historische Bedeutung des Begriffs „Rosa Liste“ durch reale politische Mitgestaltung neu definiert, allen voran dank des Engagements von Stadtrat Thomas Niederbühl (s. auch den Blog-Beitrag Ganz normal anders?). Dabei frage ich mich, ob nicht gerade wir heterosexuell lebenden Mitbürgerinnen und Mitbürger uns nicht auch verstärkt an dieser Gedenkveranstaltung beteiligen und damit ein Zeichen der Solidarität setzen sollten? Gerade jetzt!!!

(Titelbild: Albert Knoll, Gedenkmarsch 2015, rechts im Bild)


Nachstehend eine Übersicht der weiteren Veranstaltungsbeiträge:

Freitag, 21.10., 19 Uhr, NS–Dokumentationszentrum , Brienner Straße 34, Platzres. Tel. Tel. 233-67000, Eintritt frei,  Künstlerportrait:  „Kann den Liebe Sünde sein?“ –Bruno Balz
Als Schwuler verfolgt, als Hitlers Hitschreiber instrumentalisiert … Mitwirkende:
Toni Netzle (Einführung), Peter John Farrowski (Gesang)
Andreas Michael Roth (Regie, Textvortrag)
Gaby dos Santos (Produktion, Textvortrag; Bildcollagen) Im Anschluss Podiumsdiskussion moderiert von Albert Knoll
Historiker, Vorstand des Vereins Forum Homosexualität München
und Archivar der Gedenkstätte Dachau.

DI, 15.11., 19.30 Uhr, SUB – Schwules Kommunikations- u. Kulturzentrum München,  Müllerstr. 14, Tel. 8563464-00, Eintritt frei
„Gottes verstoßene Kinder?“
Essayistischer Vortrag von
  Jon Michael Winkler, der die Vereinbarkeit von Homosexualität und Spiritualität in der abendländischen Kulturgeschichte hinterfragt
Podiumsgäste der anschließenden Diskussion:
Thomas Niederbühl, Stadtrat der Rosa Liste, Politiker und studierter Theologe
Ludwig Schmidinger, Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising, 

Außerdem angefragt: Vertreter_Innen der evangelischen Kirche; Details folgen 


  Download (PDF) der Themenreihe „Rosa Winkel“

Die Themenreihe wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung:

 

 

 

 

 


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Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs – Portrait zum 85. Geburtstag von Marcus Woelfle

Man glaubt es kaum, wenn man ihn in seiner wesentlich jüngeren Ausstrahlung auf der Bühne erlebt, aber am 14. Oktober 2016 feiert Dusko Goykovich seinen 85.Geburtstag. Er ist nicht nur einer der international erfolgreichsten Musiker seiner Wahlheimat München, er ist auch einer der vielseitigsten und hat längst einen festen Platz in der Jazzgeschichte. Zum einen ist er ein bedeutender Pionier in der Verbindung von Jazz mit balkanischen Musikelementen und damit ein Vorreiter der Emanzipation des europäischen Jazz. Zum anderen verlief ein wichtiger Teil seiner Laufbahn in Amerika bzw. an der Seite von Amerikanern wie Woody Herman oder Kenny Clarke. Geprägt wurde er auch vor allem von amerikanischen Trompetern und kaum einer kann so authentisch amerikanisch klingen wie er.

Der Zwiespalt zwischen dezidiert europäischem Jazz und amerikanischer Tradition, wie wir ihn in der letzten Zeit so oft erleben, in Duskos Musik ist er überwunden. Für mich ist Dusko Goykovich der Meister der 5 Bs, denn es gibt mindestens fünf Sparten mit dem Anfangsbuchstaben B, die er bestens beherrscht.

Zunächst einmal ist er berühmt für seelenvolle Balladen, die ihn zu einem Geistesverwandten von Miles Davis machen.

Das zweite B steht für Bebop, denn er ist ein Trompeter, der mit Feuer und Finesse in der Tradition von Dizzy Gillespie, Clifford Brown und Lee Morgan spielt.

Das dritte B steht für Bigband, denn er hat Zeit seines Lebens immer wieder bedeutende Bigbands bereichert oder geleitet.

Als viertes B ist das balkanische Element zu nennen.

Das fünfte B wurde vor allem in den letzten Jahren (etwa seit „Samba do Mar“, 2003) immer offenbarer. Er schwimmt in der brasilianischen Bossa wie ein Fisch im Wasser.

Wer will, kann als sechstes B den Blues hinzufügen; man assoziiert es nicht gleich mit ihm, aber Meilensteine wie „Woody’s Whistle“ (von Dusko 1965 für Woody Herman geschrieben, mit Duskos langjährigen Tenor-Weggefährten Sal Nistico als Solisten), gehören zu den zündenden Blues-Klassikern der Jazzgeschichte.

Seit man ihn nicht mehr einfach als jugoslawischen Trompeter bezeichnen kann, gilt er als Serbe. Es ist ein bisschen verzwickter. Dusko Goykovich erblickte 1931 im bosnischen Jajce das Licht der Welt. Über seine Herkunft hat er einmal erklärt: „Ich bin in Belgrad aufgewachsen, mein Vater war Montenegriner, meine Mutter stammte aus Serbien. Vor diesem Krieg haben wir in Kroatien ein Haus gebaut. Jetzt wurden dort alle Serben rausgehauen, und wir können nicht mehr hinfahren. Es hat nichts genützt, daß ich mit Politik nichts zu tun habe. Für die bin ich Serbe.“

Zu Beginn seiner Laufbahn standen die politischen Zeichen für Jazz ungünstig. Jazz spielen oder auch nur zu hören, war vor der Öffnung Jugoslawiens zum Westen verboten. Er tat es trotzdem und als es erlaubt war, glänzte er mit 19 schon als Mitglied der Bigband von Radio Belgrad. Mit nur sieben Dollar in der Tasche und seiner Trompete unter dem Arm setzte sich Dusko Goykovich 1956 nach Deutschland ab, lebte buchstäblich eine Zeitlang im Frankfurter Jazzkeller und wurde bei uns zu einer Sensation. Das Mitglied der Frankfurt-All Stars und der Orchester von Max Greger und Kurt Edelhagen lernte in kurzer Zeit nicht nur die deutsche Jazz-Elite kennen, sondern jammte auch mit amerikanischen Gästen wie Dizzy Gillespie oder Miles Davis, zwei seiner wichtigsten Vorbildern.

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn

Im Lauf seiner langen Karriere spielte Dusko mit dem Who is Who des zeitgenössischen Jazz; hier vor einigen Jahren mit Paul Kuhn, Quelle

1958 kam er als Mitglied der Newport-Youth Band um die Welt und erstmals nach Amerika. Mit diesem Jugendorchester hatte er sogar die Gelegenheit Louis Armstrong und Sidney Bechet zu begleiten. Zurück in Deutschland, um wertvolle Erfahrungen reicher, konnte man ihn mit führenden amerikanischen Musikern wie z. B. Oscar Pettiford hören, dem Bassisten der frühen Jazzmoderne schlechthin, aber auch mit Legenden des Deutschen Jazz wie Albert Mangelsdorff und Inge Brandenburg – meist Rundfunkmitschnitte, die erst Jahrzehnte später veröffentlicht werden. Er gehörte also schon zu den, wie man neudeutsch sagt, „angesagten“ Musikern, als er 1961 in die Staaten zog, um – man staune – noch zwei Jahre in Berklee Jazz zu studieren. Dieses Studium nahm er so ernst, daß er selbst Angebote von Count Basie, Stan Kenton und Benny Goodman ausschlug. Danach aber bereicherte er die Orchester von Herb Pomeroy, Maynard Ferguson und Woody Herman. Trotz Anerkennung in den Staaten zog es Dusko Goykovich nach Europa zurück.

Seit 1968 lebt er in München, dessen Jazz-Szene unendlich viel seinen Impulsen verdankt. Bereits seine erste Platte, die er frisch aus Amerika zurück, 1966 einspielte, unter anderem mit Mal Waldron am Klavier war ein Bekenntnis zu seinen Roots: „Swinging Macedonia“. Da gelang ihm die große Synthese, als er südosteuropäischen Geist in Jazz-Form goß. Auf seinem Album “Simple As It Is”, das 1970 im legendären Münchner Jazzclub Domicile eingespielt wurde, sagt er zu seinen Stücken, „sie kommen daher, woher ich komme, aus Serbien, aus Mazedonien. In der Form, in der Behandlung sind sie Jazz, verwenden dessen Techniken.“

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Dusko Goykovich spielt 1978 im legendären Münchner Domicile mit Joe Haider (p), Mario Castronari (b), Roman Schwaller (sax), Joe Nay (dr), Quelle: schwallerjazz.com

Berühmt ist der große Lyriker der Trompete für sein Balladenspiel. Dazu meint er: „Das Balladenspiel ist nicht so einfach. Es hat sehr lange gedauert, bis ich das herausgefunden habe. Die ganzen Elemente: wie man bläst, wie weit man vom Mikrophon weg sein muß, welchen Sound man will und wie man das mit dem Hintergrund vereinigt, mit der Begleitung. Dafür braucht man große Konzentration. Man darf nicht nur Noten spielen, sondern muß wissen, in welchem Moment welche Note wie klingen soll. Wenn ich Balladen spiele, dann schwitze ich unheimlich, weil ich da jeden Ton überlegen muss. Bei schnellen Stücken, bei Bebop hat man keine Zeit, jede Note zu überlegen, aber bei langsamen Stücken, da zeigt sich, wie gut du bist.“

Man sollte Dusko – um es dem Anlass entsprechend mit Geburtstagsthemen zu demonstrieren, nicht nur in Standards wie „A Child Is Born“ hören (das er vorbildlich 1971 im Trio mit Tete Montoliu aufgenomen hat), sondern auch mit eigenen Balladen, unter denen sich poetischen Kleinode finden wie „In The Sign Of Libra“, mit dem der im Sternzeichen Waage Geborene sich selbst portraitiert hat. Obwohl die überwiegende Zahl seiner Alben, darunter so bekannte wie “Samba Do Mar” oder „Soul Connection“ (mit dem er 1993 bewegend von Miles Davis Abschied nahm), Combo-Aufnahmen sind, hat sich Dusko Goykovich im Laufe seiner Jahre immer auch der Bigbandmusik gewidmet, zunächst als Sideman, dann als Bandleader, Komponist und Arrangeur. So war er nach seinen Erfahrungen bei Ferguson und Herman ab 1966 Solist der Kenny Clarke – Francy Boland Big Band, des wichtigsten Orchesters, den der Jazz damals in Europa hatte, mit seiner Mischung aus amerikanischen Jazzgrößen und Musikern aus allen Ecken Europas genau der richtige Platz für Goykovich.

In den zahlreichen großorchestralen Klangkörpern, die seither mit seinem eigenen Namen verbunden sind, z.B. einer All Star Big Band, mit der er 2004 „A Handful Of Soul“ vorlegte oder der Bigband RTS, mit der er 2014 „Latin Haze“ aufnahm, springt der Funken seines Enthusiasmus auf eine wißbegierige Schar jüngerer Musiker über, die von seinen Erfahrungen profitieren. 1971 gründete er die „Munich Big Band“, 1987 bis 1993 leitete er das Landesjugend-Jazzorchester Bayern. Als „Eckpfeiler internationalen Bigband-Geschehens“ hat Thomas Fitterling einmal Dusko Goykovich zu Recht genannt.

Danach begann etwas, was man als Comeback bezeichnet hat. Zwei im Grunde gegenteilige Zeit-Tendenzen haben seither das an seiner Musik gefördert. Einerseits eine allgemeine Akzeptanz und Beliebtheit von Jazz mit nichtamerikanischen folkloristischen Wurzeln. Andererseits eine Strömung zu Gunsten der Tradition der klassischen Moderne im Jazz. Trompeter wie Miles Davis, Clifford Brown, Chet Baker, Dizzy Gillespie sind Kultfiguren der Jazzhörer und wenn jemand auf eigenständige Weise ihre Tradition fortführt, ja sogar (fast) noch zu ihrer Generation gehört, dann ist es Dusko Goykovich. Nun, Comeback ist das falsche Wort. Goykovich war, abgesehen von einer längeren, schweren Krankheit, nie weg von der Szene. Seit er aber in den 90er Jahren angefangen hat, für das Münchner Plattenlabel Enja regelmäßig, etwa alle zwei Jahre Alben zu veröffentlichen, wurde er international wieder sichtbarer. Oder sagen wir lieber allgegenwärtig. Nehmen wir das Album „5ive Horns & Rhythm“ von 2010 (Anspieltipp die „Samba Tzigane“ mit ihrer Verbindung zwischen Gipsy-Melodik und brasilianischer Rhythmik, wie sie natürlicher nicht sein kann). Acht Musiker aus ebenso vielen Ländern, nämlich Australien, Bosnien, Deutschland, Frankreich, Italien, Mazendoien, Serbien und den USA trugen zu Duskos Album bei und man kann ohne Übertreibung sagen, dass er selbst zur Szene fast all dieser Länder gezählt werden kann.

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich mit Jazz-Fotograf Sepp Werkmeister

Dusko Goykovich, rund 70 Jahre personifizierte Jazzhistorie ist regelmäßig live zu erleben, aber auch in der radioJazznacht vom 15. Auf den 16. Oktober 2016, auf Bayern 2, wo er dem Verfasser dieser Zeilen Rede und Antwort steht.

Samstag
15. auf SO, 16.10.
00.05 – 02.00 Uhr
radioJazznacht mit Marcus Woelfle


Studiogast:
  Dusko Goykovich   zum 85. Geburtstag

Bayern 2 Radio

Details zur radioJazznacht

 

Autor dieses Portraits ist „Jazzman“ Marcus A. Woelfle, der für den jourfixe-Blog die Jazzbeiträge schreibt, zuletzt ein Portrait des Jazz-Fotografen Sepp Werkmeister

Website von Dusko Goykovich

Quelle Titel-Foto


Zum Verzeichnis aller bisherigen Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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Die runden Ecken der Balalaika – 25 Jahre MIR – Zentrum für russische Kultur in München!

Blut und Klang im Doppelpack … Ausgerechnet die Tartaren sollen im 13. Jahrhundert die Domra als Musikinstrument nach Russland eingeführt haben. domra_jourfixe-blogDort avancierte sie schnell zum bevorzugten Instrument fahrender Spielleute, die ein ganze Land mit diesem der Laute verwandten Instrument verzauberten. Dermaßen verzauberten, das es das Volk an Sonntagen eher zum Open Air auf den Marktplatz zog, als in die Messe. Die Reihen der Gläubigen bei den sonntäglichen Gottesdiensten sollen sich unaufhaltsam gelichtet haben. Schließlich beschwerte sich die Kirche bei der Obrigkeit im Namen des Herren. Darauf erging ein Erlass, alle Domras zu konfiszieren und alle runden Saiteninstrumente künftig zu verbieten. Nur wollte das Volk sich diese Art von Klang-Genuss auf Dauer nicht verbieten lassen. Dies war die Geburtsstunde der – nicht länger runden – sondern nunmehr dreieckigen Balalaika.

Maria Belanovskaya, Domra-Spielerin aus St. Petersburg auf unserem Zimmer im Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Maria Belanovskaya übt auf ihrer Domra, Hotel Goldener Anker, Coburg, Sept. 2016

Diese faszinierende Geschichte erzählte mir die Domra-Spielerin Maria (Mascha) Belanovskaya, meine Zimmergenossin beim russischen Festival in Coburg. Sie selbst gilt als eine der besten russischen Domra-Spielerinnen, wie mir MIR-Präsidentin Tatjana Lukina später verriet. Dass dieses Instrument inzwischen wieder Kernbestandteil der russischen Volksmusik ist, verdanken wir  Wassili Wassiljewitsch Andrejew, der  die Domra um 1896 auf der Basis von alten Zeichnungen und Instrumentenfragmenten rekonstruierte. Doch war dieses traditionelle Instrument für Mascha keineswegs erste Wahl. „Ich wollte Klavier spielen“, gestand sie mir. „Und ich war begabt!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu. Doch die Mutter drängte sie, wohlmeinend, sich an der Domra ausbilden zu lassen. Damals bestand noch der Eiserne Vorhang und die Chancen auf internationale Tourneen, auch in den Westen, schienen mit diesem traditionellen russischen Instrument aussichtsreicher, als mit dem Klavier, das weltweit beherrscht wird. Die gleiche Mascha, die mir eben noch mit blitzenden Augen die Entstehungsgeschichte ihres Instruments geschildert hatte, wirkte plötzlich traurig, als sie fragte: „Aber heute? Wer braucht denn schon heute noch eine Domra-Spielerin?“

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

Maria Belanovskaya in ihrer russischen Folklore-Tracht

In Deutschland lebt die St. Petersburger Künstlerin erst seit Ende letzten Jahres, ist hier frisch verheiratet, spricht jedoch bereits hervorragend Deutsch. – Und erwies sich im Verlauf unseres langen Pyjama-Talks ganz unerwartet als Bindeglied zu einer entscheidenden Phase in meinem Leben: Mascha berichtete nämlich, dass ihr geschiedener Mann, der Balalaika-Spieler Alexander Kutschin, mit dem sie bis heute im Trio arbeitet, 1991 für kurze Zeit in einer russischen Datscha in München aufgetreten sei. „In der Paradiesstraße 8“, ergänzte sie, worauf es bei mir „klick“ machte. Zu jener Zeit hatte ich um die Ecke im Lehel gewohnt und mich in die Atmosphäre dieses Lokals verliebt, das in seiner Anfangszeit viele kleine und auch größere Besonderheiten „made in Russia“ auszeichnete: So fanden sich fast dreißig verschiedene Vodka-Sorten auf der Getränkekarte, und das geleerte Glas durfte man in eine eigens dazu eingerichtete Ecke schleudern, was sich nicht nur als idealer Blitzableiter bei aggressiven Befindlichkeiten erwies, sondern auch zu so manchen Exzessen verführte. Die schummrige Atmosphäre des Lokals und die sentimentale Stimmung, in die mich russische Klänge seit jeher versetzen, sollte für mich zur Kulisse einer Reihe von Begegnungen und Erlebnissen werden, die die Weichen für meinen weiteren Werdegang stellten … Rückblickend bezeichne ich diese Zeit als meine „russische Phase“ , begleitet natürlich vom entsprechenden Soundtrack an russischer Livemusik.

Natalia Lupina in "Herr Ober bitte!"

Natalia Lupina in
„Herr Ober bitte!“

Deren nostalgischer Schmelz wurde in dieser Datscha anfangs von der rauchigen Stimme der Sängerin und Schauspielerin Natalia Lapina dargeboten, einem ebenso liebenswürdigen wie verführerisch-kapriziösem Geschöpf … Wenn sie bei uns im Lehel unterwegs war, stach sie mit ihrem Aussehen sofort ins Auge. Blond, kurvig, in einem ganz eigenwilligen Stil gekleidet … Damals lag bereits eine heftige Affäre mit einem internationalen Tennisstar (nein, nicht Boris) hinter ihr, sie hatte die Rolle der Geliebten in Gerhard Polts „Herr Ober, bitte!“ ergattert, verdrehte jedem den Kopf und zeigte sich zugleich von ihrer warmherzigsten Seite, als ich mich einmal um Rat an sie wandte. Schon bald versuchte jedoch der Besitzer des Lokals das Trio zu übervorteilen; das Arbeitsverhältnis endete vor Gericht und ich verlor die drei aus den Augen. Mascha berichtete mir nun in Coburg, dass Natalia inzwischen in den USA lebe, sich aber die Erwartungen an das Leben für sie wohl nicht erfüllt hätten.

Natalia Lapina stellt für mich, mit den vielen verschiedenen,  oft  kontrastierenden doch stets schillernden Facetten ihrer Persönlichkeit eine Russin par exellence dar.

Die Statue des Dichters Fjodor Tjutschew im Münchner Dichtergarten schmückt das Herbstprogramm von MIR

Die Statue von Fjodor Tjutschew (Münchner Dichtergarten) auf dem MIR Herbstprogramm

Auf das ganze Land übertragen, formuliert es der große russische Dichter Fjodor Tjutschew so:

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen, Gewöhnlich Maß misst es nicht aus: 

Man muss ihm sein Besond’res lassen – Das heißt, dass man an Russland glaubt.

Diese so anrührend treffende Beschreibung wählte die Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina zum Motto jenes Vereins, den sie im selben Jahr meiner Datscha-Abenteuer ins Leben rief: MIR (Russisch für „Frieden“) – Verein für kulturelle Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, gegründet 1991.

Tatjana Lukina Präsidentin MIR

Tatjana Lukina
Präsidentin MIR

Nur wer selbst mit Kulturarbeit in Berührung gekommen ist, kann ermessen, was es heißt, eine kulturelle Institution über einen so langen Zeitraum mit immer neuen Inhalten zu füllen und am Leben zu halten. Verdientermaßen erhielt sie dafür

  • 2006 die Puschkin-Medaille für Verdienste auf dem Gebiet der Kultur und Aufklärung sowie der Annäherung und wechselseitigen Bereicherung der Kultur der Nationen und Völker.
  • 2011 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Und Tatjana Lukinas Arbeit scheint mir nie wichtiger gewesen zu sein, als heute, denn sie vermag kulturell Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland leider wieder auf eine neue Eiszeit zuzusteuern scheint. Als gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1958, stimmt mich das besonders traurig, noch zu präsent ist mir das Schreckensszenario meiner Kindheit, das da lautete: „wenn der Russe kommt …“.

Die Gründung von MIR fiel mit dem Fall der Sowjetunion zusammen, auf die eine kurze Phase politischen Tauwetters folgte. Der bedrohliche Russe meiner Kindheit schien endgültig Makulatur. Um die Jahrtausendwende setzte sogar ein kurzer Putin-Hype in Deutschland ein, schließlich wirkte er drahtig, beherrschte eine asiatische Kampfsportart und sprach sogar fließend Deutsch … Nun fällt Volkes Meinung ja gerne von einem Extrem ins andere und so ist zwischenzeitlich wieder viel Porzellan zertrümmert worden, international, quer durch alle politischen Lager und insbesondere seinerzeit seitens der Bush-Administration. Inzwischen genügt es hierzulande, lediglich für eine ausgewogenere Berichterstattung in puncto Russland/Putin zu plädieren, um einen halben Shit Storm im Netz auszulösen. Um so härter muss es für Tatjana Lukina sein, in solcherart Stimmungslage unbeirrt russische Kultur auf hohem Niveau zu präsentieren …

Tatjana Lukina bei einer Anmoderation im "Riesensaal" von Schloß Ehremburg im Rahmen des Festival russischer Kultur am 3./4.9.2016, Coburg

Tatjana Lukina, Gründerin und Präsdidentin von MIR, bei einer Anmoderation im „Riesensaal“ von Schloß Ehrenburg, im Rahmen des Festivals russischer Kultur am 3./4.9.2016 in Coburg

Leider fühlen sich viele Menschen im Moment, so scheint es mir, auf Grund ihrer Ablehnung gegenüber der Politik Putins auch zu einer Ablehnung Russlands insgesamt genötigt.  Dabei wird leicht übersehen, dass ganz Europa historisch verwoben ist, so auch, beispielsweise, die russische Geschichte mit der bayerischen. So hat MIR im Jahr seines 25. Jubiläums konsequenterweise eine kulturhistorische Spurensuche ausgerufen:

Schirmherr des Festivals: Der Coburger Oberbürgermeister Norbert Tessner (SPD)

Schirmherr des Festivals: Der Coburger OB Norbert Tessner (SPD)

Bereits Anfang September lud MIR zu einem Kulturwochenende nach Coburg. Anlass war der 140. Geburtstag von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (1876 – 1936), der späteren Großfürstin Victoria Fjodorowna von Rußland. Diese Dame blickt auf eine  Vita zurück, die bezüglich ihrer Dramatik Caroline von Monaco und den gesamten Grimaldi-Clan – damals wie heute – blass aussehen lässt. Victoria, eine der zahllosen Enkel_Innen von Europas Queen Victoria, verlor schon früh ihr Herz an den russischen Großfürsten Kyril Romanov, ein Cousin. Auf Grund dieser familiären Verhältnisse verbot sich laut dem orthodoxen Glaubenskodex eine Ehe. Stattdessen heiratete sie in das Haus Hessen ein. Aus dieser Verbindung ging eine Tochter hervor. Diese Ehe jedoch nicht glücklich.

Victoria Melita mit ihrem ersten Mann, Großherzog Ludwig von Hessen

Victoria Melita mit ihrem 1. Mann Großherzog Ludwig von Hessen

Als Victoria ihren Mann schließlich in Flagranti mit einem Kammerdiener ertappte, trennte sie sich von ihm, ein für damalige Zeiten unerhörter Schritt. Dennoch blieb ihr zunächst eine Scheidung verwehrt, maßgeblich seitens ihrer mächtigen englischen Großmutter, der eine Scheidung in der Familie als „no go“ galt. Erst nach deren Ableben erfüllte sich für Viktoria ihr Herzenswunsch und sie wurde Kyrils Frau Vicoria Fjodorowna, Großfürstin von Russland und später Zarin im Exil. „Prinzessin Ducky, eine Europäerin mit drei Schicksalen“ lautete der Titel der ihr gewidmeten literarisch-musikalischen Lesung, der der Oberbürgermeister, Norbert Tessner (SPD), beiwohnte, der auch die Schirmherrschaft des Festivals, das bereits zum dritten Mal in in Coburg stattfand, übernommen hatte.

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für ihren Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke bereit für den Auftritt in einer musikalisch-literarischen Collage

Um Schicksalsschläge und die Dramatik großer Gefühle ging es auch in den weiteren Programmpunkten. Einer davon war die weltberühmte Liaison des jungen Rainer Maria Rilke mit der älteren Russin Lou Andreas Salome, die in einer Collage aus historischen Dokumenten und Briefen von Schauspielerin Karin Wirz und ihrem Partner intensiv nachempfunden wurde. Für mich noch spannender, weil mir das Thema dank der Biografie von Gunna Wendt: Lou Andreas Salome und Rilke, „Eine amour fou“ bereits vertraut war. »War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist« schrieb diese starke Frauenpersönlichkeit an ihren Geliebten. Als aus ähnlich hartem Holz geschnitzt erwies sich auch die St. Petersburger Aristokratin und Komponistin Olga Smirnitskaja. Ihretwegen drehte sich Walzerkönig Johann Strauß Sohn, normalerweise ein notorischer Frauenheld, regelrecht im Karree  und schrieb ihr 100 Liebesbriefe.

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Anna Sutyagina und Artur Galiandin bei einem Textvortrag

Dieser weiteren Romanze hauchten Anna Sutyagina und Artur Galiandin an diesem Abend Leben ein.

Der bedingungslosen Hingabe, mit der Ehefrauen ihren Männern zu Weltruhm verhalfen und dabei selbst weitgehend im Schatten blieben, widmete sich die Lesung aus dem Buch „Am Anfang war die Frau“ von Tatjana Kuschtewskaja, wobei mich während der Lesung die Frage beschäftigte, inwieweit diese Bedingungslosigkeit der Tatsache geschuldet war, dass sich Frauen damals nur über ihren Ehegatten definieren konnten und ihnen daher gar keine andere Wahl geblieben war.

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Autorin Tatjana Kuschtewskaja mit jourfixe-Leiterin und Bloggerin Gaby dos Santos vor ihrer Lesung

Nicht zufällig trugen Frauen früher die Titel des Gatten mit im Namen.  In ihrer Reihe biografischer Miniaturen kommt Tatjana Kuschtewskaja auch auf die unglückliche Liebe von Antonina Iwanowna Miljukowa zu sprechen, die eine aussichtslose Leidenschaft zu dem großen Pyotr Iljitsch Tschaikowski hegte. Zwar mündete ihre Liebe 1877 in eine Ehe, doch war auf Betreiben des Komponisten von Anfang an vereinbart, dass beide lediglich „in geschwisterlicher Verbundenheit“ zusammenleben würden. Dennoch verließ Tschaikowski bereits nach drei Monaten das eheliche Heim. Tschaikowski, dem sich auch die abschließende Soirée „Tschaikowski und der Kini“ widmete, war aller Wahrscheinlichkeit nach schwul und daher zu einem Doppelleben gezwungen, das sein nach außen hin so erfolgreiches Leben dramatisch überschattete, bis zu seinem unerwarteten und Geheimnis umwitterten Tod. Hierzu fasst Wikipedia zusammen:

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowsky, Foto: E. Bieber, 1888

Tschaikowski starb überraschend im Herbst 1893, im Alter von 53 Jahren in St. Petersburg. Wenige Tage zuvor hatte er noch seine Pathétique dirigiert. Die Todesursache konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dazu werden zwei Meinungen vertreten. (…) Die eine besagt, er habe sich mit der damals in St. Petersburg grassierenden Cholera, infinziert, als er ein Glas unabgekochten Wassers (…) trank.  (…)  Nach der anderen These hat sich Tschaikowski mit Arsen vergiftet (…) Angeblich war er von einem „Ehrengericht“, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, an der er selbst studiert hatte, mit dem Hinweis auf seine Homosexualität aufgefordert worden, sich das Leben zu nehmen. 

Auf beide Thesen ging Artur Galiandin in der Soiree ein; eine von vielen historischen Randnotizen, die mir während des Kultur-Wochenendes in Coburg begegneten und sehr berührten, sind es doch solche Details, die Geschichte wieder nachvollziehbar in Form lebendiger Geschichten machen. Nicht mehr und nicht weniger strebt auch unser Team bei der Produktion von jourfixe-Collagen an, mit einem Konzept, das dem von MIR-Präsidentin Tatjana Lukina sehr nah kommt. Sie wolle Wissen vermitteln, dies aber auf eine unterhaltsame Art und vor allem dabei im Publikum auch Emotionen wecken, erklärte sie mir. Gerade letzteres Anliegen teile ich und finde es bei MIR-Veranstaltungen immer wieder wunderbar umgesetzt, nicht zuletzt auf Grund der Musik-Beiträge, die fester Bestandteil von Lukinas Programmen sind, zu denen sie auch stets selbst das Skript formuliert; ein zusätzlicher kreativer Kraftakt, den Lukina auch dank eines festen Ensembles aus versierten Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig stemmt. Dank dieser festen Konstante wirkte die breit aufgestellte Themenpalette des Festivals wohltuend „wie aus einem Guss“ und sorgte auch jenseits der Veranstaltungen für eine familiäre Bindung zwischen dem künstlerischen Ensemble und dem mitgereisten Teil des Publikums, weitgehend MIR-Stammpublikum, wie mir schien. Grundsätzlich erlebe ich das Umfeld von MIR wie eine große Familie, die sich in regelmäßigen Abständen, vor und auf der Bühne, der russischen Kunst und Kultur widmet.

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen:

Abschiedsapplaus für die Künstler_Innen: v. li.: Anna Sutyagina, Frits Kamp, Maria Belanovskaya, Vladimir Panteleev, Ekaterina Medvedeva, Arthur Medvedev, Alexej Kudryashov, Michael Tschernov und Cornelia Pollak

Flair „für mau“ bot der Veranstaltungsort selbst, das prächtige Schloss Ehrenburg in der Coburger Altstadt. Oft verströmt das Interieur von Schlössern tote Pracht. Nicht so die Räumlichkeiten dieses Schlosses, in dem ich mir am Sonntag Vormittag in der Künstlergarderobe einen improvisierten Arbeitsplatz geschaffen hatte.

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art ...

Einmal eine Künstlergarderobe der ganz anderen Art …

Vom Aufenthaltsraum aus, in dem barockes Weiß, Silbergrau und Gold dominierten, führten verschachtelte Gänge in immer neue Räume, ausgekleidet in farblich wechselnden Seiden-Tapeten, ausgestattet mit großformatigen Portraitbildern in Öl, die von anderen Zeiten erzählten, deren Sitten und Moden.

Schauspielerin Cornelia Pollak vor illustrer Kulisse

Schauspielerin Cornelia Pollak

Die Werke, unter denen Bassbariton Frits Kamp auch einen Rembrandt vermutete, wie mir meine improvisierte Schlossführerin, Schauspielerin Cornelia Pollak berichtete, zeigten hochwohlgeborene Familien, die einst hier wohnten, lebten und natürlich auch ausgiebig – sonst wären einige von ihnen nicht Protagonist_Innen eines russischen Festivals – liebten …

Schloss Ehrenburg

Schloss Ehrenburg

Später setzte ich meinen Rundgang alleine fort, wann hat man schon ein ganzes Schloss für sich, von dem Gefühl begleitet, die früheren Bewohner_Innen seien nur eben einmal ausgeritten und bald wieder zurück.

Auch als Kulisse für die Vorstellungen erwies sich der Ort als kongenial, besonders bei Auftritten von  Sopranistin Tatjana Furtas, deren Roben sich optisch perfekt in das Gesamtbild einfügten.

Arthur Medvedev, Tatjana Furtas, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva

Arthur Medvedev, Anna Sutyagina und Ekaterina Medvedeva Tatjana Furtas

Lichtregie führten die Tages- und Abendzeiten, die den Festsaal in wechselnde aber stets intensive Stimmungen tauchten. Neben den Darbietungen selbst faszinierte mich auch die Atmosphäre Backstage, zwischen den Veranstaltungen. Meine Eindrücke habe ich vor Ort festgehalten: Glockenhelle Sopranstimmen, vereinzelte Klavier-Klänge aus dem Festsaal, von anderswo her vernehme ich Fragmente russischer Volksmusik, russische Sprachfetzen mischen sich unter deutsche Konversation, hier geht jemand noch seinen Text durch, dort wird gebügelt, die typische Backstage-Szenerie in Barock-Version, heimelig in das schummerige Licht eines verregneten Mittags getaucht. Das ist meine – Künstler – Welt, hier fühle ich mich ganz bei mir …

Das "Stille Örtchen" anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett ...

Das „Stille Örtchen“ anno dazumla gleich neben dem fürstlichen Ehebett …

Entsprechend melancholisch war mir während der Heimfahrt zumute, zumal die beständige Abfolge von Programmen während der beiden Festival-Tage eine Art poetischen Sog entwickelt hatten, den ich nun jäh vermisste. Nach zwei hauptsächlich in den Gemächern eines Schlosses, mit Geschichten aus vergangenen Zeiten und klassischer Musik verbrachten Tagen, kam ich mir vor, als würde ich nach einer durchzechten Nacht in das grelle Licht der Realität zurück kehren. Gnädigerweise zeigte sich der Himmel allerdings wolkenverhangen und der Vorplatz des Schlosses hatte sich in eine Budenlandschaft mit kulinarischen Angeboten von A bis Z verwandelt, was mir den Weg zurück in die Sachlichkeit des Alltags erleichterte. Während der Bus sich ein letztes Mal einen Weg durch die Altstadtgassen bahnt, fühle ich mich, abgesehen von einer leisen Melancholie, glücklich und erfüllt.

Das Coburger Festival endete mit einem berühmten Zitat von Tschaikowski:

Musik beginnt dort, wo Worte enden …

Ein Seele und Geist bereicherndes Wechselspiel, das an diesem September-Wochenende, 24./25.9.2016, im Münchner Kulturzentrum Gasteig fortgesetzt wird:

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Wieder hat Tatjana Lukina mit ihrem Ensemble und einigen Gästen aus Kunst und Kultur ein opulentes Programm für zwei Festival-Tage vorbereitet, zur Feier des 25. Jubiläums bei freiem Eintritt! Auch hinsichtlich dieses Programmes bleibt MIR sich treu; erzählt in der Veranstaltung: „Ein Schwiegersohn für den Zaren“ von der Romanze von Maximilian Herzog von Leuchtenberg (1817-1852) – Sohn von Napoleons Stiefsohn, Eugène de Beauharnais und Enkel des ersten bayerischen Königs Maximilian I. – und der Tochter des Zaren Nikolaus I., Großfürstin Maria Romanowa (1819-1876). Mit ihrer Heirat 1839 gründeten sie die einzige bayerisch-russische Dynastie (…)

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Lenins Zeit in München ist ein Programmpunkt des MIR-Festivals im Gasteig

Ebenfalls in München unterschrieb ein Russe zum ersten Mal mit einem Pseudonym: Lenin! Über seinen zweijährigen Aufenthalt in unserer Stadt berichtet die Lesung: „Wladimir Uljanows (Lenin) Exil in München“. Weitere Veranstaltungen sind so unterschiedlichen russischen Persönlichkeiten gewidmet, wie Väterchen Timofej, bekannt, bis zu seinem Tod 2004, als DER Eremit von München oder Alexander Schmorell (seit 2012 Hl. Alexander von München). Über sein Leben und Sterben berichtet  der Dokumentarfilm  „Widerstand der Weißen Rose„. An der Diskussion nach dem Film nimmt u. a. der Biograf von Schmorell, Dr. Igor Chramow (Orenburg) teil. Regie: Sergej Lintsow und Roman Saulskij, Direktor Alexej Egorytschew (Filmgesellschaft „Sozwezdije Kino“, Produzent Wadim Aslanjan, 2015).

Samstag, 24.9. 16.00 Uhr Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

MIR präsentiert: SA, 24.9. 16 Uhr, Vortragssaal der Bibliothek, Gasteig
Marianne von Werefkin:„Ich lebe nur durch das Auge“ Dokumentarflm

Selbstverständlich stehen auch Portaits russischer Frauen wieder im Mittelpunkt: Besonders schöne, wie UFA-Star Olga Tschechowa, besonders Geheimnis umwitterte, wie Anna Anderson-Manahan, die als angebliche Zarentochter Anastasja weltweit für Aufsehen sorgte oder besonders begabte, wie Malerin Marianne von Werefkin in dem Dokumentarfilm „Ich lebe nur durch das Auge“ von Stella Tinbergen, mit Lena Stolze in der Hauptrolle … Alle Programmpunkte finden sich im virtuellen MIR-Flyer

Russische Spuren in Bayern

Am Ende meiner Ausführungen zu 25 Jahren MIR und den damit verbundenen aktuellen Festivitäten, gestatte ich mir aus dem Grußwort des damaligen Generalkonsuls der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, zu zitieren, geschrieben 2010, für die Festschrift zum 20jährigen MIR-Bestehen:

Mich als Generalkonsul der Ukraine in München freut es sehr anzumerken, dass viele kulturelle Veranstaltungen und Gedenkabende der Ukraine gewidmet waren. (…) Viele haben noch in Erinnerung: Gogol-Tage in München, die unter der Schirmherrschaft der ukrainischen und russischen Generalkonsule durchgeführt wurden und dem 200 Geburtstag des Schriftstellers gewidmet waren. Mein besonderer Dank gilt für die Aufführungen der ukrainischen Theater(Stücke), die dank Ihren Bemühungen auf den angesehenen Theaterbühnen Münchens vorgestellt werden konnten. Heute setzen Sie Ihre mühsame Arbeit zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen fort. Die neuen Ideen, Veranstaltungen und Publikationen gewährleisten eine lebendige Verbindung zwischen den Ländern, Zeiten und Kulturen.

Hier findet sich auf den Punkt gebracht, was Kultur leisten kann und das Team von MIR, allen voran Tatjana Lukina, über ein Vierteljahrhundert geleistet hat und hoffentlich noch lange leisten wird,  wenn es sich mit Veranstaltungsreihen und Publikationen wie „Russische Spuren in Bayern“ und „Das russische München“ (beide von MIR), auf die Spuren dessen begibt, was uns verbindet und uns hier in München am vielfältigen Erbe der Kulturnation Russland teilhaben lässt.

Samstag, 24.09.
Sonntag, 25.09.
„Das russische Bayern“


Festival des russischen Kulturzentrums MIR
aus Anlass des 25. Jubiläums

Vortragssaal der Bibliothek/Gasteig

Details s. auch     jourfixe–News

Programm

Eintritt frei!

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Das russische München“
ISBN: 978-3-98-05300-9-5

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 22,-

Broschüre Erschienen zum 25. Jubiläum des russischen Kulturzentrums   MIR:
„Russische Spuren in Bayern“
ISBN: 3-9805300-2-7

Details finden sich im aktuellen   MIR–Flyer

€ 20,-

Fotos: Raissa Konovalova, Elena Weich/MIR und Gaby dos Santos

Zum Verzeichnis aller jourfixe-Blogbeiträge mit jeweiligem Link

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2016_07_04_Stolpersteine_auch_in_Muenchen_jourfixe-Blog_Beitragsbild

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Der Presslufthammer von Bildhauer Gunter Demnig wirbelte viel Staub auf, echten wie sinnbildlichen, als er sich in den Beton vor dem Hauseingang der belebten Bayerstraße 25 am Münchner Hauptbahnhof grub.

Gunter Demnig bereitet den Boden für die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gunter Demnig die Verlegung des Stolpersteins in der Bayerstr. 24 vor

Gebäude und Grund gehören einem in Holland ansässigen Investor, der ausdrücklich darum gebeten hatte, diesen Stolperstein an möglichst prominenter Stelle vor seinem Hauseingang zu verlegen. Der Lärm durchdrang das geschäftige Treiben im Bahnhofsviertel, Menschen unterschiedlichster Couleur unterbrachen ihren Alltag und gesellten sich zu der Gruppe, die sich versammelt hatte, um Helene Simons zu gedenken und lasen mit Interesse die ihnen ausgehändigten Flyer.

Auf öffentlichem Grund ist die Verlegung von Stolpersteinen in München verboten. Diesen Umstand verdankt die Stadt dem energischen BE- respektive HINTERtreiben einiger einflussreicher Kreise aus dem Münchner Stadtrat und aus der Israelitischen Kultusgemeinde München (und Oberbayern), mit deren Präsidentin Charlotte Knobloch als Gallionsfigur. Da diese Gruppe Stolpersteine als keine angemessene Form des Gedenkens erachtet: „Da werden die Opfer des Holocaust nochmals mit Füßen getreten …“ ist es in unserer Stadt auch allen anderen Menschen untersagt, auf öffentlichem Grund mit Stolpersteinen an Opfer der Nationalsozialisten zu erinnern.

Wilnaer_Talmud_Stolpersteine_auch_fuer_Muenchen

Titelblatt des Wilnaer Talmuts, Ende 19. Jahrhundert

Allerdings gibt es ein Schlupfloch: Die unmittelbaren Eingangsbereiche gelten noch als Privatgrund und so konnte sich Gunter Demnig ans Werk machen. Als Antrieb gilt ihm ein Zitat aus dem Talmud:

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.‘

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen

Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

An diesem Sommernachmittag in der Bayerstraße waren es Sibylle Schwarzbeck und ihr Mann, die Helene Simons Namen dem Vergessen entrissen, indem sie mit einem goldfarbenen Stolperstein jenen Ort kennzeichneten, damals „Pension Royal“, an dem Helene Simons ihre letzten Monate vor der Deportation verbrachte.

Sibylle Schwarzbeck widmete der Freundin ihrer Großeltern zudem eine bewegende Ansprache, in deren Verlauf  ein Holocaust-Opfer unter Millionen seine Identität zurück erhielt. Das Manuskript hat mir Frau Schwarzbeck für diesen Beitrag liebenswürdigerweise zukommen lassen:

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern.2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe.

Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten änderen sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

  • Tagebucheintrag Mutti:

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simon erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

    Sibylle Schwarzbeck, Spenderin des Stolpersteins für Helene Simons, erinnerte in einem beeindruckenden Vortrag an die Freundin ihrer Großeltern

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken“ 

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten:“Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern. Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen.

Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck

Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:

Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!2012_04_Baltikum_Helene_Simons_DeportationslisteWir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …

So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! Sichtbar!!! (…)

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. "So mittig und gut sichtbar, wie möglich", hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht ...

Gunter Demnig platziert den Stolperstein. „So mittig und gut sichtbar, wie möglich“, hatten es sich die Hauseigentümer gewünscht …

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags, der in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.

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Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München e.V.“ Bildquelle

Dieser Initiative steht der Journalist, Aktivist und PR-Fachmann Terry Swartzberg vor, der zwei zielführende Voraussetzungen in den Verein einbrachte: Ausgiebiges PR-Know How als Inhaber einer eigenen Agentur und – vielleicht noch wichtiger: „Leidenschaft für die Sache“, wie er selbst bei seiner Rede in Schwabing bekundete. Mit eben dieser Leidenschaft sorgt er für kontinuierliche Präsenz der Stolperstein-Debatte sowohl in den Medien, wie auch in den sozialen Netzwerken im Internet. Dieses Engagement hatte leider auch heftige verbale Angriffe auf seine Person zur Folge, wie ich selbst im Rahmen einer Diskussion im Münchner Presseclub miterlebt und in einem Blog-Beitrag festgehalten habe: „Terrys Steine des Anstoßes“. Doch sein Standing hat Terry sich stets bewahrt und moderierte gewohnt souverän die Verlegung der Stolpersteine an allen drei Orten dieses Nachmittags.

Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Straße, Foto: Rumpf, Süddeutsche Zeitung

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für die Familie Schuster in der Franz-Joseph-Str. Foto: Rumpf/SZ

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge – fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg.

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Erste Station: Eingang zur Franz-Joseph-Str. 19: Stolpersteine für die Familie Schuster

Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden. schreibt Wolfgang Görl auf SZ-online

Zwei Münchner Architekten, Dieter Allers und Heinz Gottberg hatten in den 70er Jahren das Schwabinger Jugendstil-Haus renoviert und selbst darin eine Wohnung bezogen. Irgendwann waren sie auf das Schicksal der Schusters gestoßen, derer nun gedacht wurde.

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Architekt Dieter Allers, Terry Swartzberg

V. li. Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, Dieter Allers, Terry Swartzberg

Jan Mühlstein, Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde in München, Beth Shalom, sprach zwei Kaddisch für die Familie Schuster, eines davon auf Aramäisch, auch die Sprache Jesu Christi. Mich geistig den Gebeten in diesen uralten Sprachen anzuschließen, empfand ich als zutiefst spirituellen Moment, in dem ich mich mit allen anderen Anwesenden durch diese Fürbitten verbunden fühlte. Die Menschen um mich herum schienen gleichermaßen ergriffen. Die Landtagsabgeordnete Claudia Stamm (Bündnis 90/Die Grünen) beschränkte sich daher im Anschluss auf einige knapp aber herzlich gehaltene Grußworte, als engagierte Unterstützerin der Stolperstein-Initiative.

Während Gunter Demnig bereits zum Ort der nächsten Verlegung in der Widenmayerstr. eilte, gab Jan Mühlstein der TAZ noch ein Interview. Darin betonte er, dass keineswegs nur die kleine Gemeinde „Beth Shalom“ Fürsprecherin von Stolpersteinen, als eine dezentrale und individualisierte Form des Gedenkens sei. Vielmehr spalte diese Frage die jüdische Gemeinde insgesamt. Josef Schuster, aktuell Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie der Israelitischen Kultusgemeinden in Würzburg und Unterfranken, habe sich zum Beispiel ebenfalls PRO Stolpersteine ausgesprochen.

Fortan unvergessen, dank der Münchner Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in München-Schwabing

Fortan unvergessen, dank der Stolperstein-Initiative und den heutigen Hausbewohnern Dieter Allers und Heinz Gottbert: Das Ehepaar Schuster in der Franz-Joseph-Straße 19, in Schwabing

Nachdem ich länger dem TAZ Interview zugehört hatte, fand ich den Anschluss an die Gruppe nicht mehr und durchstreifte alleine bis zur Widenmayerstrasse das Lehel, jenes großbürgerliche Viertel am Englischen Garten, in dem ich selbst einmal, mit meiner damals noch kleinen Tochter, gelebt hatte.

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss ...

Widenmayerstr. 16 im großbürgerlichen Lehel: Gedenken an die Familie Basch und an Klara Strauss …

In meinem ehemaligen Viertel verbanden sich unvermittelt meine persönlichen Erinnerungen mit Gedanken an die jüdische Familie Basch, die einst wohl die selben Wege beschritten hatte, wie ich in meiner Vergangenheit und nun heute wieder. Nur hatte sie kein Umzug, sondern das Schicksal, in Form nationalsozialistischer Verbrechen, für immer aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen …

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Foto: Türk

Gaby dos Santos (li.) mit Edith Grube, Aktivistin und Nachgeborene einer in der NS-Zeit verfolgten Familie; Im Hintergrund mit Kippa Terry Swartzberg; Foto: Türk

Für die letzte Etappe hielt ich mich dann an Edith Grube, Tochter von Werner Grube und Nichte von Ernst Grube. Als Nachgeborene einer im Dritten Reich ethnisch wie politisch verfolgten Familie, wuchs sie mit dem politischen Engagement von Vater und Onkel auf, mit zahllosen Reden und Aktionen, die in zermürbender Endlosschleife stets um NS-Verfolgung und Gedenken kreisten, wie sie mir berichtete. Edith sah schließlich auch, wie ihr Vater irgendwann „keine Kraft mehr hatte“.

Unter anderem hatte er miterleben müssen, wie in der Mauerkircher Straße der Gedenkstein für die Eltern des Holocaust-Überlebenden Peter Jordan in einer, wie Edith sagt, „Nacht- und Nebelaktion“ von der Stadt wieder entfernt wurden. Am ehemaligen Wohnhaus der Jordans in der Mauerkircherstraße 3 gibt es eine Gedenktafel: für Thomas Mann, der dort von 1910 bis 1914 lebte. Vor dem Haus hatten 2004 ein paar Wochen lang zwei Stolpersteine an Peter Jordans ermordete Eltern erinnert. Der frühere Oberbürgermeister Christian Ude ließ sie wieder herausreißen. (SZ.de, 24.11.15, Ausschn.)

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Stolperstein-Schöpfer Gunter Demnig vor seinem Lieferwagen, auf dem Sprung zur nächsten Stolperstein-Verlegung

Im Auftrag einer Opfergruppe, unter ihnen Peter Jordan, reichte der Münchner Rechtsanwalt Hannes Hartung Ende 2015 Klage ein, unter Berufung auf das Recht auf individuelles Gedenken, das im Grundgesetz verankert ist. Das Gericht wies vor kurzem die Klage als dafür nicht zuständig ab. >>>DETAILS .

In der Stolperstein-Frage fährt meiner Meinung nach die Landeshauptstadt München unverhältnismäßig schweres Geschütz auf, das sich gegen das menschliche Bedürfnis richtet, auf persönliche Weise zu gedenken. Für mich ein unsäglicher Vorgang, umso mehr, als Gunter Demnig längst europaweit seine Stolpersteine verlegt. Im Zuge der in München aggressiv geführten Kampagne seiner Gegner_Innen wurde dem Künstler unterstellt, er habe sich durch die Stolpersteine bereichert. Eine ziemliche Infamie, wenn man bedenkt, dass ein solcher Stein € 120,- kostet, Demnig dafür aber überall auf dem Kontinent, wo Stolpersteine gewünscht werden, auf eigene Spesen unterwegs ist!

Bei der Veranstaltung traf ich auf Vertreter_Innen weiterer Opfergruppen des Nationalsozialismus, so zum Beispiel Jella Hubert, die extra aus Mittelfranken angereist war. Sie gehört zum Volk der „Reisenden“, einer eigenständigen Ethnie, die gemeinsam mit den Siniti, RomaJenischen unter dem Sammelbegriff „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurde. Ich lernte Jella zusammen mit der „Sintiza“ Ramona Röder kennen, mit der ich mich ebenfalls länger unterhielt. Ramona ist mütterlicherseits Jüdin, während ihr Vater dem Volk der Sinti angehörte. Ihre Familie wurde im Holocaust weitestgehend ausgelöscht. Auch sie nahm aus Solidarität eine längere Fahrt aus Ingolstadt in Kauf, um der Verlegung von Stolpersteinen an den drei Münchner Hauseingängen beizuwohnen.

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 24

Von links: Oliver Stey, Jella Hubert, Ramona Röder in der Bayerstraße 25

Im Gespräch mit Oliver Stey, Jella Hubert und Ramona Röder merkte ich, wie wenig bis gar nichts mir über deren Volksgruppen bekannt ist – und möchte dieses Thema gelegentlich unbedingt vertiefen, zumal ich mit meiner Unwissenheit wohl kaum ganz alleine dastehen dürfte …

Einen Tag später tauschte ich mich mit Jella Hubert über den Vortag auf Facebook aus und fragte sie, was sie zur der langen Fahrt zur Stolperstein-Verlegung nach München bewogen habe. Ihre Antwort umspannte die tragische Vergangenheit Ihresgleichen bis in die Zukunft:

„Ich bin ja damit aufgewachsen, aber es meinen 16jährigen Sohn nahe zu bringen ist schwer. Die Stolpersteine haben ihn berührt und falls ich mal einen übersehe – er nicht. Ich habe immer Angst, dass irgendwann mal vergessen wird, was da Schlimmes geschah …“

Titelbild der Facebook-Seite der Münchner Stolperstein-Initiative; Details: www.stolpersteine-muenchen.de

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter http://www.stolpersteine-muenchen.de – ebenfalls mit einer Seite vertreten auf Facebook


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2016_07_02_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe_Blog_Titel

Wolfi Kornemann – Nachruf auf den Grand Seigneur des Nachtcafé

Keiner außer Wolfi Kornemann hatte und hätte mir damals, um die Jahrtausendwende, die Chance geboten, meine Vision einer Kulturplattform, an der Schnittstelle zwischen Hochkultur und Bohème in ihrer teilweise gewagt experimentellen Form aufzubauen.

2016_07_02_Maria_Maschenka_Gaby_dos_Santos_Jour_Fixe_im Nachtcafe_1999-2002

Mit Entertainerin Maria Maschenka 2002, Foto: Hohmuth

Noch dazu in einem Prominenten-Lokal. Andere Wirte an Wolfis Stelle hätten einen Ruf zu verlieren gehabt. Nicht aber ein Wolfi Kornemann. Er stand über solchen Kleinlichkeiten und schien sowieso immer einige Meter über dem Treiben in seinem Lokal zu schweben. Nicht etwas, weil er arrogant gewesen wäre, sondern auf Grund seiner Aura. Und von dort oben aus schien er Hof zu halten. Ebenfalls nicht, weil ihm daran gelegen gewesen wäre, sondern weil die Gäste ihn auf Grund seines Charismas und seiner Nonchalance auf ein sinnbildliches Podest gehoben hatten. Rituell pilgerten die Damen und Herren Gäste zu seinem Stammplatz am Fenster zur Terrasse, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Groß war die Aufregung beim Personal, als sich einmal „Loddar“, sprich Lothar Matthäus, aus Unkenntnis der Gepflogenheiten, auf Wolfis Stuhl niederließ. Nur sehr, sehr langsam konnte ihm beigebracht werden, was er da verbrochen bzw. entweiht hatte.

An Wolfis Tisch, auf dem sich der obligatorische Sektkübel mit Diätlimo befand, durften nur wenige Auserwählte Platz nehmen. Ab Beginn meiner Arbeit im Nachtcafé zählte ich dazu, denn im Gegensatz zu vielen Kooperationspartner_Innen zuvor und danach, ließ er nie den Chef heraushängen, nicht nur, weil er das, auf Grund seines Status, gar nicht nötig hatte, sondern auch weil er sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen in Führungsposition, dieser auch selbstverständlich bewusst war. Durch die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, setzte er durch, was er für wirklich durchsetzenswert hielt. Alles andere erachtete er als nicht der Rede wert.

2016_07_02_Hannes_Beckmann_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe

Jazzgeiger Hannes Beckmann

Als das Nachtcafé 1987 eröffnete, erfuhr ich von meinem späteren Mann, dem brasilianischen Schlagzeuger Edir dos Santos davon, der mir erzählte, dass er zusammen mit dem – ebenfalls kürzlich verstorbenen – Jazzgeiger Hannes Beckmann dort auftreten würde. Damals engagierte Wolfi fast ausschließlich Jazz-Bands, die von 23 Uhr bis 3 Uhr nachts spielten, jeden Tag. Geöffnet hatte das Lokal sogar bis 6 Uhr in der Früh; der Name „Nachtcafé“ war zugleich Programm. Entsprechend entwickelte es sich sehr schnell zu einem Szenetreffpunkt, an dem man sich nach eigenen Auftritten oder Veranstaltungen einfand, immer an den für die auftretenden Musiker und deren Anhang vorbehaltenen Tischen, an der Wand neben dem Eingang zur Küche.

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Collage von Pierre Ittner, 2001

Wolfis Konzept ging von Anfang an auf: In den Anfangsjahren reichte die Schlange derer, die Einlass begehrten, die Treppe hinunter bis auf die Straße. Außer, man gehörte dazu. Bei mir war das zu meinem großen Erstaunen von Anfang an der Fall. Die ersten Male beinahe ungläubig, passierte ich, innerlich um einen gefühlten Meter größer, die Wartenden und wurde von Chef-Türsteher Günter mit freundlichem Gruß stets problemlos in die neuen heiligen Hallen des Münchner Nachtlebens eingelassen. Später verriet mir Wolfi, dass ich damals als große Jazz-Liebhaberin galt, die überall zu finden sei, wo wirklich guter Jazz gespielt wurde. Dieses Renommee  verschaffte mir zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben ein unproblematisches Entree irgendwo hin und zwar eines, dass meine Vita noch entscheidend beeinflussen sollte. Diese Episode sagt viel über Wolfis Maßstäbe aus, die beispielsweise Liebe zum Jazz höher bewerteten, als so manchen Status und manches Einkommen.

Natürlich war Wolfi auch Prominenten-Wirt, das gehörte zum Geschäft, aber ebenso wie Toni Netzle im Alten Simpl, verstand er es, mit seinen V.I.P.’s auf einer ganz bodenständigen Ebene zu verkehren. So suchte Boris Becker in der heißen Phase seiner Scheidung mit Babs regelmäßig Wolfi auf, der Babs gut kannte und ihm wohl mit väterlichem Rat in dieser Zeit zur Seite stand. Auch ein großer Spiegel-Artikel über Boris Becker wurde zuvor im Nachcafé sorgfältig Korrektur gelesen. Gut erinnere ich mich noch, dass ich einmal von der Toilette zurückkehrte und an Wolfis Tisch plötzlich Udo Jürgens Kartoffelsuppe löffelnd vorfand. Die Konversation drehte sich dann ausschließlich um unsere Kinder. Später fand sich auch Jürgens Sohn ein und sass mit seinem Vater Händchen haltend mit am Tisch. Ich war gerührt.

Wie aber war es mir gelungen, meinen Status als Gast in den einer PR-Dame und Veranstalterin im Nachtcafé auszubauen?

2016_07_02_Kanzleirat_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Stunde Null für den jourfixe-muenchen: Der „Neue Kanzleirat“ im Lehel

Im Sommer 1999 hatte ich Wolfi um ein Gespräch gebeten, weil mein Künstlerstammtisch im Kanzleirat im Lehel (heute „Leib und Seele“) aus allen Nähten platzte und meine Bohème-Gäste den Wirten dann doch zu sehr Künstler und zu wenig Gäste waren. Lange hatte ich daraufhin überlegt, wo am frühen Abend wenig los und viel Platz sei und mir war nur das Nachtcafé eingefallen. Wolfi gefiel mein Konzept und Anfang September 1999 war der Jour Fixe im Nachtcafé geboren und erreichte schnell einen gewissen Kultstatus. Zum einen lag das daran, dass Wolfi mich einfach gewähren ließ, mit dem Ergebnis verrücktester Programm-Einfälle: So tanzte Entertainerin Maria Maschenka, als einmal die Technik streikte, à capella singend, auf den Tischen. Ein anderes Mal gab der spanische Sänger und Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten. Haindling Schlagzeuger Enderlein nebst Gattin stellte Alteisen aus und sogar die Graffitti-Szene tummelte sich zwischen betuchten Gästen, was allerdings vor der Tür in Handgreiflichkeiten zwischen Graffitti-Jungens und Türstehern ausgeartet sein soll.

2016_07_02_Schwabinger_Gisela_Theodorakis-Trilogie_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-Blog

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé – Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts Gregoris, der Bouzouki-Solist von Theodorakis, daneben ein fast nackter Butoh-Tänzer, vorne ganz rechts der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, daneben die Schwabinger Gisela, in der Mitte Conny Kreitmaier, dann Ur-Faust-Darsteller Michael Lieb

Richard Rigan zog sich, nur von einer Sektflasche bedeckt, aus und wieder an und bei „La Femme zwischen Minne und Trieb“ gestattete uns Wolfi schließlich sogar die Errichtung einer Dunkelkammer, in der pornografische Kunstfotos gezeigt wurden. Dies allerdings erst, nachdem unsere Steffi Bachhuber, ihres Zeichens Gleichstellungsbeauftragte der Bayerischen Staatsoper, Überzeugungsarbeit geleistet hatte. 2016_07_02_Caroline_Link_Wolfi_Kornemann_Nachtcafe_jourfixe-BlogAuch Oscar-Preisträgerin Caroline Link moderierte eine jourfixe-Aufführung, die hörende und gehörlose Darsteller zusammenführte. 2016_07_02_Martin_Wichmann_Tannhaeuser_Persiflage_Jour_Fixe_Nachtcafe_Wolfi_KornemannUnd Kleindarsteller Martin Wichmann wurde als Venus von Botticelli mit blonder Perrücke kostümiert und von Maria Maschenka als Tannhäuser angesungen. Großartige Abende mit ebenso großartigen, teilweise namhaften Künstlern wechselten ab mit hoher Trashkunst und so manchem genialen Flop. Mein Konzept verlangte nach „kreativer Reibung durch kontrastierende künstlerische Begegnungen“ und die ergab sich, dank Wolfis Offenheit, zur Genüge. In meiner Besessenheit, die Kulturplattform aufzubauen, gepaart mit entsprechender Egozentrik, machte ich mir damals überhaupt nicht klar, wie viel Offenheit Wolfi meinem Projekt tatsächlich entgegen brachte – und nicht nur das: Er stellte mir, zur Durchführung meiner Veranstaltungen, zwei Mal im Monat ein kleines Budget zur Verfügung und erlaubte mir darüber hinaus, spezielle Gäste auch noch kostenlos zu bewirten! In einer Zeit, in der es finanziell um das Nachtcafé schon gar nicht mehr gut bestellt war. Andi Gatz, der damalige Geschäftsführer reagierte – zu Recht, wie mir heute klar ist – erbost. Zu bremsen vermochte er mich nicht.

Aber Wolfi Kornemann, auch das ist mir erst später bewusst geworden, unterstützte meine Arbeit auch, in dem er seine Kontakte zur Presse spielen ließ. Eines Mittags, als ich ins Nachtcafé kam, fand ich auf meinem Schreibtisch in Wolfis Büro einen Zeitungsartikel, der die Schwabinger Gisela zeigte, die einige Zeit vorher an einem Jour Fixe im Nachtcafé teilgenommen hatte. Der Artikel lobte meine Reihe in den allerhöchsten Tönen, wie sie eigentlich nur durch „Vitamin B“ zustande kommen können.

Irgendwann war ich selbst ausgepowert. Zwei breit gefächert aufgestellte Programme im Monat noch neben einem Halbtagsjob und der allgemeinen Nachtcafé-PR zu stemmen, wuchs mir langsam über den Kopf, der dank seiner Sturheit inzwischen auch schon gegen so einige Nachtcafé-Wände gerannt war. Wolfi warf mir vor, was mich sehr verletzte, dass ich mich nur noch um die Belange des Jour Fixe kümmern und die PR für die anderen Nachtcafé-Veranstaltungen vernachlässigen würde. Ich wiederum versuchte ihm klar zu machen, dass mit den immer gleichen Bands auf Dauer die PR-Möglichkeiten begrenzt seien und ein neues Konzept entwickelt werden müsse.

Eine Art Müdigkeit schien ihn jedoch inzwischen oft zu lähmen, die ich in Ansätzen jetzt auch an mir selbst schmerzlich zu begreifen beginne. Wie hart muss die letzte Zeit im Nachtcafé für ihn gewesen sein. Sich jede Nacht – und das auch noch ohne künstlich aufputschenden Alkohol – in einem immer leerer werdenden Lokal um die Ohren zu schlagen … Manchmal schien mir, als erlebe er sehenden Auges sein Lebenswerk dahin dämmern, ohne Kraft und ohne Lust, dem entgegen zu steuern. Woher diese auch nehmen, nachdem er doch schon alle in seiner Branche nur möglichen Höhepunkte und auch deren Kehrseiten zur Genüge erlebt hatte? Hinzu kam, dass die Zeit der wilden Exzesse, die unsere Generation in den 80er und 90er Jahren im Nachtleben ausgekostet hatte, unweigerlich endete. Die meisten von uns hatten den Sprung in eine gemäßigtere Lebensweise gefunden, die mehr Wasser und weniger Alkohol und einen Rückzug in die vier Wände bedeutete. Wer diesen Absprung nicht geschafft hatte, war entweder bereits gestorben, wie der Jazz-Percussionist Charles Campbell oder der geniale Bandleader Frank St. Peter. Vielen anderen hatten der Zahn der Zeit oder gesundheitliche Probleme, wie dem Geiger Hannes Beckmann, einen Riegel vor das allzu wilde Leben geschoben. Das machte sich auch am Konsumverhalten der immer spärlicher werdenden Gäste bemerkbar. Sprudel statt Sekt und auch den nur in Maßen. Die erste Wirtschaftskrise des neuen Milleniums war über uns herein gebrochen.

Zu der Zeit verstärkte auch die Versicherungsgesellschaft, der das Nachtcafé gehörte, ihren Druck, das Lokal zu schließen. Schließlich teilte mir Wolfi, da ich bereits weitere Veranstaltungen plante, im Vertrauen mit, dass nach dem Oktoberfest 2002 das Nachtcafé schließen werde. Das wollte ich einfach nicht wahrhaben. Ich, die ich über eine ganze Zeit hindurch ziemlich gedankenlos „mein Ding“ auf Wolfis Kosten durchgezogen und diese Tatsache nicht einmal wirklich registriert hatte, merkte auf einmal, dass mein Leben längst mit dem Nachtcafé verwoben war und verschloss mich panisch jeder Realität. Bis mich meine Tochter, die inzwischen auch dort arbeitete, eines Morgens aus dem Schlaf riss, mit den Worten: „Mama, Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Büro. Das Nachtcafé ist dicht.“

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Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch unseres werden …

Das Thema des letzten Jour Fixe war eine Ausstellung von Bildern gewesen, die ein Maler ausschließlich Mozart gewidmet hatte. Wie unter Schock machte ich mich auf den Weg ins Lokal und gab auch den Künstlern Bescheid, ihre Sachen zu holen, um diese nicht in der Konkursmasse enden zu lassen. Kurzfristig gelang es uns auch, die für den nächsten Tag geplante Veranstaltung im Rahmen des Türkischen Oktobers ins Künstlerhaus zu verlegen. Frau Grassinger hatte sich der Pianistin und Veranstalterin Aylin Aykan gegenüber kurzfristig bereit erklärt, uns Räumlichkeiten im Künstlerhaus zur Verfügung zu stellen.

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Logo zur damaligen Festival-Reihe

Über das Team des Türkischen Oktobers, das sich zu einer kurzfristigen Presse-Meldung gezwungen sah, bekamen die Medien Wind und plötzlich, während der Maler, die Schauspielerin Patrizia von Miserony und ich ein riesiges Bild ausgerechnet von Mozarts Requiem aus dem Lokal schleppten, sahen wir uns von Fotografen umzingelt und am nächsten Tag unser Foto in der Zeitung wieder. Damals erfuhr ich, wie es sich anfühlt, wenn etwas, das einem persönlich das Herz bricht, tagelang Schlagzeilen macht. Noch dazu, wenn man wie ich, sein Foto veröffentlicht sieht und im Zweitjob auch noch an einem Empfang sitzt, an dem täglich viele Zeitungsleser_innen vorbei kommen …

Meine Büro-Schlüssel habe ich ohne jeden Kommentar auf dem Schreibtisch in Wolfis Büro hinterlegt. Nein, gedankt habe ich ihm seine menschliche wie finanzielle Großzügigkeit damals wirklich nicht. Wolfi hatte mir doch den Freiraum und die Plattform geboten, mich fast über Nacht als Kulturmanagerin zu etablieren und mich dabei gleichzeitig auszuprobieren und zu lernen? Ein Stück weit auf der Strecke geblieben war dabei mein Anstand Wolfi gegenüber. Obwohl ich wusste, dass Wolfi gar nicht gut auf ihn zu sprechen war, nahm ich, nach der Wiedereröffnung durch Alex Busch, meine Tätigkeit im Nachtcafé und den Jour Fixe kurzfristig wieder auf. Ich wollte mein altes Nachtcafé-Leben zurück, um jeden Preis, musste jedoch feststellen, dass es dieses Nachtcafé nicht mehr gab. Das Lokal bestand nur noch als leere Hülle, denn seine Seele hatte es mit Wolfi verlassen. Doch wieder überraschte mich Wolfis menschliche Größe: Statt mir meine Illoyalität übel zu nehmen, ließ er mir einige Zeit später über die Journalistin Ingeborg Schober „ganz liebe Grüße“ ausrichten, die ich nun wirklich nicht verdiente.

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Münchner Künstlerhaus, neue Heimat des jourfixe-muenchen von 2003-2009

Aber in einem Punkt habe ich auf ihn gehört: Immer wieder einmal hatte er zu mir gesagt: „Das Nachtcafé wird nicht ewig bestehen. Danach solltest Du mit Deinem Jour Fixe in eine würdige Lokalität wie dem Künstlerhaus gehen.“ Diesen Rat immerhin habe ich befolgt und viele Jahre mit dem Jour Fixe im Künstlerhaus verbracht, bis sich die gesamte Kulturplattform von Grund auf veränderte, weil ich mich mehr und mehr auf die Produktion eigener Collagen in Zusammenarbeit mit dem Musiker Jon Michael Wnkler verlegte.

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Jürgen Draeger bei der „Bruno Balz“-Premiere im Künstlerhaus, dahinter Steffi Bachhuber

Ausgerechnet nach der Premiere meiner allerersten Produktion, der Urfassung meines Portraits über den Textdichter Bruno Balz kreuzten sich noch ein letztes Mal unsere Wege. Zu meiner Aufführung war der letzte Lebensgefährte von Bruno Balz, der Maler und Schauspieler Jürgen Draeger angereist und nach der Vorstellung begaben wir uns, zusammen mit meiner Tochter, in das Lokal auf der Maximilianstraße, das Wolfi damals führte. Es wurde ein langer Abend, es gab viel zu erzählen, viel war inzwischen geschehen. Spät verließen wir Wolfi, ohne dass ich ahnte, das dies ein Abschied für immer von meinem großen, lieben Gönner sein würde, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich künstlerisch ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte.

Die letzten Jahre lebte Wolfi wohl zurückgezogen in Kroatien. Oft habe ich an ihn denken müssen und auch den Plan gefasst, ihm durch das einzige, was ich zu schenken in der Lage bin, nämlich eine Collage über sein Lebenswerk „Nachtcafé“, ein wenig von dem zurück zu geben, was ich ihm verdanke. Wie viel das ist, habe ich ihm nie mehr schildern können.

Heute Morgen klingelte mich die ehemalige Prominenten-Wirtin Toni Netzle, um für sie unfassbar frühe 9.30 Uhr aus dem Bett, weil sie in der Süddeutschen Zeitung auf die Todesanzeige der Familie gestoßen war, eine ganz schlichte, liebevolle Notiz, nur mit den Vornamen als Signatur. Das war, glaube ich, in Wolfis Sinne, der zeitlebens in seinem Lokal alle von Haus aus geduzt hat und sich mit Vornamen im Diminutiv anreden ließ.

Mit Tonis Anruf heute Morgen schließt sich für mich ein weiterer Kreis. Toni und Wolfi haben einander als Kollegen offenbar geschätzt und sind einander, jetzt im Abstand von Jahren betrachtet, in einer ganzen Reihe von Punkten ähnlich. Gut also, dass Toni es war, die mir die Nachricht überbracht hat. Auch hilfreich ist es für mich, meine Bestürzung mit vielen anderen ehemaligen Wolfi-Gästen heute in den sozialen Netzwerken teilen zu können, die über die Jahre immer wieder die Schließung des Nachtcafés bedauert haben. Wie sehr wir alle Wolfi und sein Nachtcafé vermissen, zeigt allein schon die Tatsache, dass es gleich zwei dem Nachtcafé gewidmete Facebook-Gruppen gibt, ebenso wie die Vielzahl an Rückmeldungen, die auf meine Nachricht hin erfolgt sind.

Ich gestatte mir, einen besonderen Post unter den vielen zu zitieren, weil er so von Herzen kommt und für viele von uns spricht. Dragi schreibt:

„Bald ist party oben beser als unten….war ein toller.“


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